9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2020 - Kulturpolitik

Nicht erst in der letzten Woche, schon 1972 hatte Nigeria versucht, Benin-Bronzen von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurückzubekommen, schreibt Bénédicte Savoy in der FAZ. Damals wollte man sie nur leihweise zurückgeben. Die Stiftung unter ihrem Direktor Hans-Georg Wormit (Savoy betont, dass er seine Karriere unter den Nazis begann) wehrte sich mit Händen und Füßen: "Ziel der Stiftung Preußischer Kulturbesitz war zu keinem Zeitpunkt die Anregung einer bundesweiten Diskussion über den Umgang mit den Gesuchen ehemals kolonisierter Länder, sondern die Abwehr der nigerianischen Anfrage. Am 7. Dezember 1972 konstatierte Wormit zufrieden: 'Wir können die Angelegenheit wohl als erledigt ansehen.' Wenig später empfahl der Generaldirektor der Staatlichen Museen, künftige Anfragen aus ehemals kolonisierten Ländern 'so dilatorisch wie möglich zu behandeln'."

Betrübliche Akzentverschiebungen konstatiert zugleich FAZ-Redakteur Andreas Kilb vor der offiziellen digitalen Eröffnung des Humboldtforums. Das Ethnologische und das Asiatische Museum werden in den zweiten und dritten Stock verbannt: "Im ersten Stock, dem Piano nobile, residieren stattdessen das 'Humboldt-Labor' der Universität und die 'Welt. Stadt. Berlin'-Schau des Stadtmuseums, zwei Ausstellungen, die sich, nach ihren Ankündigungen auf der Website der Stiftung Humboldt Forum zu schließen, fast ausschließlich auf digitale Installationen und nur ausnahmsweise auf reale Objekte stützen. Damit ist die ursprüngliche Idee des Humboldt-Forums in ihr Gegenteil verkehrt: Nicht die Weltkulturen, sondern regionale und akademische Perspektiven werden in der Schlosshülle die privilegierten Plätze besetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2020 - Kulturpolitik

Nigeria fordert die berühmten Benin-Bronzen, die das Schmuckstück des Humboldt-Forums sein sollten, zurück, meldete der Tagesspiegel am Samstag (unser Resümee). Bernhard Schulz liest im Tagesspiegel Dan Hicks Buch "The Brutish Museums", das die Geschichte der Skulpturen und der Zerstörung der durch Sklavenhandel reich gewordenen Benin-Kultur durch britische Raubzüge erzählt. "Hicks zeigt, wie die ökonomischen Interessen der eigens gegründeten 'Royal Niger Company' und die in Großbritannien verbreitete Propaganda zur 'Zivilisierung' Afrikas durch Christianisierung und Abschaffung des innerafrikanischen Sklavenhandels ineinander griffen. Hinzu kam die Berichterstattung in den Massenmedien, die die in den afrikanischen Fürstentümern verbreiteten Praktiken etwa des Fetischs, aber auch die in Benin tatsächlich vollzogenen Menschenopfer, in drastischer Weise ausbreiteten." In der taz berichtet heute Susanne Mermania.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2020 - Kulturpolitik

Nächste Woche wird das Humboldt-Forum eröffnet. Nach einem ersten Rundgang durch die Schlossrekonstruktion - vorbei an Dixi-Klos, Pfützen in der Lobby und einem irritierenden Mix von Neu-Neu und Neu-Alt, - kann sich Jörg Häntzschel eigentlich nur für den Keller begeistern: "Nichts Antikes, sondern ein Alumesser aus der DDR, ein Heizaggregat aus der Zeit von Kaiser Wilhelm II. Immerhin aber auch das aus dem 15. Jahrhundert stammende 'Pelikan-Relief' aus dem Kunstgewerbemuseum. Und die Löcher, die hier 1950 für die Sprengladungen gebohrt wurden, die alles darüber in Schutt verwandelten. Der Keller ist nur ein Nebenschauplatz des Humboldt-Forums. Doch nicht zufällig ist er der einzige Teil des Gebäudes, der fertig ist, der funktioniert, der überzeugt. Es ist der einzige, der seinen Ort und seine Zeit weiß, der einzige, der nicht Stein gewordene Verkrampfung ist."

Ebenfalls in der SZ weiß Peter Richter, dass erste Initiativen schon den Abriss des Ungetüms fordern: "'Schlosssprengung 2025' will ein Plebiszit anstrengen, um die Replik der Hohenzollern-Residenz zum 75. Jahrestag der ersten Sprengung in der DDR erneut in die Luft zu jagen, nur diesmal demokratisch legitimiert." Im Tagesspiegel berichtet Paul Starzmann, dass die Eröffnung des Humboldt-Forums auch dadurch getrübt werden könnte, dass Nigeria nun offziell die Rückgabe der Benin-Bronzen gefordert habe: "Ab kommendem Jahr sollen die rostbraunen Skulpturen und Büsten aus Westafrika als Herzstück des Humboldt-Forums im neuen Berliner Stadtschloss ausgestellt werden."

