9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 59 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2023 - Ideen

Im Interview mit der FAZ ist sich der australische Philosoph David Chalmers sicher, dass KI mal ein Bewusstsein entwickeln wird: "Searle kommt zu dem Schluss, dass die menschliche Biologie etwas ganz Besonderes ist. Ich kann nichts in der menschlichen Biologie erkennen, das wir nicht in relevanter Weise in Silizium nachbilden könnten. Stellen Sie sich vor, man würde einige Neuronen des Gehirns durch Silizium-Chips ersetzen. Wird das Bewusstsein allmählich verschwinden, wenn man die Neuronen im Kopf komplett ersetzt? Ich denke, das Ausschlaggebende ist nicht die menschliche Biologie. Es ist die Art und Weise, wie Informationen verarbeitet werden. Wenn das auf relevante Weise in einem Computer geschieht, entsteht auch da Bewusstsein."

In der NZZ porträtiert Thomas Ribi Jürgen Habermas als "public intellectual", dessen Prämissen im Ukrainekrieg nicht so recht weiterführen: "Aus den Windungen, in denen sich Habermas' Appell zu Verhandlungen verliert, ist das Unbehagen des Professors zu spüren, der weiß, dass der 'herrschaftsfreie Diskurs', den er in seinen theoretischen Arbeiten als Grundlage für Entscheidungsverfahren postuliert hat, unter den zurzeit gegebenen Umständen eine Illusion ist. Und dass die Regeln der Vernunft nichts mehr gelten, wenn der Gegner in Divisionen denkt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2023 - Ideen

Im Leitartikel der FR schreibt Sereina Donatsch ein Plädoyer für intersektionalen Feminismus. Von einem universalen Feminismus will die deutsche Autorin - anders als ihre iranische Kollegin Gilda Sahebi gestern in der taz (unser Resümee) - nichts wissen: "Diskriminierungserfahrungen haben oft unterschiedliche Ursprünge, überschneiden und verflechten sich: Während schwarze Männer von Rassismus betroffen sind und weiße Frauen von Sexismus, sind schwarze Frauen beiden Unterdrückungsformen ausgesetzt. Ein Mensch kann aus vielen verschiedenen Gründen diskriminiert werden. Die 'intersektionale Brille' bringt diese Komplexität zum Vorschein. Im Gegensatz zu einem weißen, bürgerlichen und elitären Feminismus will ein intersektionaler, inklusiver Feminismus alle Menschen erreichen, mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen. (…) Diese Lebenserfahrungen werden aber durch Feministinnen, die an einer universellen Vorstellung festhalten, unsichtbar gemacht. Weiße Akademikerinnen halten Vorträge über Emanzipation und bestimmen die Debatten. Ihre Ziele sind dementsprechend auch stärker vertreten."

"Feminismus des Jahres 2023 ist viel mehr eine Frage der Haltung als des biologischen Geschlechts. Solidarität muss deshalb denen gelten, die sie brauchen und nicht denen, die sie missbrauchen", kommentiert Kia Vahland in der SZ: "Radikale Politikerinnen wie Marine Le Pen, Alice Weidel oder Sahra Wagenknecht profitieren vom Feminismus; politisch aber untergraben sie ihn. Und, leider: Jeder ukrainische Soldat, der eine Straße befreit, tut mehr für die Sache der Frauen als in diesen Wochen Alice Schwarzer. Die Publizistin setzt ihre lange erworbene Autorität momentan dafür ein, voreilig auf einen Despoten zuzugehen, der seinen Angriffskrieg mit einer Vergewaltigungsmetapher einleitete und seine Soldaten diese nun wahr machen lässt."

