Natürlich sei Nürnberg auch ein bisschen beleidigt, weil
Chemnitz zur Kulturhauptstadt 2025 gekürt wurde, räumt Uwe Ritzer in der
SZ ein, aber sie haben Recht mit ihren Vorwürfen gegen ein Auswahlsystem, das Verfilzungen zeige, wie man sie sonst nur von Olympia kennt: "Ein Kreisverkehr von
einigen wenigen Amigos ist unterwegs, dessen Protagonisten nicht einmal selbst bestreiten, dass sie den fliegenden Wechsel betreiben: heute Programmchef einer Kulturhauptstadt, morgen Juror, zwischendurch Berater. Es ist ein
Postenschacher, der keine Schamgrenzen kennt. Da empfiehlt ein angehender Juror einer Bewerberkommune seinen Ex-Geschäftspartner und beteiligt sich mit seiner Firma am Kulturhauptstadtprogramm einer Bewerberstadt, die er als Juror dann auch mit zur ECoC wählt. Ein von allen
hofierter Kulturhauptstadt-Guru sammelt Insiderinformationen, und seine Frau greift mit ihrer Firma Aufträge ab. Bisweilen bekleidet ein und dieselbe Person auch mehrere Rollen gleichzeitig." (mehr dazu in unseren
Resümees).
In der
Welt fordert
Janina Gelinek, Co-Leiterin des
Berliner Literaturhauses, dass der Kulturbetrieb wie die Immobilien- oder Autorindustrieb Entschädigungen verlangt für die entgangenen Umsätze: "Umsatz ist messbar, Umsatz kann 'einbrechen', und schon verfügt man über eine wirkungsvolle Metapher, die eine
sofortige Handlungsaufforderung beinhaltet. Wie rührend wirkt dagegen der Claim 'Ohne (K)uns(t) wird's still', den einige Kinos und Klubs auf ihre verwaisten Ankündigungsplakate klebten. Das stimmt, ist aber eben nur der kleinste gemeinsame Nenner. Genauso gut könnte man im Gerempel der nach staatlichen Förderungen verlangenden Wirtschaftsvertreter sagen: Ohne uns wird es viel zu laut. Ohne uns fehlt Differenzierung, Kritik, Erkenntnis,
Empathie,
Reflexion in der kapitalistischen Kakofonie, ohne uns fehlen die
ganz leisen Töne einer Ouvertüre wie auch der subtile böse Blödsinn des Kabaretts, das dringend mit der Arbeit weitermachen und sich des ganzen neuen Corona-Vokabulars annehmen müsste."
Klassik kann aber auch Kapitalismus: Kürzlich hatte der Kulturmanager Folkert Uhde im
Van-Magazin einen
New Deal für den Klassikbetrieb gefordert (
unser Resümee). Im Interview mit Christiane Peitz im
Tagesspiegel erklärt er, wie er sich etwa die Einbeziehung des Publikums vorstellt oder eine
Reform der obszönen Spitzengagen: "Ich glaube, das Philharmonie-Publikum fände es nicht lustig, wenn es wüsste, dass die Einnahmen von 2200 Tickets gerade ausreichen, um diese eine Geigerin zu bezahlen. Schon in der Finanzkrise stiegen übrigens die Spitzengagen, die Gefahr besteht jetzt wieder: Einige Wenige verdienten danach viel mehr, sehr viele sehr viel weniger. Auch die Frage der Nachhaltigkeit wird immer dringlicher: Wie lässt es sich noch begründen, dass ein US-Orchester für ein paar Konzerte nach Deutschland fliegt - oder ein deutsches nach China? Nur damit hier und da
noch mehr Brahms gespielt wird?"
Im
FAZ-Interview mit Kerstin Holm spricht der russische Architekturhistoriker
Armen Kasarjan über die armenischen Denkmäler in
Nagornyj Karabach, denen im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan die Zerstörung droht: "Die heutige staatliche Kulturpolitik Aserbaidschans hinsichtlich armenischer Denkmäler erinnert stark an die Politik in der Türkei während der fünfziger bis achtziger Jahre. Nachdem die türkischen Machthaber um 1915 bis 1920 ein Genozid an den Armeniern verübt hatten, blieben als Zeugen ihrer Existenz noch die Denkmäler übrig, Klöster, Kirchen, Friedhöfe. Damals war es auch
offizielle Doktrin, dass im Osten des Landes niemals andere Ethnien als Türken lebten, ob Armenier, Kurden oder Georgier. Hunderttausende Denkmäler wurden zerstört. Und alle Kirchen, die nicht vernichtet wurden, schrieb man den Vorfahren der Türken zu."