9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 57 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2023 - Ideen

In der taz unterhalten sich Jan Feddersen und Raoul Spada mit dem Staatsrechtler Christoph Möllers über die Frage, ob die FDP eine Idee von Liberalität hat. Und der Soziologe Stefan Selke verteidigt im Interview mit Dunja Batarilo die Idee der Utopie. Michael Hesse in der FR (hier) Andreas Bernard in der SZ erinnern an den großen Kritiker der Aufklärung Reinhart Koselleck, der in diesen Tagen seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2023 - Ideen

Ijoma Mangold legt in der Zeit einen hübschen Essay über die "Cancel Culture" vor. Sarkastisch gibt er jenen Linken recht, die wie Adrian Daub in seinem Buch "Cancel Culture Transfer" behaupten, es gebe sie gar nicht. "Es stimmt. In diesem Land, im Westen insgesamt, darf jeder sagen, was er will, niemand wird hinter Gitter gesperrt, nur weil er nicht gendert. Wir leben nicht in einer Stasi-Diktatur, der Zensurdruck geht nicht vom Staat aus. Kein Autor wird gezwungen, sein Manuskript einem Sensitivity-Reader vorzulegen, sie tun es freiwillig." Und es lohnt sich ja auch! "Diversity ist ja keineswegs ein Ausdruck von Subversion, sondern es ist die Ideologie der Macht und des Kapitals. Es sind die größten Weltkonzerne, die sich Diversity auf die Fahnen geschrieben haben, und es sind die Verwaltungen und Gremien der staatlichen und halbstaatlichen Institutionen, die über ihre Durchsetzung wachen, also die, die öffentliche Mittel oder Sponsorengelder zu vergeben haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2023 - Ideen

Im Tagesspiegel-Gespräch ruft Pankaj Mishra einmal mehr das Ende des Westens aus. Außerdem spricht er über das Fortwirken "weißer Vorherrschaft" bis in die Gegenwart: Er erkennt eine Kontinuität zwischen der imperialen Herrschaft westlicher Länder über die Welt im 19. und 20. Jahrhundert bis hin zu Donald Trumps und Boris Johnsons Populismus: "Es hat eine lange Tradition in westlichen Ländern, die unteren Schichten und eine im 19. Jahrhundert zunehmend militante Arbeiterklasse mit dem 'Lohn des Weißseins' zu befrieden. Um echte soziale Veränderung zu vermeiden, sagten die Herrschenden: Schaut, da sind Leute, die wegen ihrer Hautfarbe noch weit unter Euch stehen. Da habt ihr auch jemanden, auf den ihr herabschauen könnt. Diese beruhigende weiße Vorherrschaft ist aber nicht mehr zu retten und die Menschen, die sich durch diese Entwicklung bedroht fühlen, gehen auf die Barrikaden. In gewisser Weise kehrt die Gewalt des westliche Imperialismus in seine Heimatländer zurück."

In der FR denkt Robert Kaltenbrunner über eine Umnutzung von leerstehenden Kaufhäusern nach. "Mixed-Use-Immobilien" schweben ihm vor: "Mit Werkstätten, Büros, Cafés und personalisierten Ladenlokalen, in denen die Menschen wohnen, arbeiten und konsumieren, sich gut und gern und rund um die Uhr aufhalten. Freilich stellt es ein Problem dar, wenn das Kaufhaus und die Innenstadt zum Synonym werden, wenn in der Diskussion der Einzelhandel die Deutungshoheit über die City gewonnen hat. Denn es gibt die Innenstadt nicht, weil es ein Kaufhaus gibt. Sondern es ist umgekehrt: Es gibt ein Kaufhaus, weil es eine Innenstadt gibt. Und genau hier liegt ein Ansatz, um den Knoten zu durchschlagen. Eine neue Idee der Innenstadt kann auch eine Idee für ein neues Kaufhaus hervorbringen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2023 - Ideen

