9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2021 - Gesellschaft

In der taz geht Christian Jakob zusammen mit Kollegen von Falter und WOZ ausführlich der Frage nach, was die große Impfskepsis in den deutschsprachigen Ländern erkläre? Ist es die Romantik, die Homöopathie, die Demokratiefeindschaft? Am Ende erklärt ihm aber auch die Gesundheitspsychologin Nina Knoll, dass es am mangelnde Vertrauen in den Staat liege und an der Unterschätzung von Corona: "Die Impfbereitschaft hängt von der Güte der Kommunikation der Impfkampagne ab. Bremen bestätigt Knolls Befund: Die Zweitimpfungsquote liegt hier bei 81 Prozent - bundesweite Spitze. Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) erklärt dies so: 'Wir haben Daten erhoben, wo die Inzidenzen besonders hoch sind: Dort, wo die Arbeits- und Wohnverhältnisse prekärer sind. Und für uns war klar, hier muss man unterstützen, aufklären und Angebote schaffen.'"

Daniel Böldt stellt in einem weiteren taz-Artikel fest, dass ein großer Teil der anthroposophischen ÄrztInnen die Corona-Impfung befürworten: "Das anthroposophische Krankenhaus Havelhöhe hat es in der Region Berlin-Brandenburg in den vergangenen Wochen zu einiger Bekanntheit gebracht. Nicht nur weil hier jeden Tag gegen Corona geimpft wird, sondern auch weil die Organisation funktioniert."
Stichwörter: Corona, Homöopathie, Inzidenzen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2021 - Gesellschaft

Caroline Jebens führt in der FAZ ein beeindruckendes Gespräch mit dem Schauspieler Christian Kahrmann, der schwer an Corona erkrankt war und dessen Vater an Corona starb, während er selbst im Koma lag. Kahrmann ist immer noch im Genesungsprozess:  "Es war ein einziger Marathon von der Intensivstation zur Reha. Ich war so geschwächt, dass ich mich noch nicht mal von alleine auf die Bettkante setzen konnte. Mein Körper war wie weggeschmolzen: Ich hatte keine Muskeln, keine Kraft mehr, konnte nicht richtig essen. Ich habe 20 Kilo in der Zeit abgenommen. Man hat mir die Lunge ausgesaugt. Ich hatte glasige Augen, meine Wirbelsäule zeichnete sich ab. Ich sah aus wie ein Gespenst. Ich habe keine Fotos davon gemacht, heute ärgere ich mich etwas deshalb."

"Eine allgemeine Impfpflicht ist grundsätzlich mit der Verfassung vereinbar", schreibt der Rechtswissenschaftler Frank Mayer in der SZ, denn: "zugunsten der Allgemeinheit erlaubt das Grundgesetz durchaus auch erhebliche Beschränkungen der körperlichen Unversehrtheit und anderer Verfassungsgüter." Und weiter: "Es ist bereits jetzt deutlich, dass die Befürworter einer Impfpflicht die übergroße Mehrheit ausmachen. Demokratie ist aber Mehrheitsherrschaft - und das meint nicht die gefühlte Mehrheit der Boulevardpresse. Dass sich Mehrheits- und Minderheitsmeinungen gegenüberstehen, kommt regelmäßig vor. Spaltung droht erst, wenn die Minderheit die grundgesetzkonforme, demokratische, parlamentarische Mehrheitsentscheidung als fundamentale Spielregel nicht mehr hinnimmt. Wo sich Corona- und Impfskepsis zu einer identitären Abwehrhaltung entwickelt haben, steht häufig auch die Akzeptanz dieser Regel infrage. Dann aber wäre die Rücksichtnahme auf das Spaltungsargument die Duldung einer Tyrannei der radikalisierten Minderheit."

Ähnliche Fragen stellen sich auch beim Gendern, das eine Mehrheit ablehnt, in offiziellen Stellen. Hannovers Verwaltung gendert bereits seit drei Jahren, angesprochen werden "Wählende" und "Bürger:innen". Ulrike Lembke, Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Berliner Humboldt-Universität hat nun ein 123seitiges Gutachten verfasst, das sich Reinhard Bingener bereits gestern für die FAZ angesehen hat. Lembke leite darin "eine Pflicht für staatliche Stellen ab, künftig gendergerechte Sprache zu verwenden und auch auf binäre Anreden wie 'Sehr geehrte Damen und Herren' zu verzichten. (…) Insgesamt attestiert die Gutachterin den deutschen Verwaltungen, bei Umsetzung und Anwendung geschlechtergerechter Sprache vielfach 'in grober Verletzung rechtsstaatlicher Grundsätze' ihre Bindung an das Gesetz zu vernachlässigen. Das ist ein schwerwiegender Vorwurf. Auch stellt sich die Frage, wie sich Lembkes Ableitung einer Pflicht zu anderslautenden Entscheidungen demokratisch legitimierter Politiker verhält, die eine gendergerechte Sprache jüngst explizit untersagt haben."

