9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2018 - Kulturpolitik

Der Berliner Historiker Manfred Gailus erinnert die Befürworter des heftig umstrittenen Wiederaufbaus der Potsdamer Garnisonkirche im Interview mit dem Freitag an die Tradition, für die die Kirche steht: Hindenburgs Handschlag mit Hitler und Hitlers Rede in der Kirche 1933, "Kriegspredigten 1914-18; kirchlich abgesegnete politische Agitation gegen die erste deutsche Demokratie, die Weimarer Republik, von 1919 bis 1933; schließlich lupenreine NS-Kultveranstaltungen der Hitlerpartei im Laufe des 'Dritten Reiches'. Das waren nicht mehr Kundgebungen eines völkisch-antisemitischen Christentums seitens der 'Deutschen Christen', sondern Zeremonien der politischen Religion der NS-Bewegung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2017 - Kulturpolitik

Die häufig problematische "Aneignung" ethnologischer Objekte muss im Humboldt-Forum stets zum Thema gemacht werden, Absichtserklärungen reichen nicht aus, schreibt der Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs in der FAZ: "Die Leitung und die Mitarbeiter künstlerischer und ethnologischer Institutionen müssen das Wagnis eingehen, an sich selbst das Abgründige von lustbesetzten kolonialen Besitzergreifungen zu erforschen. Wie weit manche noch davon entfernt sind, wird in Formulierungen deutlich, die die historische Aneignungspraxis in die Gegenwart verlängert wissen wollen: Die Besucher, heißt es, sollen das Humboldt-Forum 'in Besitz nehmen'."
Stichwörter: Humboldt Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2017 - Kulturpolitik

Gianna Niewel schildert auf einer Seite 3 in der SZ die Schwierigkeiten der Kölner mit Renovierung von Oper und Theater. Einziger Trost - sie sind nicht allein: "Als Nächstes redete einer über die Stimmung im Land. Die Berliner bauten am Flughafen BER. Und bauten. Und bauten. In Stuttgart mussten sie einsehen, dass 3,1 Milliarden Euro für den Bahnhof nicht reichen würden. Die Deutschen versuchten sich an Großprojekten und scheiterten an Kabelanschlüssen. Die Kölner würden nicht wollen, dass irgendwann auf ihre Kabelanschlüsse geschaut wird."
Stichwörter: Köln

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2017 - Kulturpolitik

Stefan Locke schildert im politische Teil der FAS die erstaunlichen Umstände am Militärhistorischen Museum in Dresden, das in Querelen untergeht und wo das aufwendige und vielversprechende Ausstellungsprojekt über "Gewalt und Geschlecht" kurz vor Eröffnung  schlicht und einfach abgesagt wurde: "Das alles verwunderte auch externe Beteiligte, Katalogautoren ebenso wie private Leihgeber und internationale Museen wie die Eremitage in Sankt Petersburg, das Veterans Museum in Chicago oder das Spielemuseum im amerikanischen Rochester. Einige zogen ihre Ausstellungsobjekte auch aufgrund anderer Verpflichtungen bereits zurück, der Ruf des Hauses in der Branche ist nun zumindest ramponiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2017 - Kulturpolitik

Martin Niewendick berichtet in der Welt von der ziemlich bizarren Preisverleihung für Ken Jebsen im Berliner Kino Babylon-Mitte, die das Kino auf Geheiß des Kultursenators Klaus Lederer zunächst abgesagt hatte, die dann aber wegen eines Gerichtsbeschlusses doch stattfinden musste (unsere Resümees). Der Preisträger fehlte. Die Laudatio wurde nicht von dem ursprünglich genannten tazler Mathias Bröckers gehalten. Den Tiefpunkt erreichte die Veranstaltung mit einem Auftritt Evelyn Hecht-Galinskis: "'So wie die Nazis die Juden getötet haben, töten die Juden heute die Palästinenser', rief sie. Später auf der Kinobühne wird sie angesichts der angeblichen Zensur durch Klaus Lederer fragen, ob es in Berlin bald wieder Bücherverbrennungen geben werde. Dann warnt sie vor einer drohenden 'totalen Israelisierung' und beschuldigt 'eine kleine jüdische Lobbyistin', die ARD zu manipuliert zu haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2017 - Kulturpolitik

"Herford, die Perle des Ravensberger Hügellandes, ist die Lösung", ruft Gerhard Matzig in der SZ. Jedenfalls was den Wohnungsbau angeht. Gelernt hat er das beim studentische Ideenwettbewerb "Wachstum in Kooperation: Neue Wohnraumangebote in der Region", was einen nicht wundert, denn Studenten können sich die Großstadtmieten heute noch weniger leisten als alle anderen: "Wer den Studenten, denen die Aufgabe gestellt war, über urbane Lebensräume abseits der eigentlichen Urbanitätsmaschinen, also jenseits der Großstädte, in der nordrhein-westfälischen Region nachzudenken, in die Entwürfe und Köpfe blickt, der entdeckt etwas Faszinierendes: das Land, nicht als abgehängten, nur zum Idyll taugenden Gammelraum der Gestrigkeiten, sondern als neues urban-vitales Lebensgefühl. In diesem Sinn ließe sich die 'Urbanität' von der 'urbs', der Stadt, entkoppeln. Urbanität ist mehr als nur Stadtraum. Urbanität ist eine Möglichkeitsform."

