9punkt - Die Debattenrundschau

Kekse statt Krabben

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.06.2021. Auf der Einmaligkeit des Holocaust zu bestehen, heißt vor allem, auf dem Konzept der historischen Wahrheit zu bestehen, schreibt Alan Posener in der Welt als Antwort auf A. Dirk Moses. Morgen sollen die britischen Schulkinder "Strong Britain, Great Nation" singen, denn es ist "One Britain One Nation"-Tag - aber der New Stateman hat Zweifel. New York Times und SZ verabschieden Apple Daily, das letzte wichtige oppositionelle Medium in Hongkong.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2021 finden Sie hier

Geschichte

"Auf der Einmaligkeit des Holocausts bestehen heißt vor allem: die Möglichkeit von Universalgeschichte und Universalmoral und das Konzept der historischen Wahrheit verteidigen, das im Zeitalter des Relativismus wichtiger ist als je zuvor", entgegnet Alan Posener in der Welt A. Dirk Moses und den postkolonialen Historikern (unsere Chronik der Debatte), denen er vorwirft, den Holocaust aus ideologischen Gründen zu relativieren und die Welt in "böse Weiße und ihre schwarzen farbigen Opfer" einzuteilen: "Der Holocaust ist nicht vergleichbar mit der Niederschlagung des Herero- oder Maji-Maji-Aufstands: Es gab keinen jüdischen Aufstand gegen Deutschland. Kein afrikanisches Volk wurde je als Weltfeind ausgemacht, das die Deutschen, ja die Menschheit selbst, jenseits der Kolonien gefährdete und unterwerfen wollte. Niemals wurde versucht, ein afrikanisches Volk bis auf das letzte Kind, den letzten Greis auszurotten. Nein, als Übertragung kolonialer Methoden auf 'Weiße' macht der Holocaust keinen Sinn. Als Höhepunkt des fast zweitausendjährigen christlichen Antijudaismus schon. Denn der Kolonialismus und die Unterjochung schwarzer und anderer farbiger Leiber ist nicht, wie die Postkolonialen behaupten, die Ursünde des Westens. Vielmehr ist die Gewalt gegen das Andere ein Merkmal Europas wie jeder anderen Gesellschaft; und die antisemitische Gewalt als Ursünde des Christentums eine Konstante im Abendland."

In der Zeit versucht Christian Staas in der Debatte um A. Dirk Moses indes eine mittlere Position zu beziehen.

Die Verbrechen gegen die aufständischen Herero und Nama wurden von der Öffentlichkeit schon angeprangert, als sie geschahen, schreibt der Historiker Steffen Wenig, der zu dem Thema geforscht hat, in der Zeit. Besonders die Sozialdemokratie benannte die Verbrechen: "Der Vorwärts spricht Ende Januar von einer 'Ausrottungsstrategie', der Zehntausende Herero zum Opfer gefallen seien, bevor die Regierung eingegriffen habe. Dass sich nach der Zurücknahme des 'Vernichtungsbefehls' bereits Tausende Herero ergeben hätten, zeuge davon, dass 'durch eine vernünftigere und humanere Kriegsführung' viele Menschenleben gerettet worden wären. 'Eine grausamere Kriegsführung', schreibt die Zeitung, sei 'noch von keiner Kolonialmacht betrieben' worden."
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Ideen

Linker Kulturrelativismus und westliche Realpolitik passen eigentlich ganz gut zusammen, findet Jens Jessen in der Zeit: "Man wünscht den Demonstranten in Hongkong von Herzen alles Gute - aber die Geschäfte mit China will man nicht opfern. Man missbilligt auch die saudische Förderung des autoritären Islams, aber Panzer möchte man ihnen weiter verkaufen. Das ist der moralische Skandal - und um ihn zu dämpfen, kommt der Kulturrelativismus wie gerufen. Seine Verfechter mögen sich als kolonialismuskritisch und 'links' empfinden, aber tatsächlich erleichtern sie nur das schlechte Gewissen der Geschäftemacher, wenn sie erklären, der Westen solle nur ja nicht glauben, durch den Export seiner Werte etwas Gutes zu tun."

