9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2274 Presseschau-Absätze - Seite 61 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2023 - Ideen

Slavoj Zizek meditiert in der Zeit mit heiterem Ansatz vor ernstem Hintergrund über Zwangsläufigkeit in der Geschichte. Was geschehen kann, obwohl es nicht geschehen soll, macht er mit einer Schnurre aus seiner sozialistischen Vergangenheit deutlich: "Aus heiterem Himmel kam das Gerücht auf, es gebe nicht mehr genügend Toilettenpapier in den Geschäften. Die Behörden versicherten prompt, es sei genügend Toilettenpapier für den normalen Verbrauch vorhanden, das Gerücht sei falsch. Überraschenderweise stimmte das nicht nur, sondern die meisten Menschen glaubten es auch. Ein Durchschnittsverbraucher überlegte jedoch wie folgt: Ich weiß, dass es genügend Toilettenpapier gibt und das Gerücht falsch ist. Was aber, wenn einige Leute das Gerücht ernst nehmen und panisch anfangen, Toilettenpapier zu horten, womit sie einen echten Mangel verursachen? Also gehe ich besser los und lege mir selbst einen Vorrat an. Ich muss noch nicht einmal glauben, dass einige das Gerücht ernst nehmen; es genügt die Annahme, dass manch andrer glaubt, es gebe Leute, die das Gerücht ernst nehmen - der Effekt ist letztlich derselbe: ein echter Mangel an Toilettenpapier in den Geschäften."

In der FR gräbt Michael Hesse ein Interview aus, dass der Forscher und Begründer der Gaia-Hypothese James Lovelock der FR kurz vor seinem Tod im vergangenen Sommer gab. "Ein Thema war dabei die globale Erwärmung und die Frage, ob die Menschheit diesen Prozess überhaupt noch aufhalten könne. 'Die globale Erwärmung schreitet ja nur deshalb so voran, weil wir darin gescheitert sind, die Verbrennung fossiler Energieträger zu stoppen', antwortete der britische Forscher. 'Nukleare Energie ist deutlich weniger gefährlich, als Kohlenstoff basierte Treibstoffe zu verbrennen. Wir müssen so schnell wie möglich mit Letzterem aufhören', lautete sein Appell. Und dass Deutschland aus der Atomenergie ausgestiegen sei, ist eindeutig ein Fehler gewesen'. Vorausgesetzt, dass wir Menschen die nötige Sensibilität entwickeln, sei es noch nicht zu spät, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Wenn wir die richtigen Maßnahmen ergreifen, werde der Planet in 30 Jahren noch genauso aussehen wie heute, glaubte er."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2023 - Ideen

Jakob Hayner unterhält sich für die Welt mit der Philosophin Tove Soiland. Sie sieht den heute regierenden queeren Diskurs der sexuellen Identitäten als eine Radikalisierung des 68er-Diskurses über "befreite Sexualität", der in sein Gegenteil umgeschlagen sei: "Frappant ist, wie unglaublich rigide die sexuelle Befreiung geworden ist. Und auch das Sprachverhalten ist unglaublich rigide geworden, wie es in der ödipalen Gesellschaft unvorstellbar gewesen wäre. Die jungen Menschen heute machen sich Regeln, die hätten sie bei keinem ödipalen Vater geduldet, der wäre gelyncht worden. Der Versuch, das unbewusste Genießen zu erziehen, führt zu einer Polarisierung in der Gesellschaft. Die fortschrittlichen Kräfte werden immer strenger, bis zu der Vorstellung, alles müsse per Vertrag geregelt werden...  Die Rechte verteidigt nun die freie Sexualität, während sich die Linke für deren Verregelung einsetzt, das hat sich umgekehrt. Das sind aber zwei Seiten desselben Missverständnisses."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2023 - Ideen

"Verfügt die Demokratie über Verlustkompetenz?" So lautet die bange Frage, die Andreas Reckwitz in der SZ in der Reihe "55 Voices" mit Ansprachen für die Demokratie stellt. Verlust, so Reckwitz, ist, was allenthalben blüht, das Fortschrittsversprechen der Moderne sei abgewirtschaftet, die Mitte muss es sich auf einer Peau de Chagrin unbehaglich machen. Reckwitz rät zu Strategien der Trauerbewältigung, wie sie in Psychotherapien entwickelt wurden: "Jenseits einer Verlustverdrängung, welche die Verluste nicht wahrhaben will, und einer Verlustfixierung, in der die Welt nur noch aus diesen zu bestehen scheint, ist dann eine Verlustintegration gefragt, in der das, was man verliert, als selbstverständlicher Teil des Alltags gewürdigt wird. 'Mit den Verlusten leben', lautet hier die Maxime."

