9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2017 - Medien

In der Columbia Journalism Review stellt Marie Doezema die senegalesischen Rapper Makhtar "Xuman" Fall und Cheikh "Keyti" Sene vor, die 2013 auf Youtube ihr Journal Rappé lancierten und seitdem mit ihrer gerappten Nachrichtenshow durchschnittlich 45.000 Zuschauer in der Woche erreichen: "The two take on a variety of topics, from politics and education to religion, the environment, and immigration. Some issues are touchier than others, says Keyti, citing those that relate to religion as among the most sensitive in Senegal, which is 95 percent Muslim. 'We have more and more debates about religion, the importance of religion, and how it is to be targeted as Muslim once you are outside a Muslim country.' The show has also taken on terrorism and radicalization, both growing concerns. The rappers have also broached the topic of homosexuality, a particularly sensitive issue in a country where same-sex acts are illegal. 'Even telling people we should have the debate [about homosexuality] gets us attacked,' Keyti says, citing verbal criticism and online harassment. 'I don't really care. At some point someone has to be courageous. We need to talk about it, not because the West wants us to or because foreign aid is linked to those things, but because we as a society have to grow.'"

Kostprobe?


9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2017 - Medien

Christian Stöcker schildert bei Spiegel online anhand einiger Beispiele, wie digitale Desinformation durch Phishing Mails, gefälschte Leaks in Kooperation mit russischen Staatsmedien funktioniert und macht auf eine anthropologische Konstante aufmerksam: Ein Gerücht bleibt selbst nach der Richtigstellung "hängen": "Die Entkräftung kann sogar dazu führen, dass ein Gerücht noch eher als korrekt erinnert wird - einfach, weil es aufgrund der Wiederholung einfacher wird, sich an das Gerücht zu erinnern. Stichwort: Verfügbarkeitsheuristik. Bei Menschen, die Verschwörungstheorien zuneigen, gibt es sogar Hinweise, dass sie sich noch stärker ihren Echokammern zuwenden, wenn sie mit Richtigstellungen konfrontiert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2017 - Medien

Die Presseverlage, klagt FAZ-Redakteur Thomas Thiel in so bewegenden Worten, als sei er einer der FAZ-Herausgeber, können mit dem reformierten Wissenschaftsurheberrecht, das Bibliotheken den Verleih von Zeitungsartikeln auch online erlaubt, einpacken: "Wenn die Nationalbibliothek mit ihrem Eigentum um sich werfen darf, lohnt der Blick in die digitale Zukunft nicht mehr. Das vorliegende Gesetz lässt nur den Schluss zu, dass Minister Maas die Marktwirtschaft im Pressewesen abschaffen und eine staatssozialistische Presselandschaft etablieren will."

Presse und Medien betrachten sich gern als Garanten von Demokratie. Aber die jüngste Geschichte in der Türkei oder Ungarn zeigt, wie leicht sich Medien abwickeln lassen, wenn es eine starke Regierung nur will. In Polen sind die öffentlich-rechtlichen Medien auch schon gleichgeschaltet. Nun sollen mit einem Antimonopolgesetz die Zeitungen stärker unter Regierungskontrolle gebracht werden, schreibt Paul Flückiger im Tagesspiegel: "Im Fadenkreuz der PiS stehen dabei erklärtermaßen vor allem Verlage mit deutscher Kapitalbeteiligung. Laut Elzbieta Kruk (PiS), der Vorsitzenden des Kulturausschusses des Sejm, befinden sich in Polen fast 80 Prozent der Verlagshäuser in ausländischer Hand. Eine so hohe Auslandskapitalbeteiligung ist EU-weit einzigartig. Drei Viertel davon werden angeblich von deutschen Unternehmen dominiert. 'Sollen wirklich die Deutschen die polnische Regierung kontrollieren?', fragt deshalb Kruk."

Die SPD möchte ins Internet hineinregieren, indem es Google zwingt, bestimmte Inhalte von genehmen Medien zu privilegieren, schreibt Lars Klingbeil bei golem.de mit Verweis auf den am vergangenen Montag beschlossenen Leitantrag für das Programm zur Bundestagswahl 2017 (hier als pdf-Dokument). Schon 2013 hatte die SPD ähnliche Ideen, die auf eine Besserstellung der öffentlich-rechtlichen Medien und einiger approbierter Privatmedien im Netz hinausliefe: "Letztlich würde das bedeuten, dass die Suchalgorithmen von Google oder anderen Suchmaschinenanbietern die Angebote bestimmter Medien höher einstufen müssten. Der SPD-Vorschlag von 2013 sah vor, dass die Öffentlich-Rechtlichen quasi 'gesetzt' würden, während private Verlage sich einem gesonderten Verfahren für eine privilegierte Behandlung unterziehen müssten. Selbst wenn diese Praxis nicht auf die Öffentlichen-Rechtlichen beschränkt würde, wäre sie kaum mit der grundrechtlich geschützten Meinungsfreiheit sowie der Wettbewerbsfreiheit vereinbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2017 - Medien

