9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 77 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2022 - Ideen

In der FR seziert Ute Scheub, ganz feministische Pazifistin, den aggressiven Maskulinismus, für den sich Putin in Russland bewundern ließ: "Großmannssucht, das ist die Sehnsucht des kleinen Mannes nach übernatürlicher Größe - und dabei spielt die Armee als fiktive Ausdehnung des eigenen Körpers eine zentrale Rolle. Dass sie auch in Russland eine Schule brutaler Gewalt ist, wird aus dem öffentlichen Bewusstsein jedoch ausgeblendet. Dedowtschina heißt das sadistische System von Drill und Folter, das viele junge Soldaten zu traumatisierten Krüppeln macht. Wenn sie sich Ded - dem Großvater, also älteren und ranghöheren Soldaten - nicht bedingungslos unterwerfen, werden sie bestraft und gefoltert, oft auch vergewaltigt und sexuell misshandelt. Sind sie aber in der Militärhierarchie aufgestiegen, dürfen sie ihrerseits die Jüngeren grausam behandeln. Nach einer älteren Schätzung des 'Komitees der Soldatenmütter Russlands' forderte die Dedowtschina jährlich die unvorstellbare Zahl von rund 3000 Todesopfern."

Die 1982 geborene Schriftstellerin Nora Bossong denkt über politische Errungenschaften ihrer Generation nach und muss ein etwas beschämendes Fazit ziehen. Selbst angesichts der Jugoslawienkriege und des Irakkriegs, der Völkermorde in Srebrenica und Ruanda sei es dieser Generation nicht gelungen, eine politische Haltung zu entwickeln. "Den Krieg in Europa zu verhindern, das ist die Verantwortung meiner Generation, die das Glück hatte, in Frieden aufzuwachsen. Das ist uns nicht gelungen. So wenig, wie es uns gelungen ist, die Klimakatastrophe rechtzeitig zu adressieren. Was ist jetzt von unserer Verantwortung übrig? Nicht viel und eine Menge. Sie kann sich nicht in Klatschen erschöpfen oder darin, in den sozialen Medien die ukrainische Flagge zu posten. Unsere Generation muss zu einer genuin politischen Haltung finden, die die Demokratie so stark macht, das sie nicht vor Putins militärischer Aggression in die Knie geht."

Die Demokratie lebt von Ergebnisoffenheit, aber auch von einer gewissen Begrenztheit des Politischen, meint der Soziologe Armin Nassehi auf ZeitOnline: "Für Putin ist die größte Bedrohung die ergebnisoffene Demokratie, für die Demokratie ist die größte Bedrohung die Fähigkeit Russlands und Chinas zur Brutalität - einer Brutalität, deren Legitimation eben nicht im Ausgleich von Unterschiedlichem, sondern in der identitären Idee der gesellschaftlich-politischen Einheit liegt, die das Individuelle hasst wie der Teufel das Weihwasser. Im Falle Russlands wird darin auch deutlich, wie impotent am Ende eine Ökonomie und eine politische Form wird, wenn sie ganz auf die Potenziale der Ergebnisoffenheit und der Selbstkorrektur verzichtet. Für eine Ökonomie, die fast ausschließlich auf der Erschließung fossiler, also bald endlicher Energieträger basiert, braucht es auch keine Ergebnisoffenheit, weil sie am Ende impotent bleiben muss. In diesen Tagen sollte man sich an Helmut Schmidts Charakterisierung der Sowjetunion als 'Obervolta mit Atomraketen' erinnern - Obervolta heißt heute Burkina Faso, das ist der einzige Unterschied."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2022 - Ideen

Die feministische Philosophin Kathleen Stock hat wegen ihrer Meinung über Transfrauen ihre Uni verlassen (unsere Resümees). Im Gespräch mit Jörg Schindler vom Spiegel bleibt sie bei Ihrer Meinung gegen die "Self ID", also die auch in Deutschland diskutierte Erlaubnis, dass jeder sein Geschlecht selbst definiert: "Selbst wenn es eine noch so kleine Minderheit wäre, sehe ich nicht, warum man voll funktionsfähige Männer in Umkleidekabinen für Frauen lassen sollte. Allein die Tatsache, dass das möglich ist, beeinflusst Frauen enorm. Es gibt sogar Frauenhäuser, zu denen solche Personen Zugang haben. Für traumatisierte Frauen ist das unzumutbar."