Die "Letzte Generation" hat es leider nicht geschafft, sich im Wiener Musikvereinssaal festzukleben und das alljährliche so lukrative wie zuckesrüße Spektakel des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker zu stören. Der Autor Philipp Blom fragt in einem Essay für den Standard nach der Berechtigung der Proteste. Ein Blick auf die Suffragetten zeigt ihm, dass Proteste in ihrer Gegenwart oft anders gesehen werden als in der Geschichte: "Ich persönlich bin erstaunt (und erleichtert), dass es noch keinen gewalttätigen Öko-Terrorismus gibt, aber momentan befindet sich die Klimabewegung tatsächlich in einer ähnlichen Situation wie die Suffragetten nach dem Misserfolg ihrer jahrelangen, geduldigen Überzeugungsarbeit. Was tun, wenn die Situation das Äußerste fordert? Wie weit darf man und wie weit muss man in einer verzweifelten Lage gehen?"

Der Protest der Silvesterrandalierer war diffus, aber er steht in einer bedenklichen Gleichzeitigkeit, mahnt Carline Fetscher im Tagesspiegel. Auch andere Kräfte sägen an einer staatlichen Autorität, die nach der Corona-Pandemie geschwächt sei: "Andere Akteure nutzen den vermeintlichen und vorhandenen Autoritätsverlust des demokratischen Staates offen und politisch für sich. Einige in linken oder grünen Bewegungen sinnieren über die Frage, ob demokratische Prozesse genug Zeit lassen, das Klima zu retten. 'Reichsbürger' erklären die Bundesrepublik für nicht existent und rekrutieren ihre Anhängerschaft sogar in den zentralen Institutionen des Staates selbst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2023 - Ideen

Nicht die Welt ist in Gefahr ist, erklärt der Philosoph Markus Gabriel im FR-Gespräch mit Martin Hesse, sondern "der moralisch erträgliche Fortbestand der Menschheit". Und in dieser Frage helfe uns Technologie einfach nicht weiter: "Wenn wir zum Beispiel eine Höchstform an Mobilität für wünschenswert halten, und dann entsprechende Lösungen suchen wie sauberer Flugverkehr, funktionierende Bahn, Elektrifizierung der Automobilindustrie, dann ist die andere Frage, warum wir überhaupt so mobil sein wollen. Die relevante Frage ist nicht nur, wie wir eine technologische, umweltfreundliche Lösung für unser Begehren finden, sondern warum wir glauben, das zu wollen, wofür es noch keine Lösung gibt. Dafür brauchen wir keine technische Lösung, sondern eine geistes- und sozialwissenschaftliche Herangehensweise und eine in der Demokratie stattfindende Debatte darüber, wer wir eigentlich sein wollen. Und diese Debatte findet zurzeit eben nicht statt, weil wir stattdessen nur nach technologischen Lösungen suchen."

Hans Ulrich Gumbrecht
, emeritierter Literaturwissenschaftler in Stanford, mäandert im taz-Gespräch mit Peter Unfried durch die Themen, von der fahlen europäischen Utopie bis zum Verblassen des amerikanischen Traums, kommt aber immer wieder auf die Vereinzelung zurück: "Man genießt heute - zumal in Europa - einen früher undenkbar hohen Grad an individueller Freiheit, und kann mehrfach im Leben den Beruf und auch die Lebenspartner wechseln. Dies sind alles auch Bewegungen und Symptome einer fortschreitenden Segmentierung, einer Segmentierung ohne Ziel oder gar Utopie... Die Resonanzfähigkeit ist mit der Individualisierung geschwunden. In der Digitalisierung läuft die Entfaltung des Einzelnen auf etwas hinaus, das er allein verfolgt. Man schaut sich das eine an, ist über das andere informiert, liest plötzlich Gottfried Keller und wird dann Spezialist für sizilianische Gegenwartsliteratur. Aber man findet niemanden, der genauso konzentriert sizilianische Gegenwartsliteratur verfolgt, wie man selbst. Man macht das also ganz allein, in undramatischer Einsamkeit, und es gibt dabei weder Niederlagen noch Siege."

