9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 76 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2022 - Ideen

In der Welt versucht Marie-Luise Goldmann die Frage, weshalb wir ukrainische Flüchtlinge willkommener heißen als syrische mit Hilfe der Philosophie zu beantworten, etwa mit dem Werk der Philosophin Barbara Bleisch, die in "Pflichten auf Distanz: Weltarmut und individuelle Verantwortung" drei mögliche Einwände gegen eine Ausweitung der Moral formuliert: "Den moralistischen (man wird zum lebensunfähigen Dauerhelfer), den kommunitaristischen (Unparteilichkeit gefährdet die Gemeinschaft) und den libertären (individuelle Freiheit wird eingeschränkt). Vor allem den kommunitaristischen Einwand hört man derzeit öfter. Kommunitaristen gehen davon aus, dass sich Pflichten auf einen bestimmten soziale Kontext beschränken sollten, da sie das Prinzip der Parteilichkeit als unverzichtbar für funktionierende Gemeinschaften erachten. Anders gesagt: Es ist nicht nur natürlich, es ist auch gerechtfertigt, sich mehr um nahestehende Personen zu kümmern als um Unbekannte. Mit dem kommunitaristischen Einwand ließe sich somit eine besondere Hilfspflicht gegenüber Flüchtlingen begründen, die aus nahen Ländern kommen, uns sozial ähnlich sind und somit leichter in unsere Kultur zu integrieren sind."

Postkolonialisten und -strukturalisten sehen den "Westen" als Quelle alles Bösen. Darin untersscheiden sie sich kaum von Alexander Dugin, meint der Historiker Konstantin Sakkas bei Dlf Kultur - und verkennen einen zentralen Punkt: "Anders als Russland hat sich der Westen; haben England, Frankreich, Deutschland und auch die USA sich mit ihren kolonialen und ausbeuterischen Vergangenheiten auseinandergesetzt, auch wenn, gerade in den USA, Ungleichberechtigung von Minderheiten, insbesondere von Schwarzen, noch lange nicht verschwunden ist."

"Feministische Außenpolitik" ist nicht nur ein Schlagwort, versichert Simone Schmollack in der taz. Sie ist aber auch ncht dagegen, dass in bestimmten Männer ihre Rolle spielen: "Den ukrainischen Truppen ist es zu verdanken, dass sich Russland die Ukraine bislang nicht einverleiben konnte. Das gelingt auch, weil Präsident Selenski allen ukrainischen Männern zwischen 18 und 60 Jahren verboten hat, das Land zu verlassen. Von feministischer Sicherheitspolitik ist das weit entfernt; die andauernden Kämpfe kosten viele Menschenleben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2022 - Ideen

Selenskis Ukraine ist real, Putins Ukraine ist ein aggressiv romantisches Hirngespinst, schreibt die Literaturwissenschaflterin Amelia Glaser bei CNN.com: "Die Ukrainer haben sich zunehmend einem zivlen Verständnis der ukrainischen Identität zugewandt, das sich auf Staatsbürgerschaft und nicht auf Abstammung gründet… Zudem fiel Selenskis Erdrutschsieg 2019 in eine Zeit, in der die ukrainische Gesellschaft offen über ihre Vielfalt und Wiedergutmachung vergangenen Unrechts sprach. In den letzten Jahren haben sich neue ukrainische Kunst und Literatur mit Themen wie dem Holocaust und der mehrfachen Vertreibung der Tataren auseinandergesetzt; die Regierung hat Maßnahmen zum Schutz indigener Kulturen ergriffen und das Kabinett die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften diskutiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2022 - Ideen

In der NZZ geht Lucien Scherrer in einem epischen Artikel mit Blick auf Islamogauchismus, Mobbing gegen Professoren und abgesagte Veranstaltungen der Frage nach, wie verbreitet der woke Kulturkampf inzwischen an französischen Universitäten ist. In der französischen Debatte würden "Feindbilder konstruiert", winkt die Soziologin Gisele Sapiro ab. Die ganze Debatte diene nur dazu, "von einem geplanten 'neoliberalen Umbau' der Universitäten abzulenken - denn die Regierung denkt darüber nach, an den öffentlichen Universitäten künftig Studiengebühren zu verlangen." Der Politikwissenschaftler Pascal Perrineau ist indes der Meinung, "dass sich die universitäre Welt in einer Ideologisierungsphase befindet, wie in den 1960er und 1970er Jahren, als Stalinisten, Maoisten und Trotzkisten die Wissenschaften zu vereinnahmen versuchten. 'Der extreme Diskurs hat zwar keine Mehrheit, aber in manchen Fächern ist er signifikant'. …Dominant ist laut Perrineau nicht die republikanische, laizistische Linke, sondern die 'multikulturalistische' Linke. Diese wittere überall strukturelle Diskriminierung und verleugne die traditionelle marxistische Abneigung gegen Religionen zumindest in Bezug auf den Islam - mit dem Ziel, muslimische Migranten als neues Proletariat gegen das System zu mobilisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2022 - Ideen

