9punkt - Die Debattenrundschau

Nur Stoff

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.04.2019. Morgen wird in Frankfurt die Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" eröffnet. Susanne Schröter in der FAZ und Sonja Zekri in der SZ sind darüber denkbar entgegengesetzter Auffassung. Lale Akgün erklärt bei hpd.de, warum die SPD Säkulare braucht, etwa um über "die rituelle Beschneidung von Jungen, Sterbehilfe und vieles mehr" zu diskutieren. Bloomberg bringt eine für Google recht peinliche Recherche: Youtube-Chefin Susan Wojcicki soll so gut wir gar nichts getan haben, um rechtsextreme Inhalte einzudämmen. Silicon Valley ist sowieso ziemlich faul, meint Peter Thiel in der NZZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.04.2019 finden Sie hier

Gesellschaft

Morgen wird die die schon im Vorfeld umstrittene Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst eröffnet. Das Kopftuch wird in attraktiven Fotos von winddurchwehten Schleiern kostbarer Machart als modisches Accessoire gefeiert.

SZ-Kritikerin Sonja Zekri steht in ihrer Besprechung so weit über der ganzen Sache, dass sie gleich in alle Richtungen abkanzelt: Die Ausstellungsmacher, weil das Kopftuch nun mal nicht nur Mode ist (am Ende dann aber doch), die Kritiker an der Ausstellung, weil Feministinnen heute halt gern mit Rechten gemeinsame Sache machen und rassistische Islamfeindlichkeit pflegen (dann fällt ihr ein, dass es doch "Millionen Frauen" gibt, die "sich den störenden Lappen eher heute als morgen vom Kopf reißen" würden, ließe man sie denn). Aber vielleicht hat Ausstellungsmacher Wagner K doch recht recht, sinniert sie, "vielleicht ist es wirklich nur Mode, nur Stoff. Frauen in der islamischen Welt nennen als größte Geißel jedenfalls selten die Kleidungszwänge. Zugang zu Medizin, Sicherheit, Erbrecht, Schulen für Mädchen - vieles ist wichtiger. Und dass die westliche Obsession von der Befreiung der muslimischen Frau häufig taktische Züge hat, weiß man seit dem Afghanistan-Krieg, der ja auch deshalb so unerfreulich ist, weil die Afghaninnen nach wie vor Burka tragen."

Ganz anders sieht es die Ethnologin Susanne Schröter in der FAZ. Sie erzählt, dass hübsch aufgemachte "islamische Mode" ein Vehikel war, um den Kopftuchzwang in Indonesien durchzusetzen. Während Frauen in Indonesien vor zehn Jahren noch ohne Kopftuch herumliefen, gelten Verhüllungen heute "vielen indonesischen Muslimen mittlerweile als moralisch rein, offene Haare als schandhaft. Das fängt bereits bei Kindern an. Mit unbedeckten Haaren herumrennen und mit Jungen spielen ist mancherorts gar nicht mehr möglich. Sittsam sollen sie sein, die kleinen Mädchen, und darauf achten, dass sie sich nicht entblößen. Zeitlich parallel zu dieser Verschärfung der Regeln für Mädchen und Frauen begann eine islamische Modeindustrie zu boomen."

Lale Akgün gehört zu den Sozialdemokratinnen, die in der SPD einen säkularen Arbeitskreis gründen wollen und von der Parteispitze zurückgepfiffen werden (unsere Resümees). Im Interview mit Nadine Pungs auf hpd.de spricht sie über die Idee eines liberalen Islams, den sie für machbar hält, und begründet, warum Säkularismus gestärkt werden sollte, gerade in der SPD: "Über vierzig Prozent der Gesellschaft gehört gar keinem Glauben mehr an, übrigens auch bei den sogenannten Muslimen. Die Moscheen sind genauso leer wie die Kirchen, außer vielleicht freitags. Die SPD kann diese Entwicklung nicht ignorieren, insbesondere nicht bei Fragen wie die Ablösung der Altlasten, die Kirchensteuer, die rituelle Beschneidung von Jungen, Sterbehilfe und vieles mehr."

