Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Hans-Jürgen Papier ist Vorsitzender der Limbach-Kommission, die ich mit Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter befasst. Im Gespräch mit Jörg Häntzschel von der SZ beklagt er mangelnde Befugnisse und Wirksamkeit der Kommission: "Wozu verhandeln wir diese Fälle überhaupt, wenn ein Rechtsstreit später vor amerikanischen Gerichten geführt wird? Diese Fälle gehören vor deutsche Gerichte, denn es sollte um Akte deutscher Wiedergutmachung gehen, nicht um solche, die von ausländischen Gerichten aufgezwungen werden. Belässt man alles, wie es ist, kann die Kommission die Gründe, die in der Öffentlichkeit zu ihrer Delegitimierung immer wieder angeführt werden, nicht ausräumen."
Mit der Provenienzforschung in ethnologischen Museen soll nur Zeit geschunden werden, glaubt in der SZ der Hamburger Globalhistoriker Jürgen Zimmerer, für den alle während des Kolonialismus erworbene Kunst Raubkunst ist - bis zum Beweis des Gegenteils: "Für den Umgang mit kolonialen Sammlungen bedeutet dies, dass die Beweislast umgekehrt werden muss, ein Objekt sollte also als unrechtmäßig erworben gelten, bis das Gegenteil erwiesen wird. Die gängige Annahme, alles sei rechtmäßig erworben, bis das Gegenteil erwiesen ist, schreibt dagegen die koloniale Rechtfertigungslogiken fort, zumal die Dokumentation fast vollständig aus der Feder der Kolonisierenden stammt."
Restitutionsforderung hier, Kulturgutschutzgesetz und Koordinationsprobleme zwischen den Bundesländern dort - Konzept: Fehlanzeige, schreibt Thomas E. Schmidt in der Zeit und fragt: "Welche Objekte gehören zwingend in afrikanische, genauer gesagt: in noch zu gründende afrikanische Museen? Und was könnte aus diesem Übertragungsprozess darüber hinaus folgen? Bloße Rückgabe ist ja kein Austausch. Austausch müsste die Geste mit weiter reichender Fantasie begleiten, mit außen- und kulturpolitischer. Danach sieht es nicht aus. Die letzten Einlassungen der zuständigen Kulturstaatsministerinnen Grütters und Müntefering zum Thema erwecken nicht den Eindruck, die beiden hätten dazu ein schlüssiges Konzept. Sie sind eher von der Furcht geprägt, in der aufgeregten Debatte als Bremserinnen dazustehen."
Jörg Häntzschel fürchtet in der SZ, dass die von Bénédicte Savoy geforderte mehr oder weniger umstandslose Restitution von Kolonialkunst in Deutschland nicht schnell genug von statten geht. Das derzeit viel Geld - 1,9 Milliarden Euro - in die Provenienzforschung gesteckt wird, befriedigt ihn nicht: "Von Restitutionen ist nirgends die Rede. In erster Linie geht es darum, aufzuklären, wie die Gegenstände in deutsche Museen kamen, nicht darum, die engere Frage zu beantworten, ob auf rechtmäßige oder unrechtmäßige Weise. Was will man also? Geschichte und Umstände des kolonialen Kunstraubs erforschen? Oder, wie Savoy und Sarr, pragmatisch Restitutionen einleiten?"
Bernhard Schlinkliest für den TagesspiegelHorst Bredekamps neues Buch über Aby Warburg und seine kulturethnologischen Forschungen und meldet am Schluss recht deutliche Kritik an der gerade tosenden Restitutionsdebatte an: "Die koloniale europäische Vergangenheit wird beurteilt, als finde sie heute statt, und weil Kolonialismus heute insgesamt und rundum unmoralisch wäre, soll auch alles, was in der kolonialen europäischen Vergangenheit geschah, unmoralisch sein, nicht nur die Überwältigung indigener Völker und Kulturen, sondern auch die völkerkundliche Beschäftigung mit ihnen... In den schlichten Argumenten der Forderung nach Restitution wird diese schlichte Wahrnehmung der kolonialen europäischen Vergangenheit politisch zugespitzt."
