9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2018 - Kulturpolitik

Inés de Castro, Direktorin des Stuttgarter ethnologischen Linden-Museums, will nicht ans Berliner Humboldt Forum wechseln, meldet Nikolaus Bernau leicht schockiert in der Berliner Zeitung. So richtig erstaunt ist er aber nicht, denn Castros Stelle war von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) "vage in der verwaltungstechnischen Grauzone zwischen weisungsgebender 'Direktorin' oder weisungsnehmender 'Sammlungsleiterin' ausgeschrieben. Für Karrierebewusste ist so etwas abschreckend. Noch ungeklärter als die Position innerhalb der Staatlichen Museen ist die innerhalb des von Machtansprüchen des Bundes, des Landes Berlin, diverser Kulturorganisationen und Vereine geprägten Humboldt Forums."

Der Londoner Stadtteil Tottenham ist zwar enorm heruntergekommen, der Alltag von Gewalt und Drogen geprägt, aber einer Aufwertung der Gegend, die dem Neubau des Spurs-Stadions folgen könnte, misstrauen die Anwohner auch, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ: "Insgesamt sind 10 000 neue Häuser in Tottenham geplant. Auch das Schul- und das Gesundheitssystem werden erneuert. Das klingt gut, wenigstens auf dem Papier. Doch viele Einwohner sind gegen die 'Gentrifizierung'; sie fürchten einen Anstieg der Immobilienpreise und, erstaunlicherweise, auch einen Gesichtsverlust ihres Bezirks. Offenbar gilt hier wie überall in London: Egal wie traurig das Gesicht einer Gegend ist, so ist es doch vertraut, und man hält gern daran fest, eisern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2018 - Kulturpolitik

"Ich vermisse den aufrichtigen Versuch, das Problem Nazi-Raubkunst ein für alle Mal zu lösen", beschwert sich der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses Ronald Lauder im Interview mit der SZ. "Was hält die Deutschen davon ab, einfach zu prüfen, was in den kritischen Jahren, also zwischen 1933 und 1945, angekauft wurde? Und das vollständig öffentlich zu machen. Eigentlich ist der Auftrag doch klar. Aber statt Raubkunst-Fälle öffentlich zu machen, werden immer wieder die gleichen Entschuldigungen vorgebracht. Es läge am Föderalismus, was bedeutet, dass immer jemand anders das Problem lösen müsse, es läge an den Ländern, den Kommunen, den privaten Stiftungen. Es sind immer die gleichen Ausreden."

Auch mit der Rückgabe geraubter Artefakte in ethnologischen Museen wird es so schnell nichts. Dafür braucht es erst mal Regeln, meint Hermann Parzinger, Gründungsintendant des Humboldt-Forums im Interview mit dem Tagesspiegel: "Die Diskussion über Rückgaben ist eher hierzulande virulent, in den Herkunftsländern wird das erstaunlich differenziert gesehen. Ähnlich wie bei der NS-Raubkunst wollen wir nicht nur auf Rückgabeforderungen reagieren, sondern proaktiv forschen und dabei internationale Zusammenarbeit stärken. Man kann auch Leihgaben und ganze Ausstellungen austauschen. Unsere Sammlungen beleuchten die Welt bis ins frühe 20. Jahrhundert, danach wurde kaum mehr gesammelt, dadurch haben wir nur ein Bild der Vergangenheit. Wir müssen auch die Gegenwart zeigen, dazu brauchen wir Kooperationen mit den Herkunftsländern. Hier könnten sich ganz neue Formen des Austauschs entwickeln. Man soll nicht immer so tun, als wäre alles zusammengeklaut."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2018 - Kulturpolitik

Juristisch wird die Restitution von Kunstwerken aus der Kolonialzeit, wie sie Emmanuel Macron in Ouagadougou forderte, nicht einfach, glaubt Claudia Mäder in der NZZ: "Die Haager Konventionen aus den Jahren 1899 und 1954, die den Kulturgüterschutz in bewaffneten Konflikten regeln, gelten genauso wenig rückwirkend wie die Unesco-Übereinkunft von 1970, die in Fällen rechtswidriger Ausfuhr und Übereignung von Kulturgütern auch zu Friedenszeiten greift." Ebenfalls in der NZZ gibt Michaela Oberhofer, Kuratorin der Afrika-Abteilung des Museums Rietberg im Gespräch mit Philipp Meier zu bedenken, dass viele Bestände auch durch legalen Handel oder strategische Schenkungen afrikanischer Könige in Museen gekommen seien.

Und auch in Berlin soll jetzt "stadtweites postkoloniales Erinnerungskonzept" vorgelegt werden, berichtet Uta Schleiermacher im Berlin-Teil der taz.

