9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2021 - Gesellschaft

Die Impfgegnerschaft vieler Ostdeutscher ist ein Echo der Wiedervereinigung, meint der Autor Lennart Laberenz in der taz: "Das Elitenprojekt Sozialabbau, Beschneidung der Daseinsvorsorge, komplementiert mit militanter Forderung von Selbstverantwortung schallt nun aus dem Wald zurück als komplette Unfähigkeit, einen Gemeinschaftsbegriff zu denken. Der Wald bedeckt auch Teile der Mitte der ostdeutschen Gesellschaft. Von hier halten Menschen einer Mehrheit ihre Hartleibigkeit entgegen, die sie sich im Wettbewerb aller gegen alle angelegt haben."

In der Welt bekennt sich der Journalist Tim Röhn zur Coronaskepsis: "Gerade stehen die Ungeimpften im Fokus der Empörung, es wird schon diskutiert, ob man sie behandeln soll, wenn sie wegen Corona in die Klinik müssen. Motto: selbst schuld, wenn dich Corona trifft. Was ist, wenn einmal mit anderen Gruppen so umgegangen wird? Mit Rauchern etwa. Und wollen wir noch jene behandeln, die als Folge des Alkoholkonsums krank werden?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2021 - Gesellschaft

Manchmal ist man sich ja unsicher. Gab es tatsächlich frühzeitige Warnungen vor einer vierten Welle? Wibke Becker spult für die FAS zurück, ja, ganz klar, es gab sie, und von aller offiziellster Seite, vom  Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler: Schon Im Juli war Wieler klar, dass eine Impfquote von sechzig Prozent nicht reichen würde,"um gut durch den Herbst zu kommen. Auch, weil etwa zum selben Zeitpunkt die sehr viel ansteckendere Variante Delta nach nur drei Monaten die Variante Alpha verdrängt hatte. Wieler trat also mit Angela Merkel im Robert-Koch-Institut auf, und die Kanzlerin warnte eindringlich: Bei dieser neuen Variante brauche es eine Impfquote von 85 Prozent in der Gruppe der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent in der Gruppe der über 60-Jährigen. 'Ansonsten werden wir wieder sehr hohe Fallzahlen bekommen.'" Und "'wenn wir die Impfquoten jetzt nicht steigern, wird die vierte Welle einen fulminanten Verlauf im Herbst und Winter nehmen', sagte der RKI-Präsident Anfang September."

Dass so viele die Impfung verweigern, liegt auch an einer Wissenschaftsskepsis der Deutschen, für die die Homöopathie zu den beliebtesten alternativen Heilmethoden in Deutschland gehört, kritisiert Julian Aé in der Welt. Und die darf auch von impfkritischen Heilpraktikern ausgeübt werden: "Dank einer international einmaligen Gesetzgebung, einem Relikt aus der NS-Zeit, dürfen sie etwa ohne staatlich geregelte Ausbildung Infusionen legen, Blut abnehmen und sogar Krebspatienten behandeln. ... Dass sich Heilpraktiker und alternativmedizinisch tätige Ärzte in Deutschland so großer Beliebtheit erfreuen, ist zudem die logische Konsequenz einer fehlgeleiteten Gesundheitspolitik. Anwender alternativer Verfahren nehmen sich für ihre Patienten in der Regel mehr Zeit, weil sie dafür entsprechend bezahlt werden. In der etablierten Medizin wird die 'sprechende Medizin' hingegen miserabel vergütet - Patienten fühlen sich oft abgefertigt und nicht ernst genommen."