Außerdem meldet Michael Hesse in der FR, dass das Hamburger Philosophie-Magazin Hohe Luft eingestellt wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2023 - Ideen

Seit Krieg ist, hat auch Clausewitz wieder Konjunktur. Thomas Gerlach besucht für die taz zwei Clausewitz-Forscher und -Verehrer in Burg, Sachsen-Anhalt, wo Clausewitz geboren wurde. Es geht bei Clausewitz "um das Wesen dessen, was Armeen und Staaten einander antun, wenn sie Krieg führen", so Gerlach: "Was passiert, wenn zivile Regeln fallen? Wenn Hass das Handeln beherrscht? Wenn Dauerregen alle Ordnung auflöst? 'Vom Kriege' ist eine Art philosophische Betrachtung des Krieges, kein Handbuch für den Sieg. Darin heißt es etwa: 'Der Krieg ist mehr für den Verteidiger als für den Eroberer da, denn der Einbruch hat erst die Verteidigung herbeigeführt und mit ihr erst den Krieg. Der Eroberer ist immer friedliebend (…), er zöge ganz gern ruhig in unseren Staat ein.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2023 - Ideen

Rudolf Steiner allein auf seine rassistischen Äußerungen festzulegen ist unfair, beklagen der Ökonom und Ex-Waldorfschüler Philip Kovce und der ehemalige NDR-Redakteur Wolfgang Müller in einem großen Essay im Welt-Feuilleton. Immerhin wurde die Anthroposophie von den Nazis bekämpft, schreiben sie. Mit der Corona-Krise sei das "Anthro-Bashing" aber noch schlimmer geworden: Symptomatisch sei etwa "die bundesweite Rezeption einer 'Querdenker' Studie der Soziologen Nadine Frei und Oliver Nachtwey. Auch sie kamen zum Ergebnis, die Anthroposophie sei 'ein wesentlicher Faktor zum Verständnis der Corona-Bewegung'. Indes auf kümmerlicher Datengrundlage: Sie bestand aus Fragebögen ohne spezifischen Anthroposophie-Bezug, die nach Einladung in 'Querdenker-Telegram-Gruppen ausgefüllt wurden, sowie genau drei Interviews mit Anthroposophen, die zudem eher das Gegenteil nahelegten. Das windige Resultat aber passte so schön ins gängige Narrativ, dass es ohne jede kritische Einordnung allenthalben zitiert wurde." Zu einem anderen Schluss kam Hinnerk Feldwisch-Drentrup im FAZ-Feuilletonaufmacher vom 15.08.2022: Unser Resümee.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2023 - Ideen

Die Berliner Zeitung dokumentiert einen Vortrag der Schriftstellerin Cécile Wajsbrot, die an der Akademie der Künste in Berlin über die Freiheit der Kunst in Zeiten des Krieges sprach: "Freiheit in der Kunst kann es nur geben, wenn man die alltäglichen Stimmen, die alltäglichen Wörter und Gedanken und Bilder zum Schweigen bringt und aus ihrem Schweigen heraus zu einer neuen Perspektive, einem einzigartigen Blickwinkel gelangt. Das lässt sich jedoch in Zeiten erdrückender Unruhen nicht umsetzen. Wenn ein solches Ereignis eintritt, können wir nur auf Autopilot umschalten, weil wir sofort reagieren müssen, als Mensch, vielleicht auch als Bürger; manchmal geht es darum, unser Leben zu retten, und selbst wenn es nicht so essenziell ist, sind wir doch zunächst gelähmt. Unser Geist ist so leer wie die Straßen von Paris am Tag nach den Anschlägen. In diesem Moment - der Tage, Wochen oder auch Monate andauern kann - ist es unmöglich, über das Ereignis selbst zu schreiben... Die Worte der Literatur sind nicht dazu gedacht, die offenen Stellen eines entstehenden Buches mit den automatischen Sätzen zu füllen, die unsere Smartphones mit ihrer Autokorrekturfunktion vorschlagen. Unsere weißen Blätter müssen so lange weiß bleiben, wie es notwendig ist, um sie später mit neuen Sätzen, neuen Ideen, mit unserer eigenen Stimme als Schriftstellerinnen, als Schriftsteller füllen zu können, die sich nur fernab der Echos und Gerüchte der Nützlichkeit finden lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2023 - Ideen

