9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2021 - Kulturpolitik

Ob die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wirklich reformierbar ist? Christiane Peitz bezweifelt es im Tagesspiegel: "Die nun präsentierten Vorschläge der eigens eingerichteten Reformkommission klingen kaum mehr nach Aufbruch. Keine Auflösung des Präsidiums, ein 'Kollegialorgan' anstelle der Hauptverwaltung, Verzicht auf die Generaldirektion zugunsten eigenständigerer Museen - und bitte mehr Zusammenarbeit. Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist hochzufrieden, sie spricht von einem 'beinahe revolutionären Akt'. Das verstehe, wer will. Als ob es noch eines Beweises für die Schwerfälligkeit des SPK-Tankers bedurft hätte, wird er nun neu geliefert. Eine Hierarchie-Ebene weniger, eine etwas umstrukturierte Verwaltung, viele neue Prüfaufträge - und ansonsten Appelle? Können so bald attraktive, international ausstrahlende Ausstellungen gelingen, und mehr Publikumsnähe, samt Digitalisierung und modernem Marketing?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2021 - Kulturpolitik

So richtig begeistern kann sich Julia Hubernagel in der taz nicht für das neue Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung, aber richtig schlimm findet sie es auch nicht, wie die persönlichen Erfahrungen deutscher Vertriebenen in Beziehung gesetzt werden zu aktuellen Fluchtbewegungen, aber abgegrenzt von politischen und historischen Ursachen: "Bei den Besucher:innen kommt das gut an. Immer wieder lassen sich vor den Vitrinen Senioren belauschen, die in Erinnerungen an die eigene Kindheit schwelgen. Überhaupt scheint der Altersdurchschnitt hoch an diesem Eröffnungstag. Die meisten Besucher:innen sind deutlich über 60."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2021 - Kulturpolitik

Letztes Jahr hatte der Wissenschaftsrat eine Bombe gelegt, die die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hätte sprengen können - er empfahl die Auflösung der Stiftung (unsere Resümees). Aber so gehen die Dinge in Deutschland nicht. Nun hat eine eilends ins Werk gesetzte Reformkommission ihre Papier vorgelegt, berichtet Andreas Kilb in der FAZ: "In dem Papier, das der Stiftungsrat am Dienstag beraten will, ist von einer Zerschlagung der SPK keine Rede mehr. Stattdessen soll sie 'mit der Maßgabe' erhalten bleiben, dass sie künftig 'einen echten Mehrwert' als 'Kultur- und Wissenschaftsverbund' bietet. Als Leitungsgremium soll ein 'Kollegialorgan' dienen, in dem der Stiftungspräsident von mehreren Stellvertretern aus den einzelnen Einrichtungen flankiert wird. Um die Autonomie der Museen, Archive, Bibliothek und Institute in Budget- und Personalfragen zu stärken, soll es keine weitere Hierarchie-Ebene zwischen ihnen und dem Führungsteam mehr geben."

Die Generaldirektoren der Museen hält Monika Grütters im Tagesspiegel-Gespräch mit Christiane Peitz ebenfalls "für verzichtbar" - und auch ansonsten findet sie die "Reformen" gelungen: "Die Auflösung der Dachorganisation war für den Wissenschaftsrat kein Selbstzweck, sondern dient dem Ziel, die einzelnen Einrichtungen in ihrer Eigenständigkeit und Selbstverantwortung zu stärken. Das genau ist auch das zentrale Anliegen der Reformkommission. Wir halten dafür die Auflösung des Stiftungsverbundes nicht für nötig oder sinnvoll, sondern fordern die Häuser zu viel mehr Zusammenarbeit unter einem Stiftungsdach auf. Neil MacGregor hat als einer der Gründungsintendanten des Humboldt Forums einmal gesagt, es gebe weltweit vier Orte, die allein mit ihren Museumssammlungen die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit erzählen können: London, Paris, New York und Berlin. Nur Berlin mache daraus zu wenig, obwohl die 15 Museen sogar unter einem Dach sind. Deshalb habe ich die Reform angestoßen - und es wird unter diesem Dach nun sehr viel geändert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2021 - Kulturpolitik

Belgien macht plötzlich kurzen Prozess: 883 Objekte aus dem Africa Museum in Tervuren, die als koloniale Raubkunst gelten, gehen an die Demokratische Republik Kongo zurück, meldet Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel: "Alle Stücke aus dem Museum in Tervuren, die durch Diebstahl, Einsatz von Gewalt oder als Kriegsbeute in das Museum gelangten, sind jetzt juristisch Eigentum der Demokratischen Republik Kongo." Und damit nicht genug: "Man werde aber den kolonialen Besitz in ganz Belgien in allen Museen auf seine Herkunft untersuchen, ebenso die Kunstwerke aus Ruanda und Burundi, die nach dem Ersten Weltkrieg als Mandatsgebiete unter belgische Verwaltung kamen."