Auf ein interessantes Paradox der Wahrnehmung macht Zeynep Tufekci nach dem Attentat von Manchester in Buzzfeed aufmerksam: Nutzer der sozialen Medien reagierten eher zurückhaltend - ganz anderes die Medien, die nach der vom Terror gewünschten Logik des Spektakels Bilder lieferten: "Diesmal kamen die einzigen Bilder von verletzten oder toten Menschen, die ich gesehen habe, als Anhänge von Tweets und Videos von Medien wie BBC und CNN. Die Leute in den sozialen Medien sind den Massenmedien bei der Einsicht in das kranke Spiel von Aufmerksamkeit und Horror um vieles voraus. Massenmedien sollten Schritt halten." Die Frage wäre allerdings, ob hier nicht auch die sich verstärkende Zensur in den sozialen Medien greift.

Anzeigen sind sowas von gestern! Statt teuer für ein statisches Format zu bezahlen, das dann womöglich noch in ein feindliches Redaktionsumfeld eingebettet ist, machen Unternehmen lieber selbst "Journalismus", warnt Sergio Aiolfi in der NZZ: "Die Versicherungsfirma Mobiliar beispielsweise verfügt an ihrem Hauptsitz in Bern über einen Newsroom und hat diesen mit einer Mannschaft bestückt, die imstande ist, in kurzer Zeit auf Breaking News zu reagieren. Ziel einer solchen Abteilung ist es, für die Branche oder das Unternehmen wichtige Ereignisse - wie etwa eine Naturkatastrophe - frühzeitig zu erkennen und das Thema im Sinne des Unternehmens zu besetzen. Mit journalistischem Geschick werden daraus Storys entwickelt, die sowohl firmenintern wie auch extern Verbreitung finden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2017 - Medien

Martin Vogel hat für die Autoren in der VG Wort eine besseren Status erkämpft - so liest sich Stefan Niggemeiers Zusammenfassung der Mitgliederversammlung der VG Wort, wo Niggemeier auch noch mal darauf zurückkommt, dass es Vogel (der sich nur im Perlentaucher äußern konnte) nicht gedankt wurde. Wie auch immer: "Der nun beschlossene Verteilungsplan ist insofern tatsächlich ein drastischer Bruch mit der früheren Praxis: Jeder Urheber in der VG Wort bekommt 100 Prozent dessen, worauf er gesetzlich einen Anspruch hat, es sei denn, er verzichtet einzeln, ausdrücklich und (zumindest formal) freiwillig darauf."

FAZler Michael Hanfeld, gegen dessen tendenziöse Berichterstattung Martin Vogel eine große Richtigstellung errungen hat, tut im Feuilletonaufmacher so, als sei nun ein Sieg der Vernunft gegen Querulanten wie Vogel erreicht worden: "Es gibt noch gute Nachrichten. Die Verwertungsgesellschaft Wort wird nicht zerschlagen. Im Gegenteil. Sie steht auf einem neuen Fundament und kann ihr jahrzehntelanges Eintreten für die Urheberrechte von Autoren und Verlagen fortsetzen." Auch die SZ berichtet. Mehr auch bei VG Info.

Der mexikanische Journalist Javier Valdez, einer der wenigen, die unerschrocken über den "Narco", das Drogenbusiness in Mexiko recherchiert hat, ist vor einigen Tagen regelrecht exekutiert worden. Der Blogger Airen hat vor ein paar Wochen ein Gespräch mit ihm geführt, das in der FAS veröffentlicht wird - ganz kurz spricht Valdez auch die Rolle der Medien an: "Wer in Mexiko ernsthaften Journalismus betreibt, ist allein. Es gibt keinen Rückhalt aus der Gesellschaft, denn jeder hat Angst. Die Regierung ist korrupt und zieht lieber unliebsame Journalisten mit Kugeln aus dem Verkehr, statt sich ihrer Verantwortung zu stellen. Der Narco sitzt in den Redaktionen mit am Tisch, der Journalist denkt nicht nur an seine Leser und den Chefredakteur, sondern auch daran, was dem Capo in seiner Region genehm sein könnte und was nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2017 - Medien