In der Welt ärgert sich Anna Schneider: "Worum es Lembke eigentlich geht, blitzt in auffällig abfälligem Ton an einigen Stellen durch. Da ist von der 'überfälligen De-Privilegierung' der Männer bis in die Verwaltungssprache die Rede. 'Das Grundrecht auf Gleichberechtigung ist ein zugunsten von Frauen wirkendes, antipatriarchales Verbot, von der gesellschaftlich dominanten Gruppe der Männer unterdrückt zu werden.' Weder ist jeder Mann privilegiert, noch ist jede Frau ein Opfer, und es ist ganz sicher nicht im Sinne des Grundgesetzes, Frauen gegen Männer - oder Männer gegen Frauen - auszuspielen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2021 - Gesellschaft

Transfrauen sind Männer, die nicht einfach Zugang zu Räumen suchen sollten, die Frauen vorbehalten sind, beharrt Kathleen Stock im Gespräch mit Anna-Lena Scholz von der Zeit: "In Großbritannien konnten auf diesem Wege Männer erwirken, in Frauengefängnisse verlegt zu werden. Natürlich sind die meisten Männer keine Vergewaltiger. Und die meisten Transfrauen sind ungefährlich. Aber das weiß man vorher nicht. Deswegen ist es sinnvoll, diese Gruppe von einigen Orten auszuschließen, also: Männer. Mein Maßstab ist: Wie schützen wir Frauen? Dieses Sicherheitsprinzip besagt, dass wir vom schlimmstmöglichen Szenario ausgehen sollten."

Vielleicht wundert sich ja nicht nur Yascha Mounk, dass Willy Brandts berühmter Kniefall nun eine 2-Euro-Münze ziert:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2021 - Gesellschaft

Wir sollten den "Aufstand der Anstehenden" zur Kenntnis nehmen, mahnt Gereon Asmuth in der taz: "Sie haben sich längst zur Massenbewegung gemausert. Im Durchschnitt 900.000 Menschen lassen sich derzeit bereitwillig impfen. Tag für Tag. Es ist die größte Coronademo des Landes und wird doch leider zu oft übersehen, zu selten thematisiert."

Im Gespräch mit Kai Kupferschmidt von den Riffreportern denkt der Virologe Christian Drosten auch über den Zustand der Öffentlichkeit nach, in der er sich äußert. Über die Nachbarn von den geisteswissenschaftlichen Instituten hat er, ohne Namen zu nennen, nicht so Nettes zu sagen: "Ich sehe gar nicht, dass so viele Geistes- und Sozialwissenschaftler sehr informierend und engagiert in der Wissenschaftskommunikation sind. Da gibt es schon hier und da Kommentare, es gibt sicherlich auch Leute, die immer wieder auftreten. Es gibt aber - vielleicht auch, weil man sich da noch schwieriger an Fachgrenzen halten kann und an wirkliche Kompetenzfelder - schon sehr gemischte Botschaften, auch aus diesem Feld. Auch Botschaften, da muss man schon sagen: 'Moment. Wenn man sich jetzt ein bisschen mit der Infektionsbiologie befasst hätte, dann würde man das so nicht sagen.'"

Die Hochschulen werden derzeit in rasantem Tempo digitalisiert. Das wird geradezu ein neues Geschäftsmodell, meint Josef Joffe in der NZZ. Aber es wird auf Dauer nicht funktionieren: "Im Sommer meldete die Universität Manchester, dass alle Vorlesungen fürderhin Online stattfinden würden, Corona oder nicht. Wer braucht noch Hausmeister und Putzkolonnen, wenn man den Hörsaal an ein Startup vermieten kann? Was Manchester angeschoben hat, wird garantiert anderswo Schule machen, zumal die Studentenzahlen in Amerika absacken. Die berüchtigte 'Massenuniversität' zerfällt in Millionen von kleinen Nestern, wo der junge Mensch sagen kann: 'Mein Lehrer ist mein Mac.' ... Quem ad finem - wo soll das hinführen? Der Hype mit den Moocs (Massive Open Online Courses) ist vorbei, weil die Absolventenzahlen gen null tendierten. Es geht eben nicht ohne Betreuung und Ersatzfamilie - nicht bei Zwanzigjährigen, die die reale Welt noch entdecken müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2021 - Gesellschaft