Politikerinnen sind wie Politiker, es gibt solche und solche, erkennt Eva Ladipo in der FAZ. Der grundlegende Unterschied ist, dass Frauen im Amt viel stärker bedroht werden und größerer Hetze ausgesetzt sind, schreibt sich mit Blick auf Jacinda Ardern, Nicola Sturgeon, Angela Merkel, Sanna Marin, Renate Künast oder Alexandria Ocasio-Cortez: Es ist also "ihre Außenwirkung, die Reaktion des Publikums, die Frauen nach wie vor benachteiligt. Aus irgendeinem Grund reagiert die Öffentlichkeit heftiger, wütender und gewalttätiger auf Frauen an der Macht als auf Männer. Und damit ist nicht nur das männliche Publikum gemeint, wie der Twitter-Angriff auf die amerikanische Vizepräsidenten Kamala Harris zeigt. Es war eine berühmte Journalistin, die sie öffentlich bezichtigte, sich 'nach oben geschlafen' zu haben. Die gute Nachricht ist, dass Frauen trotzdem weitermachen. Sie haben offensichtlich gelernt einzustecken und sind härter im Nehmen, als selbst Vorreiterinnen ihnen zugestehen."

Helena Schäfer stellt in der FAZ die Frauenrechtlerinnen Katharina Oguntoye und Chandra Talpade Mohanty vor, die schon in den achtziger Jahren versucht haben klarzumachen, "dass 'das andere Geschlecht' nicht nur die weiße, heterosexuelle Bürgerstochter ist" und sich erst von der jetzigen jungen Generation der Feministinnen verstanden fühlt, die "im Angesicht der Klimakrise und globaler Ausbeutung den Kapitalismus infrage stellt. Für Mohanty ist er mit einer feministischen Vision unvereinbar, weil diese das Gegenteil anstrebe: 'Wir suchen etwas, das sich gegen Gier und Individualismus wendet.' Der Feminismus dagegen setze sich für Gemeinschaft ein."

"Weltweit gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Männer Zugang zum Internet haben, 21 Prozent höher als bei Frauen - in Ländern mit niedrigem Einkommen sogar über 50 Prozent höher", schreibt UN-Generalsekretär António Guterres, der in der FR über eine Frauenquote in Wissenschaft und Technologie nachdenkt. "Big Data ist das neue Gold und Grundlage für Entscheidungen in Politik und Wirtschaft. Doch werden dabei geschlechtsspezifische Unterschiede oft ignoriert - oder Frauen absichtlich ganz ausgeblendet. Wir alle sollten alarmiert sein, wenn Produkte und Dienstleistungen durch ihre Gestaltung die Ungleichheit der Geschlechter zementieren und Patriarchat und Frauenfeindlichkeit in der digitalen Welt fortführen. Die Silicon Valleys dieser Erde dürfen nicht zu Death Valleys für Frauenrechte werden. Medizinische Entscheidungen, die auf Daten zum männlichen Körper fußen, können für Frauen nicht nur schädlich, sondern tödlich sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2023 - Ideen

In der FAZ ist Josef Schuster skeptisch, was eine Neuformulierung von Artikel 3 des Grundgesetzes angeht, die auf den Begriff "Rasse" verzichten will. Er erkennt die gute Absicht, ist sich aber nicht sicher, ob das reicht: "Dass es keine menschlichen Rassen gibt, ist heute gesellschaftlicher Konsens. Die deutsche Geschichte lehrt uns aber, dass es nicht immer so gewesen ist. Und gegen genau diese NS-Ideologie schafft der Artikel 3 des Grundgesetzes ein Bollwerk."

Die taz beglückt uns heute mit 12 Seiten "antiantifeminismus" in lila. Das Weltbild ist in den meisten Artikeln jedoch eher schwarz-weiß: Hier der linke Feminismus, dort Rechte, "Antidemokrat*innen und religiöse Fundamentalist*innen" und alle anderen. Sandra Ho macht das klar, wenn sie den Begriff Antifeminismus definiert, der weiter gefasst sei als der gute alte Sexismus: "Hinter antifeministischen Angriffen stecken fast immer organisierte Akteur*innen, die eine politische und ideologisch motivierte Botschaft senden", erklärt sie. "So können verschiedenste Akteur*innen unterschiedlicher Ideologien einen gemeinsamen Nenner in ihren antifeministischen Einstellungen finden. Wissenschaftler*innen, die auf längst widerlegten Biologismen beharren, teilen mit rechten Politiker*innen cis-heteronormative Geschlechtervorstellungen, die Geschlechterrealitäten außerhalb gewisser traditioneller Normen diskriminieren." Und schwupps hat man Feministinnen, deren Meinung einem nicht passt, in einer Ecke mit Rechten und religiösen Fundamentalisten.

