9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1451 Presseschau-Absätze - Seite 66 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2021 - Kulturpolitik

Dass die Theater geschlossen bleiben, kann Peter von Becker ja noch verstehen, aber könnte man nicht wenigstens die Museen wieder öffnen, fragt er im Tagesspiegel: "Museen sind wie Buchläden Orte der stillen Information und Kontemplation. Mangels Reisen gibt es derzeit kaum Touristen. Museen bieten meist hohe, große, klimatisierte Räume, Zeitfenster und Online-Tickets gehören längst zum Repertoire, Masken sind Pflicht und die über den Tag verteilten Besucher verursachen nirgendwo massenhafte Kontakte. Für Erwachsene und Kinder aber blieben diese Refugien der Anregung, Wissensvermittlung und Fantasie in der Pandemie ohne Sinn verschlossen. Jeder Supermarktbesuch wirkt im Vergleich viel gefährlicher. Kulturstaatsministerin Monika Grütters und ihre Kolleginnen und Kollegen in den Landeskultusministerien sollten darum fordern: Öffnet wieder die Museen!"

Sehr kritisch liest Arnold Bartetzky die europäische "Neue Leipzig-Charta" der für Stadtentwicklung zuständigen Minister der Europäischen Union. "Was das Papier ganz besonders vermissen lässt, ist denn auch die Einsicht, dass die Neubauvermeidung eines der obersten Gebote der Stadtentwicklung sein sollte. Europas Städte sind schon gebaut. Sie sind nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine materielle und energetische Ressource, die es endlich zu schonen gilt. Ein Austausch weiter Teile des Bestandes mit ihrer gespeicherten grauen Energie durch vermeintlich energieeffizientere Bauten ist ökologisch genauso schädlich wie hektisch aus dem Boden gestampfte Neubausiedlungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2021 - Kulturpolitik

Wie auch immer der amerikanische Supreme Court demnächst über den Welfenschatz entscheiden wird, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Limbach-Kommission haben sich dem Verdacht ausgesetzt, "gegen den Geist der 'Washingtoner Erklärung' zu verstoßen", meint der Historiker Julius H. Schoeps im Interview mit der SZ. Er fordert eine "faire und gerechte Lösung" für die Erben der jüdischen Kunsthändler, die den Schatz 1929 erworben hatten und 1935 an den deutschen Staat verkaufen mussten: "Ich würde es so machen: Der Schatz bleibt im Berliner Kunstgewerbemuseum, und man einigt sich außergerichtlich, und zwar durch eine Entschädigung. Eine Rückgabe der Kunstgegenstände an die Erben ist nicht mehr möglich, da der Welfenschatz vor Kurzem, nämlich 2015, auf die Liste der nationalen Kulturgüter gesetzt worden ist. ... Die Mittel müsste der deutsche Staat aufbringen, nicht die Stiftung. Es ist kompliziert, zugegeben. Aus diesem Grund plädiere ich seit Jahren für ein Restitutionsgesetz mit klaren Regelungen, ähnlich etwa dem in Österreich. Dazu aber scheint man in Berlin nicht bereit zu sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2021 - Kulturpolitik

Natürlich sei Nürnberg auch ein bisschen beleidigt, weil Chemnitz zur Kulturhauptstadt 2025 gekürt wurde, räumt Uwe Ritzer in der SZ ein, aber sie haben Recht mit ihren Vorwürfen gegen ein Auswahlsystem, das Verfilzungen zeige, wie man sie sonst nur von Olympia kennt: "Ein Kreisverkehr von einigen wenigen Amigos ist unterwegs, dessen Protagonisten nicht einmal selbst bestreiten, dass sie den fliegenden Wechsel betreiben: heute Programmchef einer Kulturhauptstadt, morgen Juror, zwischendurch Berater. Es ist ein Postenschacher, der keine Schamgrenzen kennt. Da empfiehlt ein angehender Juror einer Bewerberkommune seinen Ex-Geschäftspartner und beteiligt sich mit seiner Firma am Kulturhauptstadtprogramm einer Bewerberstadt, die er als Juror dann auch mit zur ECoC wählt. Ein von allen hofierter Kulturhauptstadt-Guru sammelt Insiderinformationen, und seine Frau greift mit ihrer Firma Aufträge ab. Bisweilen bekleidet ein und dieselbe Person auch mehrere Rollen gleichzeitig." (mehr dazu in unseren Resümees).

