9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2019 - Kulturpolitik

Frankfurt muss sein Schauspielhaus sanieren. Dafür wurden erst neunhundert Millionen veranschlagt, jetzt nur noch fünfhundert. Hubert Spiegel (FAZ) möchte der Kulturpolitik der Stadt gern glauben, dass nur das "unbedingt Nötige" ausgegeben wird, hat aber trotzdem Einwände: "Denn dass eine Theatersanierung eine halbe Milliarde Euro oder sogar deutlich mehr kosten soll, will dem Frankfurter von heute und vermutlich auch dem von morgen nicht so ohne weiteres in den Kopf. Da tut sich ein gewaltiges Akzeptanzproblem auf, das sich allein mit technischen, durchaus triftigen Argumenten wie Brandschutz, Klimatechnik und dem Wust von immer komplizierteren Bauvorschriften nicht vertreiben lässt. Wenn die öffentliche Hand Ausgaben in dieser Größenordnung tätigt, bedarf es einer Legitimation ganz anderer Art."
Stichwörter: Schauspiel Frankfurt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2019 - Kulturpolitik

Schönreden auf Berliner Art: Was wäre so schlimm, das Humboldt Forum leer zu eröffnen, fragt Boris Pofalla in der Welt und meint: "Für das Humboldt-Forum hätte die innere Leere sogar eine gewisse Konsequenz: das wiedererrichtete Berliner Stadtschloss ist zuallererst als Hülle konzipiert worden."

In der taz meint auch Thomas Mauch: "Da werden sich schon auch ohne Elfenbein genug Schaulustige einfinden, wenn das Humboldt Forum Ende des Jahres wirklich die Pforten öffnet. Und die sich dahinter auftuende Leere könnte man dann gut als Denkraum nutzen. Als Erinnerung, dass lange vor dem Humboldt Forum doch erst die Idee stand, dass man an Stelle des Palasts der Republik mit seiner DDR-Vergangenheit lieber wieder das im Realsozialismus geschleifte historische Stadtschloss hätte - ohne dabei recht zu bedenken, dass es in Deutschland gar keine Könige und Königinnen mehr gibt, die das auch bewohnen könnten."

Ähm, und was genau soll gezeigt werden, fragt Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung - die Innenräume wohl kaum, an denen wurde ja ebenso wie an den Ausstellungsbedingungen gespart: "Die Säle, die ursprünglich für Bibliotheken gedacht waren und nun sinnvollerweise für Ausstellungen genutzt werden sollen, erhielten nicht die daraus ausgerichteten Klimaanlagen. Vitrinen wurden mit billigen, aber stark spiegelnden Gläsern bestellt. Überhaupt entspricht die technische Ausstattung des Humboldt-Forums nach Angaben von Kuratoren und Restauratoren überwiegend eher den Stand der mittleren 90er-Jahre, also kaum den heute geltenden Standards."

Die Liste der verschobenen Ausstellungen, Eröffnungen und Pläne der Berliner Kulturprojekte ist lang und allen gemein ist das Schweigen im Walde der Berliner Kulturpolitik, erinnert Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Warum diese Angst vor offenen Ansagen? Warum nicht klar vermitteln: Die Idee mit dem Humboldt-Jubiläumsjahr war schön, aber wir eröffnen lieber mit Aplomb im Sommer 2020?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2019 - Kulturpolitik

Jetzt ist also die Klimaanlage im Humboldt Forum nicht fertig geworden - und damit wird auch die letzte geplante Schau - eine üppige Elfenbeinausstellung -  die zur Eröffnung präsentiert werden sollte, auf 2020 verschoben, seufzt Jörg Häntzschel in der SZ. Dabei hatten zahlreiche internationale Museen schon längst abgelehnt, "ihre kostbaren Elfenbeinstücke in ein Haus zu geben, das sich noch im Bau befindet". Das Humboldt-Forum soll dennoch im November eröffnen - leer, denn auch "das Stadtmuseum und die Humboldt-Universität haben ihre Ausstellungen auf Frühjahr 2020 verschoben. Die beiden oberen Stockwerke, die vom Ethnologischen Museum und vom Museum für Asiatische Kunst bespielt werden, sollen von diesem Zeitpunkt an nach und nach geöffnet werden. Doch auch dieser Zeitplan ist, so sagen viele, nicht zu halten. Denn noch wurde die komplizierte und unter größtem Zeitdruck installierte Haustechnik nie getestet. 'Die Stunde der Wahrheit hat noch nicht geschlagen', so ein Beteiligter. 'Baubomben' könnten weitere Verzögerungen verursachen."

