9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2022 - Gesellschaft

Zum heutigen Weltfrauentag, der in Berlin bekanntlich auch gesetzlicher Feiertag ist, erinnert Birgit Schmid in der NZZ, daran, dass Männer im Machtrausch selten gebremst, sondern im Gegenteil meist noch bestärkt werden: "Charisma definiert sich über ein Gegenüber, und hier wird die Rolle der anderen wichtig. Es sind ebenso die anderen, die diesen Männern zu ihrem Aufstieg verhelfen. Sie werden verführt von Eigenschaften, die sie, sobald sich ihre negativen Folgen zeigen, im Namen der Gesellschaft wiederum bestrafen. Wer erhält denn die Stelle? Es ist immer noch derjenige, der furchtlos und selbstsicher auftritt, und nicht derjenige, der durchblicken lässt, dass er sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlt. Untersuchungen zeigen: Eine führungslose Gruppe hat die natürliche Neigung, eine Person zum Leader zu wählen, die bestimmt, ichbezogen und narzisstisch ist. Das Umfeld selber erschafft die Alpha-Menschen und erhöht sie mit seiner Bewunderung und seinen Projektionen. Es wirkt an ihrer Größe mit. Ohne die anderen wären die Männer halb so groß."

In "Die Geschmeidigen" blickt die Schriftstellerin Nora Bossong auf die Generation der zwischen 1975 und 1982 geborenen, jene "behütet" aufgewachsene Generation also, die nun erstmals beginnt, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Leise und souverän, aber auch opportunistisch sei die Generation, sagt Bossong im SZ-Gespräch mit Aurelie von Blazekovic: "Es wurde sehr auf sich geschaut und das zur politischen Haltung hochstilisiert. Dadurch wurden einige Dinge nicht so ernst genommen, wie man sie, glaube ich, hätte nehmen müssen. Das gilt für das Klima ebenso wie für Fragen der Sicherheitspolitik und auch für das Vorgehen gegen antidemokratische Entwicklungen. Da reicht es nicht, einen Aufkleber mit 'Fuck AfD' an eine Laterne zu kleben. Wir müssen gerade jetzt viel selbstbewusster die Demokratie verteidigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2022 - Gesellschaft

Natürlich bringt die taz ein Dossier zum morgigen Frauentag, es ist der Care-Arbeit gewidmet, über die 1975 schon die Philosophin Silvia Federici schrieb: "Sie nennen es Liebe, wir nennen es unbezahlte Arbeit." Im Interview mit Katrin Gottschalk und Tania Martini erklärt die Philosophin Cornelia Klinger, die den englischen Begriff als zu beliebig ablehnt, warum "Sorge" doch mehr sei als Arbeit, nämlich eine Haltung: "Sorge hört auch nicht auf, wenn die Arbeit zu Ende ist." Sie zweifelt auch an der Ökonomisierung der menschlichen Verhältnisse: "Die Frage ist, ob das Leben von Menschen profitabel gemacht werden kann. Ich glaube, da verzocken wir uns. Ja, solange die menschliche Arbeitskraft vermachtet und vermarktet wird, kann und soll auch Sorgearbeit - gut - bezahlt werden. Aber die Sache geht schief, wenn Profit zum einzigen Motiv der Lebenstätigkeit wird. Dieses Leben, das so ins Einzelne geht, und das so am Einzelnen hängt, das gepflegt und versorgt werden muss, das können wir der ökonomischen Rationalität nicht unterwerfen."

Maximal genervt zeigt sich die Schriftstellerin Gertraud Klemm im Standard vom neuen Netzfeminismus, der für alle Probleme ein schnelles Schlagwort hat, aber besonders gern den Feminismus attackiert, der Politik für Frauen und nicht für alle Problemfälle der Welt machen möchte: "Jedes Problem hat seinen Hashtag, und alle müssen sich entscheiden: Liken oder haten! Sind Prostituierte jetzt Opfer, oder ist Sexarbeit Ermächtigung? Ist das Tragen religiöser Symbole hui oder pfui? Ist ein Penis jetzt tatsächlich 'kein männliches Sexualorgan per se' mehr, oder soll eine Transfrau selbstverständlich auf einem Frauenquotenplatz im Bundestag sitzen? Ist vielleicht doch nicht alles so einfach, wie es aussieht? Diskussionen müssten geführt werden, Meinungen gehört, Konsequenzen bedacht und abgewogen. Aber zuerst muss Stellung bezogen werden. Möglichst schnell, kurz und richtig. Dazu gehört auch, kurzen Prozess mit intellektuellen Vorreiterinnen der zweiten Welle des Feminismus zu machen. Der digitale Gerichtshof kennt keine Gnade und hat schon immer alles besser gewusst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2022 - Gesellschaft

