9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2768 Presseschau-Absätze - Seite 92 von 277

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2022 - Gesellschaft

In der Zeit kann der Soziologe Armin Nassehi einfach nicht verstehen, warum die FDP trotz steigender Inzidenzen unbedingt die Maskenpflicht abschaffen will: "Das Tragen einer FFP2-Maske gehört zu den mildesten, einfachsten, niedrigschwelligsten, kostengünstigsten und effektivsten Public-Health-Maßnahmen überhaupt. Das Tragen einer Maske schützt den Träger ebenso wie das Gegenüber. Was kann also der gute Grund sein, bei höchsten Inzidenzen darauf zu verzichten, zumal uns Österreich mit sehr ähnlichen Pandemieparametern gerade eindrucksvoll demonstriert, wohin das führt? Die Frage ist leicht zu beantworten. Sachlich lässt es sich gar nicht begründen. Es geht ums Prinzipielle. Es geht darum, dass es dem kleinsten Koalitionspartner, flankiert von einem teils unsäglichen öffentlichen Diskurs, gelungen ist, einfache Public-Health-Maßnahmen so sehr mit symbolischer Bedeutung aufzuladen, dass es keine sachliche Begründung mehr braucht. ... Ist es die Angst vor so etwas wie einer Gelbwestenbewegung, die den kleinsten Koalitionspartner derart mächtig werden lässt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2022 - Gesellschaft

Seit Putins Überfall auf die Ukraine ist wieder viel von "toxischer Männlichkeit" zu lesen. Im Fall Putins mag das zutreffen, meint der Psychologe Michael Klein in der NZZ. Aber für die ukrainischen Soldaten gilt das wohl kaum: Hier sei gerade "zu besichtigen, welche 'Privilegien' die Großzahl der Männer im Kriegsfalle tatsächlich aufweisen. Schon immer war es die Aufgabe von Männern, im Krieg zu kämpfen und auch ihr Leben oder ihre Unversehrtheit zu opfern. Es sind weit und breit keine Privilegien für Männer zu finden, wenn es um Krieg und Gewalt geht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2022 - Gesellschaft

Bari Weiss wünscht sich in der Welt, dass der Westen - und besonders seine woken Kritiker - sich ein Beispiel an dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski nehmen. Deshalb muss man nicht gleich in den Krieg ziehen, aber: "Es lohnt sich, für die individuelle Freiheit zu kämpfen. Seit Beginn des Krieges sind folgende Dinge geschehen: Das Russia House, ein Restaurant in Washington, D.C. in der Nähe des Dupont Circle, wurde mehrfach Opfer von Vandalismus - die Fenster wurden eingeschlagen und die Tür zertrümmert. In Vancouver wurden die Eingangstüren der orthodoxen Kirche St. Sophia mit roter Farbe beschmiert. Das Symphonieorchester von Montreal hat einen Auftritt des russischen Virtuosen Alexander Malofeev abgesagt. Oh, und vergessen wir nicht die Katzen: Die Internationale Katzenföderation hat russische Katzen verboten. Ganz im Ernst. Diese moralische Panik, diese Mob-Mentalität - die sich jetzt als antirussische Bigotterie darstellt, aber in ein oder zwei Wochen etwas ganz anderes sein wird - kann nie und nimmer zur Normalität werden. Sie verstößt gegen das grundlegendste Prinzip der liberalen Demokratie: die individuelle Freiheit. In freien und gerechten Gesellschaften beurteilen wir Menschen als Individuen, nicht als Mitglieder einer Gruppe. Wir beurteilen sie auf der Grundlage ihrer Taten, nicht auf der Grundlage der Taten ihrer Eltern. Oder von Menschen desselben Geschlechts. Oder derselben Postleitzahl. Oder Hautfarbe."