Außerdem: Andreas Kilb berichtet über gewaltigen Ärger beim beim Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden, dessen Direktoren versetzt wurden, wohl auch wegen allzu teuer Programmplanung - unter anderm plante das Museum eine Ausstellung über "Gewalt und Geschlecht", deren Budget allzu groß ausfiel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2017 - Kulturpolitik

In Frankreich hat Präsident Macron verkündet, in der Kolonialzeit geraubte Kulturgüter nach Afrika zurückgeben, berichtet Joseph Hanimann in der SZ. So versprach Macron bei einem Besuch in Algerien nicht nur, "37 Schädel von Rebellen zurückerstatten", sondern erklärte auch, er "könne nicht hinnehmen, dass das Kulturerbe zahlreicher afrikanischer Länder sich weitgehend in Frankreich und anderen westlichen Ländern befinde ... Das afrikanische Kulturerbe müsse neben Paris auch in Dakar, Lagos und Cotonou gezeigt werden. Der Präsident kündigte an, er werde dafür sorgen, dass in fünf Jahren die Voraussetzungen für eine zeitweilige oder endgültige Rückkehr der Exponate nach Afrika geschaffen seien. Die Pariser Museumswelt ist in Aufregung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2017 - Kulturpolitik

Es könnte sein, dass die Ehrung des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen im Berliner Kino Babylon Mitte nun doch stattfinden muss - so hat ein Gericht nach einer Klage der Veranstalter entschieden, die vom Kino hinausexpediert worden waren, berichtet Anna Lehmann in der taz. Das Kino hatte reagiert, nachdem der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, der das Kino großzügig subventioniert, die Veranstaltung auf Facebook kritisiert hatte (unsere Resümees). Der Parteivorstand der Linkspartei hat sich zwar mit einer Mehrheit von 18 zu 12 Stimmen von "Rechtspopulisten, Nationalisten, Verschwörungstheoretikern und Antisemiten" distanziert und sich mit Lederer solidarisiert. Aber Oskar Lafontaine ist damit nicht einverstanden, so Lehmann, und verweist auf dessen Facebook-Seite:  "Begriffe wie 'Verschwörungstheoretiker' oder auch 'Querfront' stammen aus dem Arsenal der Geheimdienste." Und schließlich: "Wen hat Ken Jebsen umgebracht?" In der Welt berichtet Martin Niewendick.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2017 - Kulturpolitik

Das Kreuzberger Kunstquartier Bethanien hat im Rahmen des Nordwind-Festivals aus Kopenhagen eine Ausstellung unter dem Titel "Märtyrermuseum" übernommen, die zwar nur noch bis morgen läuft, aber nun gewaltiges Aufsehen erregt, weil die französische Botschaft in Berlin dagegen protestiert hat. Denn hier werden etwa auch Bataclan-Attentäter als "Märtyrer" gezeigt. Selbst der Guardian bringt einen ausführlichen Ticker und zitiert aus einem Statement der Künstler: "Das Künstlerkollektiv verteidigte die Schau und betonte, dass man gegen jede Art der Gewalt oder des Terrorismus sei und dass es sich hier nur um einen erweiterten Blick auf den Gebrauch des Begriffs 'Märtyrer' handle. 'Alle Märtyrer in dem Kunstwerk sind entweder durch einen Staat, Religion oder Organisationen zu Märtyrern erklärt worden. Keiner der Märtyrer wurde von den Künstlern ernannt', sagen die Künstler in einem Statement." Das Statement auf der Website des veranstaltenden Nordwind-Festival liest sich etwas anders. Der Tagesspiegel berichtet bisher nur sehr kurz zu der Affäre.

Der Streit um den Moderator und Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen (unsere Resümees) scheint in der Linkspartei noch nicht ausgestanden zu sein, berichten Anna Lehmann und Erik Peter in der taz. Jebsen sollte zur Freude einiger Parteimitglieder am 14. Dezember im Kino Babylon-Mitte mit einem Preis ausgezeichnet werden. Der der taz eng verbundene Autor Mathias Bröckers, der ein ganzes Buch über Jebsen geschrieben hat, sollte die Laudatio halten. Und in der Linkspartei scheint es so viele Jebsen-Anhänger zu geben, dass man bei der Vorstandssitzung einen Beschluss gegen "Aktivitäten von Rechtspopulisten, Nationalisten, Verschwörungstheoretikern und Antisemiten" fassen musste, dem aber zwölf von dreißig Mitgliedern nicht zustimmten!

Außerdem: In der SZ beschreibt Michael Kohler den Streit um die abgesagte Max-Stern-Ausstellung in Düsseldorf.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2017 - Kulturpolitik

Viola König war bis zu ihrer Pensionierung am Freitag Direktorin des Ethnologischen Museums in Dahlem. Wieviele Konzepte sie für das Humboldt-Forum hat kommen und gehen sehen, weiß sie schon gar nicht mehr, bekennt sie im Interview mit Nikolaus Bernau von der Berliner Zeitung. Inzwischen werden die Museumsdirektoren bei der Planung kaum noch gefragt, kritisiert sie: "Als wir begonnen haben zu planen, da kannte man die Architektur ja noch nicht. Und die Beruhigungspille war immer: Es gibt zwar die barocke Fassade, doch dahinter können wir auf modernen Flächen ungehindert planen. Inzwischen breiten sich die Anhänger der Schlossidee auch im Inneren immer weiter aus. Jetzt sollen sogar Elemente des Schlosses in die Ausstellungen implementiert werden. Aber wenn ich das komplexe Weltbild der Bewohner des Amazonasgebietes zeigen will, und der Besucher begegnet dort der bestickten Rokoko-Thronrückwand der Königin Elisabeth Christine - wie soll man das vermitteln?"

Außerdem: In der NZZ erklärt der amerikanische Paläontologe Scott Sampson, warum in der Stadtplanung Big Data und grünes Denken kein Widerspruch sind: "Man prägt neue Begriffe wie 'technobiophile Städte' oder 'Nature Smart Cities', um dieses Mischkonzept zu beschreiben: urbane Räume, in denen die biologische ebenso wie die digitale Welt willkommen sind."