Voller Abscheu vor der neubürgerlichen Welt mit ihrer Diversität, Linksliberalität und ihren infantilen Lifestyle-Attributen vom Lastenrad bis zur Yoga-Matte reicht es Alexander Grau in der NZZ nicht mehr, auf traditionelle Werte zu setzen. Es gelte anti-bürgerlich zu werden, denn Bürgertum an sich bedeute ja schon permanente Revolution: "Am Ende dieser Dauerrevolution werden alle tradierten Institutionen pulverisiert sein: Religion, Familie, Nation, Kulturkanon, Geschlecht. Alles wird fluide, beliebig, posttraditionell und austauschbar geworden sein. Bürgerlichkeit bedeutet Dekonstruktion. Und erst die Postmoderne ist wahrhaft bürgerlich. Es ist kein Zufall, dass das Bürgertum stets Träger der künstlerischen Avantgarde ist, also der Eliminierung aller Grenzen, Regeln, Gesetze und Überlieferungen in der Kunst. Die Idee einer zeitlosen Ästhetik ist aristokratisch. In der bürgerlichen Welt ist jeder ein Künstler."
Stichwörter: Diversität, Dekonstruktion

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2022 - Gesellschaft

In ihrer muslimisch-jüdischen Abendbrot-Kolumne in der FAZ spießen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel eine Reihe von Aberwitzigkeiten auf, die mit dem Kampf gegen kulturelle Aneignung einhergehen, und sehen am Ende den ganzen Glauben an kulturelle Reinheit verfehlt: "Wenn man es schafft, nicht über kulinarischen Besitz zu streiten, sondern eine gemeinsame Kochkultur zu entwickeln, entstehen nicht nur köstliche Gerichte, sondern auch Ansätze für eine Verständigung - wie im Kochbuch 'Jerusalem' des palästinensischen Kochs Sami Tamimi und des israelischen Kochs Yotam Ottolenghi. Vielleicht sollte das Konzept der Fusion-Küche auch auf andere Aneignungsformen übertragen werden? Weder überkommene Klischees, schlechte Traditionen noch vermeintlicher kultureller Besitz brauchen Fürsprecher. Stattdessen sollten wir kulturelle Neugier belohnen - und uns bemühen, auf ihrer Basis gemeinsam etwas Neues zu erschaffen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2022 - Gesellschaft

Kürzlich beklagte der Leipziger Germanist Dirk Oschmann in der FAZ, der Westen maße sich an "den Osten identitätspolitisch zu interpretieren", Ostdeutsche würden lediglich als "Kunstdeutsche" betrachtet. (Unser Resümee). Ein solcher Text spaltet mehr, als dass er eint, erwidert heute im Tagesspiegel der Bielefelder Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal: Bei Oschmann werde "aus einer widersprüchlichen Gemengelage ein unvereinbarer Gegensatz zweier Lebenswelten in Deutschland. Er spricht von einem 'gänzlich irreparablen ökonomischen Ungleichgewicht'. Doch wie ist es um Wohnviertel, Schulen, Straßen und Parks in Städten wie Gelsenkirchen, Hagen oder im Essener Norden bestellt? Die Deindustrialisierung hat nicht nur in Ostdeutschland verheerende Spuren hinterlassen. Oschmann geht davon aus, dass eine durch Geburt, Ortsgebundenheit und Gemeinschaftserfahrung geprägte Ost-Identität existiert, die sich von der Herrschermentalität des Westens abgrenzen ließe. Das methodische Rüstzeug für ihre Beschreibung hat er offensichtlich aus den USA mitgebracht. Denn nicht nur bei den Rechten im 'Institut für Staatspolitik' in Schnellroda wird konfrontative Identitätspolitik betrieben, sondern auch dort, wo der Westen am westlichsten ist, an den links-liberalen amerikanischen Universitäten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2022 - Gesellschaft

Grüne und FDP arbeiten an einem Selbstbestimmungssetz, nach dem bereits Jugendliche ab einem Alter von 14 Jahren ihr Geschlechtsangaben juristisch ändern lassen könnten - und zwar via Sprechakt. Gut so, meint Ronen Steinke in der SZ, was geht's den Staat an, was jemand in der Hose hat: "Wenn der Staat den Menschen etwas verbieten möchte (zum Beispiel: ihr Geschlecht selbst zu bestimmen), dann muss er dies mit einer Gefahr für die Rechte anderer Bürger begründen können. Das Bundesverfassungsgericht hat dies der Politik just am Beispiel der trans Personen in den vergangenen Jahren wieder und wieder erklärt. Der Staat muss liberaler sein als die Gesellschaft."

