9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2016 - Internet

Google hat sich auf den Deal mit der Gema eingelassen, um das lästige Problem vom tisch zu haben, meint Jens-Christian Rabe in dueddeutsche.de. Eigentlich gehe es bei Youtube heute nicht mehr um Musik: "Es sind die Filme der Video-Blogger, in denen Videospiele kommentiert, Freunde reingelegt und Kosmetik- und Mode-Tipps gegeben werden, in denen neue Technik getestet, von 30 Meter hohen Klippen gesprungen, Comedy gemacht, professionell getanzt, das eigenen Leben erzählt oder die Weltlage analysiert wird. Nicht selten mit einem neuen Video an jeden Tag. In Deutschland haben die Youtube-Kanäle bekannter Blogger wie Florian Mundt alias LeFloid, Julien Bam oder Erik Range alias Gronkh längst drei bis vier Millionen Abonnenten."
Stichwörter: Gema, Youtube, Videospiele, Comedy, Kosmetik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2016 - Internet

Eine Machtverschiebung von historischen Ausmaßen. Jüngst meldete Google fürs dritte Quartal Gewinne (Gewinne!) von 5 Milliarden Dollar. Facebook zieht nun mit ebenfalls pharaminösen Zahlen nach: Umsatz im dritten Quartel: 7 Milliarden Dollar, Gewinn, 2,38 Milliarden Dollar - dreimal so viel wie im gleichen Quartal des Vorjahrs. Sam Thielman kann's im Guardian nicht fassen: "Der Umsatz- und Gewinnsprung ereignet sich zu einem Zeitpunkt, an dem die Anzeigenumsätze traditioneller Verlage ausbluten. Die Verlage reagieren mit Kürzungen: Medien wie die Daily Mail, der Guardian, die New York Times und das Wall Street Journal haben in den letzten Wochen Stellenstreichungen bekanntgeben." Facebook scheint dabei übrigens besonders von den Werbebudgets der Präsidentschaftskampagnen profitiert zu haben.

Folgende Grafik der Newspaper Association of America setzt die Anzeigenerlöse der amerikanischen Zeitungen und von Google und Facebook in Beziehung - sie wurde schon im September von Kevin Anderson publiziert.


9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2016 - Internet


Statistik von StatCounter Global Stat.

Im Oktober sind weltweit erstmals mehr Internetseiten von mobilen Geräten als von Computern aufgerufen worden, schreibt Mike Murphy in quartz.com: "Der globale Smartphone-Markt verlangsamt sich zwar, aber die Hersteller liefern im Quartal immer noch etwa so viele Smartphones aus wie die Computer-Hersteller Laptops und Desktop-Computer pro Jahr. Es wird weithin angenommen, dass die nächste Milliarde neuer Internetnutzer das Internet fast komplett zuerst durch Mobilgeräte wahrnehmen wird. Computer werden wir in nächster Zukunft wohl nur noch für die Arbeit nutzen, oder um uns über andere Computermarken lustig zu machen."

Allenthalben wird die Einigung von Gema und Youtube gefeiert - auch in Netzpolitik, aber nicht ohne Einschränkungen. Leonhard Dobusch kommentiert: "Wermutstropfen der außergerichtlichen Einigung sind deshalb deren Vertraulichkeit und der Umstand, dass es dadurch kein höchstrichterliches Urteil in der Auseinandersetzung geben wird. Das bedeutet, dass die Rechtsunsicherheit für andere Plattformbetreiber oder neue Diensteanbieter bestehen bleibt; unklar bleibt, ob sie mehr oder weniger als YouTube für dieselben Inhalte zahlen müssen. Transparente Vergütungsstrukturen sehen anders aus." In der FAZ interviewt Axel Weidermann den Musiklobbyisten Dieter Gorny zu der Einigung.

Endlich mal einer, der sich dagegen wehrt, dass ständig "das Internet" und die sozialen Medien für die Zuspitzung in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden. Frank Schmiechen von Gründerszene stellt in der Welt eine Gegenfrage: "Die Kritiker der Plattformen wollen jetzt sauber durchfegen lassen und träumen von besenreinen Netzwerken. Aber wollen wir ausgerechnet die Betreiber der Netzwerke zu Redakteuren der Wirklichkeit machen? Wollen wir Mark Zuckerberg entscheiden lassen, wo die Grenzen eines zumutbaren Diskurses verlaufen? Soll Facebook entscheiden, was gesagt oder nicht gesagt werden darf? Das kann doch nicht gewollt sein, wenn hinter den 'Digitalkonzernen' bereits jetzt eine nicht mehr steuerbare Macht vermutet wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2016 - Internet