Es ist ein weiteres Beispiel für eine "ungute, illiberale Tendenz", dass Erika Steinbach, einst Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, aus der "Ahnengalerie des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung entfernt wird", meint Thomas Schmid in der Welt. Die jetzigen Betreiber seien bemüht, "die Ausrichtung der Ausstellung als allein ihr Werk erscheinen zu lassen. Um der Wahrheit gerecht zu werden, wäre es aber angemessen und fair gewesen, darauf hinzuweisen, dass schon die vom BdV initiierte Wanderausstellung 'Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts' aus dem Jahr 2006 die Vertreibung von Deutschen eindeutig und unverkennbar in einen europäischen Kontext gestellt hatte." Außerdem: Für den Tagesspiegel hat Dorothee Nolte die Ausstellung besucht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2021 - Kulturpolitik

Auf Zeit online kritisieren Hans-Jürgen Hafner und Kito Nedo scharf Monika Grütters' Kulturbauten - vom Humboldt Forum, dieser "Investitionsruine", die derzeit "wie ein kolossales Mahnmal für eine verpasste historische Chance mitten in Berlin" stehe - über das Freiheits- und Einheitsdenkmal vor dem Forum bis zum mit über 20 Millionen Euro unterstützten Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche, einem "zentralen Identitätsort" der NS-Diktatur. Immer wieder, so die Kritiker, ersetzt der Großbau die inhaltliche Auseinandersetzung: "Eine - in Architektur wie Programm - Hybridkonstruktion wie das Humboldt Forum erscheint als Zeichen einer hochsubventionierten Orientierungslosigkeit. Eine verklemmte Sehnsucht nach dem Vorgestern mischt sich mit billigem Multifunktionalismus, im Gleichklang mit einer neoliberalen Angebotsrhetorik. Großbauten waren in der Ära Grütters zweifellos bevorzugtes Kommunikationsmittel, um einen stärkeren kulturellen Gestaltungswillen des Bundes im Verbund mit einem stetig wachsenden Bundeskulturetat zu signalisieren. Doch das ersetzt nicht die inhaltliche Perspektive. Zugleich verbietet sich in Deutschland aufgrund der historischen Erfahrung auch ein allzu unbefangener Umgang mit der Macht der Architektur."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2021 - Kulturpolitik

"Mit der Herausgabe der Benin-Bronzen macht Deutschland sich erpressbar", schreibt Patrick Bahners im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ und hält ein überraschend klares Plädoyer gegen die Rückgabe der berühmten Werke. Zwar leugnet er nicht, dass sie aus Raub hervorgegangen sind, aber sie seien "nicht in dem Sinne eine Hinterlassenschaft der kolonialen Vergangenheit Deutschlands, dass Deutschland je Herrschaft über das Herkunftsgebiet dieser Gegenstände ausgeübt hätte". Bahners würdigt die Verdienste des Anthropologen Felix von Luschans, der den kunsthistorischen Wert der Bronzen erkannte und sie erwarb, um zeigen zu können, dass es eine genuin afrikanische Kunst gibt. Und Bahners ergänzt: "Die Museen in London, Paris oder auch New York lassen keine Bereitschaft erkennen, auf die Forderungen aus Nigeria einzugehen. In Berlin konnten die Verfechter der Restitution aus Wissenschaft und Publizistik den Hebel öffentlichen Drucks ansetzen, weil die weltberühmte Sammlung der Benin-Bronzen einen neuen Ort erhalten sollte: im Humboldt-Forum, dem rekonstruierten Königsschloss."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2021 - Kulturpolitik

