9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 58 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2023 - Ideen

Thomas M. Schmidt konstatiert in der Zeit, dass der Diskurs über den Ukraine-Krieg in Deutschland einen "identitätspolitischen Überschuss" produziere. So richtig die Solidarisierung mit der Ukraine ist, so problematisch sind ihre innerpolitischen Effekte, die das Selbstverständnis Deutschlands als westliches Land verändern, schreibt Schmidt: "Der Krieg erteilt mehr und mehr Aufschluss darüber, wer wir sind und sein wollen. Er wird zur Quelle einer Neo-Verwestlichung. Die Bereitschaft, sich wieder mit Nachdruck als 'westlich' zu verstehen, soll den Schulterschluss mit den Verbündeten signalisieren. Das deutsche Selbstbild soll ein gemeinsames mit den Partnern sein. Doch ist es das wirklich? Schweißen die jeweiligen nationalen Deutungen des Krieges das westliche Lager zusammen - oder zumindest das europäische? Bisher ja, aber bisher ging es nur um Zeitpunkt und Umfang von Hilfen. Die Mühen einer langfristigen gemeinsam westlichen Politik sind noch gar nicht abzusehen." Deutsche Forderungen nach mehr Feminismus, Minderheitenschutz und Verzicht auf fossile Energien lenken laut Schmidt von realpolitischen Fragen eher ab: "Welche Folgen der Krieg für Deutschland und die EU in einer künftigen Sicherheitsarchitektur haben wird beispielsweise. Was heißt denn 'mehr Verantwortung' für die Bundesrepublik? Führungsmacht? Höhere Verteidigungsausgaben? Da ist der Finanzminister heute schon mit den Begehrlichkeiten der anderen Ressorts konfrontiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2023 - Ideen

Wir leben in komplexen Gesellschaft, und manchmal reicht eine kleine Ursache - der Klimawandel, der Ukrainekrieg, die Coronakrise - um es ins Wanken zu bringen. Das nennt man dann "Nichtlinearität", schreibt Andreas Reckwitz in der Zeit. Und dann ist Land unter, und allenfalls die Metaphernproduktion der Soziologie bleibt intakt: "Die Theorien der Nichtlinearität bieten eine Batterie von Begriffen, um die Umschlagpunkte zu bezeichnen, an denen die Normalität des Bestehenden in eine ungewisse Zukunft 'umkippt': Der kanadische Publizist Malcolm Gladwell spricht vom 'tipping point', der ungarische Philosoph Ervin László vom 'chaos point', die amerikanischen Politologen Robert Axelrod und Michael D. Cohen reden von der 'Schwelle', und der Meteorologe Edward Lorenz brachte in den 1970er-Jahren den berühmten Schmetterlingseffekt ins Spiel."

Außerdem: Für die SZ berichtet Boris Herrmann mit wenig Sympathie von einer Konferenz der von dem Historiker Andreas Rödder gegründeten Denkfabrik "Republik 21".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2023 - Ideen

Auf ZeitOnline fordert Georg Diez nicht weniger als eine zweite Kopernikanische Wende: Das Konzept der Welt, das auf Menschensicht beruht, müsse ersetzt werden durch jenes des Planetaren, dazu zitiert er aus dem 2020 erschienenen Buch "Planetary Politics" des italienischen Philosophen Lorenzo Marsili: "Die Nation, verstanden als Organisationsform für Politik und Rahmen für Rechtsstaatlichkeit, ist im Zeitalter von Pandemie, Klimakrise und global vernetzten Technologien ein Hindernis geworden, um die Probleme anzugehen, die Mensch und Planeten bedrohen. Eine planetare Politik brauche deshalb transnationale, 'rhizomatische Parteien', die die Logik der Nationalstaaten überwinden. Parteien etwa, die zwischen Europa und Afrika eine Einigung darüber herstellen, wie die Flüchtlingsströme und die Beziehungen zwischen den beiden Kontinenten überhaupt geregelt werden sollten. Es würden hier keine nationalen Interessen mehr verhandelt, vertreten durch Regierungen der einen oder anderen politischen Richtung. Es würden vielmehr grenzüberschreitende Interessenskoalitionen gebildet, die gemeinsam Forderungen formulieren. Es wäre die Organisation einer 'planetaren Bevölkerung', wie Marsili es nennt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2023 - Ideen

In der Berliner Zeitung erinnert Harry Nutt jene, die den Begriff des "Kulturschaffenden" wegen seiner Genderneutralität und vermeintlichen Inklusivität so gern nutzen, an dessen Herkunft: Der Begriff gehe, so die Historikerin Isolde Vogel, "auf die nationalsozialistische Reichskulturkammer zurück, die diesen von 1933/34 an neu geprägt habe, indem sie alle in der Kultur Tätigen als Kulturschaffende bezeichnete, die sich ihr sogleich anschließen sollten. 'Wer ab diesem Zeitpunkt in der Kultur tätig sein wollte, musste eben auch Mitglied der Reichskulturkammer sein.' Der Zwangsmitgliedschaft auf der einen Seite stand der Ausschluss der Juden auf der anderen gegenüber. (…) Nach 1945 schien sprachliche Sensibilität besonders vonnöten, weshalb der Schriftsteller Wilhelm Emanuel Süskind das Gerundivum Kulturschaffende in das 'Wörterbuch des Unmenschen' (...) aufnahm. Das jedoch schien in der bald darauf entstehenden DDR niemanden zu beeindruckenden. Weil das Wort zur Ausbildung einer proletarischen Existenz gut geeignet schien, siedelte es kurzerhand in den Jargon des sozialistischen Staates über."

