9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2017 - Kulturpolitik

Andreas Kilb tritt in der FAZ noch einmal mit Verve gegen die vor der Berliner Schlossattrappe geplante "Einheitswippe" ein: "Die Choreografin Sasha Waltz, die eigentliche Erfinderin der 'Wippe', hat sich schon vor vier Jahren aus dem Projekt zurückgezogen. Offenbar hat sie geahnt, worauf ihre großherzige Idee einer beweglichen Monumentalskulptur an diesem Ort und bei diesem Bauherrn hinauslaufen würde: auf einen mit Gittern und Rampen gesichertes, von Uniformierten bewachtes Nationalspielzeug mit TÜV-Plakette und Zugangsbeschränkung."
Stichwörter: Einheitswippe, Waltz, Sasha

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2017 - Kulturpolitik

Philipp Oswalt, ehemals Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, fordert im Tagesspiegel, dass Berlin endlich städtebauliche Verdichtung zulässt - und zum Beispiel auch vom "Traufhöhen-Dogma" abgeht: "Das Traufhöhen-Dogma wirkt so stark, dass sich die Avantgardisten der heutigen Berliner Architektenszene wie Arno Brandlhuber und Christoph Langhoff lediglich trauen, die Traufhöhe um eine Etage anzuheben. Warum diese Verzagtheit? Bei der opulenten Breite der Berliner Hauptstraßen wäre es kein Problem, Gebäudehöhen zu verdoppeln: also nicht Aufbau einer Dachetage, sondern von fünf oder sechs Stockwerken. Den Aufschrei der 'europäischen Stadt'-Ideologen kann man mit einem Flugticket nach Rom, Mailand oder Madrid parieren. Dort hat der Städtebau schon vor vielen Jahrzehnten ohne Probleme 40 Meter hohe Wohnbauten in die Innenstadt integriert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2017 - Kulturpolitik

Im Gespräch mit drei tazlern erklärt der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, warum er die Gehälter von Intendanten offenlegen will: "Dort, wo öffentliche Mittel eingesetzt werden, besteht auch ein Recht der Öffentlichkeit, zu erfahren, in welchem Umfang und wie diese öffentlichen Mittel eingesetzt werden. Und wir wollen versuchen, mehr als bisher Frauen bei der Besetzung von Spitzenpositionen im kulturellen Bereich zu berücksichtigen und auch die Diversität der Gesellschaft dort zum Ausdruck zu bringen."

Ausführlich äußert er sich auch im Nachtkritik-Interview mit Sophie Diesselhorst und Christian Rakow zum Thema: "Warum soll nicht angesichts der Gehaltsstrukturen im Kunst- und Kulturbetrieb darüber geredet werden, was Leute verdienen, die auf und hinter der Bühne stehen, und ob eine bestimmte Gehaltsstruktur insgesamt angemessen ist. Dabei sage ich auch: Wenn man internationales Spitzenpersonal wie Daniel Barenboim in der Staatskapelle haben will, dann ist es auch angemessen, diesen Leuten ein ordentliches Gehalt zu zahlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2017 - Kulturpolitik

Wir brauchen ein Einheitsdenkmal, aber vielleicht nicht unbedingt in Form einer Wippe, meint Christine Käppeler im Freitag. Sei schlägt statt dessen einen Park zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz vor: "Es gibt eine Serie der Künstlerin Taryn Simon, für die sie Blumengestecke nachbaut, die bei wichtigen internationalen Abkommen als Tischschmuck dienten. Eine andere Künstlerin, Kapwani Kiwanga, bildet Blumengebinde nach, die überreicht wurden, wenn afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit erlangten. Diese Blumen spiegeln das Offizielle, Staatstragende der Anlässe: Gladiolen, Anthurien, Orchideen. Die Blumen der friedlichen Revolution waren sicher andere. Welche genau damals in den Fenstern der Leipziger Nikolaikirche standen oder bei der Demo am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz Polizisten überreicht wurden - das kann man herausfinden, indem man die fragt, die dabei gewesen sind. So könnte im Park der Deutschen Einheit ein Beet entstehen, als work in progress im wahrsten Sinne des Wortes."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2017 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel erinnert Bernhard Schulz angesichts wachsender Wohnungsnot in deutschen Großstädten daran, dass sozialer Wohnungsbau in Form von Hochhäusern mal eine Berliner Spezialität war: "Hier wurde schließlich mit dem Hansaviertel von 1957 ein bleibender Maßstab in städtebaulicher, architektonischer und sozialer Hinsicht gesetzt. Sich daran zu orientieren, wäre eine lohnendere Aufgabe für eine künftige Wohnungspolitik als das absehbar erfolglose Wüten gegen Immobilienfirmen und Bauspekulation."

Überall wird neu und modern gebaut, nur in Berlin bleibt die Städtebaupolitik ideenlos und provinziell, meint in der SZ der französische Journalist Christophe Bourdoiseau mit Blick auf die Schlossattrappe und weitere Bausünden: "Außerdem werden spannende Projekte totgespart. Der Hauptbahnhof war einer der mutigsten Architekturwürfe Berlins. Wie Gerhard Schröder sagte, ist aber diese 'Wurst' wegen Sparmaßnahmen 'abgebissen' worden. Der größte Kreuzungsbahnhof Europas verschwindet Jahr für Jahr hinter billigen Gebäuden, die an Autobahnhotels erinnern. Es wird hier kein spannendes Viertel mehr entstehen können. Der Berliner Politik ist es noch nicht mal gelungen, die Schätze der Neunzigerjahre zu nutzen. Die sogenannte 'Romantik der Ruine' war kein sinnloser Begriff. Sie hat Millionen Menschen angezogen und fasziniert. Lebendig ist nichts mehr geblieben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2017 - Kulturpolitik