Es ist eigentlich ein Streit um Sprache und die Frage, ob Realität durch einen Sprechakt geschaffen wird, meint Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen: "Es geht in den Debatten um die von der Ampel geplante Neufassung des Transsexuellengesetzes oder die Frage, ob der Grünen-Abgeordnete Ganserer ein Mann mit dem Namen Markus oder eine Frau Namens Tessa ist, nicht um die Frage, wie tolerant die Gesellschaft mit Menschen umgehen soll, die der Ansicht sind, sie hätten das falsche Geschlecht. Es ist eine symbolische Auseinandersetzung, die weitreichende Folgen haben wird: Wenn sich die Menschen davon überzeugen lassen, dass sich das Geschlecht mit einem einfachen Satz ändern lässt, können die Anhänger der Postmoderne ihr gesamtes Programm durchsetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2022 - Ideen

Diversität war gestern, zu kompliziert. Nele Pollatschek plädiert in der SZ für die Abschaffung der Kategorie Frau (und damit auch der Kategorie Mann) und für eine Lösung, die Transfrauen auf jeden Fall einschließt. Denn ob frau eine Frau im biologischen Sinn sei, könne man "erst im Falle einer Schwangerschaft" wissen. "Ginge es beim Wort 'Frau' um eine biologische Kategorie - wie der Duden suggeriert und die Emma-Autorinnen fordern -, könnte man es auf kinderlose Menschen nicht anwenden. Wir wissen schlicht nicht, ob Jeanne d'Arc oder Queen Elizabeth I 'biologische Frauen' waren, ob Angela Merkel oder Alice Schwarzer 'biologische Frauen' sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2022 - Ideen

Der Linguist John McWhorter, selbst schwarz, kritisiert in seinem Buch "Die Erwählten" den Antirassismus der modischen Linken als Religion. In Deutschland äußert sich dieser Antirassismus unter anderem darin, dass man das Wort "schwarz", wenn von Schwarzen die Rede ist, auch in adjektivischer Verwendung groß schreibt (mehr zur Begründung dieser Praxis etwa hier). Armin Pfahl-Traughber zitiert in hpd.de aus McWhorters Buch (der Verlag bringt auf seiner Website leider keine Leseprobe). Und das liest sich so: "Wir sollen wegsehen, wenn Schwarze Kinder in der Schule von anderen Schwarzen Kindern angegriffen werden" oder "Wir sollen darüber hinwegsehen, wenn Schwarzen Intellektuellen in ihrer Arbeit Fehler unterlaufen, denn Schwarzen Menschen fehlen schließlich die weißen Privilegien." Hat da das Sensitivity Reading des Verlags zugeschlagen, macht es nur hpd.de so, oder will McWhorter es selbst?

Anmerkung vom 18. Februar. Der Hoffmann-und-Campe-Verlag hat auf unsere Frage geantwortet. "Folgenden Hinweis möchten wir dazu geben: Die Schreibweise 'Black' ist selbstverständlich mit dem Autor abgestimmt und in seinem Sinne - schreibt er doch selbst in seinen Kolumnen 'Black' und nicht 'black'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2022 - Ideen