Ach, der Flughafen BER, es ist deprimierend. Niklas Maak fasst in der FAS nochmal zusammen. Die Wege sind lang und zugig. Aber vor allem ist der Flughafen schlecht praktikabel, zu weit von der Stadt, um bequem zu sein, zu nah an der Stadt, um expansionsfähig zu sein: "Der Lärmschutz verhindert Größeres. Wer von New York nach Berlin will oder umgekehrt, muss erst mal nach Frankfurt oder München fliegen, weswegen die großen Konzerne natürlich dort ihre Hauptvertretungen ansiedeln und nicht in Berlin. Hätte man mit einem neuen Flughafen ändern können. Hätte. Dafür hätte man dann einen anderen Bürgermeister gebraucht als Klaus Wowereit, der sich hinter seinem Berlin-ist-arm-aber-sexy-Spruch verschanzte und den Dingen ihren desaströsen Lauf ließ."

Es sind ja meist die männlichen Exemplare, die bei der Tierhaltung dran glauben müssen. Dass es auch im Zoo bei Gorillas so ist, berichtet Colin Goldner bei hpd.de. Zoos planen die Tötung  "überzähliger" männlicher Junggorillas, so Goldner: "Trotz der innerhalb des Zoowesens längst als problematisch erkannten Überpopulation männlicher Gorillas in europäischen Zoos wird ungehindert weiter drauflos 'gezüchtet' (im Zoo Krefeld etwa, in dem derzeit sechs Gorillas leben, sollen gar weitere 'Zucht'gruppen aufgebaut werden). Weshalb? Weil Gorillababies garantierte Kassenmagneten sind ('Ach wie süß'). Kommen sie in die Pubertät, müssen die männlichen Tiere aussortiert werden, da Gorillas in Haremsfamilien (1 m und mehrere f) leben, in denen nur ein erwachsener Mann (Silberrücken) geduldet wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2021 - Gesellschaft

In der SZ erzählt Willi Winkler die bittere Geschichte der amerikanischen Autorin Alice Sebold, die als 18-Jährige vergewaltigt wurde und mit Büchern über die Tat Millionen verdiente. Jetzt hat sich herausgestellt, dass der Mann, den sie mit ihrer Aussage für sechzehn Jahre hinter Gitter gebracht hatte, unschuldig war. Sie war weiß, er war schwarz: "In ihrer Erklärung sagt sie, 'dass es mir immer leid tun' werde, 'was ihm angetan wurde'. Völlig zu Recht gibt sie die Schuld 'unserem mängelbehafteten Rechtssystem', das einen jungen Schwarzen misshandelt hat. Sie bedauert, dass der Mann, der sie vergewaltigt hat, deswegen nie verurteilt worden ist. Von ihrem Anteil, von ihrer Mitschuld an der Verurteilung Broadwaters spricht sie nicht. Vor vierzig Jahren sei noch nicht darüber geredet worden, dass in diesem Rechtssystem 'Gerechtigkeit für die einen oft auf Kosten anderer' geübt werde. In ihrem Buch falsifiziert sie diese Aussage selber, jedenfalls zeigte sie 1999, als 'Lucky' erschien, sehr wohl ein Bewusstsein für die schreiende Ungerechtigkeit, dank der sie aus dem Prozess gegen Broadwater siegreich hervorging. Ein reflektierter Rassismus wabert durch das Buch, die beruhigende Gewissheit, dass sie ihren Peiniger am Ende doch ins Gefängnis bringen wird."

Die britische Regierung will gesetzlich Konversionstherapien verbieten lassen. Das ist überfällig, soweit es nur um die grausame und unsinnige Behandlungsform geht, mit der Homosexualität bekämpft werden soll, meint der Economist. Doch das Gesetz betrifft auch das Feld der Gender-Medizin und würde bedeuten, dass therapeutische Gespräche vor einer Geschlechtsumwandlung untersagt würden. Gesetzlich vorgeschriebene "gender affirmation" bei Jugendlichen sei eine schlechte Idee, meint die Zeitschrift in einem Leader: "Die bisherigen Ergebnisse sind nicht ermutigend. Kliniken und Psychologen berichten, dass viele als Trans identifizierte Patienten unter Depressionen und Ängsten leiden, einige haben Misshandlungen in ihrer Kindheit erlebt, viele sind schwul oder lesbisch und verwechseln vielleicht ihre erwachende Sexualität mit einer transsexuellen Identität. Eine haben auch homophobe Eltern, die lieber eine straighte (Trans-) Tochter haben als einen schwulen Sohn. Zwischen sechzig und neunzig Prozent aller Kinder, die als Trans identifiziert wurden, versöhnen sich am Ende mit ihrem biologischen Geschlecht, solange ihre Cross-Identität nicht unkritisch unterstützt wird. Mit Patienten über ihre Gefühle sprechen sollte nicht illegal sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2021 - Gesellschaft

