9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2022 - Gesellschaft

Antisemitismus breitet sich zunehmend in der Mitte der deutschen Gesellschaft aus, entnehmen Dirk Banse und Martin Lutz (Welt) dem "Lagebild Antisemitismus" des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Judenfeindlichkeit tauche vermehrt im Zusammenhang mit der Pandemie auf: "'Die Pandemie hat wie ein Brandbeschleuniger für Antisemitismus gewirkt', sagte Felix Klein, der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Welt. 'Auch dadurch, dass er viele Milieus, die bisher für sich standen, miteinander verbunden hat.' Dazu kämen ein immer offener geäußerter israelbezogener Antisemitismus in allen Milieus und fortgesetzte Angriffe auf die Erinnerungskultur. 'Viele der antisemitischen Straftaten finden online statt, in Form von Beleidigung, Bedrohung, Volksverhetzung, Holocaustleugnung', so Klein."

Die russische Schriftstellerin Alissa Ganijewa liest in der NZZ mitgeschnittene Gespräche russischer Soldaten und ihrer Mütter, Frauen und Freundinnen und ist entsetzt über die verrohte Sprache - gerade bei den Frauen. Zu hören sei, wie jene  "bestialisch" und "obszön" zu Plünderung, Vergewaltigung und zum Töten auffordern: "Ein Marodeur, der plündert, brandschatzt, den Feind besudelt und Beute nach Hause bringt, gilt darin als tapferer Ernährer. Der russische Staat mit seiner nachgerade faschistischen imperialen Ideologie hat seinen armen, trägen und gedemütigten Volksmassen einen Freibrief ausgestellt, sich für ihr Elend auf Kosten freiheitlich denkender, ihr Leben aktiv gestaltender und europäisch gesinnter Menschen zu rächen. Der Kern des russischen Systems besteht seit langem aus bewaffneten Männern, die anderen bewaffneten Männern zudienen. Die Zahl der Ordnungshüter und Machtträger mit Schlagstöcken übersteigt mittlerweile deren Zahl in der UdSSR, obwohl die Bevölkerung Russlands nur halb so groß ist. Frauen werden dazu erzogen, andere Frauen zu hassen und Feminismus als Schimpfwort zu betrachten, als eine Geisteskrankheit, die der eigenen Erfolglosigkeit gegenüber Männern entspringt."

Außerdem: "Die Behauptung, dass russische Menschen in Deutschland und Europa jetzt die Opfer einer feindlichen Stimmung sind, ist größtenteils Putin-Propaganda", meint Sasha Marianna Salzmann im Tagesspiegel-Interview mit Nadine Lange (hinter Paywall).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2022 - Gesellschaft

Kein deutscher Intellektueller kritisiert die Waffenlieferungen oder zumindest die Ächtung nicht nur russischer Künstler, wundert sich der Schriftsteller Christian Baron in der SZ: "Auch in der russischen Armee dienen nicht die Kinder der großstädtischen Intelligenz, sondern die der Armen. Ihnen hat der schwerreiche Wladimir Putin die Invasion in der Ukraine befohlen. Darum ist es richtig, wenn die deutsche Politik von 'Putins Krieg' spricht. Der Kolumnist Sascha Lobo verwarf im Spiegel diese Losung kürzlich, indem er mitteilte, man solle 'die russische Bevölkerung nicht samt und sonders aus ihrer Verantwortung rausentschuldigen'. Das ist lupenreines Westplaining: Aus der demokratischen Sicherheit in einem Land, das sich 1945 nicht selbst vom Faschismus befreien wollte, wirft Lobo dem angeblich blöden und feigen Russen vor, dass er sich nicht von Putin befreit. .... Putin erkaufte sich die Zustimmung dieser Menschen durch eine Mehrung bescheidenen Wohlstands. Wer sich nicht offen gegen Putins autoritäre und korrupte Herrschaft stellte, hatte seine Ruhe. Darum ist es umso fataler, dass der Westen neben Waffenlieferungen voll auf Wirtschaftssanktionen setzt, denn die treffen in ihrer derzeitigen Ausgestaltung in Russland kaum Putin und oder die Oligarchen, sondern überwiegend die Armen."

Im Tagesspiegel (hinter Paywall) reagiert die Schriftstellerin Natascha Wodin indes auf einen ebendort abgedruckten Text des ukrainischen Lyrikers Oles Barleeg, in dem dieser seiner Wut auf Russland freien Lauf ließ. Wodin verurteilt vor allem den "deutschen Kulturbetrieb, der einem unverhohlen rassistischen Text eine Plattform zur Verfügung stellt": "Darf unsere Solidarität mit der Ukraine so weit gehen? Darf ihr verständlicher Hass gegen die Russen der unsere werden? Gerade der unsere, die wir die Russen einst zu Untermenschen erklärt haben, die wir 24 Millionen Sowjetbürger, Väter, Mütter, Kinder, umgebracht, zahllose russische Städte und Dörfer verwüstet, Millionen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt haben? Dürfen wir jetzt schuldlose Russen auf der Straße anpöbeln und attackieren, russische Bücher aus Bibliotheken entfernen, russische Komponisten aus Konzertprogrammen streichen, russischen Künstlern Auftrittsverbot erteilen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2022 - Gesellschaft