Und auch das inzwischen auf 400 Millionen Euro angewachsene Museumsprojekt des Neubaus der Neuen Nationalgalerie könnte scheitern, schreibt Hanno Rauterberg in der Zeit: "Wer sich umhört hinter den kulturpolitischen Kulissen, wer mitbekommt, wie abfällig und bös dort geredet wird, ohne dass je irgendetwas davon in der Zeitung zitiert werden dürfte, wer also weiß, wie groß der Argwohn ist und wie winzig die Euphorie, dem steht klar vor Augen, dass es mit Deutschlands wichtigstem und gewiss teuerstem Modernemuseum rasch vorbei sein könnte."

Keineswegs sicher ist dagegen, dass der BER im Oktober 2020 eröffnen wird, wie Peter Neumann in der Berliner Zeitung meldet:  "Kein Planer will die Hand dafür ins Feuer legen, dass die Wirk-Prinzip-Prüfung positiv verläuft - darüber entscheiden die Prüfer. Deshalb will auch Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD), der Berlin in der FBB-Gesellschafterversammlung vertritt, nicht garantieren, dass der Flughafen im Oktober 2020 öffnet. Von einer Garantie wolle er nicht sprechen, sagte er im Beteiligungsausschuss - wohl aber von einem 'zielorientierten Prozess' zur Fertigstellung."

Die Nachricht von der Vertragsverlängerung für Daniel Barenboim an der Staatsoper Berlin gibt dem Berliner Musikleben nicht gerade einen Push, meint Hartmut Welscher. Sein Van Magazin hatte Daniel Barenboims Führungsgebaren zuerst thematisiert (unser Resümee). Schon im März hatte Welscher nach einer Erneuerung gerufen. Nun insistiert er: "Das gerade vorgestellte Programm für die Saison 2019/20 liest sich wie eine uninspirierte Parodie auf die Vorhersagbarkeit konservativer Spielzeitplanung. Die Gastdirigenten und Solisten sind namhaft, aber auch die üblichen verdächtigen musikalischen Freunde Barenboims, die seit Jahren das Programm bestreiten. Das Haus versprüht Hermetik und Traditionalismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2019 - Kulturpolitik

Der 76-jährige Daniel Barenboim bleibt der Staatsoper noch mindestens bis 2027 als Generalmusikdirektor erhalten, sein Vertrag wurde von Berlins Kultursenator Klaus Lederer gerade um weitere fünf Jahr verlängert, meldet Julia Spinola in der SZ. Außer Barenboim scheint dies auch das Orchester gewollt zu haben. Vorwürfe des Machtmissbrauchs, die eine Reihe ehemaliger Orchestermitglieder gegen Barenboim erhoben hatten (mehr hier), lässt Spinola nicht gelten: "Es hatte von vornherein einen schalen Beigeschmack, dass die Vorwürfe eines angeblich seit Jahren betriebenen Machtmissbrauchs Barenboims genau während der anstehenden Vertragsverhandlungen lanciert worden waren. Der Kultursenat tut jedenfalls gut daran, denen Einhalt zu gebieten, die Barenboim vom Sockel stürzen und womöglich sein Lebenswerk vernichten wollten." Auch Tagesspiegel (hier) und Berliner Zeitung (hier) reagieren mit verhaltener Zustimmung.

Nur Uwe Friedrich ärgert sich im Kommentar auf Dlf Kultur: "Von Erneuerung, künstlerischem Aufbruch keine Spur. Wieder einmal bewahrheitet sich, dass es in der Berliner Kulturpolitik überhaupt nicht um Kunst, um Wagemut, gar um Innovation geht. Kultursenator Klaus Lederer von der Linken reicht es völlig, wenn der Betrieb halbwegs reibungslos läuft. ... Barenboim wird einen unserer exponiertesten Kulturtempel weiter wie sein Privateigentum behandeln, weil er zu eitel und der Kultursenator zu schwach ist für eine vernünftige Lösung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2019 - Kulturpolitik