Vielleicht klären die "Entkolonisierungsaktivisten" vor ihren "Reinigungsaktionen" erstmal, wohin in Afrika sie die Kulturgüter eigentlich geben wollen, schreibt die Göttinger Ethnologin BrigittaHauser-Schäublin, die das Projekt "Umstrittene Sammlungen" im Rahmen der DFG-Forschergruppe Cultural Property leitete, in der FAZ. Fast alle afrikanischen Staaten sind Vielvölkerstaaten, in denen traditionelle Hierarchien noch über der - durch europäische Kolonisierung entstandenen - Organisation als Nationalstaaten stehen, meint sie: "Artefakte aus Afrika, die während der Kolonialzeit (und auch danach) erworben wurden, sind typischerweise kulturelle Güter, die für die unterschiedlichen ethnischen Gruppen charakteristisch beziehungsweise Ausdruck ihrer kulturellen Vorstellungen und Praxen waren. In vielen Fällen verstehen die Nachfolger der ehemaligen Besitzer oder Hersteller eines Artefakts, das sich heute in einem europäischen Museum befindet, den Gegenstand als ein Dokument ihrer eigenen tribalen Vergangenheit und nicht der Geschichte des Staates, dem sie seit der Unabhängigkeit untergeordnet sind. Eine Rückgabe an ein staatliches Museum in der Hauptstadt lehnen sie deshalb ab."
Als das Buch "Dinosaurierfragmente", das sich der Geschichte der Tendaguru-Expedition unter dem Kolonialregime der Deutschen in Tansania widmet, im Berliner Naturkundemuseum vorgestellt wurde, wollten sich weder der Direktor des Museums, Johannes Vogel, noch Benedicte Savoy, die den Abend moderierte, zur Frage äußern, ob das Skelett des Brachiosaurus brancai im Museum nach Tansania zurückgegeben werden müsse, schreibt Ronald Düker in der Zeit und hat bei beiden noch einmal nachgehakt. Savoy wäre für eine Rückgabe: "'Lasst uns darüber nachdenken! Das brächte neue Energien, neue Gelüste.' Es könne aber nicht ihre Rolle sein, so etwas zu fordern. 'Das Museum muss dafür schon selbst eine Sensibilität entwickeln.'" Vogel dagegen unterscheidet klar zwischen Fossilien und künstlerischen Artefakte: "Die am Tendaguru ausgegrabenen Fossilien seien doch nur der Rohstoff der eigentlichen Konstruktionsleistung gewesen: 'Eine Maske oder ein Thron - die sind für mich der Ausdruck der Identität und der handwerklichen Fähigkeit jeweils einer bestimmten Ethnie. Andererseits ist der Brachiosaurus hier in Berlin ebenfalls der Ausdruck der Kunstfertigkeit und der Identität einer bestimmten Ethnie. Das ist die Ethnie der Berliner Paläontologen.'"
Im Tagesspiegelhält Nicola Kuhn zwar nicht viel von Savoys Vorschlag, meint aber: "Ein Hinweis auf die Kolonialgeschichte, wenigstens ein klitzekleines Schild am Riesentier, wäre trotzdem mal angebracht."
Henri Edmond-Cross "Regatta in Venice". 1903/1904. Museum of Fine Arts, Houston Das Bild "Regatten in Venedig" des Impressionisten Henri-EdmondCross, das derzeit in einer Retrospektive im Museum Barberini ausgestellt wird, soll NS-Raubkunst sein, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Warum die Familie des Sammlers Gaston Levy, dessen Impressionistensammlung im besetzten Paris von der Gestapo beschlagnahmt wurde, ihre Rückgabe-Forderung nicht bereits an den Leihgeber, das Museum of Fine Arts in Houston, stellten, erklärt deren Anwalt mit den hohen Anwaltskosten in den USA. Und: "Bei dieser Art Raubgut werde in Deutschland sehr viel konsequenter durchgegriffen. Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters sei nun gefordert. Sie hat erst jüngst angekündigt, dass die Washingtoner Prinzipien auch für Privatmuseen gelten müssten. Das Museum Barberini hält sich bislang zurück."
Streit um das Jüdische Museum Berlin in der Jüdischen Allgemeinen. Die Jerusalem-Austellung des Museums war schon von Alan Posener in der Welt kritisiert worden. Zugleich aber hatte Benjamin Netanjahu die Bundesregierung für diese Ausstellung angegrifffen - eine Dummheit so Michael Wuliger in der JA. Nur darf man auch nicht, wie Wuliger es dem Direktor des Museums, Peter Schäfer, vorwirft, jegliche weitere Kritik an der Ausstellung wegen ihrer angeblichen Nähe zur israelischen Regierung desavouieren: "Die Kritiker der Jerusalem-Ausstellung, allen voran Alan Posener in der Welt, fordern nicht, dass das Museum sich zum Propagandisten der israelischen Regierung macht. Was sie monieren, ist, dass in der Schau der israelischen Position - notabene: nicht nur die der Regierung, sondern der ganz überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung quer durch die politischen Lager - unverhältnismäßig wenig Raum gegeben wird, verglichen mit der dort vorherrschenden arabisch-muslimischen Sichtweise. Und dass Alan Posener Benjamin Netanjahu 'sehr nahesteht', wird alle überraschen, die ihn und seine Texte kennen."
