In der
SZ betont der
Historiker Heinrich August Winkler, dass der Westen kein ideologisches Produkt des Kalten Krieges sei, wie seine Verächter gern meinen, sondern das Erbe des Lateinischen Europas, Renaissance und der Menschenrechtserklärungen von 1776 und 1789. Großes Gewicht misst Winkler dem Beginn der Gewaltenteilung mit dem Investiturstreit bei: "Als im
Investiturstreit des hohen Mittelalters die geistlichen und die weltlichen Herrschaftsansprüche aufeinanderprallten, beriefen sich einige der Beteiligten auf ein von drei Evangelisten überliefertes Wort von Jesus: 'Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.' Man könnte dieses Wort, frei nach Goethe, eines der 'Urworte, christlich' nennen. Durch die kategorische Unterscheidung der Sphären von Gott und Kaiser, von göttlichem und weltlichem Recht, wurde der weltlichen Gewalt ein autonomer
Bereich der Eigenverantwortung zugesprochen. Eine Priesterherrschaft oder Theokratie war damit nicht vereinbar, ein totalitäres, d
en ganzen Menschen für sich beanspruchendes System auch nicht."
Die deutsch-iranische Autorin
Noshin Shahrokhi beschwört in der
taz die persische Dichtung, die schon für
Hazif und
Ferdowsi eine Bastion des Widerstands gegen aufgezwungene Religion war: "Damals hatte die
Macht immer zwei Säulen. Die Monarchie neben der Religion. Wenn der König die Religionsvertreter verachtete, putschten diese gegen den König. Aber nun, da die Religiösen ganz allein an der Macht sind und Hunderttausende Sicherheitskräfte diese Macht mit Gewalt und schweren Waffen sichern, werden nicht nur die Machthaber, sondern auch ihre Religion mit all ihren 'göttlichen Gesetzen" gehasst. Die Verbrennung eines Kopftuchs ist deshalb viel mehr als nur ein Stück Stoff, das in Flammen aufgeht. Es zeigt das erlittene Trauma, entstanden durch ein Regime, das sein eigenes Religionsverständnis der ganzen Bevölkerung aufzwingt. Deshalb singen die Protestierenden auf den Straßen unter Lebensgefahr: '
Ich hasse eure Religion, eure Sitten und auch eure Bräuche!"
Dass große Teile der Welt dem Westen nicht abnehmen, uneigennützig für
Menschenrechte einzutreten, sollte zu denken geben. In der
FAZ glaubt Mark Siemons, dass die meisten Menschen eben kein so unverbindliches Verhältnis zu ihrer Kultur haben. So habe der frühere Generalsekretär von Amnesty International, der indische Aktivist
Salil Shetty, die '
Entkolonialisierung' der Menschenrechte gefordert: "In Indien zum Beispiel würden sich gebildete Leute, die die progressive Verfassung Indiens in höchsten Tönen loben, im selben Atemzug gegen 'Menschenrechte' aussprechen. Obwohl der Begriff erst im Zuge der Entkolonialisierung seinen Siegeszug antrat, werde er immer noch mit den idealistischen Motiven in Verbindung gebracht, mit denen der Kolonialismus seine Eroberungen ummäntelte, als dessen zeitgemäße Variante im Zeichen des fortgesetzten westlichen Hegemoniestrebens gewissermaßen. Deshalb plädiert Shetty dafür, den Begriff stärker als bisher mit den
lokalen Kämpfen gewöhnlicher Leute gegen Unrecht und Unterdrückung zu verbinden. 'Für zu lange Zeit haben sich viele von uns zu sehr auf die amerikanische und europäische Vormundschaft über die Menschenrechte verlassen.'"