Anna Valeska Strugalla erinnert in der taz daran, wie in den siebziger Jahren über die Rückgabe von Kolonialkunst debattiert wurde. Als der Direktor des Bremer Überseemuseums Herbert Ganslmayr eine moralische Verpflichtung der Museen ansprach, wurde ihm rüde geantwortet: "'Dieser Kollege ist wirklich ein Brechmittel', so machte der Leiter des Staatlichen Museums für Völkerkunde in München, Andreas Lommel, seinem Ärger über den Bremer 'Querulanten' Luft. Selbstgewiss schrieb er: 'Wenn Objekte den Afrikanern zurückgegeben werden müssten, dann müssten alle Europäer (…) und vor allem die Sowjetunion etwas zurückgeben. Auf die Sowjetunion ist immer Verlass: Sie wird nichts zurückgeben. Die anderen Völker, Chinesen, Japaner, stellen solche dummen Anfragen nicht. Sie kaufen entweder zurück oder freuen sich über die Werbewirkung der im Ausland gezeigten Gegenstände.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2019 - Kulturpolitik

Über Raubkunst in der SBZ und der DDR weiß man erstaunlich wenig, lernt Susanne Messmer (taz), bei einer Pressekonferenz des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste im Deutschen Historischen Museum. So hatte das MfS 1962 während der Operation "Licht" die Inhalte Tausender seit dem Zweiten Weltkrieg ungeöffneter Schließfächer und Tresore konfisziert, erfährt Messmer von Thomas Widera vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, der "sehr plastisch vom Ausmaß und der Skrupellosigkeit des staatlichen Kunstraubs in der SBZ und der DDR [erzählte]. 'Das MfS hat bei der Aktion 'Licht' die Provenienz vollständig verunklart', sagt er. Vermutlich wurden vor allem die Hinweise auf ehemalige jüdische Eigentümer gezielt vernichtet - die DDR hatte schließlich den Antifaschismus zur Staatsdoktrin erhoben. Es hätte mehr als seltsam ausgesehen, wenn dieses Land ganz offiziell Kulturgüter von Faschismusopfern in den Westen vertickt hätte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2019 - Kulturpolitik

Auch in Afrika hat sich die Zeit weitergedreht, entgegnet die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin in einem langen, kritischen Welt-Essay Benedicte Savoy und Felwine Sarr und warnt vor den "neokolonialistischen Folgen" der Debatte um die Rückgabe von Kolonialkunst (unsere Resümees). Sarr und Savoy wirft sie "europäisch-elitäres Kunstverständnis" vor, denn: "Bei vielen Artefakten, die großen symbolischen und ökonomischen Wert besitzen, handelt es sich - vor dem Hintergrund heutiger Vorstellungen von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie betrachtet, also der Warte, von der aus auch die postkolonialen Wortführer argumentieren - zu einem beachtlichen Teil um Abzeichen der Macht von autokratischen Herrschern. Teilweise stammen sie aus einem kultisch-religiösen Bereich, der nur einem relativ auserwählten Kreis meist von Männern zugänglich war. Dass ausgerechnet solche Artefakte, die vorbestimmte Eliten auch als Herrschaftsinstrumente über ihr 'Volk' verwendeten, nun zur Identitätsbildung generell von Menschen und Gemeinschaften in Afrika südlich der Sahara verwendet werden sollen, klingt eher zynisch. Denn sie sollen, gemäß Sarr/Savoy, Individuen und Gemeinschaften dazu dienen, Erinnerungsarbeit zu leisten, um ihre Identität wiederzufinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2019 - Kulturpolitik

Gegen in Polen geltendes Recht hat Polens Kulturminister Piotr Glinski den 65 Jahre alten, in moderner Kunst nicht bewanderten, dafür aber linientreuen Archäologen Jerzy Miziołek als neuen Direktor für das Nationale Museum ernannt, meldet Florian Hassel in der SZ. Und Miziolek ließ ihm besonders "anstößig" erscheinende Werke auch schon bald entfernen - zumindest bis massive Proteste einsetzten: "Ein Schmuckstück der Galerie für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts ist die Fotoreihe und Videoinstallation 'Sztuka komsumpcyjna' ('Die Kunst des Verbrauchs'). In der nimmt sich eine junge Polin genüsslich einer Banane an. Das Werk von 1972 wurde seinerzeit als Kritik an der Mangelwirtschaft des kommunistischen Regimes interpretiert und gehört zu den zentralen Arbeiten der Breslauer Avantgardekünstlerin Natalia LL (Lach-Lachowicz). Die verquickte in ihren Performances, Videos, Grafiken und Bildern immer wieder auf provokante Art Sexualität und Politik und gehört zu den auch in Paris, in der Londoner Tate Gallery oder im Kölner Museum Ludwig gezeigten Pionierinnen des Feminismus in der polnischen Kunst."