Ja klar, auch FAS-Autor Tobias Rüther bewundert Alexander Kluge für seine geistreichen Aperçus und mitreißende Gedankensprünge. Aber dass er mit seiner "Kriegsfibel 2023" einen Neuanfang behauptet, ohne sein Denken zu verändern, bemerkt Rüther auch: "Wann immer es konkreter zu werden droht, wechselt Kluge aufs nächste Feld, in den Mythos, zu Alexander dem Großen - und einmal zu Anna Wilde, einer Freundin seiner Mutter, die beim Luftangriff auf Kluges Heimatstadt Halberstadt 1945 mit ihren Kindern in den Wald floh: 'An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat, sie soll nur aufhören', habe die gesagt. Da ist sie wieder, die Idee des Kriegs als großer Gleichmacher von Angreifer und Angegriffenem. Kluge sagt, in dieser Fibel und in Interviews, dass er sich schon jetzt lieber mit der Frage beschäftige, was nach dem Ukrainekrieg kommen werde. Sehr nachvollziehbar, aber was soll das für ein Frieden werden, wenn er damit beginnt, die Frage nach Verantwortung auszuklammern? Im Geiste einer 'Generosität' (Kluges Wort), die so verlogen ist? Was soll die Ukraine eigentlich noch alles leisten und ertragen?" Dagegen stellt Rüther Marcel Beyers Poetikvorlesungen "Die tonlosen Stimmen beim Anblick der Toten auf den Straßen von Butscha", in denen Beyer ein Ezählen stark macht, das auf die Fiktion verzichte, nicht aber auf die Imagination.

Die Friedensmärsche, die Waffenlieferungen an die Ukraine ablehnen, können sich nicht auf Immanuel Kant berufen, stellt der in Dresden Philosophie lehrende Markus Tiedemann in der FR klar, was Immanuel Kant seiner Ansicht nach von Waffenlieferungen an die Ukraine gehalten hätte: "Ein Aggressor darf nicht triumphieren. Auch Kant befürwortet ein Verteidigungsrecht von Personen und Staaten. Zudem ist es legitim, wenn die Völkergemeinschaft Aggressoren sanktioniert und Überfallenen militärisch zu Hilfe eilt. Das Recht muss verteidigt werden. Auch Putin darf diesen Krieg nicht gewinnen. Allerdings folgt daraus nicht, dass die Ukraine militärisch siegen muss. Dieses Ergebnis mag wünschenswert sein, moralisch alternativlos ist es nicht. Frieden, nicht Sieg ist ein Gebot der praktischen Vernunft. Kant würde Waffen liefern, aber diese Unterstützung an mindestens eine Bedingung knüpfen: auch der Verteidiger muss zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand bereit sein."

In der NZZ hält der Philosoph Konrad Liessmann nichts von einer verbalen Dramatisierung in Sachen Klimawandel. Begrifflichkeiten wie "Klima-Krise" oder "Klima-Katastrophe" führen in die Irre: "Solch eine drastische Überzeichnung ist bedenklich, da sie sich auf einen imaginierten Klimakollaps bezieht und dabei die Realität des Klimawandels aus den Augen verliert. Denn dieser führt zunehmend zu vielen kleinen Katastrophen. Sie sind zwar nicht so spektakulär wie das Weltende, aber man kann sie lokalisieren und versuchen, ihnen auf mehreren Ebenen zu begegnen. Entscheidend ist nicht ein einmaliges katastrophales Ereignis, der große Zusammenbruch, sondern sind die zahlreichen, auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Formen stattfindenden Auswirkungen eines sich rapide wandelnden Klimas. Der vermeintlich schwache und beschönigende Begriff des Klimawandels erweist sich bei genauerer Betrachtung als der realistische und damit eigentlich starke Terminus. Im Begriff des Wandels steckt eine Unerbittlichkeit, die ziemlich präzise beschreibt, was in Klimafragen auf uns zukommt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2023 - Ideen