Auf den Meinungsseiten der SZ berichtet der Nürnberger Oberarzt Matthias Baumgärtel von den unerträglichen Zuständen auf den Intensivstationen, der Überlastung des Pflegepersonals und dem Unverständnis gegenüber den Impfverweigerern: "Noch immer ist der weitaus größte Teil unserer Patienten nicht geimpft. Bei uns jedoch lassen sie sich einen Medikamentencocktail verabreichen, dessen Spektrum an Nebenwirkungen den des Impfstoffes um ein Vielfaches übertreffen kann. Immer noch bin ich erstaunt, mit welcher Wucht das Virus die Lunge und andere Organe zerstört. Während bei anderen Erkrankungen mit der Aufnahme auf die Intensivstation häufig die Heilung beginnt, kommt es bei Covid eigentlich immer zu einer Verschlechterung innerhalb der nächsten Stunden und Tage. Wir begleiten die Patienten mit einer Hochfluss-Sauerstofftherapie, mit Maskenbeatmung, womöglich mit Intubation und anschließender invasiver Beatmung. Was das bedeutet, wissen viele mittlerweile aus den Medien: Wir müssen sie in ein künstliches Koma versetzen, ob sie wieder aufwachen werden, weiß man nicht. Wir ermöglichen dann ein letztes Videotelefonat."

Ziemliche Befremdung herrscht nun langsam (sehr langsam) über die "Ständige Impfkommission". Deren Chef Thomas Mertens hat gestern zur allgemeinen Verunsicherung beigetragen, indem er in einem FAZ-Podcast sagte, wenn er in siebenjähriges Kind hätte, würde er es nicht impfen lassen. Die Stiko übte generell eine Kunst der Langsamkeit, die der ehemalige Leiter des israelischen Impfprogrammes, Ronnie Gamzuim, Gespräch mit "Panorama" gestern Abend scharf kritisierte: 'Der ehemalige Leiter des israelischen Impfprogrammes, Ronnie Gamzu, ist schockiert über die deutsche Langsamkeit: "Das war einfach total falsch. Wir hatten klare Beweise, wir haben die Daten. Es gab keine wissenschaftliche Basis dafür zu sagen, die Auffrischimpfung bringe nur den über 70-Jährigen etwas. Wir haben gesehen, dass die Zahl der Antikörper auch bei 40-Jährigen zurückgeht. Was für Beweise braucht man denn noch?'"

"Die Mittelschicht schrumpft", ist eine beliebte Diagnose bei besorgten Debatten um den Zustand unserer Gesellschaft. Jürgen Kaube guckt sich in der FAZ die Studien an, auf denen diese Behauptung beruht und findet schwankende Ergebnisse ohne Tendenz: Mal umfasst die Mittelschicht 65 Prozent, dann wieder 70 Prozent der Erwerbstätigen, je nach Messmethode und -zeitpunkt: "Man möchte also schlussfolgern, die Mittelschicht schrumpfe und wachse zugleich, je nachdem, wer wie misst, und je nachdem, welche Jahre um dramatischer Effekte willen zu Eckpunkten des Vergleichs herangezogen werden." Am Ende kann Kaube beruhigen: "Die Mittelschicht schrumpft nicht einmal in den Studien derer, die angeblich ihr Schrumpfen nachgewiesen haben. Sie schrumpft nur in vielen Medien."