Philip Schwarz setzt sich in 54books ausführlich mit Helen Pluckroses und James Lindsays Buch "Cynical Theories" (unsere Resümees) auseinander und bricht eine Lanze für die Postmoderne: "Da die Wirklichkeit uns Menschen immer begrifflich strukturiert erscheint, gehören diese Begriffe zur Wirklichkeit. Der Gedanke, dass es eine 'objektive' Wirklichkeit gibt, die durch bestimmte Verfahren erkennbar ist, ist bereits von einem begrifflichen Zugang zu ihr abhängig. Gerade an der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften lässt sich das zeigen."
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Internet

In einem aufwendigen Online-Dossier begeben sich einige New-York-Times-Reporter auf die Spur einer chinesischen Propagandaaktion. In Tausenden von Youtube-Videos beteuern Uiguren, dass sie sich noch nie so frei fühlten. Die chinesische Propagandamaschine hat die sozialen Medien damit förmlich überschwemmt: "Auf Twitter teilte ein Netzwerk verbundener Konten die Videos auf eine Weise, die darauf ausgelegt schien, die Systeme der Plattform zur Erkennung von Beeinflussungskampagnen zu umgehen. Chinas zunehmend Social-Media-affine Diplomaten und staatliche Nachrichtenagenturen haben die Aussagen seitdem an ein Millionenpublikum weltweit verbreitet. Westliche Plattformen wie Twitter und YouTube sind in China verboten, weil man befürchtet, dass sie zur Verbreitung politischer Botschaften genutzt werden könnten - genau so, wie chinesische Beamte diese Plattformen im Rest der Welt nutzen."
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Stichwörter: China, Uiguren

Medien

Die Boulevardzeitung Apple Daily war das letzte mächtige Medium in Hongkong, das sich noch traute, für die Opposition einzutreten. Sie stellt ihr Erscheinen ein, berichten Austin Ramzy und Tiffany May in der New York Times: "Die Identität von Apple Daily spiegelt die des Gründers, Jimmy Lai, wider, der als Junge vom chinesischen Festland nach Hongkong geschmuggelt wurde und vom Fabrikarbeiter zum Bekleidungs-Tycoon aufstieg. Nach der blutigen Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 begann er, sich den Medien zu widmen. Wie Lai war auch seine 1995 gegründete Zeitung darauf fixiert, die Demokratie zu unterstützen und Chinas Kommunistische Partei anzugreifen." Auch der Guardian berichtet.

"Hongkong wird noch ein Stück dunkler", seufzt Kai Strittmatter in der SZ: "Vergangene Woche schließlich stürmten Hunderte Polizisten Redaktion und Verlag, nahmen führende Mitarbeiter von Apple Daily fest, froren die Bankkonten ein: Die Zeitung kann ihre Angestellten nicht mehr bezahlen. Zum ersten Mal war das Nationale Sicherheitsgesetz gegen Journalisten eingesetzt worden. Aber nein, sagte Hongkongs Sicherheitschef John Lee hinterher, ein Angriff auf die Meinungsfreiheit sei das keineswegs. Die Festgenommenen seien nämlich 'keine normalen Journalisten', alle anderen täten gut daran 'sich von ihnen zu distanzieren'". "Das Aus für Apple Daily wird in die Summe der Schritte eingehen, die erst in ihrer Gesamtheit das brutale Ausmaß des Durchgreifens der Behörden in Hongkong deutlich machen", kommentiert Katrin Büchenbacher in der NZZ.

900 Millionen Euro wollen die Presseverleger jährlich von Google für Leistungsschutzrechte (unser Resümee). Friedhelm Greis wägt bei golem.de ab, wie realistisch solche Forderungen sind: "Anders als noch vor mehreren Jahren ist Google aber inzwischen durchaus bereit, mit den Verlagen über Zahlungen zu verhandeln. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass der Suchmaschinenkonzern tatsächlich elf Prozent seines Jahresumsatzes in Deutschland den Verlagen überweisen möchte."
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Europa

Morgen ist "OBON", "One Britain One Nation"-Tag. Noch ist laut Guardian nicht ganz klar, ob britische Schulkinder gehalten sind, dieses hübsche Lied mit etwas redundantem Text zu singen:


Fünf Jahre nach dem fatalen Referendum sieht Paul Mason im New Statesman den Brexit als Desaster, das im übrigen möglicher Weise auch die "Strong Nation" zerpflücken könnte. Und versucht, eine Strategie für die britische Linke zu skizzieren: "Bevor die Schotten ihre Unabhängigkeit erlangen und bevor in der Mitte des Jahrhunderts die andere Unvermeidlichkeit eintritt, ein vereinigtes Irland, bleiben höchstens zwei Jahrzehnte, in denen Progressive der vier Nationen (ja, vier; hat das niemand gegenüber 'One Britain One Nation' erwähnt?) eine entschieden eurozentrische Vision entwickeln. Sie sollte bestehen aus: der Verhandlung zur Rückkehr des Vereinigten Königreichs in den Binnenmarkt, zumindest bei den Waren; einer starken institutionellen Zusammenarbeit bei Sicherheit und Verteidigung; und vor allem einer Atmosphäre der Freundschaft und Zusammenarbeit mit den Völkern Europas."

Beide Unionen haben verloren, fürchtet Timothy Garton Ash im Guardian, die britische, aber auch die europäische: "Wer ein 'geopolitisches' Europa will, eines, das einer Supermacht wie China standhalten kann, dann ist der Abgang eines starken Mitgliedsstaats mit seinen finanziellen, diplomatischen, militärischen und anderen Stärken ein großer Verlust. Objektiv gesehen, ist die Machht der EU nach außen genau in dem Moment geschrumpft, wo sie wachsen sollte."

