9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2019 - Kulturpolitik

Könnten wir mal damit aufhören, die Frage der Restitution afrikanischer Kulturschätze über die Köpfe afrikanischer Museumsleute hinweg zu führen, bittet der Ethnologe Raphael Schwere in der NZZ. Es gebe nämlich durchaus gut funktionierende Museen in Afrika und sachkundiges Personal: "Afrikanische Museen verdienen die längst überfällige Anerkennung als Teile einer zeitgenössischen, eigenständigen und erfolgreichen Museumslandschaft - und dies unabhängig von der Restitution von Raubgut, die am Ende wahrscheinlich eine juristische Angelegenheit sein wird. Afrikanische Museen bieten reale, lokal kalibrierte Zukunftsvisionen. Sie sind Inspirationsquellen und könnten so manchen europäischen Museen, auf hiesige Gesellschaften übersetzt, zum Vorbild gereichen. Durch die derzeitige, in herkömmlich paternalistischer Manier oft über die Köpfe dieser Schlüsselakteure hinweg geführte Debatte und durch die Verengung des Restitutionsbegriffs auf das Retournieren vergibt man entscheidende Chancen für eine Korrektur früheren Verhaltens gegenüber Afrika und für einen Dialog ebenbürtiger Partner auf Augenhöhe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2019 - Kulturpolitik

Für die SZ resümiert Jörg Häntzschel die vom Kulturausschuss des Bundestages anberaumte Sitzung zur Kolonialgeschichte, an der neben Monika Grütters auch Hermann Parzinger und Benedicte Savoy teilnahmen: "Kirsten Kappert-Gonther von den Grünen verlangte, die Herkunftsländern sollten einen rechtlichen Anspruch auf gestohlene Objekte bekommen. Andere, wie Guido Gryseels vom Afrika-Museum im belgischen Tervuren, erwiderte: 'Zurückgeben, gerne, aber an wen?' Für Savoy hingegen beginnt das Problem bei der Kultur in den Museen", die ihre Bestände nicht ausreichend erforscht und dokumentiert hätten. "Was jetzt schon existiere an Inventaren, müssten die Museen endlich zugänglich machten. Heute seien sie wie Bibliotheken ohne Kataloge, 'Haufen von Dingen'. Parzinger und Wiebke Ahrndt vom Überseemuseum Bremen wiesen die Schuld daran von sich. Das Geld reiche ja kaum, um die Anfragen nach einzelnen Objekten zu beantworten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2019 - Kulturpolitik

Im Interview mit der SZ fordert die SPD-Kulturpolitiker Helge Lindh den Umbau der Limbach-Kommission, damit künftig Erben der Kommission auch allein eine Rückgabeforderung präsentieren können (derzeit geht das nur zusammen mit dem betroffenen Museum). Das ist umstritten, weil es viel Geld für Gutachten und Forschung gewissermaßen auf Zuruf kosten würde. Lindh fände das trotzdem richtig: "Wir gehen davon aus, dass der öffentliche Druck hoch ist, wenn die Beratende Kommission erst einmal zu einer Empfehlung gekommen ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2019 - Kulturpolitik

Die Augen noch ganz feucht vom Savoy/Farr-Bericht (Unser Resümee) ist Jörg Häntzschel in der SZ ziemlich enttäuscht von der vom Bund, Ländern und Kommunen verabschiedeten Erklärung zum Umgang mit kolonialer Raubkunst, die ihm viel zu nüchtern und verhalten erscheint: "Über all diesen erinnerungspolitischen Rücksichtnahmen kommen die Herkunftsgesellschaften sehr kurz. Ihnen wurden 'Kulturgüter geraubt, die für ihre Geschichte und ihre kulturelle Identität prägend sind', stellen die Autoren eingangs lapidar fest. Doch danach ist von ihnen kaum noch die Rede. Viel Raum erhalten statt dessen die Deutschen und ihr Gewissen, es geht um Schuld, Erinnern, Bewusstmachen. Die Menschen, die in den ehemaligen Kolonien auf ihre gestohlenen Objekte warten, haben davon wenig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2019 - Kulturpolitik