Ilija Trojanow greift in seiner taz-Kolumne noch einmal Whoopi Goldbergs Äußerung über den Holocaust auf, der ihrer Meinung nach kein Rassismus gewesen sei, weil hier Weiße Weiße ermordeten (Goldbeg hat sich inzwischen dafür entschuldigt). Diese Idee des Rassismus ist weit verbreitet - und verkennt grundsätzlich, was Rassismus ist, meint Trojanow. "Die These von essenziellen Opfergruppen hilft kaum weiter. Ist Tidjane Thiam, jahrelang Vorsitzender der Geschäftsleitung der Credit Suisse, Nachfahre einer ivorischen Herrscherin und Verwandter des Diktators Houphouët-Boigny, wirklich ein Opfer 'weißer Herrschaft', profitieren die Bulgarinnen und Rumäninnen hingegen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in der deutschen Fleischindustrie schuften, tatsächlich von der 'weißen Herrschaft'? Und wie lässt sich der Genozid, den die chinesische Diktatur an den Uigurinnen verübt, unter diesem Schema subsumieren?"

Emphatisch verteidigt Susan Neiman im Freitag die Aufklärung gegen die Kritik, ihr Universalismus sei nur eine Maskerade, die der Unterwerfung der Welt diene: "Die Denker der Aufklärung wuchsen in einer Welt auf, die immer wieder von Religionskriegen erschüttert wurde. Zwei Drittel der Bevölkerung Brandenburgs fielen einem dieser Kriege zum Opfer. Noch häufiger als die Religionskriege waren Pandemien, gegen die es weder Schutz noch Behandlung gab. Frauen wurden regelmäßig als Hexen verbrannt, Männer für die Verfassung kritischer Schriften in Ketten gelegt, Folter wurde selbstverständlich als juristisches Mittel eingesetzt. Es sollte niemanden wundern, dass sich keine Epoche mehr Gedanken über das Wesen des Bösen machte. Gerade in dieser gewalttätigen Umgebung war die Idee des Universalismus revolutionär, denn er setzte eine Würde voraus, die in jedem Menschen, unabhängig von National- oder Religionsgemeinschaft, vorhanden ist."

Deborah Hartmann, Leiterin des Berliner "Hauses der Wannsee-Konferenz", kritisiert im Gespräch mit Ronald Pohl vom Standard scharf den von A. Dirk Moses und anderen ausgelösten "Historikerstreit 2.0": "Befremdlich an der derzeitigen Debatte ist, dass die Erinnerung an die Shoah neuerdings wieder in Zweifel gezogen wird. Man kennt das normalerweise von rechts, jetzt passiert es aus anderer Richtung. Begriffe wie 'Katechismus', wie 'Hohepriester der Erinnerung' lassen sich schwerlich als Beiträge auffassen, die Konstruktives zur Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur leisten. Ich vermute dahinter eine Form der Abwehr."

Der russische Schriftsteller Sergei Lebedew versucht in der NZZ zu erklären, warum die Russen im Ukraine-Konflikt - wie auch schon bei den Tschetschenienkriegen - mehrheitlich stumm zur Seite blicken. Warten sie einfach auf bessere Zeiten, um ihre wahren Gefühle zu zeigen? Oder ist ihre Empathielosigkeit real? Lebedew befürchtet letzteres. Selbst Putin bekam das in der Corona-Krise zu spüren: "Die Pandemie führte zu einem paradoxen Effekt: Die Staatsorgane und die liberale Öffentlichkeit fanden sich als Befürworter der Schutzmaßnahmen unerwartet in einem Lager wieder - gegen eine Mehrheit, welche die Gefahr des Virus leugnete oder sie herunterspielte und die Hygienemaßnahmen sabotierte. Die Impfmuffel und Maskenverweigerer lassen sich kaum kategorisieren: Frau oder Mann, Jung oder Alt, Reich oder Arm; jeder kann es sein. Die Obrigkeit kapituliert notgedrungen und tut so, als habe alles seine Ordnung. So hat sich in Russland eine erstaunliche Solidarität herausgebildet - die verquere Einigkeit derjenigen, die nach den Gesetzen der natürlichen Auslese zu leben bereit sind. Von Leuten, die einen Hang zur Verantwortungslosigkeit, zur Verschwörungstheorie, zur Leugnung von Fakten haben - nur um keine persönlichen Einschränkungen in Kauf nehmen zu müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2022 - Ideen