Viele Fälle von Gewaltverhältnissen an Kulturinstitutionen sind in denn letzten Monaten bekannt geworden - von den Theatern bis zum Humboldt-Forum. Zeit zum Umdenken, findet Thomas E. Schmidt in der Zeit: "Wahrscheinlich hat es in der Vergangenheit zu wenig Achtsamkeit diesen relativ selbstständig handelnden Einrichtungen gegenüber gegeben, zu viel Respekt vor Geistesgrößen und nur einen geringen Willen zum Durchgreifen. Es ist vollkommen richtig, dass sich Betroffene heute an die Öffentlichkeit wenden. Einen demoralisierenden Einfluss auf das Publikum hat es gleichwohl."
Stichwörter: Humboldt Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2021 - Kulturpolitik

Immerzu in der Welt rumfliegen ist nicht mehr, versichert in der SZ Hortensia Völckers, Leiterin der Bundeskulturstiftung, die die Klimabilanz deutscher Kulturinstitutionen hat erstellen lassen. Ums Verbieten geht es dabei nicht, behauptet sie, aber wird künftig nur noch Fördergelder bekommen, wer klimafreundlich ist? "Ein ganz wichtiges, ein ganz heikles Thema in Deutschland! Müssen geförderte Einrichtungen nun ihre Klimabilanzen vorlegen, wenn sie vom Staat Geld wollen? Oder müssen sie ihre Klimabilanzen nachweislich verbessert haben im Laufe einer Frist? Werden Subventionen also an Klima-Bedingungen geknüpft? Das ist juristisch nicht ganz einfach zu beantworten. Und wer soll das auch kontrollieren? Wir als Kulturstiftung haben damit nichts zu tun, wir sind ja nicht Träger der Institutionen, das sind Städte und Länder. Wer würde also solche Auflagen machen und durchsetzen? Wären sie mit der Kunstfreiheit zu vereinbaren? Kann der Bund sie generell anordnen? Hier sind definitiv Antworten aus der freiheitlichen Gesellschaft gefordert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2021 - Kulturpolitik

Der Streit um den Führungsstil der Bayerischen Akademie geht weiter: Nachdem sechs von 20 Mitgliedern, die dem Akademiepräsident Winfried Nerdinger in einem offenen Brief "Dünkel" vorgeworfen hatten, ausgetreten sind (unser Resümee), hat jetzt auch Georg Baselitz seinen Rückzug erklärt, meldet die SZ. "Er findet das Verhalten der 20 Unterzeichner des Protestbriefs gegen Akademiepräsident Winfried Nerdinger 'widerlich und möchte nicht weiterhin unter einem Dach mit diesen Höflingen sitzen'."
Stichwörter: Baselitz, Georg

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2021 - Kulturpolitik

Winfried Nerdinger, der Präsident der Bayerischen Akademie hatte der SZ ein Interview gegeben, in dem er gegen die Behandlung der Kunst in der Coronakrise protestierte und die Aktion #allesdichtmachen verteidigte. Eine Gruppe von Akademiemitgliedern protestierte daraufhin in der SZ (Unser Resümee). Jetzt hat Georg M. Oswald, Direktor der Abteilung Literatur, die Akademie zusammen mit Friedrich Ani, Dagmar Leupold, Jonas Lüscher, Norbert Niemann und Albert Ostermaier verlassen. Im SZ-Interview mit Nils Minkmar erklärt er: "Nach unserer Auffassung ist es zwingend notwendig, dass der Präsident, bevor er mit Erklärungen an die Öffentlichkeit geht, sich ein Stimmungsbild in der Akademie macht. Und mehr als das, dass er die Mitglieder zur Diskussion einlädt. Aber er besteht darauf, seine Statements ohne eine solche vorhergehende Diskussion abzugeben. Ständig öffentlich mit Positionen in Verbindung gebracht zu werden, von denen man zuvor noch nie etwas gehört hat, ist kein Zustand."

Ebenfalls in der SZ kann Nils Minkmar mit Blick auf den soeben vom Bund beschlossenen Kultur-Sonderfonds über 2,5 Milliarden Euro kaum fassen, dass der großen Koalition solch ein "kulturpolitisches Meisterstück" gelungen sein soll: "Der Witz des Sonderfonds liegt in der langen, stillen Vorbereitung und in der guten Zusammenarbeit der verschiedenen politischen, kulturellen und administrativen Akteurinnen und Akteure. In der Pressekonferenz konnten sich Scholz und Grütters gar nicht genug gegenseitig loben und die Häuser, Branchen und alle anderen gleich mit. Schwang ein schlechtes Gewissen mit, weil die ersten Hilfsversuche so viel erbitterte Kritik ausgelöst haben? Deutschland war eine Kulturnation, lange bevor es zum Nationalstaat wurde."