Mit dem Argument, man müsse die "Kultur" anderer Länder respektieren, drücken sich westliche Linke gern davor, die Proteste gegen das Kopftuch in Afghanistan oder im Iran zu unterstützen, kritisiert Gilda Sahebi, aus deren Buch "Unser Schwert ist Liebe" die taz einen Ausschnitt vorabdruckt: "Ausgerechnet diejenigen, die vorgeben, antikolonialistisch und antiimperialistisch zu denken, verfallen in eine in der Konsequenz rassistische Argumentation. Denn wenn die Befreiung vom Kopftuch eine 'westliche' Idee ist, sind auch die Selbstbestimmung der Frau und die Gleichberechtigung der Geschlechter 'westliche' Werte. Kulturrelativismus bedeutet eben auch einen Relativismus der Werte. Bestimmte Werte gibt es in dieser Logik nur im Westen, Frauen im sogenannten Nahen Osten haben damit nicht dasselbe Bedürfnis nach Freiheit wie Frauen im Westen." Diesen Vorwurf bestätigt indirekt auch die Theologin Gunda Werner, wenn sie in der taz den christlichen Kirchen vorwirft, ihr konservativer Antifeminismus sei Grundlage ihrer Gender-Kritik, von anderen Religionen aber schweigt.

Der Autor Fikri Anıl Altıntaş beklagt in der taz, "toxische Männlichkeit" werde in Deutschland immer nur migrantischen Männern zugesprochen. Aber das Männlichkeitsproblem lasse sich nur in einem größeren Kontext lösten: "Wir stehen vor einem Problem und müssen uns als Gesellschaft verändern. Das heißt aber auch zu realisieren, dass mit Rassismus noch nie feministische Utopien gelungen sind. Alle Männer, und besonders 'migrantische', müssen verstehen, dass intersektionaler Feminismus auch für sie ein Ausweg sein kann. Weniger Druck verspüren, ständig hart sein zu müssen, weniger gewalttätig zu sein, mehr Zärtlichkeit in sich und mit anderen finden. Gleichzeitig gehört der Kampf gegen Rassismus eben auch dazu und auch, Teil feministischer Kämpfe zu werden."

Außerdem im taz-Dossier: Im Interview mit der taz spricht die Historikerin Ute Planert über Antifeminismus im Kaiserreich und Parallelen zur Gegenwart.

In Afrika werden Homosexuelle noch immer fast durch die Bank weg kriminalisiert, berichtet Claudia Bröll in der FAZ anlässlich eines Urteils in Kenia, das Abhilfe schaffen wollte und dafür massiv kritisiert wird. "Homosexualität gilt nicht nur im Osten Afrikas als Verbrechen. Von den 69 Ländern, die gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Strafe stellen, befinden sich nach Angaben der Organisation 'Human Rights Watch' 33 in Afrika. Nur in einem afrikanischen Staat, in Südafrika, sind gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt. ... Zur Rechtfertigung verweisen Befürworter regelmäßig auf die Bibel, den Koran und den angeblichen Schutz traditioneller Werte. Auch das Argument, Homosexualität sei 'unafrikanisch' und ein 'westliches' Phänomen ist immer wieder zu hören. Es trifft vor allem in den Bevölkerungen auf positive Resonanz, die sich von westlichen Regierungen weiterhin bevormundet fühlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2023 - Ideen