Statt die Paulskirche zu einem edel-leblosen Reräsentationsbau aufzumotzen, sollte sie lieber in einen echten "Volxtempel" umgewandelt werden, schlägt Jan Feddersen in der taz vor: "Worauf es ankäme: eine gründliche Ausrümpelung der Paulskirche selbst, mentalitär vor allem. Gebäuderenovierung inklusive. Öffnungszeiten: so gut wie rund um die Uhr. Wie moderne öffentliche Bibliotheken. Ein Raum zum Chillen und Besinnen und bei Lust und Laune Klügerwerden. Ein Haus der Demokratie, in dem nicht Lehrer:innen den Ton angeben, sondern die Jugendlichen selbst. Alle Schüler:innen mögen Lust haben, dort Debatten zu führen. Es muss dort alles bestritten werden - nur Nazi ist verboten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2020 - Kulturpolitik

Monika Grütters fordert eine weitere Milliarde Euro, um die Corona-geschädigte Kulturszene zu unterstützen, meldet der Buchreport mit dpa. Das bisherige Programm sei weit überzeichnet, so die Ministerin: "Wir brauchen vermutlich mindestens doppelt so viel Geld, zumal die eine Milliarde Euro eine Antwort auf die ersten Schließungen im Frühjahr war, bei der wir den zweiten, deutlich längeren Lockdown noch gar nicht eingepreist hatten."

Außerdem: In der FAZ geht Patrick Bahners der Frage nach, ob sich der amerikanische Supreme Court im Streit um den als Raubkunst strittigen "Welfenschatz" als zuständig erklären könnte und welches die Weiterungen einer solchen Entscheidungen wären.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2020 - Kulturpolitik

Die Freude der Chemnitzer über die Wahl zur Kulturhauptstadt 2025 kann Uwe Ritzer in der SZ nicht teilen, denn die Umstände der Wahl, die von einer international besetzten Jury entschieden wird, sind äußerst "fragwürdig", schreibt er: "Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung agiert dabei bis in die Jury hinein ein internationales Friends-and-Family-Netzwerk, dessen Machenschaften an Organisationen wie IOC oder Fifa erinnern. Auffallend oft sind dieselben Experten, Berater und Kulturmanager am Werk; in wechselnden Rollen, Funktionen und Konstellationen. Sie spielen sich geschickt die Bälle zu und verdienen gut daran. Was in sauber geführten Unternehmen compliancemäßig undenkbar wäre, praktiziert die Kulturhauptstadt-Szene schmerzfrei. Dabei kommt es zu geradezu grotesken Interessenkonflikten. So arbeiteten im Wettbewerb 2025 einige Berater gleich für mehrere konkurrierende deutsche Städte. Als würde ein Fußballtrainer mehrere Bundesligamannschaften gleichzeitig coachen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2020 - Kulturpolitik

Die Pläne, neben die Paulskirche ein Bürgerforum als "Ort der Demokratie" zu erbauen (Unsere Resümees), nehmen Claus Leggewie und die Politikwissenschaftlerin Patrizia Nanz in der FR zum Anlass, einen Ort für "für aktuelle demokratiepolitische Experimente" zu fordern. Dort sollen sich "zufällig gewählte Bürgerräte treffen, um Zukunftsfragen der Republik zu debattieren". Diese bilden "eine Art vierter Gewalt, eine Konsultative, die einer interessierten politischen Öffentlichkeit zwischen Exekutive, Legislative und Judikative eine ebenso kräftige wie reflexive Stimme verleiht. Sie unterstützt das Beteiligungsbedürfnis vieler Bürgerinnen und Bürger, die hitzigen Bürgerversammlungen nichts abgewinnen können und an Entscheidungen von lokaler, regionaler und auch nationaler und internationaler Reichweite gründlicher mitwirken möchten. ... Ihr Ziel ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Vertiefung und Untermauerung der Demokratie durch den Bürgerverstand, den man erfahrungsgemäß nicht als so laienhaft abtun kann, wie dies betriebsblinde Vertreter der drei etablierten Gewalten gelegentlich tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2020 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel berichtet Nicola Kuhn über die Tagung "VEB Kunst" zum Thema Kulturgutentzug und Handel in der DDR. Es geht dabei um "staatlich entwendete Kulturobjekte" in der DDR, aus Museen oder von Privatpersonen. Im Westen ist das Thema noch kaum angekommen, erfährt Kuhn, aber im Osten hat man mit einer umfangreichen Recherche begonnen: "Allerdings gestaltet sich die Einzelfallrecherche weiterhin schwierig. Aufklebenummern verraten zwar, ob die Bezahlung in bar oder per Autotausch - als AT notiert - erfolgte, ansonsten helfen die Codes bei der Identifizierung von Einlieferern und Käufern kaum - es wurde gezielt verschleiert. Wenn auch das Verfahren staatlich legitimiert war, um Valuta einzufahren, bestand offensichtlich trotzdem ein Unrechtsbewusstsein. Die Museen wurden bedrängt, Objekte abzuliefern, die Privatsammler mit der Steuerfahndung kriminalisiert, Ausreisende mussten vermeintlich unter Kulturgutschutz stehende Objekte zurücklassen. Die KuA [Kunst & Antiquitäten GmbH der DDR] köderte im ganzen Land mit Experten, die Geldbündel bei sich trugen, oder übte mit Hilfe der Staatssicherheit Druck aus. Der noch existierende private Kunst- und Antiquitätenhandel wurde brutal ausgebremst, um die Ware ins eigene Lager, nach Mühlenbeck umzuleiten."
Stichwörter: Codes