In der Welt fordert Janina Gelinek, Co-Leiterin des Berliner Literaturhauses, dass der Kulturbetrieb wie die Immobilien- oder Autorindustrieb Entschädigungen verlangt für die entgangenen Umsätze: "Umsatz ist messbar, Umsatz kann 'einbrechen', und schon verfügt man über eine wirkungsvolle Metapher, die eine sofortige Handlungsaufforderung beinhaltet. Wie rührend wirkt dagegen der Claim 'Ohne (K)uns(t) wird's still', den einige Kinos und Klubs auf ihre verwaisten Ankündigungsplakate klebten. Das stimmt, ist aber eben nur der kleinste gemeinsame Nenner. Genauso gut könnte man im Gerempel der nach staatlichen Förderungen verlangenden Wirtschaftsvertreter sagen: Ohne uns wird es viel zu laut. Ohne uns fehlt Differenzierung, Kritik, Erkenntnis, Empathie, Reflexion in der kapitalistischen Kakofonie, ohne uns fehlen die ganz leisen Töne einer Ouvertüre wie auch der subtile böse Blödsinn des Kabaretts, das dringend mit der Arbeit weitermachen und sich des ganzen neuen Corona-Vokabulars annehmen müsste."

Klassik kann aber auch Kapitalismus: Kürzlich hatte der Kulturmanager Folkert Uhde im Van-Magazin einen New Deal für den Klassikbetrieb gefordert (unser Resümee). Im Interview mit Christiane Peitz im Tagesspiegel erklärt er, wie er sich etwa die Einbeziehung des Publikums vorstellt oder eine Reform der obszönen Spitzengagen: "Ich glaube, das Philharmonie-Publikum fände es nicht lustig, wenn es wüsste, dass die Einnahmen von 2200 Tickets gerade ausreichen, um diese eine Geigerin zu bezahlen. Schon in der Finanzkrise stiegen übrigens die Spitzengagen, die Gefahr besteht jetzt wieder: Einige Wenige verdienten danach viel mehr,  sehr viele sehr viel weniger. Auch die Frage der Nachhaltigkeit wird immer dringlicher: Wie lässt es sich noch begründen, dass ein US-Orchester für ein paar Konzerte nach Deutschland fliegt - oder ein deutsches nach China? Nur damit hier und da noch mehr Brahms gespielt wird?"

Im FAZ-Interview mit Kerstin Holm spricht der russische Architekturhistoriker Armen Kasarjan über die armenischen Denkmäler in Nagornyj Karabach, denen im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan die Zerstörung droht: "Die heutige staatliche Kulturpolitik Aserbaidschans hinsichtlich armenischer Denkmäler erinnert stark an die Politik in der Türkei während der fünfziger bis achtziger Jahre. Nachdem die türkischen Machthaber um 1915 bis 1920 ein Genozid an den Armeniern verübt hatten, blieben als Zeugen ihrer Existenz noch die Denkmäler übrig, Klöster, Kirchen, Friedhöfe. Damals war es auch offizielle Doktrin, dass im Osten des Landes niemals andere Ethnien als Türken lebten, ob Armenier, Kurden oder Georgier. Hunderttausende Denkmäler wurden zerstört. Und alle Kirchen, die nicht vernichtet wurden, schrieb man den Vorfahren der Türken zu."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2020 - Kulturpolitik

Chemnitz ist zur Kulturhauptstadt 2025 auserkoren worden. Die SZ hatte in mehreren Berichtetn allerdings Zweifel am Auswahlverfahren angemeldet (unsere Resümees). Nun droht Bayern, das Votum der Jury für Chemnitz auch in der Kultusministerkonferenz nicht zu bestätigen, berichtet Stefan Locke in der FAZ. Dabei habe die SZ überhaupt keine Belege für ihre Behauptungen geliefert. "Die Verantwortlichen in Chemnitz sind ob der unerwarteten Entwicklung schwer enttäuscht, aber nicht entmutigt. 'Die Vorwürfe sind schon makaber', sagt der Leiter der Chemnitzer Bewerbung, Ferenc Csák, der FAZ. 'Es gibt ein Reglement, das alle Bewerber kennen, daran haben wir uns jederzeit gehalten.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2020 - Kulturpolitik