Dass es mit dem Abtreibungsrecht in den USA abwärts geht, verdankt sich nicht nur den Manipulationen der Republikaner, schreibt die Feministin Rebecca Traister im NyMag, sondern in erster Linie auch einer Demokratischen Partei, die dabei nur zusah. Traister beschreibt den Prozess als Verrat der Eliten an der Mehrheit: "Die Demokraten haben sich von einem unzutreffenden, unehrlichen Framing - der Behauptung, Abtreibung sei ein heißes Thema und spalte das Land, obwohl der Schutz des Rechts auf Abtreibung einer der wirksamsten Trümpfe der Demokraten selbst in roten Staaten ist - davon abhalten lassen, politische Kämpfe über Abtreibung zu führen." Grund dafür sei auch, "dass die meisten Politiker, von denen die Mehrheit weiße Männer und viele der übrigen wohlhabende weiße Frauen sind, die selbst niemals ein Problem mit Zugang zu medizinischer Versorgung haben werden, das Thema Abtreibung eklig und abstoßend finden".

Matheus Hagedorny macht in der NZZ auf interessante Widersprüche in der rechtspopulistischen bis -extremen Szene im Verhältnis zum Islam aufmerksam: Während der populäre Rechtspopulismus mit Muslimfeindlichkeit auftrumpfen wolle, halte sich die extreme und eher untergründig einflussreiche Neue Rechte um Götz Kubitschek und Co. in dieser Frage auffällig zurück, so Hagedorny, denn sie möchte in sich nicht in einem Lager mit Verteidigern westlicher Werte wiederfinden. Hagedorny illustriert diesen Diskurs am Beispiel des norwegischen Bloggers Fjordman, der Anders Breivik zu seine Tat inspirierte: "Fjordman sieht den Feind weniger in den muslimischen Migranten. Vielmehr seien es diejenigen, die mit angeblich zu liberaler Gesellschaftspolitik den Untergang des 'weißen' Europas herbeiführten. Folgerichtig entfesselte Breivik seinen Terror nicht gegen Muslime, sondern gegen das Regierungsviertel und den Nachwuchs der regierenden Sozialdemokraten, die er für fatalen Multikulturalismus verantwortlich machte." Eine Klammer zwischen diesen beiden Diskursen bietet nach Hagedorny die Theorie vom "großen Austausch".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2021 - Gesellschaft

Abtreibung ist in den meisten Ländern ein Streitthema, schreiben Karoline Meta Beisel und Oliver Meiler in der SZ. In Mexiko wurde gerade liberalisiert, in vielen katholischen Ländern macht aber die Kirche ihren Einfluss noch geltend. Ideologische Gegenbewegungen sind stärker geworden. Säkularisierung hilft, erläutert die im  Artikel befragte Gesundheitswissenschaftlerin Daphne Hahn: "Es sei ein Trugschluss zu denken, dass strengere Abtreibungsgesetze automatisch zu weniger Abtreibungen führten. Oft sei das Gegenteil richtig: 'In Ländern mit liberaleren Gesetzen zum Schwangerschaftsabbruch gibt es in aller Regel auch leichteren Zugang zu Verhütungsmitteln und bessere Bildungsangebote in der Schule', sagt Hahn - was es für Frauen auch erleichtere, mit einem Sexualpartner überhaupt offen über Verhütung zu sprechen und ungewollte Schwangerschaften von vornherein zu verhindern.'"

