9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 54 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2023 - Ideen

Wie finden wir "zurück zu einer Energiewende, die nicht spaltet, sondern mitnimmt?", fragt in der Welt Jan Grossarth mit Blick auf einige (literarische) Utopien, von denen wir heute weit entfernt sind: "Es fällt jedenfalls auf, dass Politik und Energieingenieure nicht einmal mehr im Ansatz fantasievoll über die Stellrädchen der Wende sprechen. Wo sind die stromliefernden Gleitschirme in dreihundert Metern Höhe, deren Turbinen keine Schatten werfen, und deren Stoffe den Himmel bunt zeichnen? Wo sind die inhabergeführten, vielen neuen Bauernhöfe, die Bioschweine halten, mit der CO2-Speicherung im Humus, mit dem Anbau von Stickstoffsparsamen Bohnen für die veganen Speisen und als Feriendomizil zugleich gutes Geld verdienen? Welcher RWE-Boss, Grünen-Funktionär oder Umwelt-Staatssekretär wagt sich über den Umweg der Schönheit, Atmosphären oder attraktiver Zukunftsbilder von der Landschaft und den Menschen darin an das Megathema heran?"
Stichwörter: Energiewende

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2023 - Ideen

Können wir bitte wieder nach vorne blicken? Bernard-Henri Lévy ist jedenfalls auf den Seiten von La Règle du Jeu auf eine grundsätzliche Art gegen Rückkehr: "Ich bin gegen die Rückkehr zur Natur. Gegen die Rückkehr zu den Wurzeln. Gegen die Rückkehr zum Ursprung, der Matrix des Totalitarismus. Ich bin aus denselben Gründen gegen die Rückkehr zur Erde, zur guten Gemeinschaft, zum verlorenen Paradies. Ich bin gegen die Rückkehr zur Ordnung; gegen die Rückkehr zur Moral und zur Normalität; gegen die Rückkehr nach Hause und auch die Rückkehr nach Ithaka... Ich bin gegen die Rückkehr zum Glauben und bevorzuge Erleuchtungen, Ekstasen und den mystischen Sprung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2023 - Ideen

Benedict Neff erinnert in der NZZ ohne direkten Anlass an den dunkel-schillernden russischen Schriftsteller Eduard Limonow, dem bereits Emmanuel Carrère einen herausragenden Roman gewidmet hat (und dessen Adept Saschar Prilepin vor wenigen Monaten einen Autobombenanschlag in Nischni Nowgorod knapp übrelebt hat). Neff erkennt in Limonow, der Ikone der Nationalbolschewisten, einen Bruder Wladimir Putins: "Limonow ist: larger than life, sprengt alle Rahmen. Putins Eklektizismus grenzt schon an Wahnsinn, wenn er Zarentum, Sowjetunion, Nachkriegszeit und Orthodoxie zu einer großen nationalen Erfolgsgeschichte verschmelzen will. Aber Limonow ist radikaler. Während sich der Beamte Putin nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zeitweise als Taxifahrer herumschlagen musste, war Limonow ein gefeierter Autor in Frankreich. Ein Bohémien und Punk, der alle Freiheiten des westlichen Lebens genoss, der sich aber nichts so sehr wünschte wie die Rückkehr in die Stalin-Zeit seiner Kindheit. Die Freiheit war die Bedingung für sein Werk, aber er verachtete sie. Putin unterwirft und führt Russland, Limonow hingegen wirkt - mit all seinen Widersprüchen - wie eine Inkarnation des Landes. Er forderte den Gulag, um schließlich selbst im Gefängnis zu landen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2023 - Ideen

Im FR-Gespräch mit Joachim Wille erklärt der Politologe (und Grünen-Abgeordnete) Reinhard Loske, der aktuell das Buch "Ökonomie(n) mit Zukunft - Jenseits der Wachstumsillusion" veröffentlicht hat, wie der Fokus auf Wirtschaftswachstum die Klimakrise begünstigt: "1950 lag das deutsche BIP bei rund 50 Milliarden Euro, im Einheitsjahr 1990 bei 1300 Milliarden und im vergangenen Jahr 2022 bei 3870 Milliarden. Das entspricht fast dem Faktor 80. (…) Im gleichen Zeitraum sind der Energieverbrauch, der Rohstoffverbrauch, der Flächenverbrauch, der Wasserverbrauch, das Abfallaufkommen und die Intensität der Landnutzung ebenfalls explodiert - mit verheerenden Folgen für das Klima, die Biodiversität und die planetare Gesundheit. Über all diese potenziell existenzbedrohenden Krisen gibt uns das BIP keine Auskunft, übrigens auch nicht über soziale Aspekte wie den gesellschaftlichen Zusammenhalt, Bildungschancen, Gesundheit oder Geschlechtergerechtigkeit. Die sklavische Fixierung auf diese Messgröße macht uns zukunftsblind oder zumindest zukunftsvergessen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2023 - Ideen