Abbau von Vorurteilen und Förderung von Minderheiten ist immer gut. Aber an Universitäten sollte Diversität nicht zum Selbstzweck werden, und den Leistungsgedanken sollte man auch nicht begraben, meint der Historiker Ronald G. Asch in der Welt. "Weitere bedenkliche Entwicklungen zeichnen sich ab. Hat man erst einmal eine regelrechte Diversity-Industrie aufgebaut, einen Stab von Mitarbeitern und Agenturen, die davon leben, dass sie als Diversitäts-Manager auftreten oder die entsprechende Weltanschauung pädagogisch vermitteln, gewinnt das Ganze eine immer stärkere Eigendynamik, es wird zum Selbstläufer. Der nächste logische Schritt ist die Forderung, dass Lehrpläne an Schulen, aber eben auch Kurse und Module an den Universitäten den Bedürfnissen einer Vielzahl von Minderheiten gerecht werden müssen. Das freilich ist in einer immer heterogener werdenden multikulturellen Gesellschaft kaum umsetzbar und würde am Ende nur darauf hinauslaufen, die Bedürfnisse der größten oder einfach nur lautesten Minderheiten zu bedienen, während die anderen vernachlässigt werden. Außerdem läuft man Gefahr, durch ein solches Bildungsprogramm die Tribalisierung der Gesellschaft, die sich ohnehin schon abzeichnet, noch weiter zu fördern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2022 - Ideen

Der Linguist Josef Bayer ist neben weiteren Linguisten, etwa Peter Eisenberg, aus der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft ausgetreten, denn der Satzungstext der DGfS ist neuerdings gendersensibel. Das spaltet die DGfS und hat mit ihrer eigentlichen Funktion auch nichts mehr zu tun, schreibt Bayer in der Welt: Es gehe "zentral um natürliche und damit historisch natürlich gewachsene Sprachen, wie sie in der menschlichen Kommunikation verwendet werden und nicht um künstliche, d. h. von Menschen entworfene Sprachen wie etwa Programmiersprachen, Plansprachen, Sondersprachen etc. Die Linguistik ist eine deskriptive und keine präskriptive Disziplin. Ihr Forschungsgegenstand ist die Sprache, wie sie ist, und nicht, wie sie sein sollte. Somit gibt es eine recht klare Abgrenzung zur Stilistik, zu reglementierten Sprachen, zur Sprachpädagogik etc. Unter dieser Voraussetzung erstaunt es, dass die durch und durch präskriptiv konstruierte Gendersprache momentan dabei ist, die DGfS, die wichtigste linguistische Gesellschaft des Landes, zu unterwandern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2022 - Ideen

Amia Srinivasan ist eine feministische Philosophin und lehrt in Oxford. Ihr Buch "Das Recht auf Sex" erscheint demnächst bei Klett-Cotta. Im Gespräch mit der Zeit-Autorin Elisabeth von Thadden betont sie zwar auch, dass sie Transfrauen als Frauen sieht (der Feminismus sei "wie ein großer Schirm, unter dem sich alle versammeln, die für die Solidarität mit Frauen kämpfen wollen"), stimmt aber in die Kritik am akademisch geprägten Gender-Feminismus ein: "Der interessanteste Feminismus ist gegenwärtig nicht der angloamerikanische. Der entsteht vielmehr in Lateinamerika im Ringen um die indigenen Rechte, in Indien im Kampf der Bäuerinnen gegen die Modi-Regierung oder auch in Polen in der öffentlichen Mobilisierung gegen das Abtreibungsgesetz - und er zeigt sich nicht primär in den westlichen Theorien." Schade, dass sie die muslimischen Feministinnen vergisst.