Mit der "Düsseldorfer Erklärung" (hier der Volltext bei Buchmarkt) haben Kleinverlage eine Klausurtagung abgeschlossen. Unter dem Stichwort "Bibliodiversität" fordern sie darin die Kulturpolitik auf, ihnen besser unter die Arme zu greifen: Anregungen sind etwa die Anerkennung von E-Books als Kulturgut, eine "Bundeszentrale für literarische Bildung" und ein Preis nach Vorbild des Deutschen Buchhandlungspreises für ambitionierte Verlag mit prägnantem Profil und fairen Honorarzahlungen, berichtet Oliver Jungen in der FAZ. Im Deutschlandfunk-Gespräch erläutern Stefan Weidle und Jörg Sundermeier die Absichten der Kleinverleger.

Außerdem: Man ist "bemüht", schreibt Harry Nutt in der Berliner Zeitung zu den kulturpolitischen Passagen im Koalitionsvertrag: Die Provenienzforschung soll vorangetrieben werden, sogar das Humboldt-Forum werde mit einem Satz bedacht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2018 - Kulturpolitik

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und mitverantwortlich fürs Humboldt-Forum verlangt in der FAZ internationale Leitlinien zum Umgang mit Kunst aus ehemaligen Kolonien: "Dabei geht es nicht nur um die Frage von Rückgaben. Wir müssen ebenso klären, was wir unter shared heritage verstehen, wie wir gemeinsame Verantwortung, Teilhabe und Zusammenarbeit auf Augenhöhe ermöglichen wollen. Stéphane Martin, der Direktor des Pariser Musée du Quai Branly, schlug kürzlich vor, dass jene westlichen Staaten, die heute einen großen Teil des kulturellen Erbes Afrikas in ihren Museen verwahren, in einer internationalen Kooperation das eine oder andere Museum in Afrika einrichten beziehungsweise errichten könnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2018 - Kulturpolitik

Was ist der Sinn des Humboldt-Forums, wenn sich die ethnologischen Museen überall in der Krise finden, wenn Migration und Tourismus längst für direkten Kontakt mit fremden Kulturen sorgen, fragt Jörg Häntzschel in der SZ.

Antworten schickten eine Reihe Ethnologen, Kunsthistoriker und Aktivisten, die die SZ hier zusammengestellt hat. So fordert der in Wien lebende Publizist Kwame Opoku nicht nur die Rückgabe afrikanischer Artefakte, er wehrt auch jeden Versuch als "arrogant" ab, Bedingungen - etwa geeignete Aufbewahrungsmöglichkeiten - an diese Rückgabe zu stellen. Die Anthropologin Sharon MacDonald wünscht sich für die hiesigen Museen, die heimische Bevölkerung mehr in den Blick zu nehmen, um den Dualismus zwischen europäischen und außereuropäischen Kulturen abzubauen: "Um das ethnologische Museum wirklich zu dekolonialisieren und ihm neues Leben zu geben, müsste man ganz neu anfangen. Man müsste auch Europa in all seiner Vielgestaltigkeit zu seinem Thema machen. Mit Ausstellungen zu weniger erwartbaren Sujets, Ausstellungen, die Kulturen durchkreuzen und neue Seh- und Denkweisen eröffnen. Ausstellungen zu Themen wie Bürokultur, materiellem Exzess, dem Leben mit Hunden, zum Zerteilen und Tauschen von Körpern (vom Organspenden und dem Organhandel bis zu der Frage der human remains)."

In der SZ protestiert die israelische Schrifstellerin Lizzie Doron heftig gegen den geplanten Auftritt des israelischen Sängers Amir Benayoun vor den Vereinten Nationen am Holocaust-Gedenktag in New York. Benayoun hat das Lied "Ahmed liebt Israel" komponiert, ein rassistisches Lied, wie Doron findet, das von einem arabischen Studenten handelt, der einen terroristischen Angriff auf Juden plant: "Die Wahl der israelischen Regierung, ausgerechnet diesen Sänger bei der Holocaust-Gedenkveranstaltung der UN Israel repräsentieren zu lassen, bereitet mir jetzt schlaflose Nächte. Auch das Schweigen der vielen Organisationen und Politiker, die sich für die Rechte von Holocaust-Überlebenden einsetzen, irritiert mich. Ich frage mich und alle anderen: Wer darf die Erinnerung an den Holocaust repräsentieren? Wer darf die Erinnerungsfackel weiterreichen an die nachfolgenden Generationen? Ein israelischer Jude etwa, der alle Araber mit einem Lied zu Terroristen macht?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2018 - Kulturpolitik

2019 soll das Humboldt-Forum in Berlin schrittweise eröffnet werden. Doch wer wofür zuständig ist, bleibt auch nach der jüngsten Pressekonferenz nebulös, stellt unmutig Nicola Kuhn im Tagesspiegel fest. Auch, ob Ines de Castro  die Humboldt-Sammlungen leiten wird, ist noch nicht geklärt. "Wer macht was beim Humboldt-Forum? Wer hat welche Kompetenzen? ... Während das Personal bei der Stiftung Humboldt Forum enorm anwachsen wird - 350 Stellen sollen für Bildung, Projekte und Programmgestaltung besetzt werden- , fehlt es den Sammlungen an Kuratoren, um die zusätzlichen Aufgaben (Provenienzforschung!) zu leisten. Noch eine Frage: Was wird aus der Gründungsintendanz, wenn Neil McGregor nach der offiziellen Eröffnung gegangen ist? Wer bleibt vom ursprünglichen Trio mit Preußenstiftungs-Chef Hermann Parzinger und dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp? Die Pressekonferenz trägt nicht dazu bei, den Verdacht von Doppelstrukturen und unklarer Aufgabenverteilung beim Humboldt-Forum zu entkräften."