In Malta ist Abtreibung verboten, in Polen nur in extremen Ausnahmefällen erlaubt - das Europaparlament muss sich dringend an die Seite der Frauen stellen, fordern in der FR Iratxe García, Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Europaparlament, Maria Noichl und Fred Maric, beide Europaabgeordnete der S&D Fraktion: "Das Guttmacher Institut hat berechnet, dass die Rate von Abbrüchen in Ländern, die Abtreibung verbieten, bei 37 pro 1000 Menschen liegt, während sie in Ländern, in denen es kein Verbot gibt, bei 34 pro 1000 Menschen liegt. In der EU können Frauen zudem für einen Abbruch in ein anderes Land reisen - wenn sie es sich leisten können. Nur gute Aufklärung und Zugang zu Verhütung verringern die Zahl der Abtreibungen."

Orban führt seit 2010 immer neue "Sündenböcke" vor, sagt Luca Dudits von der Háttér-Gesellschaft im SZ-Gespräch mit Rajzák Kinga: "Mal sind es Roma, dann Migranten und Flüchtlinge, bis hin zu George Soros oder der EU. Panikmache und Hetzkampagnen sind nichts Neues. Es ist eine Taktik, um abzulenken von der Wirtschaftskrise, der Covid-Krise und der Korruption, die sie zu verbergen versuchen."

Natürlich sind die Sanktionen gegen Belarus und Ungarn richtig, meint Stefan Kornelius in der SZ. Aber sie können auch kontraproduktiv sein: "Wenn im Fall Ungarn die Rücknahme des Gesetzes oder zumindest die politische Isolation der Regierung Ziel der Hebelaktion gewesen sein sollte, so ist die Wirkung verfehlt. Denn Premier Viktor Orbán spielt ein Spiel, das ihn seit 2010 an der Macht hält - und für das er diese äußere Drohkulisse braucht. Seine Botschaft: Wir Ungarn werden von der bösen und hyperliberalen Welt unter Druck gesetzt und müssen die Reihen schließen. Im Fall des Gesetzes über sexuelle Orientierung ist Orbán sogar ein zweiter Coup geglückt. Weil er die homophoben Klauseln in ein umfassendes Gesetz zur Bekämpfung von Pädophilie packte, gelang ihm die Spaltung der Opposition, die sich gerade mühsam zum Kampf gegen den Populistenherrscher zusammengefunden hatte."
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Kulturpolitik

Belgien macht plötzlich kurzen Prozess: 883 Objekte aus dem Africa Museum in Tervuren, die als koloniale Raubkunst gelten, gehen an die Demokratische Republik Kongo zurück, meldet Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel: "Alle Stücke aus dem Museum in Tervuren, die durch Diebstahl, Einsatz von Gewalt oder als Kriegsbeute in das Museum gelangten, sind jetzt juristisch Eigentum der Demokratischen Republik Kongo." Und damit nicht genug: "Man werde aber den kolonialen Besitz in ganz Belgien in allen Museen auf seine Herkunft untersuchen, ebenso die Kunstwerke aus Ruanda und Burundi, die nach dem Ersten Weltkrieg als Mandatsgebiete unter belgische Verwaltung kamen."

Es ist ein weiteres Beispiel für eine "ungute, illiberale Tendenz", dass Erika Steinbach, einst Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, aus der "Ahnengalerie des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung entfernt wird", meint Thomas Schmid in der Welt. Die jetzigen Betreiber seien bemüht, "die Ausrichtung der Ausstellung als allein ihr Werk erscheinen zu lassen. Um der Wahrheit gerecht zu werden, wäre es aber angemessen und fair gewesen, darauf hinzuweisen, dass schon die vom BdV initiierte Wanderausstellung 'Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts' aus dem Jahr 2006 die Vertreibung von Deutschen eindeutig und unverkennbar in einen europäischen Kontext gestellt hatte." Außerdem: Für den Tagesspiegel hat Dorothee Nolte die Ausstellung besucht.

Kulturmarkt

Hanser-Verleger Jo Lendle ruft die Branche auf, die Frankfurter Buchmesse dieses Jahr wieder zu besuchen, meldet der Buchreport: "Er wolle sich keine Welt ausmalen, in der es die Buchmesse nicht mehr gebe, so Lendle. Daher ergehe seine Einladung: 'Stellt Bedenken, Zweifel, Kurzvorteile zurück, kommt meinetwegen mit kleinerer Besetzung, mietet Systemstände, knabbert Kekse statt Krabben, freut euch eher aufs Publikum als auf die große weite Welt.'"
Archiv: Kulturmarkt