9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 55 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2023 - Ideen

Dass die Bücher von Katja Hoyer und Dirk Oschmann im Osten so erfolgreich sind, beweist nicht, dass die beiden Recht haben, sondern dass viel schiefgegangen ist in der Debatte seit 1989, schreibt die Autorin Anne Rabe in der SZ: "Der Osten ist nach 1989 Heimat und Aufmarschgebiet für Rechtsextremisten und auch für ihre Eliten aus Westdeutschland geworden. Das intellektuelle Zentrum dieser rechten Bewegung, die sich inzwischen auch in der Bundespolitik fest etabliert hat, liegt nicht ohne Grund in Schnellroda, Sachsen-Anhalt. Der Boden, auf den diese Saat 1990 fiel, war fruchtbar. Und die Ignoranz des Westens gegenüber der Geschichte dieses, unseres Landes fiel darauf wie lauwarmer Regen."

Klar, es gab immer Krisen, meint der Soziologe Andreas Reckwitz im NZZ-Interview, aber mit der Pandemie, der Rezession und vor allem dem Klimawandel hat die Moderne ihr Versprechen eingebüßt, dass sich die Dinge zum Besseren entwickeln. In den USA, in Frankreich und im deutschen Osten habe die Deindustrialisierung enorm viele Modernisierungsverlierer geschaffen: "Da verschwindet die klassische Industriearbeiterschaft. Stattdessen gibt es eine Klasse von Dienstleistern, die oft im Niedriglohnsektor arbeiten. Diese Menschen machen massive Verlusterfahrungen, Statusverluste, Kontrollverluste. Und das hat politische Folgen: die Wahl Donald Trumps, die Gilets jaunes in Frankreich. Diese Bewegungen sind stark von 'Abgehängten' genährt oder von Personen mit Abstiegsängsten. Das ist keine kleine Minderheit. In Deutschland, das hat eine Studie der Universität Bonn gerade gezeigt, gehen heute 84 Prozent der Menschen davon aus, dass es künftigen Generationen schlechter gehen werde, als es uns heute geht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2023 - Ideen

Im  Juni jährt sich der 300. Geburtstag von Adam Smith. Mit der Staatsfeindlichkeit des Neoliberalismus, der den Staat auf Legislative, Exekutive und Landesverteidigung beschränken will, habe Smith nichts am Hut, erklärt Smith-Biograf Gerhard Streminger im Gespräch mit hpd.de: "Nach Smith hat der Staat darüber hinaus weitere zentrale Aufgaben zu erfüllen, wovon einige der wichtigsten erwähnt sind: Errichtung einer volkswirtschaftlich notwendigen - aber betriebswirtschaftlich unprofitablen - Infrastruktur; Aufbau eines allgemeinen Bildungssystems, um die negativen Folgen der Arbeitsteilung zu mildern; die Sicherung des Marktes durch Verhinderung von Kartellbildungen sowie eine gerechte Besteuerung aller Marktteilnehmer, wobei Reiche kräftiger zur Kasse gebeten werden sollen als andere."
Stichwörter: Smith, Adam, Neoliberalismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2023 - Ideen

Angesichts des Kriegs gegen die Ukraine werden in der Schweiz Forderungen nach Aussetzen des Neutralitätsstatus laut. In der NZZ wollen die beiden Völkerrechtler Oliver Diggelmann und Robert Kolb die Frage nicht rechtlich beantworten, sie geben die Verantwortung an die Politik weiter: "Ein Neutralitätsdiskurs mit einem als progressiv und einem als konservativ etikettierten Lager degradiert wissenschaftliche Positionierungen zu rechtlich verbrämter Politik. Auf der Strecke bleiben unvermeidlich die Komplexität völkerrechtlicher Fragen und ein Stück Rechtsstaatlichkeit. Rechtlich Mögliches und politisch Richtiges werden vermengt, wissenschaftlich 'richtig' erscheint das der eigenen Intuition Entsprechende. (...) Der Ukraine-Krieg wirft ein grelles Licht auf die problematischste Seite des Neutralitätsstatus: seine Inflexibilität im eindeutigen Fall. Die politische Frage, die vollständig der Politik zurückzugeben ist, lautet daher: Erfordert dieser Ausnahmefall die Aussetzung der Neutralität für die Dauer dieses Krieges, mit allen Vor- und Nachteilen - oder hat sich die Neutralität allenfalls überlebt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2023 - Ideen