In der FR erinnert Michael Hesse daran, wie in den 1950er Jahren eine Euphorie für die zivile Nutzung der Atomkraft ausbrach: "Man träumte von radioaktiven Hühnern und Kühen, da man radioaktives Futter in seinem Weg durch den Körper verfolgen wollte. Man fürchtete nicht die Radioaktivität als Krebsursache, sondern fabulierte vom Einsatz radioaktiver Substanzen zur Krebsbekämpfung. Solche Ideen findet man in dem Buch 'Wir werden durch Atome leben', das nach dem besagten Treffen in Genf 1955 von internationalen Atomwissenschaftlern verfasst wurde."  Sehr wortreich diagnostiziert Hans Ulrich Gumbrecht in der Welt einen "Gegensatz zwischen grenzenlosem Optimismus im individuellen Verhalten und lückenlosem Pessimismus der kollektiven Schicksalserwartungen". Für letzteres macht er das "Verflachen großer Projekte" wie der Europäischen Union verantwortlich.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2023 - Ideen

Wolfgang Michal bringt im Freitag einen Rundumschlag gegen die Osteuropaforschung, der auf Twitter große Empörung auslöst. Mit heute prominenten Autoren wie Franziska Davies oder Karl Schlögel setzt sich Michal aber gar nicht auseinander, sondern widmet der Nazivergangenheit, die die Osteuropaforschung mit allen anderen Wissenschaften in Deutschland teilt, lange Exkurse, um heutige Autoren damit sozusagen als automatisch kompromettiert darzustellen. "Wäre die 'Gefahr aus dem Osten' nicht im 'Krimkrieg' 2014 und im Ukrainekrieg 2022 wiedererstanden, hätte man die 'Feindwissenschaft', die sich als Osteuropa-Expertise tarnte, tatsächlich einmotten können. So aber sind 'Osteuropaexperten' wieder erstaunlich präsent."

Wärmepumpen sind nicht nur "laut und hässlich", schreibt Marcus Woeller, der sich in der Welt wehmütig an alte Kachelöfen erinnert: "Heizen war einmal ein unmittelbarer Kontakt zwischen dem Menschen und der Hitzequelle. Das Entzünden des Feuers oder das Schüren der Glut waren noch Kulturtechniken der Beherrschung. Das Drehen am Thermostat verkümmerte dann schon zum bloßen Handgriff, eine Schwankung auszugleichen. Die Luft-Wasser-Wärmepumpe steht nun aber als sichtbarer Beweis vor dem Haus, dass wir uns dem automatisierten Smart-Home ausgeliefert haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2023 - Ideen

Einer ihm dubios erscheinenden Psychologisierung begegnet Lorenz Jäger in dem Heft über "Renegaten" der Zeitschrift Mittelweg 36, das er für die Geisteswissenschaften-Seite der FAZ bespricht. "Die Einleitung von Carolin Amlinger, Nicola Gess und Lea Liese setzt den Ton für die meisten Beiträge. Alle genannten Ex-Linken haben ihren Abschied in Buchpublikationen zum Thema gemacht. Eigentlich aber gelten sie, die 'selbsternannten Renegaten', den Autorinnen als komische Figuren; die 'Tragödie' der abtrünnigen Kommunisten der Zwischen- und Nachkriegszeit werde von ihnen nachgespielt und damit zur 'Farce'. Diagnostiziert wird eine 'Pose', die 'nach Aufmerksamkeit giert'. Zudem sei der Renegat wahrscheinlich als Fall von 'gekränkter Männlichkeit' zu sehen."