Um im Moment Debatten der modischen Linken nachzuvollziehen, müssen sie einen Grad an Lächerlichkeit erreichen, dass es sich wirklich lohnt. So zum Beispiel die Debatte um die Romanautorin Sandra Newman und die Essayistin Lauren Hough, die Newman gegen den Vorwurf der Transfeindlichkeit verteidigte und darum von einer Liste von Kandidatinnen für einen queeren Buchpreis entfernt wurde. Das Problem an Newmans Roman "Leaving Isn't the Hardest Thing" ist, dass sie sich eine Welt ausmalt, in der alle Menschen mit Y-Chromosom, also alle Männer, plötzlich verschwinden. Offenbar hat sie dabei nicht ausreichend gewürdigt, dass auch Transfrauen ein Y-Chromosom haben und wurde in den sozialen Medien angegriffen. Nach dem Bericht Marc Tracys in der New York Times wurde Hough folgendes Argument übelgenommen: "'Andere Bücher, die von dieser Prämisse ausgingen - alle Männer verschwinden - haben die Existenz von Trans-Personen ausgelöscht, und es war Newman wichtig, das nicht zu tun, so sensibel wie möglich zu sein', schrieb Hough. 'Als ich also sah, dass die Leute annahmen, diese einfache Idee sei die gesamte Handlung, sagte ich ihnen, sie sollten das Buch lesen, bevor sie das Schlimmste annehmen.'"

In der SZ erinnert Susan Vahabzadeh daran, dass die DDR 1972 ein Abtreibungsrecht mit Fristenlösung verabschiedete hatte. In der BRD brauchte man als Frau zu dieser Zeit noch eine Genehmigung des Ehemanns, wenn man arbeiten wollte. Zwei Jahre später durfte man auch hier abtreiben, allerdings mit Beratungspflicht und rechtswidrig blieb es auch. Im Zuge der Wiedervereinigung wurde das DDR-Recht dann einkassiert: "Es war das westdeutsche Modell, das sich durchsetzte. 1990, vor der Wiedervereinigung, gab es Demonstrationen vor dem Palast der Republik, auf den Transparenten standen Sätze wie 'Kein Paragraf 218! So wahr uns Gott helfe'. Es nützte nichts: Das ostdeutsche 'Gesetz über die Unterbrechung einer Schwangerschaft' verschwand mit der Wiedervereinigung, als habe es nie existiert. Aber 1972 war es eines der modernsten der Welt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2022 - Gesellschaft

Die körperliche Unversehrtheit ist kein Supergrundrecht, das unbedingt verteidigt werden muss, während wir andere Freiheitseinschränkungen akzeptieren, schreibt der Rechtsprofessor Hinnerk Wißmann in der FAZ mit Blick auf die Debatte um die Impfpflicht: "Ein Land, das Ausgangssperren, Kontaktverbote und freihändig verhängten Maskenzwang für geboten hält, um Impfungen weiterhin nur 'anzubieten', weiß nicht mehr, was Freiheit ist."

In der SZ begrüßt Dunja Ramadan die recht unbürokratische Aufnahmen ukrainischer Flüchtlinge, die von Anfang an Deutschland arbeiten und sich niederlassen dürfen, wo sie wollen. Anders als syrische oder afghanische Flüchtlinge, die oft monatelang in engen Notunterkünften ausharren mussten. "Läuft europäische Flüchtlingspolitik nur dann human ab, wenn es europäische Geflüchtete sind?", fragt sie sich. "Die Aufnahme von 300 besonders schutzwürdigen Menschen aus dem griechischen Flüchtlingslager Moria hat das Bundesinnenministerium dem Land Berlin 2020 verboten. Vor wenigen Tagen hat das Bundesverwaltungsgericht das für rechtens erklärt. Es geht nicht darum, das Leid der Geflüchteten gegeneinander auszuspielen. Es geht um die europäische Glaubwürdigkeit, die auf dem Spiel steht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2022 - Gesellschaft

Am Sonntag fallen in Deutschland die Maskenpflicht (außer in Bussen und Bahnen) und viele andere Corona-Maßnahmen (mehr dazu hier). In der SZ kann Werner Bartens es nicht fassen: "An diesem Sonntag folgt eine besonders hübsche Pointe aus dem Setzkasten des Wahnsinns: Freedom Day zur Feier der täglich ansteigenden Höchstinzidenzen. Man muss das nicht verstehen, man kann sich auch nur wundern. Ein fahler, offenbar vereinsamter Mann droht vom langen Tisch aus mit dem Atomknopf, das ukrainische Volk wehrt sich gegen massenhaften Tod und die Versklavung - derweil befreien wir Deutschen uns von der Maske, dem Großsymbol von zwei Jahren Diktatur, Freiheitsberaubung und Unterjochung. ... Wer steckt sich denn ernsthaft noch mit Corona an, wenn die Seuche erst mal per Dekret beendet wurde? Die Bilder aus der Ukraine von Menschen in U-Bahn-Schächten und Krankenhäusern zeigen es ja auch: Kaum einer trägt dort Maske."