Auch die taz berichtet zum Thema Abtreibung. In Chile ist ein Gesetz zur Liberalisierung gerade im Parlament gescheitert, schreibt Jürgen Vogt: "Pikanterweise stimmten dabei nicht nur fünf Abgeordnete der oppositionellen Mitte-links-Koalition gemeinsam mit den Abgeordneten der rechten Regierungsallianz gegen das Gesetz. Einige Abgeordnete der Opposition erschienen erst gar nicht, darunter der linke Präsidentschaftskandidat Gabriel Boric." Und in Mississippi soll das bisherige Abtreibungsrecht gekippt werden, berichtet Dorothea Hahn: "In dem Bundesstaat, einem der ärmsten Gebiete der USA, gibt es nur eine einzige Klinik, an der Frauen noch eine Abtreibung bekommen können. Vor den Toren dieses rosafarbenen Hauses müssen Patientinnen durch ein Spalier von AbtreibungsgegnerInnen gehen, die sie mit Bibeln et cetera behelligen."

Wie Abtreibung zu einem Symbolthema für nationale Erweckung umfunktioniert wird, zeigt das Beispiel Polen, über das Karolina Wigura in Zeit online schreibt. Schon nach dem Mauerfall wurde das Thema populistisch manipuliert: "Polen hatte schon 1993 das Abtreibungsgesetz verschärft. Diese als 'Abtreibungskompromiss' bezeichnete Regelung war eine der strengsten innerhalb der EU. Die öffentliche Meinung hatte zwar Anfang der Neunzigerjahre die Beibehaltung der liberalen postkommunistischen Abtreibungsgesetze befürwortet, aber Politiker hatten sich der Macht der katholischen Kirche gebeugt und das Gesetz ohne Rückgriff auf ein Referendum verschärft."

Im März soll eventuell eine Impfpflicht in Kraft treten, der Bundestag wird darüber ohne sogenannten Fraktionszwang abstimmen, erläutert ein SZ-Team: "Die zeitliche Perspektive ist so gewählt, dass auch Menschen, die bislang nicht geimpft sind, bis zum Inkrafttreten der Impfpflicht ausreichend Zeit hätten, mit zwei Teilimpfungen einen gültigen Impfschutz aufzubauen. Teil der Impfpflicht könnte auch die Wahrnehmung von Auffrischungsterminen sein. Der Status 'geimpft' wäre folglich befristet, die Impfzertifikate würden zum Beispiel nach sechs Monaten ihre Gültigkeit verlieren."

"Eine allgemeine Impfpflicht ist schlicht verfassungswidrig", schreibt der mit der Anthroposophie verbundene Otto Schily in der Welt: Sie "wird die schon jetzt erkennbaren Spaltungstendenzen in der Gesellschaft auf hochgefährliche Weise verstärken bis hin zu Gewaltausbrüchen. Das ist nicht zu verantworten. Mit Recht wird von denen, die in der Politik noch einen kühlen Kopf bewahren, vor allem die Frage gestellt, wie eigentlich eine allgemeine Impfpflicht durchgesetzt werden soll? Will man etwa den wahnsinnig gewordenen Juristen folgen, die allen Ernstes Freiheitsstrafen für Impfunwillige für gerechtfertigt halten?" International wäre eine solche Impflicht ein "deutscher Sonderweg, der bisher nur im ebenfalls konfus regierten Österreich eingeführt werden soll", sekundiert Frank Lübberding im Welt-Feuilleton.

"Triage" - ein Begriff der utilitaristischen Ethik - ist "in erster Linie ein Scheitern", sagt im SZ-Gespräch mit Nils Minkmar die französische Philosophin Cynthia Fleury: "Unser Zugang zu Ressourcen wird immer komplizierter und ungerechter, wir können eine umfassende Versorgung nicht mehr einfach voraussetzen, sondern müssen Prioritäten setzen. Dies wird dazu führen, dass unsere Krankenhäuser und Notfalldienste, aber nicht nur diese, sondern auch andere Institutionen der Versorgung, sogar der Bildung, zunehmend herabgestuft werden. Folglich müssen wir heute schon Kulturen der Resilienz ausbilden. Dabei sollten wir uns auf die Werte der Solidarität stützen, denn nur diese sind agil, schnell und können mit dem Unbekannten und der Ungewissheit umgehen. Der gewohnte Rationalismus des Managements funktioniert leider nur im Normalbetrieb, wenn alles bestens bekannt und abgesteckt ist."