Auf Tagesspiegel Causa fordert auch  der SPD-Politiker Helge Lindh eine rigorose Rückgabe kolonialer Kulturgüter - und die Aufgabe der Kontrolle über die konservatorische und restauratorische Sicherung der Artefakte: "Wir haben uns von dem Geist des Misstrauens und der Bevormundung zu lösen. Es ist nicht an uns, zu entscheiden, was mit den Objekten geschehen soll und wie mit ihnen umzugehen ist. Wir sind nicht in der Position, um Bedingungen zu stellen. Darüber hinaus offenbart sich in der konkreten Forschungszusammenarbeit mit den Herkunftsländern oft ein anderes Bild: Es gibt sehr häufig eine funktionierende museale Infrastruktur und adäquate Aufbewahrungsmöglichkeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2019 - Kulturpolitik

Heute findet in Berlin die Kulturministerkonferenz statt, in der über Restitutionen von Raubkunst verhandelt werden soll. Dass der Entwurf, über den diskutiert werden soll, im Vorfeld mehrfach abgeändert wurde, wie die FAZ kürzlich kritisierte (unser Resümee), findet Swantje Karich in der Welt ganz in Ordnung: "Der Kolonialismus wird als 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' bezeichnet, eine Definition, die unmittelbar mit den Verbrechen im Nationalsozialismus verknüpft ist. In einer zweiten Version ist diese Bezeichnung verschwunden - und auch die Verantwortung Deutschlands eingeschränkt. Diese Debatte aber lenkt von etwas viel Wichtigerem ab: Unabhängig davon, wie die Erklärung am Ende aussehen wird, ist eine gemeinsame Erklärung schon ein Verdienst, weil es einen Prozess der Bewusstwerdung auf einem noch sehr unbestellten Feld in Gang setzt: Was ist der Kolonialismus für Deutschland? Wie wollen wir uns zu ihm verhalten?"

Raphael Gross, Chef des Deutschen Historischen Museums, begründet in der FAZ, warum er eine Rückgabe der Säule von Cape Cross, eines Markzeichens des Kolonialismus, an Namibia befürwortet - obwohl Namibia wohl keinen Rechtsanspruch auf die Rückgabe hätte: "Für eine Rückgabe sprechen aber ethische und politische Überlegungen. Der wichtigste Gesichtspunkt für die Frage nach der Rückgabe ist für das DHM seine Haltung zur historischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte in Namibia. Insbesondere geht es in diesem Fall um die Auseinandersetzung mit den an verschiedenen Bevölkerungsgruppen Namibias verübten Verbrechen gegen die Menschheit ('crimes against humanity')."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2019 - Kulturpolitik

Die kulturelle Blüte des Königreichs Benin verdankt sich dem Sklavenhandel, in den es verwickelt war, schreibt Andreas Kilb in der FAS: "Die Restitution von Bronzen an die Königsfamilie wäre ein ebenso unüberlegter wie unhistorischer Akt. Die Nachfahren der Igbo, deren Vorväter mit ihrer Freiheit für die Kulturblüte Benins bezahlt haben, hätten ebenso viel Anrecht auf die Objekte wie die Herrscher von Benin City. Als Symbole 'nationaler Identität', wie sie von gutgläubigen Kulturpolitikern immer beschworen wird, dürften die Bronzen erst dann taugen, wenn Nigeria seine inneren Spaltungen überwunden hat."

Die Kulturministerkonferenz wird in dieser Woche erstmals zum Thema tagen, meldet unter anderem die taz. Darüber berichtet auch Patrick Ba in der FAZ. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder und früherer Direktor des Vorderasiatischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin, hat im Auftrag der Kulturminister für die Konferenz der Minister eine "Gemeinsame Erklärung" verfasst, die Bahners in der FAZ liest. In einer ersten Version, so Bahners, stand da: "Die Bundesregierung, die Länder und die Kommunen erkennen an, dass Kolonialismus ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war." Aber dabei ist es nicht geblieben, so Bahners: "Nach der ersten Beratung mit den Vertretern des Bundes wurde das Papier überarbeitet. In der neuen Fassung, die dieser Zeitung ebenfalls vorliegt, ist der erste Satz gestrichen. Der Kolonialismus wird nicht mehr als 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' bezeichnet und nicht mehr als 'System der Unrechts- und Gewaltherrschaft' verurteilt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2019 - Kulturpolitik