Viel Empörung erregt in der amerikanischen Twitter-Sphäre ein Leitartikel der New York Times, der unter Bezug auf Umfragen feststellt, das Amerika ein "Free Speech"-Problem habe - immer mehr Amerikaner haben das Gefühl, sich wegen der Hysterisierug nicht frei äußern zu können. Für Ärger bei den meisten Twitter-Kommentatoren sorgt, dass die Redaktion der Times "Links" und "Rechts" als zwei Seiten einer Medaille darstellt. Das polarisierte Klima erkläre sich daraus, "dass die politische Linke und die Rechte in einer destruktiven Endlosschleife von Verurteilungen und Schuldzuweisungen über 'Cancel Culture' gefangen sind. Viele auf der Linken weigern sich anzuerkennen, dass es die Cancel Culture überhaupt gibt und glauben, dass diejenigen, die sich darüber beschweren, Rechten Deckung bieten, um mit Hassreden hausieren zu gehen. Viele auf der Rechten haben sich trotz ihres Gezeters über Cancel Culture eine noch extremere Version der Zensur-Mentalität als Bollwerk gegen eine sich schnell verändernde Gesellschaft zu eigen gemacht, mit Gesetzen, die Bücher verbieten, Lehrer unterdrücken und offene Diskussionen in Klassenzimmern verhindern."

In der NZZ fragt Hans Christoph Buch, warum die Cancel-Kultur lieber "aufgeklärte Liberale" aufs Korn nimmt, statt Rechte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2022 - Gesellschaft

In der NZZ erinnert Katja Müller daran, dass auch Amerikas Oligarchen ein enormes Maß an Verantwortungslosigkeit erkennen lassen: Sie kaufen sich riesige Anwesen auf entlegenen Inseln - Mark Zuckerberg auf Hawaii oder Peter Thiel auf Neuseeland, um den Rest der Menschheit in Ruhe Klimakatastrophe oder Atomkrieg überlassen zu können: "Hoch im Kurs als Zufluchtsort für amerikanische Superreiche ist Neuseeland. Eine Studie der Anglia Ruskin University in Großsbritannien kam im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass das Land einer der wenigen Orte wäre, wo sich eine Apokalypse überleben ließe. Die Insel ist dünn besiedelt - es leben siebenmal mehr Schafe als Menschen dort, es hat genug sauberes Wasser, große Landwirtschaftsflächen, und die Energieversorgung kann unabhängig funktionieren. Die Chancen, als Selbstversorger über die Runden zu kommen, stehen hoch. Während der Pandemie zeigte sich allerdings, dass auch ein perfekter Plan scheitern kann. Einige Milliardäre hatten zwar ihre vollgetankten Privatjets startklar, Neuseeland schloss jedoch die Grenzen schon früh und ließ praktisch niemanden mehr ins Land."

Agiles Arbeiten im Coworking Space war gestern, jetzt kommt das Nowhere-Office, dessen Vorzüge die Unternehmerin Julia Hobsbawm im Welt-Interview mit Andrea Seibel preist: "Derzeit wird viel Geld in die Hand genommen, um alles neu zu gestalten: als soziale Orte und Räume der Begegnung, der Versammlung, des Vorbeischauens, mit viel weniger Schreibtischen. Büros werden so etwas wie private Mitgliederclubs oder ähneln den Lounges am Flughafen. Wir werden das Firmenbüro als 'Zuhause' erleben, das wir immer mal wie eine Basisstation besuchen."

Im Interview mit Claudius Seidl in der FAZ räumt der Drogenbrauftrage der Bundesregierung, Burkhard Blienert, ein, dass für die Legalisierung von Cannabis noch nicht alle Fragen geklärt sind. Die Fehler der Niederlande will man aber vermeiden: "Die Niederlande haben auf halber Strecke haltgemacht. Das Cannabis kam durch die Hintertür illegal in die Coffeeshops herein, und vorne wurde es legal verkauft. Kriminelle Strukturen wurden dadurch gestärkt. Das ist nicht das, was wir wollen. Ich zerlege die Problematik gern in einzelne Schritte. Und ich versuche gesellschaftliche Antworten zu geben. Wir bauen etwas Neues auf, deshalb ist der Erklärungsbedarf sehr groß."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2022 - Gesellschaft