Jürg Altwegg erzäht unter Bezug auf Umfragen in der Bevölkerung, dass Proputinismus und Coronaskepsis in der französischen Bevölkerung einhergehen: "Seit der Pandemie glaubt mehr als ein Drittel der Befragten an Verschwörungstheorien. Unter den Wählern von Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon sind es etwas mehr als fünfzig Prozent."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2022 - Gesellschaft

Scharia wollen wir in Deutschland nicht, heißt es oft. Richtig, aber wollen wir wirklich die christliche Parallelgesellschaft, die hier immer noch geduldet wird, fragt Ronen Steinke in der SZ. "Die beiden christlichen Kirchen genießen Privilegien, die andere, zahlenmäßig auch bedeutsame Religionsgemeinschaften in Deutschland nicht genießen. Diese Ungleichbehandlung ist weitverbreitet, man findet sie im Bildungssystem, im Arbeitsrecht und natürlich im Steuerrecht, wo der Staat für die Kirchen die Mitgliedsbeiträge eintreibt. Vielleicht, so sagt es der Rechtswissenschaftler Eric Hilgendorf, dessen Standardwerk zum Religions- und Weltanschauungsrecht kürzlich in einer Neuauflage erschienen ist, hätten die Kirchen einen stärkeren Anreiz, 'kundenfreundlicher aufzutreten', wenn sie sich selbst um ihre Finanzierung kümmern müssten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2022 - Gesellschaft

Die chinesiche Null-Covid-Strategie ist gescheitert, schreibt FAZ-Korrespondentin Friederike Böge mit Blick auf die steigenden Omikron-Zahlen und die drastische Quarantäne in Schanghai: "Nur ein Fünftel der über Achtzigjährigen ist geboostert. Der Schutz vulnerabler Gruppen spielte bisher keine Rolle, weil nur die 'Null' als Erfolgsmaßstab gelten durfte. Lange hat die Bevölkerung die strikte Null-Covid-Politik der Partei unterstützt, weil sie das Land vor einer hohen Zahl an Corona-Toten bewahrt hat. Doch die hochansteckende Omikron-Variante treibt den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Preis der Strategie in die Höhe und macht die Kollateralschäden immer sichtbarer."

Gescheitert ist auch die Ampelkoalition, die es nicht schaffte, im Bundestag eine Mehrheit für die Impfpflicht ab 60 zu bekommen. Fast ein Totalschaden für Krisenmanager Olaf Scholz, kommentiert Stefan Reinecke in der taz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2022 - Gesellschaft

Werner Bartens blickt in der SZ fast ungläubig auf die resignative Aufhebung der Corona-Maßnahmen: Als ob der Virus verschwünde, nur weil man keine Lust mehr auf ihn hat. "Christian Droste, Lothar Wieler vom RKI und Karl Lauterbach, sie alle wirken erschöpft von den ewiggleichen Mahnungen und trostlosen Prognosen. Sie haben gemeinsam mit anderen verdienten Expertinnen und Experten geduldig Flattening-the-Curve erklärt, an die Solidarität gegenüber Alten und Schülern appelliert, auf die viral load und die damit gestiegene Mutationsgefahr bei hohen Inzidenzen hingewiesen, sowie immer wieder erläutert, dass die Impfung auch bei neuen Varianten vor schweren Verläufen schützt. Doch die Einsicht hatte Grenzen. Zuletzt haben sich die Corona-Aufklärer offenbar hauptsächlich an die erste Zeile aus dem 'Gelassenheitsgebet' des US-Theologen Reinhold Niebuhr erinnert, wonach die Dinge hinzunehmen sind, die man nicht ändern kann. In einer neuen Version müsste wohl die Resignationsstrophe hinzukommen. Wie sonst ist es zu erklären, dass die grandios überschätzte Macht der Aufklärung gerade in vermeintlich aufgeklärten Gesellschaften erschütternd früh auf Mauern stößt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2022 - Gesellschaft

Nach der Diskussion über die Impfpflicht, die irgendwie passé zu sein scheint, kommt die Diskussion über die Wehrpflicht - oder, in einem zivileren Verständnis - über die "Dienstpflicht". Die beiden CD-Poltiker Christian Baldauf und Manuael Hagen, schildern sie als in der Welt einen Dienst an der Allgemeinheit, "mit dem junge Männer und Frauen für die Sicherheit und Freiheit unseres Landes und den Zusammenhalt unserer Gemeinschaft einstehen. Bei der Bundeswehr, als Staatsbürger in Uniform, die dem militärischen Schutz unseres Landes dienen und als Reservisten einen schnellen Personalaufwuchs in Krisenzeiten ermöglichen. Bei Feuerwehr, THW oder anderen Blaulichtorganisationen, die die Widerstandsfähigkeit unseres Landes gegen zivile Krisen und Naturkatastrophen, aber auch gegen militärische Bedrohungen stärken. Oder im sozialen Bereich wie etwa der Pflege, wo sie sich um die diejenigen kümmern, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind und so den sozialen und menschlichen Zusammenhalt unserer Gesellschaft bewahren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2022 - Gesellschaft

