Heute eröffnet das
Humboldt Forum, und der
taz fällt nichts Besseres ein, als "postkoloniale" Stimmen dazu zu sammeln, etwa von der der "Coalition of Cultural Workers Against the Humboldt Forum" (CCWAH): "Dieses Haus ist in seiner systemischen Gesamtheit
für viele Menschen verletzend - und das wird vom Humboldt Forum, und von allen, die dafür mitverantwortlich sind, konsequent nicht anerkannt. Unsere Kritik richtet sich gegen diese Ignoranz und wir kritisieren dabei alle äußerlichen, strukturellen und inhaltlichen Probleme des Humboldt Forums und die Wunden, die es wieder oder neu aufreißt. Wir sagen: Alles daran ist Gewalt, und deshalb können wir auch nichts davon gebrauchen!"
Das Forum eröffnet mit sechs Ausstellungen, aber
was das Haus sein soll, wissen die Verantwortlichen immer noch nicht, meint Jörg Häntzschel in der
SZ: "Weil weder Kulturstaatsministerin Monika Grütters noch ihre Vorgänger dem Humboldt-Forum Eigenständigkeit verschafften, war nie klar, wer dieses Programm hätte formulieren können. Vier Ministerien, mehrere GmbHs, zwei Stiftungen, die Humboldt-Universität, die Länder, ungezählte Kommissionen beaufsichtigen das Humboldt-Forum und haben es so fest eingesponnen, dass es
weder sprechen noch sich bewegen kann."
Ein schönes "Anti-Programm" gibt es im Humboldt Forum mit der von
Paul Spies kuratierten Ausstellung "Berlin Global", findet Häntzschel in einem zweiten Text (anti wozu fragt man sich allerdings, wenn es doch gar kein Programm gibt, wie Häntzschel eben noch beklagt hat): "Hier ist
mehr über den Kolonialismus zu sehen als über den Zweiten Weltkrieg, mehr über die Zeit
nach dem Mauerfall als über die Mauer selbst. Statt nach dem Spezifischen zu suchen, zeigt er Berlin als Sender und Empfänger. Erst lässt er die Echos des
New Yorker Hip-
Hop in Ost- und West-Berlin nachhallen, dann verfolgt er den weltweiten Einfluss von
Berlins Technokultur. Fast alles im Schloss ist alt und für Alte gemacht. Spies' idealer Besucher ist hingegen
um die 17 Jahre alt. Musik, Rassismus, Wohnen, überhaupt die Gegenwart nehmen viel Raum ein, Geschichte dient dazu, heutige Fragen zu beantworten. ... Es ist alles sehr bunt, sehr wirr, sehr woke."
In der
Welt ist Rainer Haubrich
rundum glücklich mit dem Schloss: Die "festlich-heitere Pracht des Schlüterschen Barock" verdreht ihm den Kopf, "es ist
für jedermann zugänglich, es wendet sich an ein breites Publikum aus aller Welt, vor allem aber schafft es zusammen mit der Museumsinsel einen Kulturbezirk, in dem künftig in sechs architektonisch herausragenden Häusern die
Kunst fast aller Regionen und Epochen der Weltgeschichte versammelt sein wird. ... Man muss sich das Ausmaß dieser Schätze vor Augen führen, um zu erkennen, dass die Beschäftigung mit 'kolonialen Erwerbungszusammenhängen' bei einem kleinen Teil der Exponate zwar ein wichtiges Thema für das Humboldt Forum ist, aber nicht der entscheidende Prüfstein für den Erfolg oder Misserfolg dieses prächtigen Kulturdampfers. Darüber entscheidet das Publikum."
Im
Tagesspiegel kann Nicola Kuhn Haubrichs Enthusiasmus
nicht teilen, besonders im Inneren stößt ihr die
Sterilität des Baus auf. "Selbst die interaktiven Vitrinen wirken
aseptisch, auf denen die Besucher:innen mit der Hand digitalen Sand für weitere Entdeckungen wegwischen dürfen. ...
Mehr Leichtfüßigkeit,
mehr Charme,
mehr Eloquenz hätte man dem Humboldt Forum für seine Ausstattung gewünscht. Es will Angebot für alle sein, Gendergrenzen überwinden,
Diversität demonstrieren und tut sich doch so schwer, in den eigenen Räumen eine ansprechende Atmosphäre zu schaffen, Brücken zu bauen."
Eine andere Ausstellung im Humboldt Forum widmet sich der Geschichte des
Elfenbeins und "erklärt die Einzigartigkeit des Materials und wie es zum
Treibstoff von Sklaverei und Kolonialismus wurde", schreibt Häntzschel in der
SZ. Kolonialismus aufarbeiten, schön und gut. Aber muss man es den Besuchern
mit jedem Satz reinwürgen, fragt Marcus Woeller, der in der
Welt den "tendenziösen Grundton" der Ausstellung kritisiert: "Wer aufmerksam ist, kann ihn
im Hintergrund keuchen hören. Denn die Besucher werden ständig begleitet vom Atmen eines Elefanten. Die Videoarbeit der Künstlerin
Liesel Burisch will damit 'an den Ausgangs- wie Endpunkt von allem' erinnern, 'das
sterbende Tier und die Torturen, die es durchleidet'. 'Das Material Elfenbein zeugt unausweichlich von der Tötung eines Elefanten', so wird man auch im Einleitungsessay zur Ausstellung belehrt. ... Ein unbefangener Blick des Betrachters auf das Artefakt wird nicht akzeptiert. Stattdessen aber die
moralische Flughöhe markiert."
Inzwischen hat sich übrigens eine
neue Initiative gegründet, die das Schloss bis 2050 abreißen und den
Palast der Republik rekonstruieren möchte,
berichtet Bernd Mathies im
Tagesspiegel: Um an daran zu erinnern, "soll am Portal IV ein
Bronze-
Modell des Palastes im Maßstab 1:200, also
knapp einen Meter breit, aufgestellt werden. Hinter dieser Aktion steht der 2020 gegründete gemeinnützige 'Förderverein Palast der Republik' (Informationen unter
www.palast.jetzt), in dem sich Künstler und Architekturtheoretiker und andere Interessierte zusammengeschlossen haben. Ihr Sprecher, der Medienkünstler Clemens Schöll, sagt: 'Mit der Bronze tragen wir dazu bei, dass die
konfliktive Geschichte in der Berliner Mitte präsent bleibt.'"