Außerdem: In der NZZ rauft sich Katja Müller die Haare nach der Lektüre von Robert F. Kennedys Buch "The Real Anthony Fauci. Bill Gates, Big Pharma, and the Global War on Democracy and Public Health", in dem Kennedy Verschwörungstheorien verbreitet und das bei Amazon an der Spitze der Bestsellerliste steht: "Auf 480 Seiten beschreibt Kennedy, ein prominenter Impfgegner, wie Anthony Fauci, der Leiter des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten, mit Bill Gates und den Pharmafirmen unter einer Decke stecken soll. Sie würden ein 'mächtiges Impfkartell' führen, das die Pandemie verlängere und deren tödlichen Auswirkungen übertreibe, um teure Impfungen zu propagieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2021 - Gesellschaft

Natürlich ärgert es ihn, wenn er sieht, dass seine Patienten ungeimpft sind, sagt der sächsische Intensivarzt Uwe Krause im Gespräch mit Rieke Wiemann von der taz: "Obwohl sie auf der Intensivstation liegen, sind manche Patient*innen immer noch der Meinung, dass es das Coronavirus gar nicht gibt oder dass sie nicht infiziert seien, sie eine andere Erkrankung hätten. Viele wollen sich trotz wochenlangem Krankenhausaufenthalt weiterhin nicht impfen lassen. Das macht mich wütend. Weil die Betten, die diese Patient*innen belegen, anderen Patient*innen vorenthalten werden." Im Landkreis Leipzig liegt die 7-Tage-Inzidenz am Dienstag bei 1.582, sagt er auch und dass man sich rechtzeitig boostern lassen sollte.

Und währenddessen in Rottweil, in einem Bericht von Benno Stieber, ebenfalls in der taz: "Anfang Oktober dann protestieren Eltern der Waldorfschule Rottweil gegen die Schulleitung ihrer selbstverwalteten Bildungseinrichtung. Und zwar weil der Direktor das macht, was er gesetzlich machen muss: Masken- und Testpflicht an der Schule durchsetzen. Etwa fünfzehn Eltern stehen am Einschulungstag der Fünftklässler mit ihren Kindern und Transparenten vor der eigenen Schule. Es kommt zu unschönen Szenen vor den Kindern, die Schulleitung beklagt sich, sie sei 'unflätigen Beschimpfungen' ausgesetzt worden. Die Eltern bestreiten das."

Während die Inzidenzen immerhin leicht sinken, warnen Berliner Chefärzte die Bevölkerung in einem Appell, den der Tagesspiegel zitiert, angesichts der mit Ungeimpften überbelegten Intensivstationen vor riskanten Verhaltensweisen: "Dazu zählt etwa Extremsport auszusetzen, riskanten Drogenkonsum zu vermeiden und nur äußerst wachsam am Straßenverkehr teilzunehmen."

Und in seiner taz-Kolumne fragt sich Ilija Trojanow, warum sich die Politik von Impfgegnern einschüchtern lässt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2021 - Gesellschaft

Die Anthropologin Heidi Larson beschäftigte sich schon vor der Corona-Pandemie mit der Impfverweigerung, ihr Buch "Stuck" verfasste sie schon vor Corona. Ein besonders schlimmer Fall war die Verweigerung der Polio-Impfung durch islamistische Gruppen in Nigeria im Jahr 2003 und 2004, die zu einem neuerlichen Ausbruch der Krankheit führte. Larson plädiert im Gespräch mit Andrian Kreye von der SZ aber nicht einfach für Impfpflicht, weil Zwang Widerstände auslöse. Auf die Frage, wie man mit einem Anthroposophen umgehen soll, der steif und fest überzeugt ist, dass die Impfung seinen Inkarnationszyklus durcheinanderbringe, sagt sie: "Einige Menschen müssen sich von der Gesellschaft eben absondern, während dieser Sturm vorüberzieht. Wenn ihr Inkarnationszyklus nicht mit den Maßnahmen in Einklang gebracht werden kann, wenn ihr Inkarnationszyklus andere Menschen töten wird."