Richard Hüttel weist in der FAZ darauf hin, dass auch viel geraubte deutsche Kunst in Amerika liegt. So habe die in Meißen geborene Alice Tittel nach Kriegsende zahlreiche Gemälde entwendet, darunter Gemälde von Louis de Silvestre aus dem Dresdner Schloss entwendet und später in Amerika verkauft: Heute hängen die Bilder "im Museum of Fine Arts in Floridas 'Sunshine City' Saint Petersburg. Sie gehören zu den zahlreichen Beutestücken des großen Kunstraubes 1945."
Während in Europa noch über die Restitution von Kolonialkunst diskutiert wird, geht China ganz eigene Wege in der Repatriierung von Raub- und Kolonialkunstwerken, schreibt Minh An Szabó de Bucs in der SZ. Laut Unesco sollen sich noch etwa 1,67 Millionen chinesische Kulturschätze in mehr als 200 Museen in 47 Ländern befinden, immer wieder ersteigerten chinesische Milliardäre auch Artefakte zu gigantischen Preisen, so Szabo de Bucs weiter. Sie verweist dabei auch auf einen GQ-Artikel des Journalisten Alex Palmer, der von zahlreichen Einbrüchen in die ostasiatischen Sammlungen europäischer Museen berichtet. Kompromisse will China in jedem Fall nicht eingehen: "Die Handels- und aufstrebende Weltmacht hat mittlerweile die nötigen Mittel, um die versprengten Schätze 'heim ins Reich zu holen', so die wörtliche Übersetzung der chinesischen Zeichen für Repatriierung. Schon vor zehn Jahren wurde die Repatriierung des chinesischen Kulturerbes zur Staatssache erklärt und seitdem massiv vorangetrieben. Denn nur so kann aus chinesischer Sicht die damals von westlichen Mächten zugeführte Demütigung wieder rückgängig gemacht werden. Nur so wird China als Weltmacht auf Augenhöhe respektiert werden."
Es gibt nicht nur kulturpolitische Auseinandersetzungen zur Kolonialkunst, es gibt auch die Frage, was man von den afrikanischen Kulturen zeigen mag und was nicht, berichtet François Misser, der das neu eröffnete Brüsseler Afrikamuseum für die taz besucht hat. Ein Exponat, das früher dort ausgestellt wurde, sei heute nicht mehr zu sehen - außer auf einem Gemälde des kongolesischen Malers Chéri Samba: Es "zeigt zwei Gruppen von Weißen und Afrikanern im Tauziehen um eines der umstrittensten Ausstellungsstücke: die Skulptur des Leopardenmannes der Anyota-Sekte, der sich mit ausgestreckten Leopardenkrallen über eines seiner Menschenopfer beugt. Früher gab es ihn zu sehen, jetzt nicht mehr - die Museumsleitung findet ihn 'politisch inkorrekt', weil er einen Ritualmord darstellt." Es handelt sich um eine Skulptur des belgischen Bildhauers Jean Wissaert von 1915, mehr hier.
Im Interview mit dem Tagesspiegel sind Bénédicte Savoy und Felwine Sarr sehr zufrieden mit ihrem Bericht zur Restitution des afrikanischen Kulturerbes. Kritik daran lassen sie nicht gelten. Was die Rückgabe von Objekten angeht, möchten sie das mit den Regierungen der jeweiligen afrikanischen Länder verhandelt sehen: Sie "sollen entscheiden, wie mit den Objekten umzugehen ist, wem sie auszuhändigen sind, den Museen oder Erben. In Kamerun, Benin, Senegal, Mali haben die enteigneten Familien nichts dagegen, dass der Staat ihre Stücke zurückfordert und dann im Land weiterverhandelt wird. Dort gibt es dafür bereits eine Praxis", sagt Sarr.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Betsy Lerner: Meine goldene Schwester Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Holfelder-von der Tann. Es heißt, wenn eine Person in einer Familie instabil ist, bringt das die ganze Familie aus dem Gleichgewicht.…
Jörg Ernesti: Die Päpste Vom Bischof von Rom zur moralischen Weltmacht Eine Institution im Wandel: Wie das Papsttum über Jahrhunderte Macht, Kultur und Einfluss neu definierte Das Papsttum fasziniert…
Corine Pelluchon: Die Macht des Weiblichen Aus dem Französischen von Grit Fröhich. Ein feministisches Verständnis von politischer Macht. Wie kann man sich gegen die neuen Herrschaftslogiken wehren, die gegenwärtig…
Tuvia Tenenbom: Wie nennt ihr dieses Land hier? Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Adrian. Mitten im Kriegs- und Krisenjahr reist Tuvia Tenenbom dorthin, wo Geschichte, Religion und Politik auf engstem Raum aufeinandertreffen:…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier