Bari Weiss wünscht sich in der
Welt, dass der Westen - und besonders seine woken Kritiker - sich ein Beispiel an dem ukrainischen Präsidenten
Wolodimir Selenski nehmen. Deshalb muss man nicht gleich in den Krieg ziehen, aber: "Es lohnt sich,
für die individuelle Freiheit zu kämpfen. Seit Beginn des Krieges sind folgende Dinge geschehen: Das
Russia House, ein Restaurant in Washington, D.C. in der Nähe des Dupont Circle, wurde mehrfach Opfer von
Vandalismus - die Fenster wurden eingeschlagen und die Tür zertrümmert. In Vancouver wurden die Eingangstüren der orthodoxen Kirche St. Sophia mit
roter Farbe beschmiert. Das Symphonieorchester von Montreal hat einen Auftritt des russischen Virtuosen
Alexander Malofeev abgesagt. Oh, und vergessen wir nicht die Katzen: Die Internationale Katzenföderation hat
russische Katzen verboten. Ganz im Ernst. Diese moralische Panik, diese
Mob-
Mentalität - die sich jetzt als antirussische Bigotterie darstellt, aber in ein oder zwei Wochen etwas ganz anderes sein wird - kann nie und nimmer zur Normalität werden. Sie verstößt gegen das grundlegendste Prinzip der liberalen Demokratie: die individuelle Freiheit. In freien und gerechten Gesellschaften beurteilen wir Menschen
als Individuen, nicht als Mitglieder einer Gruppe. Wir beurteilen sie auf der Grundlage ihrer Taten, nicht auf der Grundlage der Taten ihrer Eltern. Oder von Menschen desselben Geschlechts. Oder derselben Postleitzahl. Oder Hautfarbe."
Um im Moment Debatten der modischen Linken nachzuvollziehen, müssen sie einen
Grad an Lächerlichkeit erreichen, dass es sich wirklich lohnt. So zum Beispiel die Debatte um die Romanautorin
Sandra Newman und die Essayistin
Lauren Hough, die Newman gegen den Vorwurf der Transfeindlichkeit verteidigte und darum von einer Liste von Kandidatinnen für einen queeren Buchpreis entfernt wurde. Das Problem an Newmans Roman
"Leaving Isn't the Hardest Thing" ist, dass sie sich eine Welt ausmalt, in der alle
Menschen mit Y-Chromosom, also alle Männer, plötzlich verschwinden. Offenbar hat sie dabei nicht ausreichend gewürdigt, dass auch
Transfrauen ein Y-Chromosom haben und wurde in den sozialen Medien angegriffen. Nach dem
Bericht Marc Tracys in der
New York Times wurde Hough folgendes Argument übelgenommen: "'Andere Bücher, die von dieser Prämisse ausgingen - alle Männer verschwinden - haben die Existenz von Trans-Personen ausgelöscht, und es war Newman wichtig, das nicht zu tun,
so sensibel wie möglich zu sein', schrieb Hough. 'Als ich also sah, dass die Leute annahmen, diese einfache Idee sei die gesamte Handlung, sagte ich ihnen, sie sollten das Buch lesen, bevor sie das Schlimmste annehmen.'"
In der
SZ erinnert Susan Vahabzadeh daran, dass die DDR 1972 ein
Abtreibungsrecht mit Fristenlösung verabschiedete hatte. In der BRD brauchte man als Frau zu dieser Zeit noch eine Genehmigung des Ehemanns, wenn man arbeiten wollte. Zwei Jahre später durfte man auch hier abtreiben, allerdings
mit Beratungspflicht und rechtswidrig blieb es auch. Im Zuge der Wiedervereinigung wurde das DDR-Recht dann
einkassiert: "Es war das westdeutsche Modell, das sich durchsetzte. 1990, vor der Wiedervereinigung, gab es Demonstrationen vor dem Palast der Republik, auf den Transparenten standen Sätze wie 'Kein Paragraf 218! So wahr uns Gott helfe'. Es nützte nichts: Das ostdeutsche 'Gesetz über die Unterbrechung einer Schwangerschaft' verschwand mit der Wiedervereinigung, als habe es nie existiert. Aber 1972 war es
eines der modernsten der Welt."