Mit der Studie der Basler Soziologen Nadine Frei und Oliver Nachtwey zu den grünen Strömungen in der Querdenker-Bewegung sieht Thomas Schmid in der Welt und in seinem Blog auch mit einem Irrtum aufgeräumt: "Wenn Lebensreformer und Anthroposophen auf Selbstheilungskräfte setzen und oft auch das Impfen generell ablehnen, klingt das, als sähen sie sich als bescheidener, in alles ergebener Teil der Natur. Doch das Gegenteil ist der Fall. Genau besehen sind sie radikale Individualisten. Die Basler Wissenschaftler haben mit zahlreichen heutigen 'Querdenkern' Tiefeninterviews geführt, etliche der Teilnehmer gaben an, früher die Grünen gewählt zu haben. Die Autoren kommen zu dem Schluss: 'Die Befragten verfügen über ein libertäres Freiheitsverständnis, in dem Individualität, Eigenverantwortung und Selbstbestimmung nahezu absolut gesetzt werden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2021 - Gesellschaft

Niemand ist heute woker als die HerrInnen der ganz großen Konzerne. Warum aber ist der Kapitalismus so woke geworden und wirbt für sich mit schwarzen Models un Regenbogenfahnen, fragt Alexander Grau im Spiegel. Weil die Woken so nützlich für ihn sind: "Die Woken sind die ideologischen Sturmtruppen des globalisierten Kapitalismus spätmoderner Prägung. Ihre Empörung soll der Eliminierung der letzten Restbestände alteuropäischer Kulturtradition den Anschein moralischer Dringlichkeit verleihen und so der marktkonformen Vision einer Welt von entgrenzten, immer mobilen, sich permanent neu erfindenden und global konsumierenden Individuen den gesellschaftspolitischen Boden bereiten."
Stichwörter: Woke, Wokeness, Woker Kapitalismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2021 - Gesellschaft

Willkommen in der Adventszeit. Die Virusvariante B.1.1.529 heißt jetzt "Omikron" (warum kommt nach Delta gleich Omikron, sind wir dem Ende so nahe?) Und die Zeitungen (etwa hier Zeit online) zitieren den Ärztefunktionär Frank Ulrich Montgomery mit dem Satz: "Meine große Sorge ist, dass es zu einer Variante kommen könnte, die so infektiös ist wie Delta und so gefährlich wie Ebola".

Wie gefährlich die neue Variante ist, lässt sich noch nicht sagen. Allerdings scheint es extrem ansteckend zu sein, schreibt Lars Fischer in einem viel retweeteten Artikel für spektrum.de. Besonders viele Fälle gibt es in der südafrikanischen Provinz Gauteng: "Nahezu alle in den letzten Tagen dort sequenzierten Viren gehören zur neuen Linie. Gauteng ist die bevölkerungsreichste Provinz des Landes, in der auch Johannesburg liegt, die mit etwa zehn Millionen Einwohnern größte Stadt Südafrikas." Düster faszinierende Erwägungen knüpfen sich an die Tatsache, dass die Variante mit keiner bekannten Variante verwandt ist. Es wird spekuliert, dass es von einem Tier erneut auf Menschen übergesprungen ist, oder dass es sich im Körper unbehandelter HIV-Erkrankter entwickelte, die in Südafrika zahlreich sind, so Fischer.

