Ja klar, auch
FAS-Autor Tobias Rüther bewundert
Alexander Kluge für seine geistreichen Aperçus und mitreißende Gedankensprünge. Aber dass er mit seiner "Kriegsfibel 2023" einen Neuanfang behauptet, ohne sein Denken zu verändern, bemerkt Rüther auch: "Wann immer es konkreter zu werden droht, wechselt Kluge aufs nächste Feld, in den Mythos, zu Alexander dem Großen - und einmal zu Anna Wilde, einer Freundin seiner Mutter, die beim Luftangriff auf Kluges Heimatstadt Halberstadt 1945 mit ihren Kindern in den Wald floh: 'An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat, sie soll nur aufhören', habe die gesagt. Da ist sie wieder, die Idee des Kriegs als
großer Gleichmacher von Angreifer und Angegriffenem. Kluge sagt, in dieser Fibel und in Interviews, dass er sich schon jetzt lieber mit der Frage beschäftige, was nach dem Ukrainekrieg kommen werde. Sehr nachvollziehbar, aber was soll das für ein Frieden werden, wenn er damit beginnt, die
Frage nach Verantwortung auszuklammern? Im Geiste einer 'Generosität' (Kluges Wort), die so verlogen ist? Was soll die Ukraine eigentlich noch alles leisten und ertragen?" Dagegen stellt Rüther
Marcel Beyers Poetikvorlesungen "Die tonlosen Stimmen beim Anblick der Toten auf den Straßen von Butscha", in denen Beyer ein Ezählen stark macht, das auf die Fiktion verzichte, nicht aber auf die Imagination.
Die Friedensmärsche, die
Waffenlieferungen an die Ukraine ablehnen, können sich nicht auf Immanuel Kant berufen,
stellt der in Dresden Philosophie lehrende Markus Tiedemann in der
FR klar, was
Immanuel Kant seiner Ansicht nach von Waffenlieferungen an die Ukraine gehalten hätte: "Ein
Aggressor darf nicht triumphieren. Auch Kant befürwortet ein Verteidigungsrecht von Personen und Staaten. Zudem ist es legitim, wenn die Völkergemeinschaft Aggressoren sanktioniert und Überfallenen militärisch zu Hilfe eilt. Das Recht muss verteidigt werden. Auch Putin darf diesen Krieg nicht gewinnen. Allerdings folgt daraus nicht, dass die Ukraine militärisch siegen muss. Dieses Ergebnis mag wünschenswert sein, moralisch alternativlos ist es nicht. Frieden, nicht Sieg ist ein Gebot der praktischen Vernunft. Kant würde Waffen liefern, aber diese Unterstützung an mindestens eine Bedingung knüpfen: auch der Verteidiger muss zu
Verhandlungen über einen Waffenstillstand bereit sein."
In der
NZZ hält der Philosoph
Konrad Liessmann nichts von einer verbalen Dramatisierung in Sachen Klimawandel. Begrifflichkeiten wie "Klima-Krise" oder "Klima-Katastrophe" führen in die Irre: "Solch eine drastische Überzeichnung ist bedenklich, da sie sich auf einen
imaginierten Klimakollaps bezieht und dabei die Realität des Klimawandels aus den Augen verliert. Denn dieser führt zunehmend zu
vielen kleinen Katastrophen. Sie sind zwar nicht so spektakulär wie das Weltende, aber man kann sie lokalisieren und versuchen, ihnen auf mehreren Ebenen zu begegnen. Entscheidend ist nicht ein einmaliges katastrophales Ereignis, der große Zusammenbruch, sondern sind die zahlreichen, auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Formen stattfindenden Auswirkungen eines sich rapide wandelnden Klimas. Der vermeintlich schwache und beschönigende Begriff des Klimawandels erweist sich bei genauerer Betrachtung als der realistische und damit eigentlich starke Terminus. Im Begriff des Wandels steckt
eine Unerbittlichkeit, die ziemlich präzise beschreibt, was in Klimafragen auf uns zukommt."