Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Genozid.
Peter Pomerantsev denkt in einem Essay für
Time - sicher einer der wichtigsten Reflexionen zum Krieg bisher - darüber nach, wie genau
Wladimir Putins Verbrechen an der Ukraine eigentlich zu benennen ist: "Der beste Begriff für das, was Putin tut, kam von einer Freundin, die sich unermüdlich gegen Russlands Verbrechen in Syrien engagiert hatte. Was hier angegriffen wird, sagt sie, ist das '
Recht zu existieren'. Im rechtlichen Sinne mag das unscharf sein, aber für mich liegt darin die Essenz von Putins Kriegen in Tschetschenien, Syrien und nun der Ukraine und seiner Unterdrückung in Russland. Sein Ziel ist es stets, anderen Menschen das Recht zu nehmen, selbst zu definieren, wer sie sind, ihre Zukunft, ihre Bedeutung. Er möchte nicht nur kontrollieren, wer lebt und stirbt, er möchte
die Realität selbst kontrollieren."
Im
Welt-Interview mit Ulf Poschardt erklärt
Peter Sloterdijk, was es mit der großen Rot-Grau-Verschiebung auf sich hat, die er in seinem neuen Buch "Wer noch kein Grau gedacht" konstatiert und die sich auf
Eric Hobsbawms 'Zeitalter der Extreme' bezieht: "
Lenins '
roter Terror' von 1918 ging gleitend in das
Stalingrau über, das aus der Synthese von
Terror, Bürokratie und Geheimdienstherrschaft entstand. Mein Kronzeuge für diese Deutung ist
Marcel Mauss, ein Mann mit den unantastbaren Beglaubigungspapieren einer generösen französischen Linken. Nach seiner 1936 formulierten Diagnose war das Sowjetsystem nur als '
Herrschaft des permanenten Komplotts' zu begreifen. Das ist der wahre Name der 'Diktatur des Proletariats'. Das permanente Komplott der Regierung gegen die Bevölkerung beschreibt die Situation in der östlichen Hemisphäre ab dem Dezember 1922, dem Moment der Gründung der Sowjetunion, zwei Monate nach Mussolinis Machtübernahme, und die Formel gilt bis heute. Zu seinen Konstanten gehörte die Ausdehnung des Namens '
Faschismus' von der italienischen Partei
auf alles Nicht-Bolschewistische. Putin hängt in diesem Punkt weiter am stalinistischen Tropf, für ihn ist
alles Nicht-Putinische blanker 'Faschismus', vor allem in der Ukraine."
Russland glaubt nicht wirklich daran, dass es von Nazis und Nato bedroht sei,
stellt der
Historiker Volker Weiß in der
SZ fest, das Land nehme sich das
Recht zum Krieg heraus, um imperiale Größe oder territoriale Hegemonie zu behaupten. Die Blaupausen für ein solches Denken findet Weiß nicht nur bei den üblichen Kreml-Ideologen von Alexander Dugin bis Sergei Karaganow oder Europas Rechtsradikalen, sondern auch bei den gern angeführten Geostrategen: "Zur Überlebensfrage für Russland wird der Krieg vor allem, wenn man ihn nach dem Muster der Heartland-Theorie liest, die der britische Geograf Halford Mackinder zur Zeit des Ersten Weltkriegs entwickelt hat: Es bestehe ein ewiger geopolitischer Konflikt um den eurasischen Kontinent, den
Schlüssel zur Weltmacht. Freunde wie Gegner Putins beten zudem die Behauptung des US-Geostrategen
Zbigniew Brzezińskis nach, Russland könne ohne die Ukraine kein Imperium sein. Ein Einflussverlust dort sei daher für Moskau nicht akzeptabel."