Die Impfgegnerschaft hat in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Wurzeln in der homöopathischen und völkischen Bewegung und auch in der linken Alternativbewegung, erzählt Andreas Speit in der taz. "Das linksalternative Milieu löste nicht bloß ein kritisches Staatsverständnis aus, es trieb auch die Selbstsuche an. Selbstverwirklichung, Authentizität, Autonomie und Ganzheitlichkeit der Erfahrung waren die Leitideen. Die von Rudolf Steiner (1861-1925) begründete Anthroposophie, der ihr nahestehende biologisch-dynamische Landbau wie auch waldorfpädagogische Einrichtungen fanden Zulauf. Als 'Partei der Bewegung' gründeten sich die Grünen - mit weit rechts stehenden Akteuren, was harte Richtungskämpfe und personellen Konsequenzen auslöste. " Der Text ist ein Vorabdruck aus einem Reader zur Querdenkerbewegung.

In der FR ist die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr mit Blick auf eine mögliche Impfpflicht eher skeptisch. Da wären etwa "die psychischen, sozialen und politischen Konsequenzen aus der Einführung einer allgemeinen Impfpflicht zu berücksichtigen: das Leiden von Impfskeptikern, die sich zu Eingriffen gezwungen sehen, die ihre personale Integrität verletzen, und ihre soziale beziehungsweise politische Entfremdung von der Mehrheitsgesellschaft und den demokratischen Verfahren befördern. Vor allem ist eine kluge Impfpolitik aber nicht 'getunnelt', nicht auf das Impfen als alleiniges Mittel der Krisenbekämpfung festgelegt. Klug wäre, in alternativen Handlungsoptionen zu denken: alternative Krisenpolitiken durchzuspielen, mit denen wir hier und jetzt auf den Umstand reagieren können, dass die Fokussierung auf das Impfen der vergangenen Monate die erhoffte 'Herdenimmunität' nicht gebracht hat." Ja, wir sollten uns jetzt einfach ein bisschen Zeit nehmen!

In der SZ freut sich die Ärztin Kristina Hänel im Gespräch mit Laura Hertreiter und Nele Pollatschek, dass die Ampel endlich den Paragrafen 219a abschaffen will, der Information über Abtreibung verbot: "Die Annahme, ich könnte jemanden von einem Schwangerschaftsabbruch abbringen, indem ich ihm Informationen über die Risiken des Eingriffs vorenthalte, ist absurd. Das verhindert keine einzige Abtreibung."

Und Max Scharnigg staunt in der SZ über den Erfolg des "Penny-Weihnachtswunders"", eines längeren Youtube-Clips, in der die Discounterkette der Jugend verspricht, ihr ihre Jugend zurückzugeben: "Es gibt da draußen nur noch ein ganz simples Bedürfnis nach ein bisschen Zärtlichkeit, das ist die Erkenntnis des überraschenden Werbe-Erfolgs."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2021 - Gesellschaft

Nicht die Impfverweigerer sind schuld an der aktuellen Lage, sondern das Pandemiemanagement der Politik, schreibt Jagoda Marinic in der SZ: Deutschland ist "von der Impfquote Spaniens nur etwa zehn Prozentpunkte entfernt. Diese zehn Prozentpunkte hätte man in jenen Sommermonaten mobilisieren müssen, in denen die deutsche Politik im Wahlkampfmodus war; eine Zeit, in der man in Spanien jedem Bürger digital eine Textnachricht mit konkretem Impftermin zukommen ließ. Nicht der Bürger hat eine Holschuld, nein, die Verwaltung liefert. Schwer vorstellbar für uns Deutsche. Die Forderungen nach einer Impfpflicht sollen nur die eigene Planlosigkeit kaschieren. Die Bürgerinnen und Bürger werden als Impfgegner und Impfwillige gegeneinander ausgespielt." Ein paar SZ-Seiten weiter ärgert sich Gerhard Matzig über die Impfverweigerer jenseits von Anthroposophen und Querdenkern: Die Achtsamen und Zweifler.