Der Politikwissenschaftler Felix Sassmannshausen hat eine Liste Berliner Straßennamen erarbeitet, die nach Antisemiten benannt sind sind. Auftraggeber ist der Ansprechpartner des Landes Berlin zu Antisemitismus, Samuel Salzborn, der damit auf entsprechende postkoloniale Listen reagiert. Empfohlen wird entweder eine Kontextualisierung oder eine Umbenennung der Straßennamen, berichtet Claudius Prößer in der taz, dem aber Lücken auffallen: "Während das Dossier den ebenso notorischen Antisemiten Richard Wagner mitsamt seiner Frau Cosima sowie einigen seiner Werknamen (Rienzi, Tannhäuser, Lohengrin) lieber aus dem Straßenbild verbannen will, taucht ein anderer großer Name des 19. Jahrhunderts gar nicht auf: Karl Marx. Dabei hat der in seiner Schrift 'Zur Judenfrage' Dinge geschrieben, die aus heutiger Sicht zumindest stark eingeordnet werden müssen. Dazu von der taz befragt, sagte Sassmannshausen, er habe auch eine 'Liste von Zweifelsfällen', bei denen ihm der Forschungsstand zu unsicher gewesen sei."

Der Medizinhistoriker Malte Thießen untersucht die Entstehung von Verschwörungstheorien im Kontext von Epidemien. Im Gespräch mit Katrin Richter von der Jüdischen Allgemeinen sagt er: "Opferstilisierungen haben in der politischen Kultur schon seit den siebziger, achtziger Jahren diese Tradition. Bei gesundheitspolitischen Themen ist das lange Zeit eher ein Projekt der Linken. Wie zum Beispiel bei Aids: Dort spielte das Dritte Reich bei der Kritik an der Erfassung der Infizierten eine große Rolle. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich diente so als Warnung, welche Auswüchse die Pandemie-Politik annehmen kann." Die Proteste gegen Impfpflicht haben dagegen eine uralte Tradition in der extremen Rechte, zeigt Thießen etwa am Beispiel der Proteste gegen Pockenimpfungen in der Kaiserzeit.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2021 - Gesellschaft

Im Gespräch mit Manuela Heim von der taz erklärt der Augsburger Anästhesist Axel Heller, wie die Abwägung, wer zuerst behandelt wird und wer eventuell zuerst von rettenden Geräten getrennt wird, in seinem Krankenhaus gehandhabt würde, sofern Triage nicht mehr zu vermeiden wäre: "Es ist ein Gebot der Fairness, dass man alle Patienten, die zu dem Zeitpunkt in Behandlung sind, in die Bewertung mit reinnimmt. Auch einer, der gestern mit einem Herzinfarkt gekommen ist, wird im selben Verfahren eingeschlossen. Und derjenige, der die schlechtesten Erfolgsaussichten hat, der müsste dann als Erster von der Ressource getrennt werden." Diese Entscheidung wird nicht von den behandelnden Ärzten getroffen, sondern es entscheidet "ein dreiköpfiges Team aus Intensivmedizinern und Pflegekräften, das nicht unmittelbar an der Behandlung dieses Patienten beteiligt ist, um auch eine gewisse Objektivität zu haben. Und dieses Gremium würde dann jeden Tag über die Intensivstationen gehen und jeden Tag neu evaluieren." Laut Gereon Asmuth, ebenfalls in der taz, zeigt sich schon jetzt an leicht abnehmenden Sterbezahlen, dass Boostern Hunderte Leben rettet.

In der FAZ fordert der Genomforscher Alexander Dilthey im Gespräch mit Timo Steppat, dass sich die Politik schon jetzt auf die fünfte und sechste Welle im nächsten Jahr vorbereitet: "Wir müssen jetzt über künftige Booster reden. Damit geht die Frage einher, dass Vorverträge mit Impfstoffherstellern abgeschlossen werden, die über den Lieferumfang und den zeitlichen Ablauf bestimmen. Das kostet jetzt Geld, das dürfte aber deutlich weniger sein als die Folgekosten der nächsten Wellen, die womöglich zu Freiheitseinschränkungen führen."

