Schwerpunkt Facebook Selbst wer bei
Facebook ist, darf künftig das berühmte Kriegsfoto mit dem nackten kleinen Mädchen
Kim Phuc sehen,
meldet Zeit online mit Agenturmaterial. Der Brief des
Aftenposten-Chefredakteurs Espen Egil Hansen (unser
Resümee) an Mark Zuckerberg hatte sich gestern weltweit in Windeseile verbreitet: Hansen hatte Mark Zuckerberg direkt auf seine
Verantwortung in der Öffentlichkeit angesprochen. "Nun räumte
Facebook Fehler ein: Obwohl auf dem Bild ein unbekleidetes Kind zu sehen sei, erkenne das Online-Netzwerk die historische Bedeutung des Fotos an." Ist ja
sehr nett!
Facebook braucht
Redakteure, um seine Algorithmen vom Redigieren abzuhalten, meint
Jeff Jarvis, und Facebook, das Jarvis selbst nicht als Medium, sondern
als Plattform ansieht, sollte
privilegierte Beziehungen zu Medien aufbauen,
schreibt Jarvis bei
Medium.com: "Wenn es abweichende Meinungen gibt, und die wird es geben, dann sollte Facebook eine Methode - eine Person, einen Redakteur - haben, der im Namen der Firma verhandeln kann. Das externe Medium muss nicht immer gewinnen, schließlich handelt es sich hier um einen Service von Facebook, aber es muss
angehört und respektiert werden."
Aber wie gesagt: Facebook
hatte ja aktiv gehandelt und nicht nur einen Algorithmus handeln lassen,
bringt Marina Hyde, die spitzeste Zunge des
Guardian, in Erinnerung: "Wenn Facebook das Bild einmal zensiert hätte, wäre es unglücklich, aber Facebook hat es
unendlich oft zensiert, und das ist von radioaktiver Gruseligkeit. Aber genau das hatte Facebook getan - viele Norweger hatten das Foto gepostet, um gegen die Zensur des Bildes zu protestieren, und es wurde
jedes Mal entfernt. Darüberhinaus hatte das Netzwerk an den Chefredakteur der größten norwegischen Zeitung geschrieben und aufgefordert, das Bild von seiner Facebook-Seite zu entfernen - und dann doch lieber nicht auf eine Antwort gewartet und das Bild
selbst entfernt." Hyde erinnert auch daran, dass wenige Wochen vor dieser Geschichte der Facebook-Investor
Peter Thiel das Boulevard-Blog
Gawker zu Tode geklagt hatte.
Sehr streng
kommentiert auch die norwegische Ministerpräsidentin
Erna Solberg, die das Foto ursprünglich gepostet hatte, diesen Fall im
Guardian, die darauf aufmerksam macht, dass Facebook heute ein entscheidender
Ort der Öffentlichkeit ist: "Wenn Facebook solche symbolischen Bilder löscht, die eine
entscheidende Rolle bei der Veränderung des Blicks der Welt auf Krieg und Grausamkeit gespielt haben, dann
verändert es Geschichte. Ich möchte, dass meine Kinder und andere Kinder in der Welt in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Geschichte erzählt wird, wie sie war."
============Außerdem: In der
SZ erklärt Kulturkritikerin
Virginia Heffernan, warum sie das
Internet magisch findet: "Es verwandelt Erfahrungen aus der physischen Welt, die
hochgradig stofflich waren - wie etwa Briefmarken abzulecken, Wecker aufzuziehen oder mit dem Auto zum Einkaufen zu fahren - in reibungslose, schwerelose und fantastische Abstraktionen.
Lawrence Lessig formuliert es so: 'Die digitale Welt hat mehr mit der Ideenwelt als mit der Welt der Dinge gemeinsam.'"