In der Berliner Zeitung wünscht sich auch Nikolaus Bernau, dass diese Fragen endlich geklärt werden, damit man über Inhalte reden kann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2018 - Kulturpolitik

Bénédicte Savoy begrüßt in der FAZ klare Worte Emmanuel Macrons, gesprochen bei einem Besuch in Ouagadougou, wo er eine Restitution afrikanischen Erbes forderte, das sich in französischen Museen befindet. Mit Seitenhieb auf "die koloniale Amnesie, von der die Gestalter des zukünftigen Humboldt-Forums befallen zu sein scheinen", schreibt die Berliner Forscherin, die letztes Jahr mit Eklat aus dem Beirat des Humboldt-Forums austrat: "Was nun? Zuerst einmal und vor allem anderen gilt es, unverzüglich und ohne falsche Vorspiegelungen afrikanische Persönlichkeiten an den Diskussionen zu beteiligen, die sich jetzt in Frankreich entwickeln werden: Stimmen von Aktivisten, Intellektuellen, politisch Verantwortlichen und Vertretern der Museen; von Afrikanern aus Afrika und solchen aus der Diaspora; von solchen, die eine Rückgabe wollen, und solchen, die sie nicht wollen; von Kunstförderern, Lehrenden, Künstlern." Manch einer wird hoffen, dass diese Gespräche sehr lange dauern.

Savoy verweist übrigens auf einen offenen Brief einiger postkolonialer Organisationen an Angela Merkel in dieser Sache.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2018 - Kulturpolitik

In einem Grundsatztext im Tagesspiegel besingt Hermann Parzinger die Verdienste und Großartigkeit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der er vorsteht, und verteidigt sie auch mit dieser Ankündigung gegen den Vorwurf, sie sei ein Tanker: "Wir müssen uns auch in unseren internen Strukturen neu ausrichten. Wir arbeiten daran, unsere Verwaltung effizienter und reaktionsschneller zu machen, Doppelstrukturen aufzulösen und übergreifende Planungen transparenter und kooperativer zu gestalten. Eine Institution wie die SPK muss einem permanenten Modernisierungsprozess unterworfen sein, der die kleinen Aufgaben ebenso umfasst wie die großen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2018 - Kulturpolitik

In Hamburg wurde das Europäische Kulturerbejahr eingeläutet. Gefeiert werden soll - alles. Musik, Dichtung, Philosophie, sogar die "europäische Idee". Letzteres stößt Dankwart Guratzsch in der Welt sauer auf: "Die gemeinsame europäische Kultur ist eine Leerformel, wenn man nicht weiß, das ihre Besonderheit in der Vielfalt und sogar Widersprüchlichkeit von Hunderten selbstständiger Einzelkulturen liegt. Eine rein technokratische, verwaltungstechnische Grundlegung des neuen Europa bleibt abstrakt und seelenlos, wenn sie nicht, wie es der Geschäftsführer des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Uwe Koch, für das Kulturerbejahr formuliert hat, verstärkt die Sinn- und Identitätsstiftung in den Vordergrund stellt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2018 - Kulturpolitik

Zehn Jahre nachdem die Banlieues um Paris brannten, versuchen die Behörden, die schlimmsten Missstände zu beseitigen, berichtet Joseph Hanimann in der SZ aus Paris: Die Vorstädte werden mit neuen Zugstrecken besser eingebunden, Viertel werden per Verdichtung saniert und eine Kulturpolitik wird gefördert, die sachte die Hochkultur in die Vorstädte trägt. Beispiel die Micro-Folie in Sevran: "Kinder spielen mit ihren Müttern an kleinen Tischen Gesellschaftsspiele, Jugendliche drucken selbstentworfene Designmotive auf ihre T-Shirts, ein Mann stellt per 3-D-Drucker einen Lampenständer her. Und die Kultur? Auf einem großen Bildschirm ziehen unentwegt und wenig beachtet Ansichten von Mona Lisa, Picassos 'Guernica', Géricaults 'Floß der Medusa' vorbei. Ab und zu schnappt ein Besucher sich ein Tablet und vertieft sich in eines der Werke. 'Wir müssen die Leute hier in ihrer kulturellen Abgeschiedenheit abholen und sachte zu den Kunstwerken hinführen', sagt Phaudel Khebchi, der Leiter dieser Kulturinsel. Der Franzose algerischer Herkunft ist selber in diesem Viertel aufgewachsen."