Unter dem Titel "Die Zukunft des Westen" startet die Zeit eine neue Serie, in der sie Intellektuelle aus aller Welt befragt, ob die Werte der Aufklärung noch zu retten sind. Den Auftakt macht der Sozialphilosoph Axel Honneth, der dem Postkolonialismus noch ein bisschen Aufklärung lassen will. "Der Westen ist keineswegs schon auf dem postkolonialen Weg der Läuterung", schreibt er: "Aber so richtig es ist, dem zerstörerischen Überschwang des Westens mit aller Macht Einhalt zu gebieten: Es wäre naiv zu glauben, die Verbrechen und die beklemmende Präsenz des Kolonialismus ließen sich wie im Schnellkurs ins Bewusstsein des Westens heben. Solche massiven Korrekturen an der kollektiven Selbstwahrnehmung lassen sich nicht per Dekret verordnen." Zudem dürfe die Kritik am Westen "nicht so weit gehen, mit dem Bade des sich über die Natur erhebenden Menschen gleich auch das Kind seiner reflexiven Zurechnungsfähigkeit auszuschütten. Wer heute das Naturverständnis außereuropäischer Weltbilder rehabilitieren, wer das Unrecht der Vergangenheit wiedergutmachen möchte, der kann sich nicht einer Fundamentalkritik verschreiben, die dem Menschen nicht nur sein Vermögen zur rationalen Distanznahme, sondern auch die Verantwortung für sein Tun und Lassen nehmen möchte. Auch der Postkolonialismus bleibt an dieses kleine Erbstück der Aufklärung gebunden, solange er seine Kritik am westlichen Denken als eine moralische Aufforderung zur kulturellen Umorientierung auffasst.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2023 - Ideen

Im Interview mit Zeit online (und in ihrem Buch "Zumutung Demokratie") denkt die Verfassungsrechtlerin Sophie Schönberger darüber nach, warum Demokratie hierzulande immer stärker als Kränkung empfunden wird: "Überall geht es heute darum, besonders, hervorgehoben, individuell und irgendwie anders zu sein. Ziel ist das bestmögliche Ich, das sich von den anderen unterscheidet. Die Demokratie verspricht uns dabei, dass wir das alles dürfen. Und trotzdem legt sie uns die Zumutung auf, dass wir, wenn es ums demokratische Entscheiden geht, eben nicht individuell sind und es nicht darum geht, wie einzigartig wir sind, sondern dass wir alle gleich sind und dass meine Stimme, so großartig ich sie auch finde, im demokratischen Prozess nicht mehr oder weniger wert ist als jede andere auch." Um das Gemeinschaftsgefühl wieder zu stärken, wünscht sie sich mehr "anthropologische Orte", wie die Eckkneipe oder die Bibliothek, in der Menschen aus allen Milieus "gefahrlos miteinander in Kontakt treten" können.

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel denkt auch die italienische Philosophin Donatella Di Cesare über Demokratie nach, der immer mehr Verschwörungstheoretiker misstrauen (Sie hat zu dem Thema auch ein Buch geschrieben, "Das Komplott an der Macht"). Stigmatisierung nützt da gar nichts, meint sie, viele wissen einfach nicht mehr,  wer wofür verantwortlich ist: "Bis vor ein paar Jahren war die Macht eine recht konkrete Instanz: Für uns in Italien war es die Regierung in Rom. Aber an wen soll ich mich heute wenden? Rom verweist einen in vielen Punkten an Brüssel, Brüssel verweist auf größere globale Zusammenhänge und Zwänge. Zugleich wirkt sich die reale Macht konkret auf das Leben der Menschen aus. Sie kriegen täglich eine Ökonomie mit empörender Ungleichheit zu spüren. Doch wer die Verhältnisse ändern will, hört: Es gibt keine Alternative. Daher fühlen sich die Leute desorientiert und sehen keinen Fortschritt mehr. Sie empfinden die Demokratie als eine Täuschung. Aus dieser Ohnmacht und Entpolitisierung entsteht ein Komplottismus, der ständig fragt, wer im Hintergrund die Fäden zieht und Vorstellungen von einem 'Deep State' und einer 'Neuen Weltordnung' entwickelt."