Emmanuel Macron hatte angesichts des Gewaltklimas in Frankreich bei dem Politologen Jérôme Fourquet eine Studie über die "Verwilderung" der französischen Gesellschaft in Auftrag gegeben, für den in diesem Zusammenhang in Umlauf gebrachten Begriff der "décivilisation" erntete er viel Kritik. "Frankreich ist der kranke Mann Europas", verteidigt Pascal Bruckner Macron heute in der NZZ, glaubt im Gegensatz zu Fourquet aber nicht an die Etablierung einer dem Nationalsozialismus ähnlichen Ideologie: "Die moralische Verwilderung ist nicht auf eine Massenbewegung zurückzuführen, sondern auf einen übersteigerten Individualismus, der gesellschaftliche Notwendigkeiten nicht mehr anerkennen will. (…) Der Bürger der modernen Demokratie ist gleichzeitig ein verwöhntes Kind, das eine antiautoritäre und auf die geringsten Bedürfnisse eingehende Erziehung erhalten hat. Als Kunde ist er ein König, dessen Wünsche auf dem Marktplatz heilig sind. Bis ins Erwachsenenalter bleibt er 'Seine Majestät das Baby', dem man alles schuldig ist. Das Recht, Rechte zu haben, verkehrt sich in das Recht, alle Rechte zu haben, wobei diese mit dem eigenen Wohlbefinden gleichgesetzt werden: Jede Einschränkung oder Behinderung macht mich zum Opfer und legitimiert meine Wut."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2023 - Ideen

"Achtzehn Prozent für die AfD. Das ist schlimm", meint in der FAZ die Historikerin Hedwig Richter. Aber den Vergleich mit Weimar sollte man doch besser unterlassen, warnt sie. "Er blockiert eine angemessene Zukunftspolitik, nicht zuletzt, weil er die Ausgangslage falsch darstellt. Der Weimar-Reflex erhebt die Hasenherzigkeit zur politischen Raison. Er will die Problemstrukturen des vergangenen Jahrhunderts, komme was mag, auf unsere Zeit überstülpen. Doch wir haben andere Herausforderungen." Nämlich den Klimawandel und die Furcht vor seinen Folgen - alle Weimarvergleiche spielen da nur der AfD in die Hände, meint Richter und fordert statt dessen positives Denken: "Der Gedankengang ist etwas kompliziert, fast dialektisch. Es geht letztlich auch darum, dass die demokratische Aufbruchdimension und nicht die populistische Angstdimension den Sieg davonträgt. Statt im Heizungskeller über Weimar und die Fragilität der deutschen Seele zu weinen, sollten die Menschen lieber aufs Dach klettern und Solarpaneele installieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2023 - Ideen

In der NZZ schreibt Thomas Ribi zum vierhundertsten Geburtstag des französischen Philosophen Blaise Pascal, "ein Wunderkind. Ein Genie", so Ribi, ein großer wissenschaftlicher Denker, der unter anderem zusammen mit Pierre de Fermat die Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung entwickelte. Und dann sind da noch die "Pensées": "Die auf Hunderten von Seiten verstreuten Gedankenfetzen sind glühende Funken, die noch heute das Denken entflammen. Wer in den 'Pensées' liest, entdeckt im Gelehrten einer vergangenen Zeit einen Denker für das 21. Jahrhundert. Pascal ringt mit Fragen, die uns heute noch umtreiben: die Einsamkeit des Menschen, der Zwiespalt von Wissen und Glauben, die Unzulänglichkeit eines Lebens, das sich in Zerstreuungen zu verlieren droht. Vor allem: Pascal weiß, dass es Fragen gibt, die mit der Vernunft nicht lösbar sind. Und dass es gerade die Fragen sind, die den Menschen existenziell betreffen. Gott zum Beispiel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2023 - Ideen

"Wenige Denker stehen unter stärkerem Ideologieverdacht als der Begründer der bürgerlichen Ökonomietheorie", Adam Smith, dabei war er im Grunde ein Aufklärer, schreibt Haziran Zeller, der in der Welt die Lektüre der neu herausgegeben "Philosophischen Schriften" empfiehlt, die neben zwei erstmals auf Deutsch erschienenen Essays auch "Die Theorie der moralischen Gefühle" enthalten: "Die Deutschen sind an den kategorischen Imperativ Immanuel Kants gewöhnt, dessen Pflichtstrenge die Sinnlichkeit nicht gerade aufwertet; darum klingt die Leitidee der Gefühlsethik in ihren Ohren leicht frivol, aber tatsächlich vertritt Smith in seiner Moralphilosophie die Auffassung, dass sich das Gute als ein emotionaler Impuls gewissermaßen in unserem Körper regt. Sympathie ist der Grundbegriff seiner Ethik, verstanden als Zuneigung, aber in einem anderen als dem uns vertrauten Sinn, nämlich als die Fähigkeit, sich in eine andere Person hineinzuversetzen und ihr Tun und Leiden nachzuempfinden."

