Amia Srinivasan ist eine feministische Philosophin und lehrt in Oxford. Ihr
Buch "Das Recht auf Sex" erscheint demnächst bei Klett-Cotta. Im Gespräch mit der
Zeit-Autorin Elisabeth von Thadden betont sie zwar auch, dass sie
Transfrauen als Frauen sieht (der Feminismus sei "wie ein großer Schirm, unter dem sich alle versammeln, die für die Solidarität mit Frauen kämpfen wollen"), stimmt aber in die Kritik am
akademisch geprägten Gender-Feminismus ein: "Der interessanteste Feminismus ist gegenwärtig nicht der angloamerikanische. Der entsteht vielmehr in
Lateinamerika im Ringen um die indigenen Rechte, in
Indien im Kampf der Bäuerinnen gegen die Modi-Regierung oder auch in
Polen in der öffentlichen Mobilisierung gegen das Abtreibungsgesetz - und er zeigt sich nicht primär in den westlichen Theorien." Schade, dass sie die muslimischen Feministinnen vergisst.
Da das Wort "
Jude" "wegen der Erinnerung an den nationalsozialistischen Sprachgebrauch als
diskriminierend empfunden" werde,
empfiehlt der
Duden nun situationsabhängig auf die Bezeichnung "
jüdische Menschen" auszuweichen oder andere Formulierungen zu wählen, zum Beispiel "jüdische Mitbürger". Dagegen protestierte der Zentralratspräsident
Josef Schuster im
Tagesspiegel: "'Das Wort 'Jude' ist für mich weder ein
Schimpfwort noch diskriminierend.' Die Duden-Redaktion kündigte eine Überarbeitung an."
"Der Duden sollte nicht vor
Schulhof-
Rassisten kapitulieren",
erwidert heute ebenfalls im
Tagesspiegel Naomi Lubrich, Direktorin des Jüdischen Museums der Schweiz: "Wörterbücher stehen, was den Begriff 'Jude' angeht, in einer langen
Tradition des Unsinns. Sie bildeten jeweils den Diskurs ihrer Zeit ab. Der heutige 'Duden'-Eintrag spiegelt den Wunsch der
deutschen Bildungsbürger, kein Wort zu gebrauchen, das die Nationalsozialisten missbraucht haben. Er setzt sich mit der Realität des Schulhofantisemitismus auseinander, wo rassistische Beschimpfungen an der Tagesordnung sind. Und er meint offenbar, dass die Antisemiten die Deutungshoheit über das Wort 'Jude' haben."
Und in der
Welt resümiert Matthias Heine zunächst die Debatte, die sich auf Twitter entfachte - Juden kritisierten den Beschluss mehrheitlich - und schließt: "Gründe, jetzt den Begriff mit den vom Duden vorgeschlagenen Alternativen oder gar der
Ausweich-
Chiffre J-
Wort zu umgehen - analog zum N-Wort oder zum Z-Wort -, gibt es nicht. Dafür müsste nachgewiesen werden, ob je ein Jude das Wort Jude als diskriminierend empfunden hat. Nachweisbar sind bisher immer nur nicht jüdische Deutsche, die sich durch das Wort unangenehm an die
Verbrechen ihrer Vorfahren erinnert fühlen."
Ebenfalls in der
Welt hat Alan Posener gar nichts dagegen, dass "
ideologische Linke und
Querdenker ihre
eigene Wahrheit" besitzen. Aber der Staat sollte diese bitte nicht als gleichberechtigt betrachten oder sogar
subventionieren: "Die linke '
Initiative GG 5.
3' meint, dass die grundgesetzlich garantierte Freiheit von Wissenschaft, Forschung, Lehre und Kunst unvereinbar sei mit der Aufforderung des Bundestags, die antiisraelische Boykottbewegung
BDS nicht mit staatlichen Mitteln zu unterstützen. Man dürfe wohl verschiedene Meinungen zu Israel haben. Klar darf man das. Man darf auch Lügen über den jüdischen Staat verbreiten und dazu auffordern, israelische Wissenschaftler, Forscher, Lehrer und Künstler im Sinne der
Cancel Culture zu boykottieren. Aber der Staat schützt gerade die Freiheit der Wissenschaft und Kunst, wenn er
Lügner nicht fördert und Boykotteure boykottiert."
"Arendts Begriff von
Pluralität hat … nichts mit dem indifferenten Nebeneinander unterschiedlicher Positionen zu tun, das diejenigen im Kopf haben, die sich heute so gerne auf eine Kultur der Pluralität berufen", sagt die Philosophin
Juliane Rebentisch, die mit
"Der Streit um Pluralität" gerade ein neues Buch über
Hannah Arendt veröffentlicht hat, im
SZ-Gespräch mit Miryam Schellbach: "Von Pluralität ist heute ja vor allem immer dann die Rede, wenn es darum geht, Streit zu beenden, am besten noch, bevor er überhaupt losgehen kann. Für Arendt gibt es Pluralität aber erst da, wo ordentlich gestritten und für die eigene Position gekämpft wird. Allein durch Auseinandersetzung kann zwischen den unterschiedlichen Positionen so etwas wie eine gemeinsame Welt entstehen. Arendts Pluralität lässt sich aber auch nicht in die
Diversitätsforderung der gegenwärtigen Identitätspolitik übersetzen. Worum es ihr geht, ist eine viel radikalere Pluralität, die der singulären Weltzugänge der Einzelnen."
Und Lorenz Jäger schreibt bei
FAZ.net einen
Nachruf auf den für Linke unangenehm zwischen ganz links und ganz rechts irisierenden Autor und Publizisten
Günter Maschke, der nach 1968 nach Kuba ging und später zurückkehrte. "Einer seiner besten Aufsätze geht auf diese Zeit zurück. Die maoistische Guerilla des '
Leuchtenden Pfads', die grausamste, effektivste Terrorgruppe außerhalb des islamischen Raums, hat Maschke meisterhaft analysiert. Ihre Geschichte entpuppt sich als die einer missglückten, technokratisch-zentralistisch auferlegten Bildungsexpansion in einem der unterentwickeltsten Gebiete des Landes, die aus dem Ruder lief und in den Aberglauben an die
fast magische Kraft einer Doktrin mündete: das 'bewaffnete Wort'."