In der NZZ erzählt Joseph Croitoru, was im Iran als reformorientierte Kulturpolitik gilt. So schossen sich vor zwei Jahren religiöse Eiferer auf ein "beim iranischen Plattenlabel Barbad Music erschienene CD mit traditionellen Liedern ein, weil auf dem Cover des vom Kulturministerium genehmigten Albums nur die junge Sängerin Noushin Tafi abgebildet war und nicht auch ihr weit älterer Gesangspartner Mohsen Keramati. Die konservativen Rechtsgelehrten schlossen irrtümlich daraus, dass es sich um ein Soloalbum der Sängerin handele, und warfen dem Kulturminister vor, gegen die islamische Moral zu verstoßen." Frauen dürfen im Iran nicht solo auftreten.
Stichwörter: Iran

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2017 - Kulturpolitik

Auch in der FAZ kommt das geplante neue Bundesarchivgesetz (mehr hier) nicht gut an. Die Historiker Frank Bösch und Eva Schlotheuber fürchten einmal, dass künftig wichtige Akten zu schnell geschreddert werden. Andere Dokumente, etwa von Bundeskanzlern, landen bei Stiftungen. "Der Gesetzentwurf sieht zudem neue Sonderregelungen für die Nachrichtendienste vor. Diese sollen Akten nur dann an das Bundesarchiv übergeben, wenn 'überwiegende Gründe des Nachrichtenzugangs oder schutzwürdige Interessen der bei ihnen beschäftigten Personen einer Abgabe nicht mehr entgegenstehen'. Wann das der Fall ist, entscheiden nach diesem Entwurf die Geheimdienste selbst. Eine zumindest nachträgliche demokratische Kontrolle ihrer Arbeit ist so schwerlich möglich. Die Selbstsicht der Behörde auf die eigene Tätigkeit wird zum Leitmotiv erhoben. Kann oder, besser gesagt, will sich eine Gesellschaft das leisten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2017 - Kulturpolitik

In der SZ kritisiert Rudolf Neumaier das geplante neue Bundesarchivgesetz: "Als Archivar könnte man sich leicht entmündigt fühlen von dem neuen Gesetz. Die Frage nach der Hoheit über Akten, die in laufenden Verwaltungsprozessen nicht mehr gebraucht werden, aber für zeithistorische Forschung relevant sein könnten, beantworten die neuen Regeln tendenziell gegen die Archive - und damit gegen die gebotene Nachprüfbarkeit von Regierungsentscheidungen und Verwaltungshandeln."

In Russland wird die Kunst mehr und mehr vom Staat gegängelt. Vom jüngsten Fall berichtet im Standard Herwig G. Höller: Es geht um das 1992 gegründete Staatliche Zentrum für zeitgenössische Kunst (GZSI) in Moskau, das ursprünglich einmal das russische Centre Pompidou werden sollte. Der Kurator musste gehen, die Leitung hat der Militär und Putin-Apparatschik Sergej Perow übernommen: "Als einen der ersten Schritte verkündete er die Schließung des wichtigsten Ausstellungssaals in Moskau, zudem beschloss er die formale Auflösung des GZSI als eigenständige Rechtsperson. Gleichzeitig scheiterte eine seit langem vom Zentrum geplante Retrospektive polnischer Performancekunst an Perows Einspruch: Der neue Direktor wollte eine historische Arbeit des bekannten Künstlers Jerzy Beres (1930-2012) wegen möglicher 'Verletzung der Gefühle von Gläubigen' nicht zeigen. 'Skandale sorgen nicht dafür, dass zeitgenössische Kunst stärker geliebt wird', begründete er dies in einem Interview."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2016 - Kulturpolitik

"Die Reformen von Ruhani sind das größte Geschenk für Iran seit Jahrzehnten", behauptet Swantje Karich in der Welt, ohne das näher zu belegen. Sie findet es ausgesprochen blauäugig, dass Außenminister Walter Steinmeier jemals an die Ausstellung der Teheran-Sammlung in Berlin, die jetzt endgültig abgesagt ist, geglaubt hat: "Die Sammlung ist untrennbar mit dem letzten Schah von Persien und der den Islamisten so verhassten Zeit vor 1979 verbunden. Auch Ruhani weiß darum natürlich. Eine Ausstellung in Berlin, die Farah Diba feiert, hätte seine vorsichtigen und umsichtigen Reformversuche wohl eher gestört."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2016 - Kulturpolitik

Die geplante Berliner Ausstellung der Teheran Sammlung ist endgültig abgesagt worden, berichtet Bernhard Schulz im Tagesspiegel, weil die Teheraner Führung bis heute keine Ausnahmegenehmigung erteilt hat. "Was nach Lesart deutscher Außenpolitik als Signal für Tauwetter in den Beziehungen zum Iran und im Iran selbst gelten sollte, geißelten oppositionelle Künstler hinter vorgehaltener Hand als Kotau vor den Machthabern. Konservative Hardliner im Iran wiederum sahen in der Ausleihe der im Auftrag von Schah-Gattin Farah Diba zusammengetragenen Sammlung eine Aufwertung des 1979 gestürzten Schah-Regimes." Das deutsche Außenministerium, schreibt Kia Vahland in der SZ, "will trotz der Absage an der Idee festhalten, durch Kulturaustausch mit Ländern wie Iran ins Gespräch zu kommen: 'Dieser Ansatz bleibt gerade auch mit Blick auf schwierige Partner wichtig', heißt es aus dem Auswärtigen Amt." Für Bernhard Schulz (Tagesspiegel) zeigt die Absage jedoch vor allem eins: "Steinmeiers Amtszeit als Auswärtiger Kulturpolitiker endet mit einer Niederlage."