Außerdem: Die "Westfälische Wilhelms-Universität" in Münster verzichtet auf ihren Namensgeber Wilhelm II. und wird künftig nur noch als "Universität Münster" firmieren, meldet unter anderem das ZDF. Laut FAZ wird nun aber nicht der Wegfall des Wilhelm, sondern des "Westfälischen" im Namen bedauert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2023 - Ideen

Gestern wurde bekannt, dass der Historiker Wolfgang Schivelbusch am Sonntag im Alter von 81 Jahren verstorben ist. In der SZ erinnert sich Peter Richter heute sehr persönlich an Gespräche, die aus "rasenden Kausalketten" bestanden: "Mitschreiben ging nicht. Mitschneiden noch weniger. Außer einmal, da ging es um den Gebrauch der legendären New Yorker Bibliotheken im Zuge ihrer Digitalisierung, die er als Entsinnlichung intellektueller Tätigkeit erlebte. Verlusterfahrungen, Niederlagen, Rückzüge waren generell häufig sein Thema, aber immer auch als Fortschrittsmotoren, also befeuert von der Lust an der Dialektik und am Denken in Widersprüchen."

In der Welt erinnert Magnus Klaue daran, weshalb Schivelbusch im Umfeld der linken Sozialgeschichte ebenso wie der postmodernen Kulturwissenschaft "verdächtig beäugt" wurde: "Weil er die Übergänge zwischen dem vermeintlich Entgegengesetzten lebensgeschichtlich selbst verkörperte. Von Hause aus nicht Historiker, sondern Literaturwissenschaftler und Soziologe, erfuhr er seine geistige Sozialisation in der akademischen Linken, studierte bei Theodor W. Adorno in Frankfurt, Peter Szondi in Berlin und schrieb 1974 seine Dissertation über das sozialistische Drama nach Brecht bei Hans Mayer, der seinerseits biografisch eine Zwischenstellung zwischen DDR und BRD, Westen und Osten einnahm, für die Schivelbusch sich später immer wieder interessiert hat." In der FAZ schreibt Helmut Mayer den Nachruf.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2023 - Ideen

Im Standard-Interview mit Ruth-Renee Reif spricht die Wissenschaftlerin Anke Graneß über ihr neues Buch "Philosophie in Afrika", in dem sie sich mit der eurozentrischen Perspektive der Philosophie auseinandersetzt. Der Ausschluss außereuropäischer Philosophietraditionen sei "eine Folge der europäischen Kolonisation", sagt sie: "Durch sie wurde in allen Regionen der Welt das europäische universitäre System etabliert und damit auch die akademische europäische Philosophie. In Lateinamerika etwa, wo die Kolonisation früh erfolgte, gab es bereits im 16. Jahrhundert philosophisch-theologische Schulen und dann auch erste Universitäten nach europäischem Vorbild. Eine Ausnahme scheint China zu sein, wo die eigene philosophische Tradition stark im universitären System verwurzelt ist. In Afrika und Südamerika aber setzten erst im Prozess der Dekolonisierung oder sogar erst während der vergangenen zwanzig, dreißig Jahre Bemühungen ein, sich mit der Geschichte vorkolonialer philosophischer Traditionen zu befassen."

Außerdem: Der Historiker und Publizist Wolfgang Schivelbusch ist am Sonntag im Alter von 81 Jahren gestorben, meldet unter anderem die SZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2023 - Ideen

In der NZZ fragt sich Robert Misik, selbst bekennender Linker, warum so viele Linke ein Faible für Autokraten haben: "Die linken Seltsamkeiten haben viel mit ideologischen Prägungen zu tun, die weit in der Vergangenheit liegen", meint er. "Die sozialistische Sowjetunion war in den zwanziger Jahren durchaus ein Leuchtturm eines emanzipatorischen Sozialexperimentes, jedenfalls schien sie das zu Beginn auch für viele schlaue Linke zu sein. Schon bald geriet die angebliche Räterepublik aber auf diktatorische Abwege, nicht erst mit Stalin, aber mit der Stalinisierung dann endgültig. Danach setzte eine Reihe von Mechanismen ein: erstens die Leugnung des stalinistischen Terrors. Zweitens dessen Rechtfertigung."
Stichwörter: Linke, Stalinistischer Terror