Ohne eine Revolution, eine massive Umverteilung von Reich zu Arm und strikte Kontrolle wird es nicht abgehen, wenn wir die apokalyptischen Tendenzen des "Anthropozäns" stoppen wollen, meint Wolfgang Sachs, Forschungsleiter am Wuppertal Institut, in der taz. "Suffizienz" soll die Parole sein. "Pflanzliche Ernährung ist auch ein Ausdruck der Suffizienz, nicht aus Angst vor einer Ressourcenkrise, sondern aus Verbundenheit mit anderen Lebewesen. Darüber hinaus hat Suffizienz eine kosmopolitische Dimension. Da die expansive Moderne strichweise den ganzen Erdball umfasst, ist die Suche nach einen frugalen Wohlstand allseits auf der Tagesordnung. In der Debatte um das Anthropozän verschwindet die 'Klassenfrage' hinter dem Begriff der Menschheit, obwohl inzwischen klar ist, wer derzeit die Hauptverursacher des Anthropozäns sind: die zehn Prozent der Hochverdiener in der Welt, die fast die Hälfte der CO2-Emissionen auf der Erde ausstoßen."

Noch eine Idee: Man könnte die Erbschaftssteuer erhöhen und eine Vermögenssteuer einführen und daraus ein "Grunderbe" schaffen. Vertreten wird sie von Volkswirt Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Gespräch mit Antje Lang-Lendorff. Dass sich die Idee bisher nicht durchsetztm liegt an einer paradoxen politischen Resonanz, erklärt er: Sie passe "ganz gut zum progressiven Neoliberalismus, der in den Eliten verbreitet ist und der die Chancengleichheit in der Wettbewerbsgesellschaft verbessern will. Konservative und traditionelle Wirtschaftsliberale sind aber skeptisch, wenn an den bestehenden Eigentumsordnungen und Privilegien gerüttelt wird. Sie befürchten auch negative wirtschaftliche Folgen der Steuererhöhungen. Traditionelle Linke wiederum wollen zwar die Steuern für Reiche erhöhen, aber mit dem Geld die Leute lieber direkt ertüchtigen und staatliche Leistungen ausbauen. Daher sitzt man mit dem Grunderbe zwischen allen Stühlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2023 - Ideen

In der Welt ärgert sich die jüdische Autorin Mirna Funk über das von postkolonialen Denkern inzwischen im Mainstream verbreitete Narrativ, Juden seien nicht mehr "rassifiziert", sondern weiß - "so wie auch die anderen Unterdrücker der Welt eben weiß sind". In Israel hatte "von den 7,5 Millionen Juden vor zwanzig Jahren die Hälfte einen nordafrikanischen oder eben afrikanischen Familienhintergrund. Trifft man heute Israelis in meinem Alter oder jünger, dann kommen so gut wie alle aus gemischten Familien." Und noch eine Anmerkung für den postkolonialen Diskurs: "Die Machtübernahme von Menachem Begin, der 1977 den Likud anführte, definiert bis heute das politische Geschehen des Landes. Bis Ende der Siebzigerjahre war Israel nämlich sozialistisch und die stärkste Partei die Arbeiterpartei. Dann aber wählte die mizrachische Bevölkerung eine rechtskonservative Partei, die bis dato mit Benjamin Netanjahu die israelische Politik seit fast 50 Jahren prägt. Wer also glaubt, die 'weißen Aschkenasi-Juden' unterdrücken die Palästinenser und manifestieren ihr kolonialistisches und imperialistisches Denken, hat die gesamte politische Landschaft Israels nicht begriffen. Denn der mizrachische Israeli, dessen Großeltern noch Arabisch sprachen, ist jener, der sich mit Händen und Füßen gegen eine Zweistaatenlösung wehrt. Auch, weil er über Jahrhunderte von der arabischen Bevölkerung des jeweiligen Heimatlandes unterdrückt, gedemütigt und ermordet wurde."