Die Trans-Debatte ist ... aktuell der "Kern der Identitätspolitik", sagt Alice Schwarzer, die gerade einen Band mit Beiträgen zur Transsexualität herausgegeben hat, im großen Welt-Gespräch mit Mara Delius und Marie-Luise Goldmann, in dem sie nochmal deutlich betont, dass das biologische Geschlecht "keine Definitionssache" sei und vor der Reform des Transsexuellen-Gesetzes in Deutschland warnt: "In der ganzen westlichen Welt hat sich die Anzahl vor allem junger Mädchen, die sich trans fühlen, in den letzten Jahren um mehr als 4000 Prozent erhöht. Ich bin beileibe nicht die Einzige, die über diese Entwicklung hoch alarmiert ist - und darin auch die sehr verständliche Verweigerung der Frauenrolle dieser jungen Mädchen sieht. Die wollen einfach die Freiheiten von Jungen haben und keine doofen rosa Prinzessinnen sein! Ich bin die Erste, die das versteht. Aber dazu muss frau nicht zwangsläufig unters Messer und nicht lebenslang Hormone nehmen. So ein Mädchen kann sich auch einfach 'männliche' Freiheiten erlauben. Darum ist das deutsche Gesetzesvorhaben so problematisch. Andere Länder - wie Schweden oder Großbritannien - haben das erkannt und ihre Pläne zurückgezogen. Ich bin überzeugt: In Deutschland wird das Gleiche passieren, wenn die bisher nichts ahnenden PolitikerInnen sich erst mal informiert haben."

Die französische Journalistin Noémie Halioua hat ein Buch über Sarcelles geschrieben ("Les uns contre les autres"), eine Vorstadt von Paris im Val d'Oise. Im Gespräch mit Ronan Planchon vom Figaro schildert er die Vorstadt nicht so sehr als Hochburg des Islamismus, sondern des Kommunitarismus: "In Sarcelles ist alles perfekt so strukturiert, dass die Forderungen jeder Gemeinschaft eine Stimme haben: Politiker und religiöse Gruppen arbeiten Hand in Hand in einer Summe gemeinsamer Interessen. Je nach Wahlgewicht fordert jeder sein Stück vom Kuchen und die Politiker bringen es ihm auf einem Silbertablett, im Austausch für einen Stimmenvorrat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2022 - Gesellschaft

Anetta Kahane tritt nach 24 Jahren als Leiterin der Amadeu Antonio Stiftung ab. Im Gespräch mit Konrad Litschko und Daniel Schulz in der taz (in dem sie auch kurz auf ihre Zeit als Stasi-IM eingeht) erinnert sie sich an die Anfänge: "Schlimmer als die Nazis war die Schwäche der Politik und die Schwäche der Leute, die nichts gegen diesen Hass gemacht haben und die zugelassen haben, dass Menschen schlecht behandelt, gejagt oder getötet wurde."
Stichwörter: Kahane, Anetta, Stasi

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2022 - Gesellschaft

Der Wokeismus ist zu Beginn von Putins Krieg schüchtern verstummt, Putin passt nicht in sein Koordinatensystem. Aber das dauerte nicht lange. Schon durfte die Musikerin Ronja Maltzahn bei "Fridays for Future" nicht bei Solidaritätskonzert für die Ukraine auftreten, weil sie Dreadlocks trägt und sich für "Fridays for Future" somit der kulturellen Aneignung schuldig gemacht hat. Zum Vergnügen des SZ-Autors Hilmar Klute fühlt sich auch Wladimir Putin vom Westen gecancelt und vergleicht sich mit J.K. Rowling. Der Vergleich zeige, "dass der im Gebäude seines selbstgezimmerten Wahns gefangene Präsident zumindest ein, wenn auch ziemlich verqueres Interesse für bestimmte auch schon heiter irre Spielarten der westlichen Moral unterhält. Mit totalitären Gesten kann ein totalitärer Herrscher halt grundsätzlich schon etwas anfangen."

Sylvia Wagner ist Pharmaziehistorikerin und Vorstandsmitglied beim "Verein ehemaliger Heimkinder". Sie engagiert sich für Missbrauchsopfer der Katholischen Kirche. Oranus Mahmoodi berichtet bei hpd.de, dass die Missbrauchsopfer sehr verärgert sind über die intransparente Weise, in der die Kirche Entschädigungszahlungen und Schmerzensgeld zahlt. "Der erste Hemmschuh: 'Es fängt schon bei der Antragstellung an, man muss zu den Bistümern gehen, in deren Strukturen die Taten verübt wurden', erläutert Wagner. Viele Betroffene könnten diese Hemmschwelle erst gar nicht überwinden. Es sei wahrscheinlich, dass sich mehr Opfer eher an eine unabhängige Stelle wenden würden, als sich bei der 'Täterorganisation' zu melden. Bisher gebe es bundesweit aber nur eine unabhängige Beratungsstelle in Köln. Das Angebot müsse dringend erweitert werden."