In der Zeit widerspricht Alice Schwarzer vehement. Meist bleibe es ja nicht bei der rechtlichen Änderung des Personenstands, es folgen oft lebenslange Hormongaben und schwere operative Eingriffe. Das sei reaktionär und gefährlich: "Allen voran propagieren die Grünen eine quasi unbegrenzte 'Toleranz' in der Trans-Politik. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt die sich als Auslieferung von Jugendlichen und Frauen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Grünen sich in der Sexualpolitik verrennen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren wollten sie im Namen der 'sexuellen Freiheit' und 'Selbstbestimmung' die Sexualität Erwachsener mit Kindern legalisieren. Und als Feministinnen wie ich sich dagegenstellten und Täter und Opfer benannten, wurden wir als prüde und rückschrittlich bezeichnet, ja sogar des 'Missbrauchs vom Missbrauch', also der falschen Anschuldigungen, bezichtigt. Jetzt, wo wir auf die ungeheuren Gefahren einer geschlechtlichen 'Selbstbestimmung' gerade für Kinder und Jugendliche aufmerksam machen, werden wir als 'transfeindlich' diffamiert. Diese Art Scheintoleranz ist auf den immer gleichen Kern zurückzuführen: auf das Leugnen der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern wie den Generationen."

In der taz trägt Simon Borowiak mit Gedanken aus dem Leben eines Trans-Mannes zur Debatte bei.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2022 - Gesellschaft

Wirklich abgestoßen ist Nils Minkmar in der SZ vom Ton, den die deutsche Obrigkeit in ihren Quarantäne-Verfügungen anschlagen. Er zitiert aus einem Brief, den etwa der Leiter des Kölner Gesundheitsamtes auch in erster Person verfasst hat: "Insbesondere gratuliert sich der Amtsleiter selbst zur bestandenen, von ihm selbst vorgenommenen Güterabwägung: 'Unter den mir zur Verfügung stehenden Schutzmaßnahmen habe ich die Quarantäne als diejenige ausgewählt, die verhältnismäßig ist.' So geht das immer weiter, Selbstlob, Drohungen, Belehrungen. Wer an Corona erkrankt ist, hat nun meist andere Sorgen, als zum Beispiel nach Karlsruhe zu ziehen, um das Gesundheitsamt Kölns zu verklagen wegen derlei Anmaßungen und Frechheiten. Es stehen in dem Schreiben Sätze, die auf Sonderfälle wie die komplette Evakuierung Kölns, die Rechtsmittel sowie auf Zwangsmaßnahmen eingehen - aber es steht dort an keiner Stelle dieser schöne Satz: Wir wünschen Ihnen eine gute Besserung. Nicht: Hier finden Sie Hilfe. Nicht: Danke, dass Sie mithelfen, die Pandemie einzudämmen."

In der Welt unterscheidet die Linguistin Heide Wegener zwischen natürlichem Sprachwandel und solchem, der auf "institutionellem Zwang" beruht. Zu letzterem gehört für sie das Gendern: "Genderdeutsch enthält wie die Gallizismen im 18. und deren Verdeutschungen im 19. Jahrhundert Elemente von Mode und von Ideologie. Genderformen verleihen Prestige, gelten derzeit als politisch korrekt. Einerseits gendert man, 'um sich als moderner, liberaler, aufgeklärter Mensch zu zeigen', so der Sprachhistoriker Horst Simon, andererseits um des (empirisch nicht belegten) emanzipatorischen Effektes willen. Wegen seines hohen moralischen Anspruchs entspricht Gendern eher dem politisch korrekten Sprechen im 19. als dem modischen Parlieren im 18. Jahrhundert."