Außerdem: In der NZZ würdigt die Wirtschaftsphilosophin Karen Horn den schottischen Aufklärer und Ökonom Adam Smith zum 300. Geburtstag.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2023 - Ideen

Hieß es früher bei Karl Marx "It's the Economy, Stupid", hat jetzt der britische Historiker Peter Frankopan ("Zwischen Erde und Himmel - Klima, eine Menschheitsgeschichte") einen anderen, alles erklärenden Schlüssel für die Menschheitsgeschichte gefunden: Klima. Im Gespräch mit Michael Hesse von der FR führt er vor, wie sich so gut wie jeder Aufstieg oder Fall eines Imperiums aus Klimageschichte erklären lässt. Das bedrohlichste Szenario ist für ihn ein Vulkanausbruch, der paradoxerweise auch dem Klimawandel ein Ende bereiten könnte: "Bei einem großen Ausbruch würden riesige Mengen von Asche und Gas in die Atmosphäre gelangen. Die Konsequenzen wären immens, die Folgen des Klimawandels würden keine Rolle mehr spielen. Es würde zu einem Temperatursturz kommen. Nicht nur die Pflanzenwelt wäre betroffen, sondern in der Folge auch Tiere und Menschen. Benjamin Franklin sagte einmal: 'Wer bei der Vorbereitung versagt, bereitet sein Versagen vor.' Daran sollten wir uns erinnern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2023 - Ideen

In ihrem aktuellen Essay "Das Komplott an der Macht" versucht die italienische Philosophin Donatella di Cesare Verschwörungstheorien nicht als Ergebnis von Irrationalität abzutun, sondern den Komplottismus als Zustand von Staat und Gesellschaft zu betrachten, "in dem der Glaube an Verschwörung allgegenwärtig ist", wie sie im Tsp-Gespräch mit Oliver Geyer erklärt. Viele Menschen fragen sich: An wen soll ich mich wenden, meint sie: "Rom verweist einen in vielen Punkten an Brüssel, Brüssel verweist auf größere globale Zusammenhänge und Zwänge. Zugleich wirkt sich die reale Macht konkret auf das Leben der Menschen aus. Sie kriegen täglich eine Ökonomie mit empörender Ungleichheit zu spüren. Doch wer die Verhältnisse ändern will, hört: Es gibt keine Alternative. Daher fühlen sich die Leute desorientiert und sehen keinen Fortschritt mehr. Sie empfinden die Demokratie als eine Täuschung. Aus dieser Ohnmacht und Entpolitisierung entsteht ein Komplottismus, der ständig fragt, wer im Hintergrund die Fäden zieht und Vorstellungen von einem 'Deep State' und einer 'Neuen Weltordnung' entwickelt." Dabei sei "Verdacht ist unentbehrlich für die Demokratie. Bürger müssen kritisch sein. Etwas anderes ist es, wenn der Verdacht ontologisiert wird, also unmittelbar als Tatsache betrachtet wird. Dann wird das Verdächtigen zum Selbstzweck entpolitisierter Milieus. Wenn man die Menschen dafür nur verurteilt und stigmatisiert, wird sich die Spaltung immer weiter vertiefen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2023 - Ideen

Im Welt-Interview mit Martina Meister versichert Michel Houellebecq, dass er seine Porno-Affäre wirklich nicht zu einem Gesamkunstwerk stilisieren möchte. Und auch wenn er weiter an den "Großen Bevölkerungsaustausch" glaubt, hat er seine Meinung über den Islam leicht revidiert, wie er erklärt: "Emmanuel Carrère hat mir ebenfalls die Augen geöffnet. Ich habe dank seines Buchs 'V13' verstanden, dass die Leute, die im Zeitraum eines einzigen Nachmittags von radikalen Islamisten rekrutiert werden, nicht gerade die frommsten sind. Es amüsiert sie, Menschen zu köpfen, mit den Köpfen Fußball zu spielen und Krieg mit Bazookas zu führen. Sie haben das Bedürfnis, die Gewalt noch mal um eine Stufe zu steigern. Der Islam dient ihnen nur als Vorwand. Jemand, der große Teile seines Tages damit zubringt, die Hadithe zu studieren, der handelt nicht gleichzeitig mit Drogen. Das sind nicht dieselben Lebensentwürfe. Schon Pascal hatte erkannt, dass die Religion ein guter Vorwand ist, um andere mit gutem Gewissen zu massakrieren."