Außerdem: In der FR erinnert der Philosoph Max Beck an Theodor W. Adornos vor sechzig Jahren gehaltenen Vortrag "Der Jargon der Eigentlichkeit".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2023 - Ideen

Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke  hat neulich in der Zeit einen jener Nachrufe auf den "Westen" geschrieben, für die westliche Intellektuelle so beliebt sind. Die Solidarität mit der Ukraine erschien in Koschorkes Text als ein letztes heuchlerisches Aufbäumen, bevor der "globale Süden" endlich in sein Recht tritt (unser Resümee). Richard Herzinger sieht das in einer Perlentaucher Intervention anderes: "Den neuen Autokratien ist es in den vergangenen Jahren zwar gelungen, den an sich selbst zweifelnden Westen in die Defensive zu drängen. Doch ihr kriminelles Herrschaftssystem wird auf Dauer nicht mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dynamik und Flexibilität demokratischer Gesellschaften Schritt halten können. Genau das aber macht autoritäre Mächte wie Russland und China so eminent gefährlich: Sie wollen ihrem eigenen Bankrott zuvorkommen, indem sie nicht nur die westlichen Demokratien zerstören, sondern die liberale Idee als solche austilgen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2023 - Ideen

In der SZ opponiert Sonja Zekri gegen neue Russland-Exegesen, die dem Land Imperialismus, Nihilismus, Alkoholismus und Mongolenherrschaft quasi in die DNA schreiben. Sie nennt Historiker wie Karl Schlögel oder Gerd Koenen, Publizisten wie Jörg Himmelreich und Michael Thumann, die in diesem Frühjahr wichtige Werke vorlegen: "Die Bonner Osteuropa-Historikerin Katja Makhotina sieht die versprochene Umdeutung der Vergangenheit ohnehin skeptisch. Man könne nicht ohne neue Quellen jedes Mal die Historie umschreiben, wenn es die Tagespolitik erfordere. Ebenso wenig dürfe man neuzeitliche Konzepte von Staatlichkeit oder Nationalismus dem jahrhundertelangen hochkomplexen Aushandlungsprozess in Osteuropa aufstülpen. Noch größer sind ihre Vorbehalte gegenüber der Vorstellung, dass Russland oder zumindest Putin unter dem Eindruck eines 'postimperialen Syndroms' gar nicht anders handeln könnten: 'Putin versucht auf rhetorischer Ebene, seine Handlungen historisch zu legitimieren. Doch nicht die Rhetorik ist handlungsleitend, sondern umgekehrt: Politische Praxis ruft die Rhetorik hervor', sagt sie: 'Begriffe wie Syndrom, Komplex, Trauma haben nichts verloren in unserer kognitiven Auseinandersetzung mit Quellen und Empirie.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2023 - Ideen

In der NZZ verteidigt der Soziologe und Habermas-Biograf Stefan Müller-Doohm Jürgen Habermas gegen die Kritik in der NZZ (unser Resümee). "Die Praxis internationaler Politik, zu der auch Abschreckungsstrategien und die Ahndung des Bruchs des Völkerrechts gehören, hat für Habermas nichts mit dem Entwerfen von Utopien eines ewigen Friedens zu tun. Vielmehr macht er für sie den Maßstab intelligenten Handelns geltend, das nicht zuletzt darin besteht, für Konflikte denkbare Lösungsmöglichkeiten für Verhandlungsräume zu ersinnen und real zu schaffen."

Außerdem: In der taz schreibt Waltraud Schwab einen Nachruf auf die Berliner Feministin Irene Stoehr, die im Alter von 82 Jahren gestorben ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2023 - Ideen

