9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2016 - Kulturpolitik

Für den im Mai zurückgetretenen Präsidenten des Deutschen Historischen Museums in Berlin Alexander Koch ist ein Nachfolger gefunden: Der Schweizer Historiker Raphael Gross soll das Amt übernehmen, meldet der Tagesspiegel. Endlich mal eine gute Nachricht, freut sich Arno Widmann, der Gross als Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt schätzen gelernt hat, in der Berliner Zeitung: "Gross weicht den Problemen nicht aus. Er stellt sie aus. Das ist seine Begabung. Er scheint für sein Wohlbefinden nicht angewiesen zu sein auf die Schmusewelle der gesellschaftlichen Zustimmung. Er hat, was Schwierigkeiten der gesellschaftlichen Akzeptanz angeht, offenbar gar keinen Fluchtreflex." Kurzum: "Eine bessere Wahl hätte man nicht treffen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2016 - Kulturpolitik

(Via turi2) Das Magazin Fakt des MDR hat herausgefunden, dass in den Depots der Stiftung Preußischer Kulturbesitz weit mehr Schädel und Skelette aus ehemaligen deutschen Kolonien lagern als bisher bekannt: "Teilweise stammen die Schädel von Aufständischen, die während der damaligen Kolonialkriege von deutschen Truppen hingerichtet und deren Körperteile zu Forschungszwecken nach Berlin geschickt worden sind." Stiftungschef Hermann Parzinger sagt dazu in einer Stellungnahme: "Diese Schädelsammlungen wurden angelegt aufgrund eines rassischen, rassekundlichen Wissenschaftsverständnisses. Das ist etwas, was man meiner Meinung nach restituieren muss."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2016 - Kulturpolitik

Recht angetan berichtet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel über die nun vorgestellten und sich konkretisierenden Pläne für das Humboldt-Forum, das im Jahr 2019 eröffnet werden soll: Der Eintriit wird frei sein, es wird sechs Eingänge geben: "Künftig wird man also auf dem Weg zu den Sammlungen der Kulturen der Welt zunächst auf die Humboldt-Brüder und daneben die Berliner Geistes- und Kulturgeschichte treffen. Noch eine neue Idee: Überall im Gebäude soll an die Historie des Ortes erinnert werden, an das Schloss der Preußenkönige mit der Kunstkammer und den Palast der Republik. All das ist besucherfreundlich und verspricht ein offenes Haus." Eine erste Ausstellung in der Humboldt-Box über den Humboldtstrom ist für Schaper allerdings nur eine Skizze. "Ihre Botschaft: Der Strom ist jetzt eingeschaltet. Er fließt, der Berliner Humboldtstrom."

Erik Peter und Brigitte Werneburg machen in der taz auf die Dimension des Unterfangens aufmerksam: "Der Anspruch an das Humboldt-Forum ist riesig: Es geht um nichts weniger als die Verflechtung der Weltkulturen, die Übertragung Humboldt'scher Ideen in die Gegenwart, die Schaffung eines Universalmuseums auf der Höhe der Zeit. Über hundert Journalisten und Gäste drängelten sich dann auch im betongrauen, nasskalten Schlossrohbau, um zu hören, welche Ideen die Intendanten in den ersten Monaten ihres Tuns entwickelt haben."

Zum freien Eintritt sagt Gründungsintendant Neil MacGregor im Gespräch mit Jens Bisky von der SZ: "Wenn es ein Forum für die Bürger sein soll, dann kann es diese wichtige Rolle in der Stadt nur spielen, wenn der Eintritt kostenlos ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2016 - Kulturpolitik

Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, hat in einer Stellungnahme für den bundestag und in einem Tagesspiegel-Artikel gegen die Einheitswippe argumentiert. Dagen tritt heute Wolfgang Thierse an, der sich auch gegen Sabrwos Kritik am Standort vorm Berliner Schloss wendet: "Das Denkmal würde damit in 'eine Kontinuitätslinie von 1871 bis 1989' gestellt, 'die allen Bemühungen um ein kritisches Geschichtsbewusstsein Hohn spricht'. Schweres Geschütz. Und schlichtes Missverstehen. Denn das ist die eigentliche Pointe des Standortes: Wo einst die preußisch dominierte Einheit von Oben und ohne Freiheit mit einem heroischen Denkmal gefeiert wurde, soll künftig die Einheit von unten bei Gewinn gemeinsamer Freiheit - durchaus unheroisch - gefeiert werden!" Und außerdem braucht Berlin auch den Neubau von Schinkels Bauakademie, insistiert ebenfalls im Tagesspiegel der Architekt Hans Kollhoff (mehr in Efeu).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2016 - Kulturpolitik

Für die Pariser Theaterszene hat François Hollande große Pläne: am nördlichen Pariser Stadtrand soll bis 2022/23 eine "Cité du théâtre" errichtet werden, mit Infrastrukturen für die Comédie-Française, das Odéon-Théâtre de l'Europe und die Schauspielakademie Conservatoire national supérieur d'art dramatique, berichtet Marc Zitzmann in der NZZ: "Ein grandioses Projekt, auf dem Papier. In der Realität indes ist Skepsis geboten. Am 24. Oktober anlässlich eines Besuchs von Präsident Hollande auf dem Berthier-Areal angekündigt, wirkt das Vorhaben in seinem jetzigen Stadium kaum wie mehr als eine PR-Aktion... Wenn ein Präsident vier Jahre lang die Kultur an der kurzen Leine hält, um dann in seinen letzten Amtsmonaten jäh Millionenprojekte anzukündigen, die es erst in der kommenden Amtsperiode zu finanzieren gilt, wirkt das mehr nervös denn seriös."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2016 - Kulturpolitik

