Nicht "Autokratie", nicht "Faschismus", nicht "Neototalitarismus" - "
Putinismus" ist der richtige Begriff, um Russland unter Putin zu beschreiben,
schreibt Karl Schlögel in der
Welt (der Text ist ein Vorabdruck aus
Stéphane Courtois' "Schwarzbuch Putin"). Putin, das ist Gestalt, die mit ihrem
komplett leeren Gesichtsdausdruck einem Land Sinn und Struktur zu geben schien, das es nach dem Mauerfall und der wilden Jelzin-Zeit nicht schaffte, sich in irgendeiner Weise
neu zu definieren: "Die überlebenswichtige Frage,
was Russland ist, wenn es das Imperium nicht mehr gibt, darf im Polizeistaat Putins schon längst nicht mehr verhandelt werden. Das riesige Land, das in viele Zeitzonen und unendlich große Entfernungen zerfällt, existiert als zusammenhängender Raum in der Sphäre, die durch das Fernsehen geschaffen wird. Putin ist omnipräsent, bald hier, bald dort, und steht so
für die Einheit dieser nicht fassbaren Weite."
Russische Geschichte mag in den Ländern der Russischen Förderation unterschiedlich beurteilt werden, je nachdem wo man lebt, aber in einem Punkt waren sich alle einig: Im Zweiten Weltkrieg waren sie
die Guten. Doch nach dem Einmarsch in die Ukraine gibt es ein
neues Wir, erkennt die russische Autorin
Maria Stepanova in der
FAZ. "Das neue 'Wir' verbindet diejenigen, die sagen 'das ist auch meine Schuld', und diejenigen, die überzeugt sind, dass sie das alles nichts angeht, gleichermaßen. Es mag keine klaren Konturen haben, doch es enthält eine gemeinsame Gewissheit: Wir leben in einer
neuen Realität, deren Wörterbuch erst noch geschrieben werden muss. Sie manifestiert sich als Gewalt gegen die einstmals bekannte Welt, gegen das gewohnte System von Beziehungen und Annahmen. Der Krieg hat all unsere früheren Gewissheiten über uns selbst niedergerissen und lässt in unserem zukünftigen Selbstverständnis,
unserer Selbstbeschreibung keinen Stein auf dem anderen. Nach Butscha und Mariupol stecken unsere individuellen Geschichten in einem einzigen großen Sack, und man wird sie im selben Licht betrachten - 'russländische Staatsbürger' oder 'Russen', Russischsprachige oder Vertreter der russischen Kultur, (ehemalige) Einwohner Russlands oder nicht, wir gehören zur Gemeinschaft derer, die das getan haben - und eben darin müssen wir von nun an
unseren Platz und seinen Sinn suchen."
Alexander Baunow
benennt in der
Financial Times einen anderen symbolische Aspekt an putinistischen krieg. Russland zerschießt Kraftwerke, Umspannwerke, Dämme. "Wenn russische Truppen in der Ukraine die
Infrastruktur aus der Sowjetzeit zerstören, vermitteln sie folgende Botschaft: Ihr wollt ohne uns leben, dann verzichtet auf alles, was wir, die Russen,
für euch aufgebaut haben. Aus demselben Grund fühlt sich übrigens auch
Kasachstan, eines der Zentren der Industrialisierung in der UdSSR, heute zunehmend verwundbar"
Nick Cohen
sieht sich für sein Blog auf Youtube zirkulierende
russische Propagandavideos an, mit denen für den Eintritt in die russische Armee geworben wird. Auffällig ist, so Cohen, dass die Spots nicht im mindesten an den
Patriotismus appellieren. Es geht
nur um Geld: "In einem grotesken Werbespot sehen die Zuschauer einen alten Mann, der sich im Supermarkt kein Fleisch mehr leisten kann. Er erzählt seinem Enkel, dass er
seinen geliebten Lada verkaufen muss, um über die Runden zu kommen. Als ein räuberischer Käufer auftaucht, verhöhnt er den alten Mann und sagt, er würde nur die Hälfte des vereinbarten Preises zahlen. Entweder das oder gar nichts. Der alte Mann will gerade einwilligen, als sein
Enkel in Uniform auftaucht und den Ganoven in die Flucht schlägt."