In Lamya Kaddors Bericht über pädagogische Möglichkeiten, gegen muslimischen Antisemitismus bei Jugendlichen einzutreten, den sie für die Bundeszentrale für politische Bildung anfertigte (unser Resümee), heißt es: "Viele Jugendliche rechtfertigen ihre antisemitischen und menschenfeindlichen Einstellungen dadurch, dass sie durch die zunehmende Islamfeindlichkeit selbst abgewertet und diskriminiert werden. " (Hier der Bericht als pdf-Dokument.)

Alan Posener antwortet darauf in der Welt: "Irgendein Knallkopf beschimpft mich als 'Scheißmoslem', und ich reagiere, indem ich dem nächstbesten Kippa-Träger 'Scheißjude' zurufe. Logisch, oder? Die Juden sind sowieso an allem schuld. Um nämlich auf den Gedanken zu kommen, meine Frustrationen und Minderwertigkeitsgefühle an den Juden abzureagieren, muss man schon mal antisemitisch eingestellt sein."

Auch von Künstlern (und natürlich Künstlerinnen) wird heute verlangt, dass sie sich in der Vergangenheit stets untadelig aufgeführt und nicht bewusst oder unbewusst gegen die Codes politischer Korrektheit verstoßen haben. Nora Bossong ist damit in ihrer taz-Kolumne nicht ganz einverstanden: "Ohne Ambivalenz lässt sich eine Gesellschaft weder im Kleinen noch im Großen verstehen und in Bezug auf künstlerische Arbeit ist zudem geradezu binsenweisheitlich bekannt, dass sich bestimmte kompensatorische Dynamiken mitunter durchaus positiv auf den Schaffensprozess auswirken können, wenngleich nicht unbedingt auf das Umfeld des Künstlers (oder der Künstlerin, historisch gesehen dominiert hier allerdings das Maskulinum)."
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Europa

Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador hat Spanien und den Papst aufgefordert, sich für die Eroberung Lateinamerikas zu entschuldigen, berichtet Thomas Urban in der SZ. Die spanische Rechte freut es, weil die Forderung den sozialistischen spanischen Ministerpräsidenten weiter schwächt. Der wiegelte ab. "Präziser wurde der für seine scharfen Repliken bekannte Außenminister Josep Borrell, der frühere Präsident des Europa-Parlaments: Obradors Erklärung sei 'aus der Zeit gefallen'. Schließlich komme ja auch in Madrid niemand auf die Idee, von Frankreich Entschädigung wegen der Invasion Napoleons zu verlangen; dessen Truppen waren brandschatzend durch Spanien gezogen. Im Übrigen seien die Nachkommen der meisten Spanier von damals heute Bürger Mexikos."
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Stichwörter: Spanien, Kolonialismus

Ideen

Zu viel Bequemlichkeit und Konformismus im Silicon Valley beklagt der Unternehmer Peter Thiel in einem langen Interview mit René Scheu in der NZZ (Berlin kommt auch nicht besser weg). Überhaupt leide der Westen an einer wirtschaftlichen Stagnation, nicht mal Trump, den er bekanntlich unterstützt, sei disruptiv genug. Darüber könnten auch neue Gadgets nicht hinwegtäuschen: "Die Leute hätten gerne Fortschritt, aber sie sehen keinen. Sie strampeln sich ab, und dennoch bleibt nichts übrig. Das führt einerseits zu Frust, anderseits zu Misstrauen gegenüber denen, die es besser haben. Ich würde die populistische Revolte, die den ganzen Westen erfasst, hauptursächlich darauf zurückführen. Es geht nicht primär um Anerkennung und Würde, nein, es geht um einfache, reine, harte Ökonomie. ... hier rühren wir an eine ganz fundamentale Frage, die uns alle betrifft: Kann eine Demokratie nach westlichem Vorbild in einer Welt ohne ökonomisches Wachstum auf Dauer überhaupt funktionieren?"
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Archiv: Ideen
Stichwörter: Thiel, Peter

Politik

Von der Ukraine könnten die USA am meisten über Fake News und russische Einflussnahme bei Wahlen lernen, schreibt Geoffrey Cain in der New Republic. Als gutes Beispiel nennt er das Erziehungsprojekt IREX, das auch Schulkinder den Umgang mit dem Thema lehre: "Am interessantesten ist vielleicht, dass die Ukraine Fake-Kampagnen in Graswurzelkampagnen durch Acht- und Neunklässler aufspüren half, die durch IREX trainiert sind und das sie diese Fake News auf Seiten wie StopFake.org aggressiv herausstellt. Sie hat auch gelernt, Medien wie RT als Staatsakteure statt als reguläre Medien zu behandeln."