And now to something completely different: In der NZZ offenbart Clemens Setz sein Leiden an einer verpfuschten Operation: "Schon als Jugendlicher hatte ich bemerkt, dass meine Vorhaut zu eng war. Sie rutschte bei Erektion nicht zurück, sondern blieb vorne hängen. Ich war mir nicht ganz sicher, was das bedeutete. Schmerzen hatte ich nie, auch bei Erektionen nicht, aber ich musste mich manchmal konzentrieren, um beim Masturbieren nicht schon nach wenigen Minuten fertig zu werden, da der Reibedruck immer recht stark blieb. Außerdem sah es, wie man mir versicherte, vollkommen unmöglich aus. Wie der vorne zugezogene Kapuzenkopf von Kenny in 'South Park'."
Stichwörter: South Park

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2022 - Gesellschaft

In der Zeit verabschiedet André Schmitz die im Alter von 99 Jahren gestorbene Journalistin und Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron, von der man eigentlich dachte, dass sie wie die Queen immer da sein würde: "Den 'einfachen Menschen', wie sie immer sagte, den sogenannten stillen Helden, denen sie und ihre Mutter ihr Überleben in Nazideutschland verdankten, galt später immer ihr Engagement. Den Prostituierten vom Alexanderplatz, der Bäckerin aus Charlottenburg. Nicht: den Akademikern, den Professoren von der Friedrich-Wilhelms-Universität, den Bürgerlichen aus Dahlem. Damit verbindet sich auch eine politische Überzeugung: Inge Deutschkron war zeitlebens eine linke Kämpferin für Gerechtigkeit und gegen rechtes Gedankengut in unserer Gesellschaft. Streitbar und direkt wie ihre Sprache, das Berlinerische."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2022 - Gesellschaft

In der SZ weiß Werner Bartens, dass Menschen Schwierigkeiten haben, zwei Krisen gleichzeitig zu verarbeiten, findet aber trotzdem wahnwitzig, dass die Warnungen vor einer weiteren Corona-Welle nicht ernstgenommen werden: "Dem Virus ist das Desinteresse der Bevölkerung übrigens egal. Und als Memento für die eigene Aufmerksamkeitsökonomie darf verraten werden, dass es tatsächlich mehrere Krisen und Katastrophen gleichzeitig geben kann. Mediziner zum Beispiel wissen, dass Patienten mitunter zugleich von Läusen und Flöhen besiedelt werden."

Die Autorin Mirna Funk geißelt in der Welt einmal mehr die Wokeness, die sie in den Tiefen der Ideologie versunken sieht: "Mir als Ostdeutsche, die freitags ihr blaues Pionierhalstuch tragen musste, und mir als Jüdin, der es unmöglich ist, sich in ein Fußballstadion zu begeben, in dem alle gleichzeitig jubeln, ohne eine Panikattacke zu bekommen - mir läuft es beim Anblick gleichgeschalteter Pronomen, gleichgeschalteten Gedanken, die keine Ambiguitätstoleranz und keine Komplexität mehr kennen, eiskalt den Rücken runter. Vielleicht gerade, weil ich den Kern der politischen Forderungen mal verteidigt habe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2022 - Gesellschaft

"Frauen betonen immer ihre Opferrolle. Ihr seid doch gar nicht die Opfer!" ist einer der "25 Bullshit-Sätze", den die Autorin Alexandra Zykunov in ihrem Buch "Wir sind doch alle längst gleichberechtigt" aufgreift. Aber Frauen sind Opfer, betont sie im Welt-Gespräch mit Marie-Luise Goldmann: "Wir müssen verstehen, dass es nicht an uns liegt, wenn wir in Teilzeitfallen landen und der Mann das Doppelte verdient. Klar gibt es auch unter Frauen mal mehr, mal weniger fähige Verhandlerinnen. Aber das erklärt nicht die Massen an beruflich und finanziell benachteiligten Frauen. Laut Expertinnen wird es noch drei bis vier Generationen dauern, bis wir bei einem gleichberechtigten Lohn angekommen sind. Und es ist übrigens auch nicht so, dass Frauen selbst schuld sind, wenn sie sich schlechter bezahlte Berufe aussuchen. Es ist nämlich genau andersherum: Studien zeigen, dass, sobald Frauen in eine gewisse Branche strömen, die Gehälter dieser Branche ganz automatisch zu sinken beginnen."
Stichwörter: Gender Pay Gap