Plenarsaal der Paulskirche. Foto: BlueKnow, Wikimedia/CC BY 3.0

Vehement widerspricht Gottfried Knapp in der SZ den Herren Herfried Münkler, Hans Walter Hütter und Peter Cachola Schmal, die der Paulskirche in einem Gutachten "Aura" und "ästhetische Evidenz" abgesprochen haben: "Die Paulskirche mag nach der jahrzehntelangen Vernachlässigung durch Bund und Stadt Frankfurt heute schäbig, ja peinlich veraltet aussehen. Aber der Raum gehört zum Besten, was nach dem Krieg gestaltet worden ist. Natürlich muss die verstaubte Ausstellung im Erdgeschoss ersetzt werden. Und natürlich kann man oben im Saal die knarzenden Sitzreihen herausreißen und auch mal die muffigen Fahnen der Bundesländer abhängen. Das von Rudolf Schwarz geschaffene, kunstvoll leere Raumkunstwerk fordert seine Betreiber ja zu besonderen Veranstaltungen physisch heraus."

Das Ende der Shopping Malls und der Einkaufszentren möchte Gerhard Matzig in der SZ unbedingt auch als eine Chance im Elend begreifen: "Die Stadt ist wiederzugewinnen nicht als Konsumschleuse, sondern als Lebensraum: Was frei wird an Ladenfläche in der Stadt, kann auch Wohnraum oder die Fläche für Produktion und Handwerk sein, die einst aus der Stadt getrieben wurden. Aus Warenlagern können Kulturräume werden. Und aus dem global herumgereichten Plunder können wieder Produkte des Besonderen werden."

Außerdem ist Peter Richter in der SZ die Verkehrswende nicht geheuer, mit der Berlins rot-rot-grüner Senat die Innenstädter beglücken möchte und hinter der er eine verordnete Gemütlichkeit befürchtet: "Berlin wird voller, der Platz enger: Vielleicht kein Wunder, dass es überall knirscht in der Stadt - und im Stadtbild. Die sogenannte Verkehrswende, die der rot-rot-grüne Senat beschlossen hat, schlägt sich inzwischen auch optisch in einer Weise nieder, die an hektisches Ausparken erinnert: Blick nach vorn, eingelenkt wird ungern, aber mit Karacho zurückgesetzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2020 - Kulturpolitik

Ratlos wie die meisten steht NZZ-Kritikerin Claudia Schwartz vor dem wiederaufgebauten Berliner Stadtschloss und fragt sich, was das soll. Hier die völlig rückwärtsgewandte Architektur, die die Geschichte gleich zwei mal auslöscht, dort ein Anspruch auf Weltläufigkeit, der mit den Rückgabforderungen ethnischer Artefakte schon wieder gefährdet ist. Zwar stelle Generalintendant Hartmut Dorgerloh "eine 'kreative und unerschrockene' Bespielung in Aussicht stellt. Davon zu spüren war allerdings wenig bei der vor Harmlosigkeit triefenden digitalen Eröffnung zwischen Multikulti-Grußworten und einer Kulturbeauftragten der Bundesregierung, die in der 'Annäherung an das Fremde' nochmals 'eine Vision' hochhalten möchte. In Wirklichkeit haben sich die Deutschen seit der Flüchtlingswelle von 2015 so intensiv an das Fremde angenähert wie vermutlich nie zuvor, die Problematik ist im politischen Alltag omnipräsent. Wer ruft da derzeit noch nach multiperspektivischen Visionen der Kunst zum Thema?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2020 - Kulturpolitik