Da das Wort "Jude" "wegen der Erinnerung an den nationalsozialistischen Sprachgebrauch als diskriminierend empfunden" werde, empfiehlt der Duden nun situationsabhängig auf die Bezeichnung "jüdische Menschen" auszuweichen oder andere Formulierungen zu wählen, zum Beispiel "jüdische Mitbürger". Dagegen protestierte der Zentralratspräsident Josef Schuster im Tagesspiegel: "'Das Wort 'Jude' ist für mich weder ein Schimpfwort noch diskriminierend.' Die Duden-Redaktion kündigte eine Überarbeitung an."

"Der Duden sollte nicht vor Schulhof-Rassisten kapitulieren", erwidert heute ebenfalls im Tagesspiegel Naomi Lubrich, Direktorin des Jüdischen Museums der Schweiz: "Wörterbücher stehen, was den Begriff 'Jude' angeht, in einer langen Tradition des Unsinns. Sie bildeten jeweils den Diskurs ihrer Zeit ab. Der heutige 'Duden'-Eintrag spiegelt den Wunsch der deutschen Bildungsbürger, kein Wort zu gebrauchen, das die Nationalsozialisten missbraucht haben. Er setzt sich mit der Realität des Schulhofantisemitismus auseinander, wo rassistische Beschimpfungen an der Tagesordnung sind. Und er meint offenbar, dass die Antisemiten die Deutungshoheit über das Wort 'Jude' haben."

Und in der Welt resümiert Matthias Heine zunächst die Debatte, die sich auf Twitter entfachte - Juden kritisierten den Beschluss mehrheitlich - und schließt: "Gründe, jetzt den Begriff mit den vom Duden vorgeschlagenen Alternativen oder gar der Ausweich-Chiffre J-Wort zu umgehen - analog zum N-Wort oder zum Z-Wort -, gibt es nicht. Dafür müsste nachgewiesen werden, ob je ein Jude das Wort Jude als diskriminierend empfunden hat. Nachweisbar sind bisher immer nur nicht jüdische Deutsche, die sich durch das Wort unangenehm an die Verbrechen ihrer Vorfahren erinnert fühlen."

Ebenfalls in der Welt hat Alan Posener gar nichts dagegen, dass "ideologische Linke und Querdenker ihre eigene Wahrheit" besitzen. Aber der Staat sollte diese bitte nicht als gleichberechtigt betrachten oder sogar subventionieren: "Die linke 'Initiative GG 5.3' meint, dass die grundgesetzlich garantierte Freiheit von Wissenschaft, Forschung, Lehre und Kunst unvereinbar sei mit der Aufforderung des Bundestags, die antiisraelische Boykottbewegung BDS nicht mit staatlichen Mitteln zu unterstützen. Man dürfe wohl verschiedene Meinungen zu Israel haben. Klar darf man das. Man darf auch Lügen über den jüdischen Staat verbreiten und dazu auffordern, israelische Wissenschaftler, Forscher, Lehrer und Künstler im Sinne der Cancel Culture zu boykottieren. Aber der Staat schützt gerade die Freiheit der Wissenschaft und Kunst, wenn er Lügner nicht fördert und Boykotteure boykottiert."

"Arendts Begriff von Pluralität hat … nichts mit dem indifferenten Nebeneinander unterschiedlicher Positionen zu tun, das diejenigen im Kopf haben, die sich heute so gerne auf eine Kultur der Pluralität berufen", sagt die Philosophin Juliane Rebentisch, die mit "Der Streit um Pluralität" gerade ein neues Buch über Hannah Arendt veröffentlicht hat, im SZ-Gespräch mit Miryam Schellbach: "Von Pluralität ist heute ja vor allem immer dann die Rede, wenn es darum geht, Streit zu beenden, am besten noch, bevor er überhaupt losgehen kann. Für Arendt gibt es Pluralität aber erst da, wo ordentlich gestritten und für die eigene Position gekämpft wird. Allein durch Auseinandersetzung kann zwischen den unterschiedlichen Positionen so etwas wie eine gemeinsame Welt entstehen. Arendts Pluralität lässt sich aber auch nicht in die Diversitätsforderung der gegenwärtigen Identitätspolitik übersetzen. Worum es ihr geht, ist eine viel radikalere Pluralität, die der singulären Weltzugänge der Einzelnen."

