In der
NZZ singt Robert Misik eine Eloge auf
George Orwell, seine intellektuelle Redlichkeit, seinen Witz und seinen undogmatischen Sozialismus. Und er stellt fest, dass trotz einiger politischer Kehrtwendungen Orwell wirklich absolut
nichts vom Pazifismus hielt: "1942 nannte Orwell den Pazifismus '
objektiv profaschistisch' und fügte hinzu: 'Das ist ganz weitgehend unumstritten. Wenn du die Kriegsanstrengung der einen Seite untergräbst, dann hilfst du automatisch der anderen. Es gibt auch keine Möglichkeit, irgendwie außerhalb eines solchen Krieges zu bleiben wie dem gegenwärtigen.' Pazifistische Propaganda sei daher 'in anderen Worten eine Hilfeleistung für den Totalitarismus'. Unmittelbar nach Kriegsende und der Nazi-Kapitulation schrieb er in seinen 'Notes on Nationalism', die Mehrheit der Pazifisten gehöre 'entweder zu
eigenartigen religiösen Sekten, oder sie sind ganz einfach
Humanisten, die es ablehnen, irgendjemandem das Leben zu nehmen, und die über dieses elementare Prinzip hinaus jede weitere Überlegung ablehnen. Aber es gibt eine kleine Gruppe intellektueller Pazifisten, deren reales, doch uneingestandenes Motiv
der Hass auf die westliche Demokratie und die Bewunderung des Totalitarismus ist.'"
In einem ellenlangen Interview in der
FR befragt Michael Hesse die jüdische Philosophin
Susan Neiman über die Legitimität von Waffenlieferungen, die Faschisten in der israelischen Regierung und die Neigung,
moralische Klarheit mit Einfachheit zu verwechseln: "Wir hoffen, Regeln zu haben, die uns alles erklären: das ist böse, das ist schlecht. Ich werde immer wieder gefragt, warum ich keine Regeln angeben kann. Ich kann hier nur Kant zitieren. Kant hat in der 'Kritik der reinen Vernunft' die Urteilskraft thematisiert. Sie ist dafür zuständig, allgemeine Regeln auf Einzelfälle anzuwenden, das
kann man lernen, aber nicht lehren, wie er sagt... Was viele vergessen: Wir haben moralische Bedürfnisse, wir sind nicht nur interessengeleitet. Wir wollen nach einem moralischen Kompass agieren. Natürlich können wir korrupt sein und Eigeninteressen über alles andere stellen, aber wir haben auch Scham und handeln eben auch nicht aus Eigeninteressen, sondern nach moralischen Normen. Das Schrecklichste an Trump war, dass der mächtigste Mann der Welt überhaupt keinen
Begriff von Moral oder Normen hat. Doch die meisten von uns wollen moralische Klarheit."