Der Philosoph Martin Rhonheimer zeichnet in einem langen Text für die NZZ das Wirken der Kirche in Pandemien nach und stellt fest: "Eine Kirche, die in kollektiven Katastrophenfällen, statt fromme Deutungen zu liefern, zur Unterstützung staatlicher Schutzmaßnahmen aufruft und Verschwörungstheorien die Stirn bietet, handelt in voller historischer Kontinuität: als Stimme der Vernunft, gegen religiöse Überspanntheit und Massenhysterie und jene verurteilend, die nach Sündenböcken suchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2022 - Ideen

In der NZZ erklärt der Philosoph Andreas Brenner, warum er eine Impfpflicht ablehnt: Sie liefe auf eine Enteignung des Körpers hinaus, schreibt er und argumentiert mit Locke und Kant: "Definierte der eine die Person als ausschließlichen Eigentümer ihres Körpers, so leitete der andere aus der Würde des Menschen her, dass er nie (und das heißt unter keinen denkbaren Umständen) als Sache gedacht werden dürfe. Genau dies wäre aber der Fall, wenn Menschen zur Impfung gezwungen würden: Sie würden nicht länger als Eigentümer ihrer selbst gesehen und stattdessen zu einer Sache gemacht, in diesem Falle zu einer Sache, welche dem Wohl der allgemeinen Gesundheit zu dienen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2022 - Ideen

"Wir betreiben eine so starke moralische Abwertung von Putin, dass man ihn sich als Verhandlungspartner kaum noch vorstellen kann. Das halte ich für gefährlich, wenn man eine politische Lösung möchte", sagt die Linguistin Kristin Kruck im SZ-Gespräch mit Lars Langenau über die Sprache des Krieges: "So hat Habeck zum Beispiel den Überfall auf die Ukraine als Vergewaltigung bezeichnet, Putin zum Vergewaltiger erklärt und die deutsche Unterstützung an die Ukraine als Hilfe in der Vergewaltigungsnot. Dadurch hat er sehr drastische moralische Gut-/Böse-Bewertungen vorgenommen. Wer möchte schon mit einem Vergewaltiger verhandeln und Frieden schließen? Politische Lösungen sind so kaum möglich. Für die wichtigen Sanktionen und Verurteilungen gegen Putin hätte es keine solche Metapher gebraucht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2022 - Ideen

Putin verkörpert Tendenzen, die sich auch tief in die westlichen Demokratien eingefressen haben, ruft Francis Fukuyama in einem langen Essay für die Financial Times in Erinnerung (Link über diesen Tweet) - Tendenzen vor allem in der populistischen Rechten, die von Putin lange gefüttert wurde, aber auch in der modischen und der Betonlinken. "Aus diesem Grund geht der aktuelle Krieg in der Ukraine uns alle an. Die unprovozierte russische Aggression und der Beschuss der friedlichen ukrainischen Städte Kiew und Charkiw hat den Menschen auf eindringliche Weise vor Augen geführt, welche Folgen eine illiberale Diktatur hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2022 - Ideen

Die Sprachregler aus der modischen Linken haben im Moment wenig zu melden - auf den jüngsten Konflikt trifft ihr gesamtes Koordinatensystem nicht zu. Untergründig gehen die Debatten weiter.  Der klassisch linke und gegenüber dem modischen Antirassismus kritische John McWhorter schreibt heute in seiner New-York-Times-Kolumne just über die Frage, die wir im Perlentaucher angesprochen hatten. Wir hatten uns gewundert, dass McWhorter in der deutschen Ausgabe seines Buchs "Die Erwählten - Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet" dem antirassistischen Sprachgebrauch folgt, das Wort "schwarz" in Kombination wie "schwarze Menschen" stets groß zu schreiben. Der Hoffmann-und-Campe-Verlag hatte geantwortet, dass man in der deutschen Ausgabe nur seine englische Praxis übernehme.