Für große Empörung sorgt bereits ein Bericht von Julia Angwin und Terry Parris Jr. auf Propublica, wonach Facebook seinen Werbekunden erlaubt, Schwarze, Asiaten und Latinos als Zielgruppe auszuschließen, wie sie am Beispiel einer Werbung zeigen können, auf das sie im Kundenportal gestoßen sind: "Das Angebot zielte auf Facebook-Mitglieder, die ein Haus suchten und schloss jeden aus, der eine 'Affinität' für schwarze, asiatische oder hispanische Amerikaner zeigte. Als wir Facebooks Ausschluss-Optionen dem prominenten Bürgerrechtsanwalt John Relman zeigte, schnappte er nach Luft und sagte: 'Das ist erschreckend und absolut illegal. Das ist ein klarer Verstoß gegen das Fair Housing Gesetz.'"
Ein Sprecher von Facebook erzklärte, sie hätten die Kategorie "ethnische Affinität" zwei Jahre zuvor als Teil eines "multikultureller Werbung" eingeführt.

Im Guardian berichtet Hilary Osborne von einem wegweisenden Urteil, nachdem ein britisches Gericht dem Dienst Uber untersagt hat, seine Fahrer als selbstständig zu deklarieren und ihnen nicht einmal den Mindestlohn zu zahlen: "Der Mintnahme-Dienst kann nun von seinen 40.000 Fahrer in Britannien verklagt werden, die derzeit kein Anrecht auf Urlaubsgeld, Pensionen oder andere Arbeitnehmerrechte haben." Uber hat bereits Berufung gegen das Urteil eingelegt.

Weiteres: Groß ist die Freude bei Markus Beckedahl auf Netzpolitik, dass Günther Oettinger zum EU-Haushaltskommissar aufsteigt: "Das ist die Chance, jemand Kompetentes zum Digitalkommissar zu machen!" Bestürzend einseitig nennt Ingo Dachwitz allerdings ebenfalls auf Netzpolitik, wie die Medienkonvergenz-Kommission bisher das Verbot von Werbeblockern behandelt hat, nämlich strikt im Sinne von Verlegern anderen "Stakeholdern",  nicht aber Verbraucher- oder Datenschutzorganisationen. 

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2016 - Internet

Carolina Schwarz stellt in der taz #WeAreTwitter vor, eine internationale Bewegung von Nutzern, die das zum Verkauf stehende Twitter zu einer Genossenschaft machen wollen: "In organisierten Gruppen kommen Stimmen aus den USA, Kanada, Großbritannien und Deutschland zu Wort. Die gemeinsame Motivation: Bei der Übernahme durch einen großen Konzern fürchten sie nicht nur um ihre Daten, sondern um den Charakter des Dienstes. In einer Welt, in der einige wenige immer mehr Firmenanteile besitzen und die Regeln diktieren, wird der Wunsch nach einem Dienst in Selbstverwaltung immer größer. Dezentral organisierte Plattformen, die eine Alternative zum kapitalistischen Modell bieten. Twitter in Nutzerhand ist für die Bewegung die bessere Alternative."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2016 - Internet




In Frankreich ist Google als kultureller Akteur noch sichtbarer als in Deutschland - auch wegen des "Lab" des Institut culturel von Google in Paris. Claire Richard bringt in Rue89 einen ausführlichen Hintergrund zu möglichen Strategien des Konzerns, der sich selbstverständlich als selbstloser Mittler von Inhalten darstellt, und zitiert die französische Politikerin Laure de la Raudière, die Google vorwirft, "ein weiteres Mal als Plattform zu agieren, indem es sich zwischen den Nutzer und den Inhalt, das Publikum und das Werk stellt". Richard dazu: "Das Unternehmen sagt, es sei nur ein Mittel, es stelle nur eine technische Lösung zur Verfügung und taste die Inhalte nicht an. Aber Google ist kein Unternehmen wie alle anderen: Sein Geschäft ist das Sammeln von Informationen, ihre Verzettelung, ihre Ausbeutung und ihre Präsentation. Wenn Google sich als idealer Partner und 'natürlicher' Mittler darstellt... stärkt es seine Position als unumgehbare Plattform." (Und was hat Laure de la Raudiere dazu beigetragen, den Franzosen den Zugang zu ihren Kunstschätzen zu erleichtern?)
Die Abbildung ist ein Screenshot der von Google Arts & Culture digitalisierten, von Chagall ausgemalten Kuppel der Pariser Oper.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2016 - Internet