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2020 - Kulturpolitik

Matthias Alexander plädiert in der FAZ dringend dafür, gerade die Kargheit der Paulskirche als Ausdruck der Erhabenheit und des nüchternen Pathos der Demokratie zu begreifen - so sei es von dem Architekten Rudolf Schwarz 1948 gemeint gewesen. Den "Einrichtungsberatern" Frank-Walter Steinmeiers um Herfried Münkler, die die Kirche mehr mit original 19. Jahrhundert ausstaffieren möchten (unser Resümee), stimmt Alexander nicht zu: "Ein Kompromiss zwischen der Abstraktionskunst von Schwarz und den Wünschen der Bilderlosigkeitsstürmer ist schwer vorstellbar, zumindest im großen Saal. Ohnehin ist Vorsicht im Streben nach Authentizität geboten. Die historische Inneneinrichtung der Paulskirche ist 1944 komplett verbrannt. Nur zwei Dinge aus den Tagen der Nationalversammlung haben sich erhalten: eine Parlamentsglocke und das riesige Transparent der Germania, das der Nazarener Philipp Veit in Eile gemalt hatte, damit es über dem Sitz des Präsidiums aufgehängt werden konnte; es befindet sich heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Wer eine authentische Paulskirchen-Erfahrung wünscht, müsste dann auch die Frage beantworten, wie er es mit der Germania hält."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2020 - Kulturpolitik

Während der Münchner Kulturetat 2021 um 6,5 Prozent gekürzt wird, will Berlin den Haushalt laut Klaus Lederer lieber erhöhen, weiß Frederik Hanssen im Tagesspiegel: "Um 13 Millionen Euro steigt sein Etat laut Senatsbeschluss im nächsten Jahr, auf dann 606,8 Millionen. Nachdem 2018/19 die Bühnen einen Schwerpunkt bildeten, soll 2021 vor allem die Bildende Kunst profitieren. Lederers Lieblingsprojekt in diesem Bereich ist der eintrittsfreie Sonntag, den es einmal im Monat in den Museen geben wird, nach der aktuellen Planung ab Anfang nächsten Jahres. Besser gefördert werden sollen außerdem Kinder-, Jugend- und Puppentheater, Erinnerungsorte wie der Friedhof der Märzgefallenen, außerdem das Zillemuseum in Mitte und die C/O-Fotogalerie. Die Jazzförderung soll steigen sowie die Summen für Chöre, Tanz und das Konzerthaus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2020 - Kulturpolitik

Das ist mal wieder so eine typische Berliner Lösung: Udo Kittelmann als Leiter der Nationalgalerie sollen gleich drei Nachfolger ersetzen, berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. "Fortan sollen eigenständige Direktorinnen und Direktoren für die Alte Nationalgalerie (mit Friedrichswerderscher Kirche), für die Neue Nationalgalerie (mit dem künftigen Museum des 20. Jahrhunderts, dem Museum Berggruen und der Sammlung Scharf-Gerstenberg) und für den Hamburger Bahnhof und damit jeweils für die Kunst des 19., 20. und 21. Jahrhunderts zuständig sein. ... Die Dreiteilung der Spitze ist nun die Lösung, auch auf dem Weg, die Doppelstrukturen bei den Staatlichen Museen abzubauen, wie in der Evaluierung durch den Wissenschaftsrat gefordert." Aha. Außerdem, erfahren wir, tritt Michael Eissenhauer die Direktion von Gemäldegalerie sowie Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst ab, die er neben seinem Job als Generaldirektor der der Staatlichen Museen innehatte.