In der FR resümiert Klaus Walter die Jahrestagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, bei der zum Thema "Jenseits der Binarität? Sexuelle Identitäten in der Herausforderung" diskutiert wurde. Von der mit dem Sigmund-Freud-Preis ausgezeichneten Historikerin Dagmar Herzog lernt er hier, dass es hunderte Goethes und Freuds gibt, ganz neben erfährt er außerdem, dass der Andrang bei den Kinder- und Jugendlichen-Praxen derzeit besonders groß ist: "Da fordern (und manchmal überfordern) Insta- und TikTok-befeuerte (Prä-)Teenager staunende Therapeut:innen mit empowernden, empowerten Performances ihr Recht auf Transition und kritisieren sie bei abschlägiger Behandlung dafür, dass sie als Cis-Personen von queeren Patient:innen profitieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2023 - Ideen

Nützen Proteste und Demonstrationen eigentlich überhaupt etwas? Den großen Wandel bei Klimakrise, Rassismus oder Gentrifizierung gab es bisher jedenfalls nicht, meint in der taz Tobias Bachmann. Es fehlt eben an einer "positiven Idee nach vorne", antwortet ihm im Interview die Philosophin Rahel Jaeggi. Die Initiative "Deutsche Wohnen und Co. enteignen!" ist für sie ein gutes Beispiel für eine solche "positive Idee": "Für viele Bewegungen sind gerade die Zusammenhänge fraglich. Welche tieferliegenden Strukturen gibt es, die Rassismus, Sexismus und Kapitalismus verbinden? Das wirft auch die Frage nach der Vorstellung von gesellschaftlichem Wandel auf. ... Haben wir zum Beispiel ein individualistisches Verständnis von Rassismus, führt das auch zu einer individualisierenden Gegenstrategie, zum Beispiel zu Anti-Vorurteils-Trainings in Unternehmen. Verstehen wir Rassismus als strukturelles Problem, ergeben sich andere Handlungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten - zum Beispiel die Black-Lives-Matter-Proteste der vergangenen Jahre. Ein besseres Verständnis von Ungerechtigkeiten kann also dazu führen, dass vereinzelte Akteure sich als kollektive Akteure wahrnehmen. Eben weil sie sehen, wie ihre unterschiedliche Betroffenheit miteinander verbunden ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2023 - Ideen

Die Religionswissenschaftlerin Petra Klug hat ein Buch über "Anti-Atheismus" in den USA geschrieben. Im Gespräch mit Oranus Mahmoodi von hpd.de erklärt sie, dass sogar die Trennung von Staat und Religion in den USA von dieser Ideologie untergraben ist: "Die Erfahrung der religiösen Verfolgung in Europa hat auch zu einer Skepsis gegenüber der staatlichen Regulierung von Religion geführt. Daher kommt der säkulare Charakter der Verfassung der Vereinigten Staaten. Allerdings wurden in den Verfassungen der Bundestaaten Menschen, die nicht an Gott glauben, oft explizit diskriminiert. Da gibt es mitunter eine Klausel, die besagt, kein Mensch soll aufgrund seiner Religion von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen werden, es sei denn, er glaubt überhaupt nicht an Gott."

Robert Habeck hat den Ludwig-Börne-Preis erhalten, die Laudatio hielt FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, Edo Reents berichtet im Aufmacher des FAZ-Feuilletons. Habeck versucht in seiner in der FAZ abgedruckten Rede einen Konnex zwischen Börnes Zeit der beginnenden Industrialisierung und der heutigen Klimawende herzustellen: "Wir verbrennen keine Wälder mehr. So verändern wir die Grundlagen unserer Wertschöpfung - und erneuern damit unseren Wohlstand, unsere Freiheit, unseren Zusammenhalt."

Nele Pollatschek (SZ) spielt nach einem Diskussionsabend mit Habeck und Sloterdijk auch mal kurz mit den ganz großen Thesen: "Das Individuum ist ein Nebenprodukt der Aufklärung. Das Individuum ist ein Nebenprodukt der athenischen Demokratie. Das Individuum ist ein Nebenprodukt lyrischer Poesie. Das ist alles gleich richtig, man kann das alles mit Verve erklären, was tatsächlich großen Spaß macht. Zuletzt kürzt man die austauschbaren Elemente einfach weg. Das Individuum, denkt man, ist ein Nebenprodukt. Und dann regeneriert man. Man läuft zum Rhein. Man macht sich ein Kölsch auf."