Die AfD will sich über eine unausgesprochene Übereinkunft der Parteien hinwegsetzen, auf den Einsatz von Social Bots zu verzichten, zitiert Zeit Online einen Bericht aus dem Spiegel. Social Bots sind Software-Roboter, die automatisiert massenhaft Einträge in sozialen Netzwerken absetzen, um Stimmung und Meinungen zu manipulieren. "'Selbstverständlich werden wir Social Bots in unsere Strategie im Bundestagswahlkampf einbeziehen', sagte Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel... 'Gerade für junge Parteien wie unsere sind Social-Media-Tools wichtige Instrumente, um unsere Positionen unter den Wählern zu verbreiten.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2016 - Internet

Außer Fernsehen sind Warnungen vor den schrecklichen Mächten im Internet derzeit die einzige "Debatte", die deutsche Feuilletonisten noch pflegen. Diesmal also Johannes Boie in der SZ, der die potentielle Fähigkeit des Facebook Messengers fürchtet, selbst Debattenthemen vorzuschlagen: "Ein Problem ist die Funktion, weil mit ihr eine weitere Tech-Firma an dem schraubt, was man allgemein als den freien Willen bezeichnet. Google Maps schlägt den Nutzern den besten Weg vor, zahlreiche Apps berechnen die besten Bewegungen beim Sport, das gesündeste Essen, die angemessene Schlafdauer für ihre Nutzer. Es geht längst so weit, dass Menschen, die Dating-Apps verwenden, der potenziell beste Partner vorgeschlagen wird." Schlotter.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2016 - Internet

Google Books hat jetzt freie Fahrt, aber hat Google an Google Books überhaupt noch Interesse? Zuverlässig ist der Dienst jedenfalls nicht, schreibt Klaus Graf in seinem Archivalia-Blog, der zeigt, dass bestimmte Snippets aus alten Büchern, die er er einst über Google fand, heute verschwunden sind: "Offenkundig hat Google die Anzahl der zu einer Suchanfrage angezeigten Snippet-Bücher drastisch reduziert! Ich möchte diese Verschlechterung der Recherchequalität durchaus dramatisch nennen. Die verschwundenen Schnipsel gaben höchst wichtige Hinweise für die Forschung, sie ermöglichen es, entlegene Belege aufzufinden."

Überall wird über "Hate Speech" geklagt, und darüber, dass die Internetplattormen nichts dagegen tun. Aber es ist nicht so, dass Google und Facebook von deutschen Behörden nicht schon belämmert werden, schreibt Constanze Kurz in ihrer FAZ-Kolumne: "Letztes Jahr stellten deutsche Stellen über elftausend Ersuchen allein an Google, die mehr als achtzehntausend verschiedene Accounts betrafen. Dieses Jahr betrafen die Anfragen allein im ersten Halbjahr schon über dreizehntausend Accounts, wie der gerade veröffentlichte Transparenzbericht zeigt."

Gravierende Gedanken über Demokratie-Gefährung durch Internet macht sich ebenfalls in der FAZ die Regensburger Politologin Barbara Zehnpfennig: "Die Tendenz, negative Emotionen massiv zu verstärken, ohne zugleich zur Suche nach konstruktiven Lösungen zu animieren, ist sicher eines der Probleme, die mit der politischen Meinungsbildung via Internet verbunden sind. Doch es ist nicht einmal das gravierendste Problem. Noch gewichtiger scheint zu sein, dass die Verlagerung der politischen Meinungs- und möglicherweise auch Entscheidungsfindung in die Internetkommunikation zur Delegitimierung des demokratischen Systems beitragen könnte." Auf Zeit online sieht der Autor Henning Ahrens das ähnlich und fordert einen "digitalen Verhaltenskodex", den er nicht näher präzisiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2016 - Internet

Google hat seine Prozesse um Google Books gewonnen - der Konzern darf nun Bücher scannen, mit den bekannten Einschränkungen bei Büchern, die geschützt sind, und kooperiert mit vielen Bibliotheken, die sich ein solches Programm sonst gar nicht leisten könnten. Es ist ein Glück, schreibt Anne-Catherine Simon in der Presse, wenn auch ein zwiespältiges, denn es arbeitet Googles Monopol zu und es bleibt die Frustration bei Büchern, die man nur in Schnipseln lesen darf: "Vielleicht aber ist gerade diese Verbindung aus frei durchsuchbaren Büchern und frustrierenden Lockangeboten das wirksamste Mittel, um den Zugang zu allem in Buchform Geschriebenen - und zugleich Googles Macht - voranzutreiben: Der Gewinn für jedermann durch das bereits frei Verfügbare ist so ungeheuerlich, so für alle sichtbar, dass alles dem User ebenso sichtbar Entzogene Begierde, Ungeduld weckt. Es ist wie mit Konsumwaren; man will mehr, noch mehr."