Im FR-Gespräch mit Klaus Walter erklärt dagegen der Medien- und Genderforscher Simon Strick, der gerade das Buch "Rechte Gefühle" veröffentlicht hat, wie digitaler Faschismus funktioniert und weshalb gerade das Thema Gendern für den Kulturkampf von rechts eignet: "Via Genderstern kann wunderbar das Narrativ des Kulturverfalls in die breite Gesellschaft getragen werden, die Gender Studies können dann als vermeintlich ideologische Wissenschaft denunziert werden. Dabei geht es um sehr viel mehr als nur das Sternchen. Wir Genderforscher:innen beschreiben Geschlechterrollen und Geschlechtsmuster in verschiedensten Arten und Weisen. Wie sich das historisch verändert hat, wie Gesellschaft vergeschlechtlicht, dass Frauen lange nicht wählen durften oder nur bestimmten Arbeiten nachgehen konnten und immer noch können. … Der Antigenderismus ist eine Diskursfigur, an der alle möglichen Akteure Anschluss finden: ob jetzt rechtsextrem oder nur rechts oder noch gar nicht entschieden. Da wird ein totalitäres System imaginiert, das den Leuten ihre Freiheiten nehmen will als ganz normaler Mensch, als ganz normaler Bürger."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2022 - Gesellschaft

Susanne Memarnia setzt sich in der taz unermüdlich gegen das Berliner Neutralitätsgesetz und für Lehrerinnen mit Kopftuch ein. Nun hat sie in Kreuzberg eine Grundschulklasse gefunden, die dafür kämpft, ihre Referndarin mit Kopftuch behalten zu können: Auf den Einwand, "eine Frau könnte das Kopftuch ja ablegen, wenn sie unbedingt als Lehrerin arbeiten möchte, sagt Layla: Es sei aber 'schrecklich', Menschen zu etwas zu zwingen, damit sie arbeiten dürfen. 'Sie glauben halt daran, und dann macht sie das vielleicht traurig, weil sie so glücklich sind mit dem Kopftuch und sich wohlfühlen.' Auch Laura findet: 'Wenn man daran glaubt und es einem wichtig ist, sollte man es auch weiterhin tragen können.' Valeria sagt: 'Man sollte das tragen, was einen glücklich macht.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2022 - Gesellschaft

Harald Martenstein hat sich im Streit um eine seiner Kolumnen, die die Chefredaktion aus dem Netz genommen hat, vom Tagesspiegel getrennt. Er hatte das Tragen von "Judensternen" von Impfgegnern mit der Aufschrift "Ungeimpft" als "eine Anmaßung, auch eine Verharmlosung" verurteilt und "für die Überlebenden schwer auszuhalten", aber es sei "sicher nicht antisemitisch" (hier die Stellungnahme der Chefredaktion, Martensteins Kolumne kann man jetzt auf Martensteins eigener Website lesen).

In der Welt wundert sich Henryk M. Broder ganz generell über die Aufregung um die "Judensterne", die sich Impfgegner so gern anstecken. Man ist doch sonst nicht so empfindlich, wenn der Holocaust relativiert wird. "So geschichtsvergessen die Selbstdarstellung der Ungeimpften, die sich mit einem Judenstern schmücken, auch sein mag: Sie richtet sich nicht gegen Juden. Und sie stellt den Holocaust nicht infrage. ... Der Vorwurf, die ungeimpften Möchtegern-Juden würden den Holocaust 'instrumentalisieren', führt zwar in die Irre, aber dennoch zum Ziel: Eine Handvoll 'Covidioten' (Saskia Esken ) wird instrumentalisiert, um den Protest gegen die Pandemie-Politik zu delegitimieren. Wie war das noch mal mit dem 'Generalverdacht', vor dem man sich hüten muss, wenn irgendwo eine Bombe explodiert und ein Bekennerschreiben mit den Worten 'Allahu akbar' anfängt? Verallgemeinerungen und pauschale Schuldzuweisungen sind Ausdruck 'gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit' und deswegen tabu. Ausgrenzungen von Gruppen, die den gesellschaftlichen Konsens gefährden, sind dagegen okay - ungeachtet aller Bekenntnisse zur Offenheit, Vielfalt, Diversität und des Rechts auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit."