Die Russen haben allerdings schon wieder neue Taktiken entwickelt, berichten unterdessen Michael Schwirtz und Sheera Frenkel in der New York Times ebenfalls am Beispiel der ukrainischen Wahlen: "Sie versuchten, die neuen Sicherheitsregeln von Facebook zu zu umgehen, indem sie ukrainische Bürger bezahlten, um ihnen Zugang zu ihren persönlichen Seiten zu geben."

Außerdem: Snigdha Poonam und Samarth Bansal berichten in The Atlantic, wie indische Parteien die Wahlkämpfe im Land durch Desinformationskampagnen vergiften.
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Kulturpolitik

Im Interview mit der SZ fordert die SPD-Kulturpolitiker Helge Lindh den Umbau der Limbach-Kommission, damit künftig Erben der Kommission auch allein eine Rückgabeforderung präsentieren können (derzeit geht das nur zusammen mit dem betroffenen Museum). Das ist umstritten, weil es viel Geld für Gutachten und Forschung gewissermaßen auf Zuruf kosten würde. Lindh fände das trotzdem richtig: "Wir gehen davon aus, dass der öffentliche Druck hoch ist, wenn die Beratende Kommission erst einmal zu einer Empfehlung gekommen ist."

Internet

Mark Bergen bringt bei Bloomberg eine für Youtube ziemlich peinliche Recherche. Während Facebook immerhin daran arbeite, seine Inhalte zu bereinigen, tue man bei Youtube so gut wie nichts, um Verschwörungstheoretiker, Impfgegner oder Rechtsradikale auszuschließen, berichtet Bergen, der mit vielen Mitarbeitern und Ex-Mitarbeitern des Google-Ablegers gesprochen hat. Das einzige, was für die Youtube-Chefin Susan Wojcicki zähle, sei Reichweite. Nicht, dass es intern nicht Versuche gegeben hätte, Problemlösungen zu finden. "Ein Mitarbeiter wollte problematische Videos, die nicht weit von Hassrede entfernt waren, markieren und sie Usern nicht weiter empfehlen. Ein anderer wollte diese Videos tracken, um ihre Popularität zu beobachten. Ein dritter, der sich über die Verbreitung von 'alt right'-Videos Sorgen machte, schuf eine interne Übersicht, die zeigte, wie populär sie waren. Jedes Mal bekamen sie mehr oder weniger dieselbe Antwort: Bring das Boot nicht zum Kentern."

Gestern haben wir auf einen Artikel in Meedia über die Bloggerin Berit Müller verlinkt, die ihr Mode-Blog wegen der Abmahnungen durch den Fotografen Axl Jansen schließt (unser Resümee). Der Fall sorgt seit mehreren Tagen für interessante Diskussionen im Netz, unter anderem, weil der Modekonzern Zalando der Bloggerin diese Fotos mit der Bitte um Veröffentlichung geschickt hatte. Zalando hatte dabei aber nicht erwähnt, dass die Rechte für die Fotos auf sechs Monate befristet waren - eine absurde Frist, wie Müller in ihrem Abschiedspost schreibt, denn in diesem Zeitraum war die Kollektion von Eleonora Carisi, um die es ging, noch im Handel. Bei piqd.de hat der Blogger Felix Schwenzel auf diese Geschichte verlinkt und ein paar interessante Details nachgetragen.

"Ärgerlich ist dreierlei", schreibt Felix Schwenzel: "Zalando weigerte sich, der Bloggerin zu helfen, der Fotograf scheint bei seinen Abmahnungen einen Bogen um größere Verlage zu machen und sich auf leichte Beute zu konzentrieren und der Gesetzgeber macht keinerlei Anstalten, das Urheberrecht auch für Urheber ohne Rechtsabteilung navigierbar und praktisch anwendbar zu machen."
Archiv: Internet