Der Philosoph Ernst Tugendhat ist im Alter von 93 Jahren in Freiburg am Breisgau gestorben. Auf ZeitOnline erinnert Thomas Assheuer an einen großen Denker, der nicht nur bald mit seinem Lehrer Heidegger brach, sondern auch die gängigen Moralphilosophien und John Lockes liberale Vertragstheorie auf den Prüfstand stellte. "Immer wieder und mitunter mit polemischer Eleganz hat der Intellektuelle Ernst Tugendhat aus seiner Philosophie politische Konsequenzen gezogen. Unvergessen, wie leidenschaftlich er in den Achtzigerjahren für ein liberales Asylrecht kämpfte; wie er die Absurdität des nuklearen Overkills vor Augen führte und die moralische Legitimität des ersten Irakkriegs anzweifelte. Die Wiedervereinigung empfand er als 'Annexion' Ostdeutschlands, die mörderische Fremdenfeindlichkeit und der völkische Nationalismus der antisemitischen Neuen Rechten schockierten ihn zutiefst. Als ihm 2005 der Meister-Eckhart-Preis verliehen wurde, spendete Tugendhat das Preisgeld einer Schule in Palästina. 'Sollte es uns Juden nur möglich gewesen sein, der Vernichtung zu entgehen, indem wir das Schicksal der Vertreibung auf ein anderes Volk abwälzen?'" In der FR schreibt Michael Hesse, in der SZ Thomas Meyer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2023 - Ideen

"Das Bauen ist so umweltrelevant wie nichts sonst", erklärt die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker in der SZ. Wenn die Energiewende gelingt, dann vor allem hier. Aber Bauen ist eben auch komplex, daher brauchen wir eine gesamtheitliche Herangehensweise, fordert sie. Einfach nur Wärmepumpen zu verbauen, sei Unsinn, zumal es gar nicht genug gebe: "Es braucht Optionen: Für die einen ist es die Wärmepumpe, für andere Fernwärme, kommunale Wärmepläne oder Quartierslösungen, andere fahren gut mit Biomasse, wasserstofffähigen Heizungen oder autarken Lösungen. Notwendig ist die Parallelität der Initiativen: Gebäudeenergiegesetz und kommunale Wärmepläne und Geothermie/Bioenergie-Initiative und Quartiersförderung. In aller Deutlichkeit: Das Zulassen von Optionen im Gebäudesektor ist nicht nur ein Gebot ökologischer Notwendigkeit und ökonomischer Vernunft, sondern auch ein Gebot sozialer Verantwortung. Klimaschutz ohne gesellschaftliche Absicherung des Erfolgs aller Klimaschutzanstrengungen ist zum Scheitern verurteilt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2023 - Ideen

In der NZZ singt Robert Misik eine Eloge auf George Orwell, seine  intellektuelle Redlichkeit, seinen Witz und seinen undogmatischen Sozialismus. Und er stellt fest, dass trotz einiger politischer Kehrtwendungen Orwell wirklich absolut nichts vom Pazifismus hielt: "1942 nannte Orwell den Pazifismus 'objektiv profaschistisch' und fügte hinzu: 'Das ist ganz weitgehend unumstritten. Wenn du die Kriegsanstrengung der einen Seite untergräbst, dann hilfst du automatisch der anderen. Es gibt auch keine Möglichkeit, irgendwie außerhalb eines solchen Krieges zu bleiben wie dem gegenwärtigen.' Pazifistische Propaganda sei daher 'in anderen Worten eine Hilfeleistung für den Totalitarismus'. Unmittelbar nach Kriegsende und der Nazi-Kapitulation schrieb er in seinen 'Notes on Nationalism', die Mehrheit der Pazifisten gehöre 'entweder zu eigenartigen religiösen Sekten, oder sie sind ganz einfach Humanisten, die es ablehnen, irgendjemandem das Leben zu nehmen, und die über dieses elementare Prinzip hinaus jede weitere Überlegung ablehnen. Aber es gibt eine kleine Gruppe intellektueller Pazifisten, deren reales, doch uneingestandenes Motiv der Hass auf die westliche Demokratie und die Bewunderung des Totalitarismus ist.'"

In einem ellenlangen Interview in der FR befragt Michael Hesse die jüdische Philosophin Susan Neiman über die Legitimität von Waffenlieferungen, die Faschisten in der israelischen Regierung und die Neigung, moralische Klarheit mit Einfachheit zu verwechseln: "Wir hoffen, Regeln zu haben, die uns alles erklären: das ist böse, das ist schlecht. Ich werde immer wieder gefragt, warum ich keine Regeln angeben kann. Ich kann hier nur Kant zitieren. Kant hat in der 'Kritik der reinen Vernunft' die Urteilskraft thematisiert. Sie ist dafür zuständig, allgemeine Regeln auf Einzelfälle anzuwenden, das kann man lernen, aber nicht lehren, wie er sagt... Was viele vergessen: Wir haben moralische Bedürfnisse, wir sind nicht nur interessengeleitet. Wir wollen nach einem moralischen Kompass agieren. Natürlich können wir korrupt sein und Eigeninteressen über alles andere stellen, aber wir haben auch Scham und handeln eben auch nicht aus Eigeninteressen, sondern nach moralischen Normen. Das Schrecklichste an Trump war, dass der mächtigste Mann der Welt überhaupt keinen Begriff von Moral oder Normen hat. Doch die meisten von uns wollen moralische Klarheit."