In der SZ ist Holger Gertz froh, dass die Olympischen Spiele in Peking zu Ende sind. Die Verantwortlichen - allen voran IOC-Präsident Thomas Bach - dafür möchte er allerdings noch lange nicht vom Haken lassen: "Die Olympier sind Großmeister der Bildersprache, aber die schönen Bilder haben am Ende, jedenfalls in Deutschland, nicht dazu beigetragen, dass diese Spiele von einem Luftkissen der Euphorie getragen wurden und zu fliegen begannen, trotz der vielen Medaillen. Zu beschwerend die Debatten um Menschenrechtsverletzungen, zu bleiern das Schweigen des IOC zu diesen Themen. Und als IOC-Chef Thomas Bach in seiner Schlussansprache von Solidarität predigte und sagte, man müsse Seite an Seite stehen - da klang das mal wieder wie der altbekannte kalt servierte Zynismus, mit Blick auf diejenigen, die vom Regime in China drangsaliert und traktiert und unterdrückt werden."

Im online nachgereichten Interview mit der Zeit fragt die britische Autorin Otegha Uwagba, warum wir so wenig über unser Vermögen und unser Einkommen reden. Wären wir in Geldfragen transparenter, meint sie, würde das "die falsche Annahme beheben, dass wir in einer Meritokratie leben; dass Menschen zu Reichtum gekommen sind, weil sie hart arbeiten oder sich besonders anstrengen. Das stimmt einfach nicht. Die soziale Mobilität in Großbritannien ist eine der schlechtesten in Europa. Die allermeisten sterben in der sozialen Klasse, in die sie hineingeboren wurden. ... Ohne diese Transparenz kann man sich nicht gegen Klassendynamiken wehren. Solche Ungleichheiten sind schlecht für die Gesellschaft."

Ein Schweizer und ein französisches Team haben unabhängig von einander herausgefunden, wer hinter den verschwörungstheoretischen Texten der "QAnon"-Bewegung steht. Beauftragt waren sie von der New York Times, deren Recherche Michael Hanfeld resümiert in der FAZ nacherzählt: "Ihr Ergebnis ist von feinster Ironie. Denn hinter 'Q' sollen zwei Männer stecken: Ronald Watkins, der Administrator des Internetforums 4chan, auf dem die Botschaften von 'Q' zum ersten Mal auftauchten; und der südafrikanische Journalist Paul Furber, der in Serie erste Artikel über 'Q' schrieb." Für die Anhänger der Theorie muss das eine Enttäuschung sein, so Hanfeld, denn der Legende nach war 'Q' ein Insider, der alle Hintergründe kennt, wahrscheinlich ein hochrangiger Militär, ein Mastermind, der sie zum Widerstand aufruft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2022 - Gesellschaft

Es passiert selten, dass eine Zeitung mal aufgreift, wenn in einer Stadt ein Traditionsgeschäft schließt, das eigentlich immer schon da war, so wie der große Schreibwarenladen Kaut-Bullinger nun in München, dessen letzte Tage Julia Schriever und Elisa Schwarz in der SZ begleiten. Probleme gab's schon länger: "Also haben sie versucht, die Kosten zu reduzieren, Stellen nicht nachbesetzt, Verträge mit Dienstleistern nicht verlängert. Und was ja keiner weiß: Sie beliefern Großkunden, die Allianz, BMW, bayrische Schulen, damit machten sie viermal so viel Umsatz wie mit den Kunden in der Rosenstraße. Aber es reichte nicht. Robert Brech sagt: 'Wir waren krank im Einzelhandel, und dann sind wir noch kränker geworden.' 2020, als die Seuche kam." Das Haus gehört jetzt natürlich der Signa-Gruppe von René Benko, der auch das KaDeWe zum Opfer fiel.

Ziemlich heftiige Vorwürfe macht der Medizinjournalist Werner Bartens im SZ-Feuilleton dem deutschen Gesundheitssystem mit seinen "Fallpauschalen", das inzwischen von Controllern regiert werde: "Häufig kommt es vor, dass die Pauschale aus wirtschaftlicher Sicht zu gering ausfällt. Dann werden zusätzliche Diagnosen erfunden, ergänzt und vor allem 'codiert', denn nur so sind sie für die Abrechnung relevant. Die Kranken werden kränker gemacht, als sie sind. Wenn das nicht reicht, werden Patienten 'blutig entlassen', also mit pflegeintensiven Wunden oder noch so geschwächt, dass sie kein Hausarzt und erst recht kein Angehöriger zu Hause versorgen kann."