Und Lorenz Jäger schreibt bei FAZ.net einen Nachruf auf den für Linke unangenehm zwischen ganz links und ganz rechts irisierenden Autor und Publizisten Günter Maschke, der nach 1968 nach Kuba ging und später zurückkehrte. "Einer seiner besten Aufsätze geht auf diese Zeit zurück. Die maoistische Guerilla des 'Leuchtenden Pfads', die grausamste, effektivste Terrorgruppe außerhalb des islamischen Raums, hat Maschke meisterhaft analysiert. Ihre Geschichte entpuppt sich als die einer missglückten, technokratisch-zentralistisch auferlegten Bildungsexpansion in einem der unterentwickeltsten Gebiete des Landes, die aus dem Ruder lief und in den Aberglauben an die fast magische Kraft einer Doktrin mündete: das 'bewaffnete Wort'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2022 - Ideen

Zu seiner Depression muss Michael Rothberg, der in seinem Buch "Multidirektionale Erinnerung" doch die richtigen Anweisungen zu einer neuen Erinnerungskultur gegeben hatte, feststellen, dass die deutsche Öffentlichkeit nicht einfach einschwenkt und weiterhin einen falschen Antisemitismusbegriff pflegt. Er bezieht sich in einem Artikel der Berliner Zeitung auf die größte Autorität in diesen Dingen, A. Dirk Moses: "Wie dieser vorausgesagt hatte, verbreiten sich seither zweifelhafte Antisemitismusvorwürfe beinahe inflationsartig, um beispielsweise Journalistinnen (Carolin Emcke und Nemi El-Hassan) und zuletzt Künstler und Kunstinstitutionen (das indonesische Kollektiv Ruangrupa und die Documenta) zu diskreditieren. Zweifellos wird der jüngste Bericht des britischen Amnesty International, in dem Israel als Apartheid-Regime bezeichnet wird, zu weiteren Auseinandersetzungen in Deutschland führen, auch wenn Menschenrechtsgruppen in Israel selbst bereits den Begriff Apartheid verwendet haben."

Der Staat Israel macht im Umgang mit den Palästinensern vieles falsch, erklärt der Pädagoge Meron Mendel bei Zeit online. Aber ihn als Apartheidsstaat darzustellen, wie Amnesty International das jüngst tat, empfindet er nicht nur als zutiefst unfair, sondern auch als potenziell tödliche Propaganda zur Abschaffung des israelischen Staates: "Aus dem Versuch, das gesamte zionistische Projekt seit 1948 als Unrecht darzustellen, folgen daraus logischerweise politische Forderungen. Als Lösung bliebe nur die Abschaffung des Nationalstaats, die Abschaffung der Unterscheidung zwischen israelischem Kernland und besetzten Gebieten, das Ende der Selbstdefinition Israels als jüdischer Staat. Dem Bericht geht es explizit nicht nur um die Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen in der Westbank und im Gazastreifen nach internationalem Recht. Nein, es geht Amnesty darum, 'die Kernursachen des Konflikts anzugehen', nämlich die Existenz des jüdischen Nationalstaates. Für Israelis, egal welcher Seite des politischen Spektrums, bedeutet der Bericht eine Einladung, ihre eigene Existenz aufs Spiel zu setzen, nach dem Vorbild der mehrnationalen Nachbarstaaten Libanon und Syrien. Es ist eine Einladung zur Selbstzerstörung. Kein Wunder, dass sich die überwiegende Mehrheit der israelischen Friedensbewegung von Amnesty verraten fühlt."