Auf Zeit Online wähnt sich Kolja Reichert bei der Eröffnung des Humboldt Forums ("dieser kulturpolitische Schwerbelastungskörper) auf dem Höhepunkt des zweihundert Jahre währenden "Drama des imperialen Museums", das "die Welt in Betrachter und Exponate aufteilt": "Museen nahmen Bürger vor die Brust des Imperiums, lehrten sie den kolonialen Blick. Die von Europa ausgegangene Verwandlung der Welt in eine Ausstellung und ihr Fortleben im Tourismus ist die eigentliche Komödie, die heute ein Universalmuseum in den Blick nehmen müsste. Dazu bräuchte es einerseits Exponate aus Europa, die aber im Fall der Sammlungen, aus denen das Humboldt Forum wesentlich bestückt wird, am Stadtrand in Dahlem im Depot verblieben sind. Andererseits bräuchte es eine starke Stimme, die virtuos in einer multipolaren Weltöffentlichkeit navigieren kann, in der es nichts und niemanden mehr gibt, die oder der oder das nicht zum Exponat werden könnte."

In Berg-Karabach sind nach dem Sieg der Aserbaidschaner über die Armenier zahlreiche Baudenkmäler gefährdet, schreibt der Kunsthistoriker Ulrich Bock, ein Spezialist für die Region, in der FAZ: "Wie begründet solche Befürchtungen sind, zeigen nicht nur die aktuellen Ereignisse, sondern auch Begebenheiten der jüngeren Vergangenheit: So wurden in der aserbaidschanischen Provinz Nachitschewan die meisten armenischen Denkmäler zerstört, allein 2005 und 2006, weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, der berühmte armenische Friedhof von Djulfa mit Tausenden von Grab- und Kreuzsteinen (Katschkars) aus der Zeit des 5. bis 17. Jahrhunderts."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2020 - Kulturpolitik

Es ist so weit: Gestern wurde das Humboldt Forum eröffnet, vorerst digital. Nach ersten Besichtigungen fällt die Bilanz in der Presse ziemlich nüchtern aus: Alles ein bisschen eng, meint Nikolaus Bernau in der FR: "So ist der Grundriss, obwohl der Bau nach außen hin so gewaltig wirkt, insgesamt oft erstaunlich knapp bemessen. Selbst die auf dem Plan so riesig erscheinende Eingangshalle an der Stelle des einstigen Eosander-Hofs wirkt im Vergleich zur Pyramiden-Halle des Louvre oder dem Elisabeth-Hof des British Museum mit den Möbeln und der Rieseninstallation des elektronischen Ausstellungsanzeigers jetzt bereits vollgestellt." Ebenfalls in der FR sekundiert Harry Nutt: "Trotz aller Umzugsaktivitäten, zum Beispiel aus den Depots der Dahlemer Museen, wirkt das gegenwärtige Humboldt Forum leer und seltsam unbestimmt, so als wisse man trotz jahrelanger Planungs- und Konzeptionsdiskussionen noch immer nicht ganz genau, was hier einmal gezeigt werden und wie es zueinander in Beziehung gesetzt werden soll."

Aber das Humboldt Forum hat durchaus Potenzial, hofft Ralf Schönball im Tagesspiegel: "Für die teils aus Dahlem nach Mitte gezogenen Museen ist es die große Chance auf ein Millionenpublikum. Ob diese ergriffen wird, wird von der Kunst der Ausstellungsmacher abhängen. Das Humboldt-Forum hat das Potenzial, die Besucherströme von der Museumsinsel anzulocken und zum Verweilen zu verführen: In Cafes und Restaurants, sogar auf dem Dach des Quartiers mit Blick über Schlossplatz und Linden hinweg. Vier Millionen Menschen im Jahr, so gilt die Wette der Forum-Erbauer, werden kommen." Das Humboldt-Forum bleibt ein "Vakuum im Herzen der Nation, das neuralgische Fragen und Kontroversen geradezu ansaugt", schließt Christiane Peitz ebenfalls im Tagesspiegel.