Die Restitutionsdebatte um koloniale Raubkunst ist nicht neu, erinnert in der SZ die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. Sie wurde schon einmal ausführlich und öffentlich geführt, "vier Jahre lang, zwischen 1978 und 1982, als wir Schulkinder waren. Damals 'strengten' in ganz Europa Politikerinnen und Politiker, Journalisten, Akademiker und Museumsleute 'ihre Intelligenz an', wie es der Generalinspektor der staatlichen Museen in Frankreich, Pierre Quoniam, 1981 formulierte, um eine faire und zeitgemäße Haltung in Sachen Restitutionen zu finden. Die Dynamik war vom Generaldirektor der Unesco, dem Senegalesen Amadou Mahtar M'Bow, in Gang gesetzt worden..."

Die Limbach-Kommission zu Restitution meist aus jüdischem Besitz geraubter Kunst funktioniert schlecht, schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Das liege daran, dass die Kommission zugleich "symbolisch und sehr real" funktioniere: "Ihre Legitimation ist fraglich, aber eine bessere gibt es angesichts der Rechtslage nicht. Ihre Entscheidungen finden im rechtsfreien Raum moralischer Abwägungen ('soft law') statt, aber sie sind das Wirkungsvollste, was der deutsche Staat anbieten kann. Österreich hat seit 1998 ein Restitutionsgesetz, aber es gilt nur für Bundesmuseen. In Deutschland sind genau vier Häuser vollständig und etwa zwei Dutzend weitere größtenteils in Bundeshand, alle anderen unterstehen der Kulturhoheit der Länder."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2019 - Kulturpolitik

Die deutschen Ethnologen des 19. Jahrhunderts waren oft ausgesprochene Gegner des Kolonialismus, erklärt Horst Bredekamp im Interview mit dem Freitag. Eine Tradition, die man nicht klein reden sollte im Streit um die Restitution von Kulturgütern: "Natürlich gibt es in der europäischen Geschichte eine hohe Verehrung für andere Kulturen. Bei Thevet und Montaigne zum Beispiel: 'Die Kannibalen sind wir!' Eine Tradition, die sich auch durch die Aufklärung zieht, in der deutschsprachigen Ethnologie aber eine besonders markante Bündelung erfährt, die Han Vermeulen in seinem Buch von 2015, 'Before Boas' niedergelegt hat. ... Er beschreibt die transnationale Orientierung der deutschsprachigen Völkerkunde, wie sie etwa in Göttingen entstand. Einer der Gründe lag in der Erfahrung der Kleinstaaten. Sollte Kassel über München stehen? Düsseldorf über Stuttgart? Bis 1871 gab es 'Stämme'. ... Es hat die Sensibilität für eine relativistische Weltsicht ermöglicht. Die Brüder Humboldt fallen nicht vom Mars auf die Erde. Sie sind eingebettet in eine Kultur, die es hasste, mit der Nation eine Dominanz zu verbinden. Die im Gegenteil von Vermischung sprach, von Verkettung, eher von Moosen als von Gerüsten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2019 - Kulturpolitik

Britische Museen beantworten Fragen nach Restitution meist mit Schweigen oder sehr dünnen Auskünften - in Britannien ist die Restitutionsdebatte noch kaum angekommen. Um so bemerkenswerter der Guardian-Artikel der freien Kunsthistorikerin Alice Procter, die weitgehende Rückgabe fordert und gleich ein sehr dezidiertes Bild der Institution Museum mitliefert: "Die ganze Idee des Museums ist eine kolonialistische, imperialistische Fantasie, die aus dem Irrtum geboren wurde, dass die ganze Welt irgendwie ordentlich katalogisiert und in ein einzelnes Gebäude gesteckt werden kann, in dem sich das alles dann leicht verdauen lässt. Es gibt keine Objekte, die aus dem Nichts kommen, jedes Stück in einem Museum wurde aus seinem ursprünglichen Kontext entfernt. Es mag als unangenehm und grob gelten, sich genauer anzusehen, was damit verbunden war."
Stichwörter: Restitution, Britische Museen