Ein Gutes hatte die Pandemie ja: Endlich wurde mal wieder über Freiheit diskutiert, über ihre Voraussetzungen und ihre Grenzen, meint in der NZZ der Jurist René Rhinow. Denn Freiheit in einem liberalen Sinne heißt nicht, einfach machen zu dürfen, was man will, wie Impfgegner das gerne propagieren. Rhinow plädiert für "einen 'mitfühlenden' Liberalismus im Sinne des großen liberalen Vordenkers John Stuart Mill, um anzudeuten, dass liberale Antworten auch für das Schicksal benachteiligter Menschen gesucht werden müssen. Was wenig bekannt ist: Bereits Adam Smith, der Begründer der Nationalökonomie, entwickelte eine Theorie des Mitgefühls als Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, mit Empathie und Sozialkompetenz auf sein Gegenüber zu reagieren, sich selber nicht als individuelles Atom, sondern als soziales Wesen zu begreifen. Eine offene Wahrnehmung für die Lebenssituation anderer, gerade von schwächeren und notleidenden Menschen in ihrer Furcht, ist unabdingbare Voraussetzung dafür, erkennen zu können, wie es um ihre Würde und deren Gefährdung tatsächlich steht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2022 - Ideen

Die "Cynical Theories" von Helen Pluckrose und James Lindsay sind ein überaus nützliches Vademecum für alle, die das Gestrüpp woker Theorien von der Critical Race Theory, über Gender, Postkolonialismus bis zu Fat Studies verstehen wollen. Der Perlentaucher bringt einen kleinen, einleitenden Vorabdruck. Hier erklären Pluckrose und Lindsay auch die Grundprinzipien dieser Theorien der modischen Linken: "Die neuen Theorien, die hauptsächlich Race, Gender und Sexualität thematisierten, waren explizit kritisch, zielorientiert und moralisierend. Die Kernideen der Postmoderne behielten sie jedoch bei: dass Wissen nur ein Konstrukt der Macht ist und dass die Kategorien, mit denen wir Menschen und Phänomene einordnen, im Dienst dieser Macht ersonnen wurden; dass Sprache inhärent gefährlich und unzuverlässig ist; dass die Wissens- beziehungsweise Geltungsansprüche und die Werte aller Kulturen gleichermaßen berechtigt und überhaupt nur im jeweiligen Kontext zu verstehen sind; und dass kollektive Erfahrung jedweder Individualität und Universalität überlegen ist. Als dominierendes Thema der neuen Theorien rückte nun die kulturelle Macht in den Vordergrund."

Israel ist sehr wohl ein Apartheidsstaat, versichert in der FR Michael Benyair, ehemaliger Generalstaatsanwalt in Israel. Und das eben nicht nur in den besetzten Gebieten: "Man kann keine liberale Demokratie sein, wenn man ein anderes Volk der Apartheid unterwirft. Das ist ein Widerspruch an sich, da Israels Gesamtgesellschaft sich an dem bestehenden Unrecht mitschuldig macht. Es ist das israelische Kabinett, das jede illegale Siedlung in den besetzten Gebieten genehmigt. Es war meine Person in der Rolle des Generalstaatsanwalts, die der Enteignung von palästinensischem Privatland zugestimmt hat, um Infrastruktur wie Straßen zu bauen, die eine Siedlungsexpansion verfestigt haben. Es sind die israelischen Gerichte, die diskriminierende Gesetze bestätigen. Und israelische Steuerzahler finanzieren den Regierungseinsatz von Kontrolle und Dominanz in den (besetzten) Gebieten. Es ist Israel, das zwischen Jordan und Mittelmeer Millionen Palästinensern zivile und politische Rechte vorenthält. Das ist israelische Apartheid." Benyair plädiert für eine Zweistaatenlösung.

Außerdem: In der FAZ erinnert Thomas Karlauf zu dessen 150. Geburtstag an den Philosophen und Publizisten Theodor Lessing - und empfiehlt seine neu erscheinenden "wunderbaren " und "für die Kenntnis der Boheme um 1900 unentbehrlichen Lebenserinnerungen".