Heute soll in Berlin eine Jury über den Sieger im Wettbewerb für das Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum entscheiden. Niklas Maak wünscht ihr in der FAZ Mut und stellt schon mal die Fragen, die prämierte Entwurf beantworten soll: "Wie will man die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts im 21. zeigen, wie die zum zwanzigsten Jahrhundert auch gehörenden Sparten Tanz, Performance, Happening - die allesamt aus dem White Cube hinaus auf die Straße, ins Leben drängten? Wie kann es ein Gebäude, das sie ausstellt, vermeiden, dass es diese Kunst 'ausstellt' im Sinne von 'abschaltet' - und wie kann es den utopischen Geist, das Gesellschaftsverändernde dieser Kunst aufnehmen?"

Außerdem: Irene Bazinger begleitet Kulturstaatsministerin Monika Grütters für die FAZ bei einer Theaterreise in den Neuen Ländern - oftmals handelt es sich hierbei um die letzten Institutionen, die die Reste der Zivilgesellschaft gegen die ausländerfeindlichen Ressentiments bündeln.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2016 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel plädiert der Historiker Martin Sabrow dafür, die beerdigte Idee von einem Einheitsdenkmal doch noch einmal zu exhumieren. Er plädiert für das Brandenburger Tor: "Mit seiner im Triumph heimkehrenden Siegesgöttin steht das Tor für den fatalen Stolz der preußischen Militärmonarchie, und es steht für die Verblendung der am 30. Januar 1933 durch das Tor zur Reichskanzlei ziehenden SA-Kolonnen. Es steht für den Schmerz der deutschen Teilungslinie an der Nahtstelle der Blockkonfrontation, und es steht für den Jubel über den unverhofften Fall der Mauer und das Ende der Diktatur. Das Brandenburger Tor hat einen unschätzbaren Denkmalsvorzug. Es stellt nicht eine gefrorene Pathosformel dar, sondern macht Zeitlichkeit und Wandel sichtbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2016 - Kulturpolitik

Stirnrunzelnd geht Zeit-Kritiker Thomas E. Schmidt durch die Ausstellung "Uncertain States. Künstlerisches Handeln in Ausnahmezuständen" in der Berliner Akademie der Künste. Warum werden künstlerische Zeugnisse von Vertreibungs-, Flucht- und Kriegserfahrungen der heutigen Zeit neben solche aus der Nazizeit gestellt? Ist das alles dasselbe? "Ist die Situation im Westjordanland, auf die sich Taysir Bathiji oder Arkadi Zaides in ihren Foto- und Videoarbeiten beziehen, wirklich mit 1933 vergleichbar? Auch der Protest von Reza Aramesh gegen koloniale Unterdrückung? Richard Mosses Fotos von kongolesischen Dörfern, aufgenommen mit Militär Infrarotfilmen, die Gewalt im Irak, die männliche Aggression - läuft das alles in einen Ursprung zurück: Faschismus-Kolonialismus-Kapitalismus? Nein, es ist nicht alles dasselbe, und es hat auch nicht alles denselben Ursprung 1933."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2016 - Kulturpolitik

Der österreichische Kulturberater Martin Fritz, seit kurzem Rektor der Stuttgarter Merz Akademie, erklärt im Interview mit dem Standard seine Vorstellung von einer Reform für die Wiener Museumslandschaft. Einiges ließe sich sehr gut auf Deutschland übertragen. Zum Beispiel die Forderung nach freiem Eintritt in Museen: "Das Tolle daran ist weniger, dass man sich Geld spart, sondern dass sich das Nutzungsverhalten ändert, man geht punktueller, spontaner und häufiger in Ausstellungen und es steigt die Identifizierung mit den Häusern. In Wien wird für öffentliche Parks etwa genauso viel ausgegeben wie für die Bundesmuseen. Der Park ist selbstverständlich frei nutzbar. Ich würde über Museen gerne so sprechen können wie über Parks. Das Mindeste wäre jetzt aber einmal eine gemeinsame Jahreskarte für alle Bundesmuseen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2016 - Kulturpolitik

Im Gespräch mit Rose-Maria Gropp und Jürgen Kaube von der FAZ scheint Philipp Demandt, der neue Direktor von Städel, Liebieghaus Skulpturensammlung und Schirn Kunsthalle in Frankfurt ganz froh zu sein, den großen Tanker der Staatlichen Museen zu Berlin verlassen zu haben:  "Ich habe das Gefühl, dass die Strukturen in Frankfurt so sind, dass man anders agieren kann - agiler, schneller ist. Die Taktung ist eine andere, das merkt man. Das habe ich allein schon in den vergangenen Wochen gemerkt, in der Kommunikation, in der Art des Zuarbeitens, in der Art der Projekte, die jetzt kommen."