Warum Sachsen? Sachsen hat 40 Prozent Impfverweigerer und Inzidenzen zwischen 1.000 in Dresden und 2.200 in Meißen. Michael Bartsch sucht in der taz nach einer historischen Erklärung für die sächsische Mischung aus Larmoyanz und Renitenz: "Man kann dieses Gefühl aus den Traumata der militärischen Niederlagen im 18. und 19. Jahrhunderts sowie aus dem erheblichen Gebiets- und europäischen Bedeutungsverlust nach dem Wiener Kongress 1815 herleiten. Das daraus resultierende Bedürfnis nach Anerkennung ist bis heute ebenso spürbar wie eine latente Aggressivität. Solche kollektiven Neurosen führen zu den nur scheinbar widersprüchlichen Extremen von besonderem Opportunismus einerseits und Renitenz andererseits. Sachsen war besonders braun und besonders rot im 20. Jahrhundert und ist besonders blau in der Gegenwart."

Neulich präsentierte die Bild-Zeitung drei Wissenschaftler als "Lockdown-Macher". Joachim Müller-Jung, Wissenschaftsredakteur der FAZ, greift die problematische Rolle der Springer-Medien, besonders der Bild in der Corona-Pandemie auf. "Die Frage, bei der wir mit diesen und in sozialen Medien tausendfach wiederholten Attacken gegen Wissenschaftler inzwischen angekommen sind, lautet angesichts der Radikalisierung nicht mehr wie vor einem Jahr noch: Werden wir von Fachleuten regiert, oder bastelt die Regierung gar an einer 'Expertokratie'? Vielmehr lautet sie nun: Müssen die Forscher vor der schamlosen Diffamierung künftig besser geschützt werden?" Müller-Jung berichtet heute auch, dass Boostern auch gegen Omikron hilft, wenn auch nicht im gleichen Maß wie gegen Delta.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2021 - Gesellschaft

Die Intensivstationen sind bekanntlich überlastet, auch weil Pflegepersonal den Druck nicht mehr aushielt und kündigte. Manuela Heim und Felix Lee erklären in der taz nochmal, nach welchen Kriterien in der "Triage", die in der Katastrophenmedizien stets praktiziert wird, entschieden wird. Nach heftiger Diskussion sei klargestellt worden, dass der Impfstatus dabei keine Rolle spielen dürfe. Das heißt aber nicht, dass es nicht schon längst Bevorzugte gibt: "Der Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Köln, Michael Hallek, berichtet von Verzögerungen lebensrettender Versorgungen, etwa wenn man eine Stunde lang für einen Patienten während eines Herzinfarkts ein freies Intensivbett suche. 'Das ist das, was ich bewusst weiche Triage nenne', so Heller. Der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Stefan Kluge, bezeichnet es als 'latente Triage', wenn spezialisierte Krankenhäuser in den besonders betroffenen Bundesländern Menschen mit Schlaganfall oder akuter Leukämie nicht aufnehmen können."

Die Szene der Impfgegner hat sich verändert und zum Teil fragmentiert, ist aber nicht schwächer geworden, schreibt Ronen Steinke in der SZ: "Der Protest ist kleinteiliger geworden, online wie offline. Im Vergleich zum Sommer ist man jetzt stärker in kleinen Gruppen unterwegs, zersplittert. Von den großen 'Querdenken'-Gruppen sind viele Protestler enttäuscht, auch weil deren Chefs inzwischen teils in Tansania in der Sonne sitzen, anstatt zu beantworten, wohin Spendengelder verschwunden sind. Mit dem Wegfallen von 'Querdenken' fehlt der große überregionale Träger, der zumindest zum Schein versucht hat, sich von Rechtsextremen fernzuhalten."

Dass die Polizei in den Neuen Ländern Rechtsextreme, die teilweise vor den Privathäusern von Politikerinnen demonstrieren, eher gewähren lässt, während sie Gegendemonstranten verfolgt, liegt für den taz-Autor Daniel Schulz in der DDR-Tradition: "Im Zweifel erscheint das als fremd gelesene, das als dekadent empfundene, die Abweichung, das Linke, das Migrantische eher bekämpfenswert als die angebliche Mitte der Gesellschaft, die sich vielleicht gerade nur verlaufen hat in den Wirren des Lebens. So funktionierten schon die DDR-Behörden. Viele, die für die Proteste mobilisieren und an ihnen teilnehmen, wurden damals sozialisiert oder kennen entsprechende Geschichten. Die AfD macht mit Slogans wie 'Vollende die Wende' tatsächliche und vermeintliche völkische Elemente der Revolution von 1989 für sich nutzbar."

