"Verfügt die Demokratie über
Verlustkompetenz?" So lautet die bange Frage, die
Andreas Reckwitz in der
SZ in der Reihe "55 Voices" mit Ansprachen für die Demokratie stellt. Verlust, so Reckwitz, ist, was allenthalben blüht, das Fortschrittsversprechen der Moderne sei abgewirtschaftet, die Mitte muss es sich auf einer Peau de Chagrin unbehaglich machen. Reckwitz rät zu Strategien der
Trauerbewältigung, wie sie in
Psychotherapien entwickelt wurden: "Jenseits einer Verlustverdrängung, welche die Verluste nicht wahrhaben will, und einer Verlustfixierung, in der die Welt nur noch aus diesen zu bestehen scheint, ist dann
eine Verlustintegration gefragt, in der das, was man verliert, als selbstverständlicher Teil des Alltags gewürdigt wird. 'Mit den Verlusten leben', lautet hier die Maxime."
Die "
Letzte Generation" hat es leider nicht geschafft, sich im Wiener Musikvereinssaal festzukleben und das alljährliche so lukrative wie zuckesrüße Spektakel des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker zu stören. Der Autor
Philipp Blom fragt in einem Essay für den
Standard nach der Berechtigung der Proteste. Ein Blick auf die
Suffragetten zeigt ihm, dass Proteste in ihrer Gegenwart oft anders gesehen werden als in der Geschichte: "Ich persönlich bin erstaunt (und erleichtert), dass es noch keinen
gewalttätigen Öko-Terrorismus gibt, aber momentan befindet sich die Klimabewegung tatsächlich in einer ähnlichen Situation wie die Suffragetten nach dem Misserfolg ihrer jahrelangen, geduldigen Überzeugungsarbeit. Was tun, wenn die Situation
das Äußerste fordert? Wie weit darf man und wie weit muss man in einer verzweifelten Lage gehen?"
Der Protest der
Silvesterrandalierer war diffus, aber er steht in einer bedenklichen
Gleichzeitigkeit, mahnt Carline Fetscher im
Tagesspiegel. Auch andere Kräfte sägen an einer
staatlichen Autorität, die nach der Corona-Pandemie geschwächt sei: "Andere Akteure nutzen den vermeintlichen und vorhandenen Autoritätsverlust des demokratischen Staates
offen und politisch für sich. Einige in
linken oder grünen Bewegungen sinnieren über die Frage, ob demokratische Prozesse genug Zeit lassen, das Klima zu retten. '
Reichsbürger' erklären die Bundesrepublik für nicht existent und rekrutieren ihre Anhängerschaft sogar in den zentralen Institutionen des Staates selbst."