McWhorter schreibt heute in der New York Times: "Viele Menschen, die meine häufig geäußerte Skepsis gegenüber dem 'Woke'-Vokabular und den 'Woke'-Rezepten für den Sprachgebrauch bemerken, fragen mich, warum ich 'Schwarz' groß schreibe, wenn ich über schwarze Amerikaner schreibe. Die Wahrheit ist: Ich tue es nicht. Der Hausregeln der New York Times, sowohl auf der Nachrichtenseite als auch auf der Meinungsseite, verlangen dies, und so liest es sich auch, wenn dieser Newsletter erscheint. Aber in den Texten, die ich einschicke, wird 'schwarz' mit einem kleinen 's' geschrieben." McWhorter legt in der Folge dar, warum er das große S zwar nicht falsch, aber auch nicht nützlich findet.

Die Schriftstellerin Pieke Biermann hat McWhorter übrigens direkt gefragt, wie das mit seiner deutschen Ausgabe sei. Er hat ihr per Mail geantwortet: "Sie wollten es so. Sie fragten mich, und ich sagte, dass es mir nicht so wahnsinnig wichtig sei."

Außerdem: In der taz erinnert Micha Brumlik an die Rolle des reaktionären Philosophen Alexander Dugin für Putins aggressiven Nationalismus - auch im Westen hat Dugin in der extremen Rechten Bewunderer. In der Welt interviewt Mara Delius die Oxforder Philosophin Amia Srinivasan zu ihrem Buch "Das Recht auf Sex - Feminismus im 21. Jahrhundert".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2022 - Ideen

Thomas Schmid staunt in seinem Blog über den Konsens, mit dem der von Olaf Scholz ausgerufene Paradigmenwechsel in der deutschen Außenpolitik aufgenommen wurde. Die Kehrtwende war überfällig, findet Schmid, "es bleibt aber politisch und intellektuell unredlich, wenn dieser Abschied von einem ganzen Bündel alter Gewissheiten augenblicklich als eine - erfreuliche oder bedauerliche - Selbstverständlichkeit angesehen wird". Wäre nicht auch Selbstkritik fällig? "Die heutige Friedensbewegung maßt sich in unanständiger Weise an, das geistige Dach der Solidaritätsbewegung für die Ukraine zu sein. Wäre sie aufrichtig, würde sie an den Eingang ihrer Protesträume ein Schild stellen, auf dem sie sich dafür entschuldigt, dass sie mit ihren Plädoyers für Waffenverzicht und immerwährenden Dialog auch dazu beigetragen hat, die heutige Ukraine einem Angriffskrieg auszusetzen. Ganz abgesehen davon, dass es klein und schäbig ist, wenn Klimaaktivisten wie Luisa Neubauer wieselflink die Gelegenheit nutzen, das Entsetzen über den Krieg im Osten Europas auf die Mühlen der Klimabewegung umzulenken. Und dabei darüber hinwegsehen, dass es für Deutschland wegen der auch selbstverschuldeten Energieabhängigkeit von Russland nun einmal einen schmerzhaften, aber so schnell nicht lösbaren Konflikt zwischen Klima- und Ukraine-Rettung gibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2022 - Ideen

Im Interview mit der NZZ spricht Christiane Hoffmann über ihr Buch "Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuss auf dem Fluchtweg meines Vaters", in dem sie von der Flucht ihres Vaters aus Schlesien erzählt und seinen Weg nachgeht. Vertreibung, Flucht, Exil ist etwas, das Menschen verbindet, egal, aus welchem Land sie kommen, erklärt sie. Und sie kann auch politisch ausgenutzt werden: "In den Vertriebenenverbänden waren die revisionistischen Tendenzen lange stark. Das heißt, es war für Menschen, die gar nicht revisionistisch dachten wie meine Eltern, noch einmal besonders schwer, einen eigenen Weg zu finden, ihr Schicksal zu begreifen. Das sehen wir bis heute zum Beispiel in der Palästinenser-Frage: Es lohnt sich manchmal, Flüchtlinge nicht ankommen zu lassen, weil sie politisch instrumentalisiert werden können. Dieses Phänomen hat man auch in Deutschland gesehen; die Vertriebenen waren potenzielle Wähler, und indem man ihnen Hoffnung machte, dass sich vielleicht doch noch einmal etwas ändert, wollte man sie als Wähler gewinnen; das war nach dem Krieg praktisch in allen Parteien der Fall. Nach der Ostpolitik rückte diese Diskussion immer stärker in die rechte Ecke."