In fünf Jahren soll Notre Dame wieder in neuem Glanz erstrahlen, Emmanuel Macron hat bereits einen Architekturwettbewerb ausgelobt und Monika Grütters hat vor Ort auch schon Hilfsangebote zugesagt, etwa in dem sie die Traditionshandwerker des Humboldt-Forums bei Bedarf nach Paris schicken will, meldet Joseph Haniman in der SZ. In einem vom Figaro veröffentlichten Aufruf ermahnen derweil mehr als tausend internationale Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Macron, nichts zu überstürzen, so Hanimann: "Tatkraft sei schön und gut, schreiben sie, doch sei die Agenda der Politik nicht die der Denkmalpflege. Diese müsse sich vor zahlreichen Generationen verantworten. Die Unterzeichner wollen sich nicht für eine bestimmte Lösung aussprechen, für einen originalgetreuen oder einen zeitgenössischen Wiederaufbau, sondern plädieren für eine sorgfältige Diagnose des Zustandes vor jeder Entscheidung. 'Sorgen wir dafür, dass das komplexe Hin und Her der Überlegungen nicht vom forschen Effizienzstreben überrollt wird', fordern sie in listiger Anspielung auf Macrons eigenen Anspruch auf 'komplexes Denken' gegenüber der herausfordernden Schnelllebigkeit unserer Zeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2019 - Kulturpolitik

Auch Jörg Häntzschel (SZ) fand es langsam an der Zeit, in Sachen Raubkunst auch mal mit afrikanischen Museumsleuten zu sprechen. Auf zwei Seiten schildert er seine Eindrücke von einer Reise nach Kamerun, wo das europäische Konzept Museum nicht so recht zündet. In der Kleinstadt Forumban besucht er das Privatmuseum, das die Prinzessin Rabiatou Njoya und ihr Bruder erbaut haben. Von hier brachte der deutsche Hauptmann Hans Glauning einst den perlenbesetzten Thron des Königs Njoya nach Berlin. Der König wurde im Gegenzug mit einem Grammophon und ein paar Platten abgespeist: "Prinzessin Rabiatou Njoya ist nur telefonisch zu erreichen. Den Gesichtsverlust ihres Großvaters will sie nicht eingestehen. 'Er hat den Deutschen den Thron geschenkt!', ruft sie, irritiert von der Unterstellung, er sei betrogen worden, ein Opfer der Kolonialisten wie so viele. Könnten Berlin und Foumban nicht Original und Kopie tauschen? 'Wenn das möglich wäre, gut!', meint sie, zumal die Kopie ohnehin entweiht ist. Ein Foto von 1912 zeigt den österreichischen Kaufmann Rudolf Oldenburg, der respektlos seinen Stiefel auf den Thron stellt. Noch lieber wären ihr aber Tantiemen, sagt sie. Sie könnte sie gut für ihr Museum brauchen, in dem sie unter anderem restituierte Objekte aus Frankreich zeigen will." (Mehr zur Geschichte des Throns in einem taz-Artikel von Marlene Militz vom Dezember 2018)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2019 - Kulturpolitik

Zwischen allen Erfolgsmeldungen vernimmt Christiane Peitz im Tagesspiegel bei Klaus Lederers Halbzeitbilanz doch einige Misstöne, etwa mit Blick auf die Diskussion um freien Eintritt im Humboldt-Forum: "Da fühlt sich Lederer von Kulturstaatsministerin Monika Grütters über den Tisch gezogen. Das Schloss gratis zugänglich, das bedeutet auch freien Eintritt bei der vom Land finanzierten Berlin-Ausstellung. Die Einnahmeverluste sollten bei den Betriebskosten ausgeglichen werden, so habe der Bund es in Aussicht gestellt. Als 'erhebliches Entgegenkommen', sagt Lederer. Vor vier Wochen wurde dem nun eine Absage erteilt." In der Berliner Zeitung ergänzt Harry Nutt, Lederer verfolge stattdessen die Idee "sozial Unterprivilegierten generell den Zugang zu Kultur zu erleichtern. Das Humboldt-Forum muss demnach in ein Gesamtkonzept Berliner Kultureinrichtungen einbezogen sein."