Jacques Julliard, einer der großen Intellektuellen aus der in Frankreich immerhin vorhandenen antitotalitären Schule, wird neunzig. Marko Martin hat ihn in Paris für die Salonkolumnisten getroffen, und er preist unermüdlich die Schönheiten eines reformorientierten Denkens, über das die meisten Intellektuellen in Frankreich eher die Nase rümpfen. 1968 war da nicht der Anfang: "Ich hatte schon zuvor in den Fünfzigerjahren erfahren, wie letztlich wirkungslos und kontraproduktiv das pathetische Schwadronieren ist, für das so viele französische Intellektuelle eine fatale Schwäche haben. Schon als ganz junger Mann fühlte ich mich deshalb Albert Camus und seinem Rekurs auf die Konsequenzen, auf die individuelle Verantwortlichkeit viel näher - obwohl oder gerade weil er von den Tonangebenden seiner Zeit, etwa von Sartre und Simone de Beauvoir, bespöttelt, ja verächtlich gemacht wurde. Das waren meine frühen Prägungen, auch im Umkreis der antitotalitären Zeitschrift Esprit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2023 - Ideen

Im FR-Gespräch mit Michael Hesse spricht Omri Boehm über die Verbindung zwischen jüdischer Philosophie und Immanuel Kant und die Doppelmoral des westlichen Verständnisses von Universalimus, die er auch in seinem aktuellen Buch untersucht: "Der Freiheitsbegriff der westlichen Kultur wird harsch kritisiert wegen ihres Kolonialismus, Sklaventums, Positivismus. Die Frage ist, ob das Konzept der Freiheit ein allgemeines ist oder mit der westlichen Kultur zu tun hat und nicht universell ist. Erst mit einem radikalen Universalismus, der nicht westlicher Provenienz ist, sind wir in der Lage, sowohl unsere Kultur als auch andere Kulturen zu kritisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2023 - Ideen

Ausgelöst durch die Forderung der "Letzten Generation", einen Gesellschaftsrat zu bilden, der aus zufällig ausgelosten Staatsbürgern besteht, widmet sich die SZ im Feuilleton-Aufmacher heute der Krise der Demokratie. Oliver Weber, mit der Idee sympathisierend, konkretisiert: "Bindend seien die Maßnahmen, die die ausgelosten Bürger darin erarbeiten sollen, nur dank einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Bundesregierung: Sie 'gibt vorher öffentlich bekannt, die Empfehlungen des Gesellschaftsrats, also den Willen der Gesellschaft, 1:1 umzusetzen'. Eigentlich erstaunt es, wie wenig revolutionär dieser Vorschlag ausfällt: In ihm drückt sich ein ungebrochenes Vertrauen in die Kraft der politischen Öffentlichkeit und die Ehrlichkeit politischer Eliten aus - bei völligem Verzicht auf institutionelle Eingriffe, die wirklich verfassungsrevolutionären Charakter hätten, wie etwa Plebiszite, imperative Mandate oder gar das ehedem bei linken Bewegungen beliebte Überführen der Produktionsmittel in demokratische Hände."

Gustav Seibt versucht dem Unbehagen der Klimaaktivisten an der Demokratie auf den Grund zu gehen. Den Parteien mangelt es an Nachwuchs, Parteiarbeit ist unattraktiv geworden, schreibt er: "Schon vor einem Jahrzehnt beschrieb der Staatsrechtler Christoph Möllers die verbreitete Neigung, sich lieber 'zivilgesellschaftlich' für ein konkretes, gern moralisches Ziel zu engagieren als in eine Partei zu gehen, als Krisensymptom. Parteien sind, weil ihre Programme breite Gebiete abdecken und aus komplexen Verhandlungen hervorgehen, für den einzelnen Bürger mit seinem moralischen Impuls oft unbefriedigend. Sie sind Gesellschaft mit ihren Widersprüchen im Ausschnitt - ein Milieu. In zivilgesellschaftlichen Gruppen - der Bürgerinitiative, der Protestgruppe, der Umweltorganisation, der Pressuregroup für Minderheitenrechte - ist die Aussicht auf Übereinstimmung und soziale Homogenität deutlich größer. Auch hier kann man delegieren und sich gut dabei fühlen, durch Spenden, Petitionen und die Finanzierung professioneller Kampagnenführer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2023 - Ideen