Im Interview mit Susanne Lenz (Berliner Zeitung) spricht Carola Lentz, neue Präsidentin des Goethe-Instituts nicht nur über ihre Pläne, sondern geht auch auf den den Umgang mit kolonialen Objekten ein: "Wo es sich eindeutig um in Unrechtskontexten erworbene Objekte handelt, müssen sie zurückgegeben werden. Das gilt besonders für die menschlichen Überreste. Daneben gibt es eine große Anzahl von Objekten, wo das nicht eindeutig ist und keine Rückgabeforderungen bestehen. In Bezug auf diese gibt es beim Goethe-Institut ein Pilotprojekt, das Invisible-Inventory-Programm. Hier arbeiten das Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln und das Weltkulturen-Museum in Frankfurt am Main mit den National Museums of Kenya sowie zwei Künstlerkollektiven zusammen. Es geht zunächst darum, die Tausende Objekte aus Kenia, die in Sammlungen in Deutschland archiviert sind, digital zugänglich zu machen. Zudem sollen drei Ausstellungen unterstützt auch von der Kulturstiftung des Bundes entstehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2020 - Kulturpolitik

In der SZ erkundet Uwe Ritzer ein Netzwerk um den deutschen Kulturmanager Ulrich Fuchs, dessen Frau, der Kulturunternehmerin Pia Leydolt-Fuchs und den Kulturberater Mattjis Maussen, das großen Einfluss auf die Vergabe des Titels Europäische Kulturhauptstadt haben soll. "So mehren sich die Hinweise, dass es nicht nur bei der Vergabe des Kulturhauptstadt-Titels an Chemnitz fragwürdig zuging, wie die SZ berichtete. Auch bei früheren ECoC-Vergaben waren bis in die Jury hinein Seilschaften von stets denselben Kulturmanagern am Werk, die sich wechselseitig unterstützen und dabei ordentlich absahnen. Schließlich ist viel zu holen. Schon im mehrjährigen Bewerbungsverfahren geben Kommunen Unsummen aus, und wer es am Ende zum Titel schafft, bekommt noch mehr Geld, um sich als ECoC aufzuhübschen. So erhält Chemnitz für 2025 allein 51,5 Millionen Euro Zuschüsse von Bund, Land und EU. So viel Geld lockt Geschäftemacher an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2020 - Kulturpolitik

Nicht erst in der letzten Woche, schon 1972 hatte Nigeria versucht, Benin-Bronzen von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurückzubekommen, schreibt Bénédicte Savoy in der FAZ. Damals wollte man sie nur leihweise zurückgeben. Die Stiftung unter ihrem Direktor Hans-Georg Wormit (Savoy betont, dass er seine Karriere unter den Nazis begann) wehrte sich mit Händen und Füßen: "Ziel der Stiftung Preußischer Kulturbesitz war zu keinem Zeitpunkt die Anregung einer bundesweiten Diskussion über den Umgang mit den Gesuchen ehemals kolonisierter Länder, sondern die Abwehr der nigerianischen Anfrage. Am 7. Dezember 1972 konstatierte Wormit zufrieden: 'Wir können die Angelegenheit wohl als erledigt ansehen.' Wenig später empfahl der Generaldirektor der Staatlichen Museen, künftige Anfragen aus ehemals kolonisierten Ländern 'so dilatorisch wie möglich zu behandeln'."

Betrübliche Akzentverschiebungen konstatiert zugleich FAZ-Redakteur Andreas Kilb vor der offiziellen digitalen Eröffnung des Humboldtforums. Das Ethnologische und das Asiatische Museum werden in den zweiten und dritten Stock verbannt: "Im ersten Stock, dem Piano nobile, residieren stattdessen das 'Humboldt-Labor' der Universität und die 'Welt. Stadt. Berlin'-Schau des Stadtmuseums, zwei Ausstellungen, die sich, nach ihren Ankündigungen auf der Website der Stiftung Humboldt Forum zu schließen, fast ausschließlich auf digitale Installationen und nur ausnahmsweise auf reale Objekte stützen. Damit ist die ursprüngliche Idee des Humboldt-Forums in ihr Gegenteil verkehrt: Nicht die Weltkulturen, sondern regionale und akademische Perspektiven werden in der Schlosshülle die privilegierten Plätze besetzen."