In der FAS allerdings glaubt Julia Encke nicht an Houellebecqs Läuterung, sein Buch "Quelques mois dans ma vie" hält sie für reine "Jammerprosa mit Porno-Elementen": "Weder nimmt man ihm das Missverständnis noch die Scham ab. Zwischendurch zitiert er Franz Kafkas 'Prozess': 'Es war, als sollte die Scham ihn überleben.' Und beim Lesen denkt man nur noch: Lass wenigstens Kafka in Ruhe!'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2023 - Ideen

"Abschied von den Boomern" lautete der Titel der Abschiedsvorlesung, die Heinz Bude am Mittwoch an der Universität Kassel hielt und der Andreas Bernard in der SZ schon deshalb gern lauscht, weil ihm der Soziologe den Begriff "von der Beleidigung in die Neutralität einer demografischen Kategorie zurückzuholen" versuchte: "Für die Ausgangserfahrungen der 'Boomer' nach dem Nullpunkt von 1945 findet Heinz Bude präzise und schöne Formulierungen. Einerseits die kindliche Zeugenschaft des Wiederaufbaus im zerstörten Land, der 'Affektverwandlung' von fanatischen Soldaten in ebenso zielorientierte Bauhelfer: 'Die Boomer sind die Kinder von jungen Weltkriegsteilnehmerinnen.' Andererseits das Wissen der geburtenstarken Jahrgänge, dass sie, wie Bude sagt, 'einfach immer zu viele' waren, in den Klassenzimmern, in den Hörsälen und auf der Erde insgesamt. 1964 kamen in der Bundesrepublik etwa 1,4 Millionen Menschen zur Welt, doppelt so viele wie 2022." Die Eltern vieler Boomer waren allerdings in den frühen Dreißiger geboren und zu jung, um noch am Weltkrieg teilgenommen zu haben.
Stichwörter: Bude, Heinz, Boomer, Neutralität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2023 - Ideen

Peter Sloterdijk beschäftigt sich in seinem neuen Buch "Die Reue des Prometheus - Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung" mit dem Energiehunger der Menschheit und also auch mit der Klimakatastrophe. Dabei kommt es, wenn wir den drohenden "Großbrand" eindämmen wollen, vor allem auf einen Faktor an, erklärt er im Gespräch mit Lothar Schröder von der Rheinischen Post: "Um eine Milliarde Chinesen halbwegs ruhig zu machen, ist eine Wirtschaftspolitik zu betreiben, die Wohlstandssteigerungen verspricht. Darum bewirkt das wahnhafte Programm der nachholenden Halbverwestlichung im Modus der Industrialisierung mit schwerindustriellen Mitteln, dass dort jährlich vier Milliarden Tonnen Kohle verbrannt werden - aufgrund eines angeblichen Rechts auf Umweltzerstörung durch den Spätankömmling. Daneben liegen die aktuellen deutschen Emissionen in kaum noch wahrnehmbaren Dimensionen. Das macht unsere eigenen so gut gemeinen Anstrengungen natürlich ein wenig lächerlich."

Außerdem: Bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war "Masse" ein zentraler Begriff in den gesellschaftspolitischen Debatten, schreibt Wolfgang Krischke in der Welt. Aber: "Mit dem Ausklingen der 68er-Bewegung gelangten neben der Masse auch die Massen aufs politische Abstellgleis. Die Öko- und die Friedensbewegung, die sich jetzt herausbildeten, mobilisierten zwar große Menschenmengen, aber die sahen sich nicht als Massen. Darin stimmten sie mit der soziologischen Bewegungsforschung überein, die sich seit dem Ende der Sechzigerjahre mit den unterschiedlichen Protestformen beschäftigte. Auch diese Wissenschaftler sahen in den Initiativen, Bündnissen, Aktionsgruppen und ihren Menschenansammlungen keine Massen, sondern rational handelnde Kollektive."