Ebenfalls in der taz erzählt Sabine Seifert die Geschichte der Kinderkurheime, in die bis in die Achtziger Millionen Kinder alleine verschickt wurden - für viele eine äußerst traumatische Erinnerung. Seifert hat unter anderem mit Gundula Oertel gesprochen, die die Aufarbeitung angestoßen hat. "Viele Verschickungskinder berichten, dass sie gezwungen wurden, ihren Familien Postkarten mit positiven Nachrichten zu schicken. 'Wir waren eingekerkert in einem System, das von außen nicht zu sehen war', sagt Oertel. Das Prinzip der totalen Institution, nennt es die Sozialforschung, die den Begriff für Gefängnisse und Psychiatrien erfand, der aber auch auf Heime zutrifft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2021 - Gesellschaft

In der Welt platzt dem Allgemeinmediziner Wolfgang Schneider-Rathert der Kragen angesichts der erneuten politischen Fehlplanungen: "Der Politik scheint nicht klar zu sein, was die erneut mangelhafte Impfstofflogistik für uns bedeutet. Wir Hausärztinnen und Hausärzte sind nur noch fassungslos, wenn unsere Medizinischen Fachangestellten Hunderte Impftermine absagen oder wegen des Wechsels zu Moderna umlegen müssen. Der Beratungsbedarf der Patienten ist dabei enorm. Er wäre vermeidbar gewesen, wenn vor der Terminvergabe klar gewesen wäre, dass Moderna als gleichwertiger Impfstoff zur Verfügung steht. Kaum einer weiß, dass wir mitten in der Pandemie mit nicht ausgereiften Digitalprojekten wie der elektronischen Patientenakte, der elektronischen Krankschreibung und dem elektronischen Rezept von der Arbeit abgehalten werden."
Stichwörter: Impfen, Impfkampagne, Corona

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2021 - Gesellschaft

Was ist bloß los in Sachsen, fragt sich Cornelius Pollmer in der SZ mit Blick auf Rechtsextremismus, Fackelmärsche oder den "Furor" gegen sämtliche Corona-Maßnahmen: "Richtig ist, dass gerade der ländliche Osten seit 1990 brutal ausgeblutet ist, dass in Summe vier Millionen Menschen die ehemalige DDR verließen, weil es im Westen größere Firmen mit größeren Lohntüten gab und im Osten eben keine gleichwertigen Lebensverhältnisse. Es gingen, da unterscheidet sich Deutschland nicht vom Rest der Welt, vor allem die, die körperlich und geistig am ehesten mobil waren - was für eine Gesellschaft da zurückbleibt und wie verwundbar sie ist für rechtsextreme Einflüsterer, das darf sich jeder gerne selbst überlegen."

Es ist die vierte Welle, und die Impfquote in Deutschland will immer noch nicht so recht steigen. Daran ist auch die jahrelange deutsche Toleranz (und Kassenfinanzierung) für Homöopathie schuld, meint Natalie Grams-Nobmann bei hpd.de, "wegen ihrer Verbreitung und vor allem ihres ungerechtfertigten Ansehens, das sie nach wie vor weithin genießt - sie kann den 'Einstieg zum Ausstieg aus dem wissenschaftlichen Denken' immens befördern. Dabei fängt es harmlos an. Ein paar Globuli fürs Baby von der Hebamme können doch nicht schaden? Und muss die erste Impfung wirklich so früh sein? Sorry, aber genau das haben wir viel zu lange toleriert. Ich sage: Wer Globuli sät, wird Impfgegnertum ernten." Umfragen belegen ihre Vermutung: "Bei den Erwachsenen, die Homöopathie bejahen, sind lediglich rund 47 Prozent bereit, sich impfen zu lassen!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2021 - Gesellschaft

Die Kabarettistin Lisa Eckhart, die schon vor einigen Monaten mit ein paar Judenwitzen auffiel, hat nun am 9. November über jüdische Nasen extemporiert. Philipp Peyman Engel fragt sich in der Jüdischen Allgemeinen, wie so etwas heute überhaupt über die Sender gehen kann. "Eckharts Verteidiger sagen: Die Künstlerin werde missverstanden. Sie entlarve schonungslos die antisemitischen Einstellungen ihres Publikums. Sollte dies, das vermeintliche Spiegeln ihrer Zuschauer, tatsächlich Eckharts kabarettistisches Konzept sein, wäre dies ein weiterer Beleg für die Hoffnungslosigkeit des deutschen Humorbetriebs. Braucht es wirklich öffentlich aufgeführte Judenwitze, um auf das Problem des Judenhasses in diesem Land hinzuweisen?"