Richard Herzinger plädiert in einem Essay für die Zeitschrift Internationale Politik für "das Böse" als eine Kategorie, um bestimmte Regimes oder Akteure zu beschreiben. Er wendet sich damit gegen Harald Welzer, der den Gebrauch des Begriff durch Serhij Zhadan kritisiert hatte. Aber gerade demokratische Regimes müssen die "Realität des Bösen" anerkennen lernen und ihm nicht eine Rationalität zuschreiben. Herzinger will eine Säkularisierung des Begriffs im Sinne von André Glucksmann, der "die Anfälligkeit der modernen Zivilisation für den Einbruch der äußersten Unmenschlichkeit nicht in ihrer Abkehr von religiöser Tradition und Transzendenz, nicht also im Verlust metaphysischer Anbindung an die Idee des Guten begründet, sondern in ihrer zunehmenden Weigerung, an die Existenz des Bösen zu glauben. Eine Zivilisation, argumentierte Glucksmann, gründe sich nicht auf das Streben nach dem besten Gesellschaftszustand, sondern auf den gemeinsamen Willen zur Ausgrenzung des Bösen. Lässt dieser Wille nach, weil das Böse relativiert wird, bahnt es sich seinen Weg."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2023 - Ideen

Verteidigen die Iranerinnen wirklich "unsere Werte", wie Annalena Baerbock kürzlich erklärte? Wohl kaum, meint Solmaz Khorsand im Standard. Was die Iranerinnen fordern, waren mal unsere Werte, aber heute? "Wenn in unseren Breitengraden von Freiheit, Demokratie und der Gefahr von Diktaturen gesprochen wird, sprechen zumeist jene, die gelernt haben, diese Begriffe zu pervertieren. Jene, die Karrieren daraus gemacht haben, diarrhöisch in der Öffentlichkeit gegen jede zivilisatorische Errungenschaft zu wettern und das auch noch als Denkanstoß zu verkaufen. Jene, die in obskuren Netzwerken die große Weltverschwörung herbeifantasieren. Und jene, die nach verlorenen Wahlen Parlamente stürmen und sich am Ende aus dem Untergrund mit Schattenarmee und Schattenregierung ihren terroristischen Wahn zu erputschen versuchen. ... Vielleicht ist es in diesem Jahr an der Zeit, sich endlich an den Gedanken zu gewöhnen, dass der Referenzrahmen für 'unsere Werte' nicht länger bei uns zu verorten ist, sondern überall dort, wo sich die Menschen ihrer Kostbarkeit tatsächlich bewusst sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2022 - Ideen

Die taz-Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann sitzt oft in Talkshows und erklärt mit wissendem Lächeln, was zu tun ist. Ihre Vision legt sie heute in einem Essay dar: Die Reichen emittieren wesentlich mehr CO2 als die Armen, Herrmann will darum um des Klimas willen eine Art Sozialismus installieren, der die Reichen auf das Maß der Armen zwingt: "Es käme einer sozialen Revolution gleich - die es in Deutschland noch nie gegeben hat.. Wenn es weitgehend gerecht zugehen soll, müssen die wichtigen Basisgüter rationiert und zugeteilt werden - also Wohnraum, Bahnfahrten und so aufwendige Lebensmittel wie Fleisch. Der Sozialstaat, wie wir ihn heute kennen, würde sich weitgehend erübrigen. Es gäbe keine großen Unterschiede mehr zwischen Renten oder einer Arbeitslosenversicherung. Die Rationen wären für alle gleich."

Etwas pragmatischer spricht der SPD-Politiker und Autor Yannick Haan im taz-Gespräch mit Sascha Lübbe über das Erben, das heute gerade in Deutschland wesentlich mehr zu Ungleichheit beiträgt als einfach nur das Einkommen, Haan schlägt darum ein "Grunderbe"für alle vor (unser Resümee). In Deutschland sind zwei Drittel der großen Vermögen gererbt worden, in Amerika dagegen st Recihtum zu zwei Dritteln self made. Das liege an der Wirtschaftsstruktur so Haan: "ie ist in Deutschland stark von Familienunternehmen geprägt. Die sind oftmals sehr vermögend und geben ihr Vermögen von Generation zu Generation weiter. Der zweite Grund ist die geringe Besteuerung von Vermögen in Deutschland, etwa über die Erbschaftsteuer. Dass Superreiche vor allem übers Erben reich werden, stellt übrigens auch unser Mantra der individuellen Leistung infrage; dieses Versprechen, dass man es mit Leistung finanziell zu etwas bringen kann. Das hat mit der Realität nichts mehr zu tun."