Woke ist in seinem ganzen Extremismus jetzt auch in Frankreich angekommen, berichtet Jürg Altwegg in der FAZ, und dabei entdecken die Franzosen auch ihre erste Theoretikerin der Transidentität: "Vor zwanzig Jahren, im Januar 2003, starb die Schriftstellerin und Philosophin Monique Wittig. Sie hatte mehrere Romane veröffentlicht, 1964 bekam sie den Prix Médicis. 1968 nahm sie an der Besetzung der Sorbonne teil und übersetzte Herbert Marcuses 'Der eindimensionale Mensch'. Monique Wittig gehörte zu den Begründerinnen des 'Mouvement de Libération des Femmes' (MLF), geriet aber in Konflikt mit der Frauenbewegung: Sie attackierte 'die Heterosexualität als politisches Regime der Herrschaft der Männer'. Traditionelle Geschlechterzuschreibungen lehnte sie ab:'Lesbierinnen sind keine Frauen.' Im Streit zog sie nach Amerika. Judith Butler unterstreicht Monique Wittigs Bedeutung in ihrem Klassiker über 'Das Unbehagen der Geschlechter'. In Frankreich, wo Wittigs englischsprachige Schriften mit großer Verspätung oder gar nicht erschienen, gehörten Virginie Despentes und Paul B. Preciado zu deren ersten Lesern. 'Le corps lesbien' (1973) wird neu aufgelegt."

Gestern zitierten wir erste Stimmen, die vorschlugen, der Texterstellungs-KI ChatGPT doch erst mal eine Chance zu geben, bevor man mal wieder den Untergang des Abendlandes ankündigt. Heute erzählt Ulf von Rauchhaupt in der FAZ von einem konkreten Beispiel, wie nützlich diese KI sein kann: Beim Lesen und Einsortieren von Keilschrift-Fragmenten zum Beispiel. "Am 3. Februar hat ein Forscherteam um Enrique Jiménez von der Universität München ihr 'Fragmentarium' freigeschaltet, eine Onlinedatenbank aus aktuell 21 471 Tontafelfragmenten. Die Münchner Electronic Babylonian Library, die Jiménez seit 2018 aufbaut, umfasst außerdem einen 'Corpus' der wichtigsten Werke akkadischer Literatur im jeweils aktuellsten Zustand ihrer Vervollständigung samt englischer und arabischer Übersetzung. Da Fragmente und Corpus in einem einheitlichen digitalen Format vorliegen, lassen sie sich nun auf Überlappungen abgleichen, und so konnten die Münchner bereits rund tausend Fragmente zuordnen. Zuletzt war auch wieder ein zentimetergroßes Bröckchen aus dem Gilgamesch dabei." Aber auch für das korrekte Transliterieren ist ChatGPT sehr nützlich, lesen wir.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2023 - Ideen

Die Autorin Tanja Dückers konstatiert im Tagesspiegel die charakteristische Nähe zwischen AfD und Linkspartei in Äußerungen zum Ukrainekrieg. Die antiamerikanischen Argumentationsfiguren seien allerdings "in nuancierter Form bis weit in die bürgerliche Mitte zu finden. Eine Reihe führender Intellektueller und Politiker halten Russland im Ukrainekrieg für ein Opfer der USA. Doch woher kommt die krude Vorstellung?" Dückers' Antwort: "Heute schwanken die Deutschen zwischen konsumbefriedigter Behaglichkeit und miesepetrig-moralisierender Besserwisserei. Die USA sind so etwas wie der große ungeliebte Halbbruder. Die USA abzulehnen, ist bis zu einem gewissen Grad projizierter Selbsthass."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2023 - Ideen

Aleida Assmann denkt in der Zeit über Weisheit in Zeiten des Krieges nach. Immanuel Kant wirft sie vor, durch seinen kategorischen Imperativ die universelle Poesie der Weisheitsdevise "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg auch keinem anderen zu" zerstört zu haben. Am Ende kommt sie zu dem Ergebnis, dass es weise sei, mitten im Krieg "an einer friedlichen Zukunft zu arbeiten".