Obwohl man noch nicht viel davon gehört hat, dass Medienhäuser wie Springer oder Ringier sich arg um die Meinungsfreiheit in mittel- und osteuropäischen Ländern verdient gemacht hätten, werden sie in Polen drangsaliert, berichtet Gabriele Lesser in der taz: "Politiker und Rechtsexperten der PiS arbeiten intensiv an Gesetzesprojekten, mit denen die angeblich 'deutsche Mediendominanz' in Polen gebrochen werden soll. Die Verlagshäuser Bauer, Ringier Axel Springer, Passauer Neue Presse, Burda und andere sind seit Jahren in Polen aktiv und verdienen Millionen mit ihren Zeitungen, Zeitschriften, Websites und Radioprogrammen. Damit soll künftig Schluss sein. Doch da das EU-Recht, das in Polen ebenfalls gilt, die Diskriminierung von Unternehmen aus anderen EU-Mitgliedsländern verbietet, muss das 'Repolonisierungsgesetz' so formuliert werden, als ginge es um die Vermeidung von Monopolbildungen."

Viel retweetet: James B. Stewarts Hommage in der New York Times auf - ja! - die Washington Post, die am Montag mit der Schlagzeile "Trump revealed highly classified information to Russian diplomats in their Oval Office meeting last week" den Rhythmus für die ganze Woche vorgab.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2017 - Medien

Emmanuel Macron hat Ärger mit der französischen Presse. Für seine erste Reise in den Mali behält sich der Elysée-Palast selbst die Auswahl der Journalisten vor, die mitkommen dürfen. Bisher bestimmen die Redaktionen die Journalisten selbst. Libération und Le Monde bringen einen Offenen Brief, der ihren Standpunkt klar macht. Man verstehe zwar die Notwendigkeit von Pools bei solchen Reisen, aber "es obliegt in keinster Weise dem Elysée, die Auswahl über diejenigen unter uns zu treffen, die über eine Reise berichten dürfen, wie auch immer das Thema lautet (Verteidigung, Diplomatie, Wirtschaft...). Es obliegt nicht dem Präsidenten der Republik oder seinen Beamten über die internen Abläufe von Redaktionen und ihre Berichterstattung zu entscheiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2017 - Medien

Anders als in Deutschland, wo Journalisten so gut wie keine eigenen Internetmedien gründeten, tummeln sich in Frankreich eine ganze Menge scheinbar unabhängiger Medien im Netz - von Mediapart mit seinem besonderen Zahlmodell über Slate, Rue89 und die französische Huffington Post bis hin zu gut gemachten Literaturblogs wie En attendant Nadeau. Eine Scheinblüte sei das, meint Vincent Glad in Libération: "Es sieht so aus, als hätte die französische Presse einen Weg gefunden, sich über einen ziemlich einzigartigen Finanzmechanismus zu erneuern. Die alten verschuldeten Zeitungen geben ihren Journalisten Abfindungen, etwa im Falle eines Unternehmensverkaufs. Und die arbeitslosen Journalisten gründen dann ihr Netzjournal."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2017 - Medien

Ironie hat ihre Grenzen, selbst bei dem beliebten ZDF-Moderator Jan Böhmermann. Gestern kam die Vice-Meldung, dass sein Show-Mitspieler Hans Meiser auch bei einem verschwörungstheoretischen Portal moderiert (unser Resümee). Heute meldet turi2, dass Böhmermann ihn gefeuert hat - nicht ohne dann doch wieder ironischen Arschtritt: "Er dürfe wiederkommen, wenn er herausgefunden habe, wer wirklich hinter dem 11. September steckt und ob die Erde hohl ist, schreibt die Firma ironisch auf Facebook."
Stichwörter: Böhmermann, Jan, Vice

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2017 - Medien

Der beliebte ZDF-Moderator Jan Böhmermann hält sich für seine Show "Neo Magazin Royale " den ehemaligen RTL-Nachrichtensprecher Hans Meiser als Sidekick, einen Mann mit dubiosen Ansichten, der auch auch noch woanders moderiert, schreibt Matern Boeselager bei Vice: "Watergate.tv bezeichnet sich in seinem Impressum als 'investigatives Redaktionsnetzwerk'. Die Inhalte haben mit echtem Journalismus aber wenig zu tun. Die Videos, die Hans Meiser dort einspricht, tragen Titel wie '11 Gründe für Deutschlands baldigen Untergang', 'Weißkittelmafia verhindert weitere Krebsheilung!' oder 'Europa vor dem 3. Weltkrieg? Faktenlage erschüttert!'. Die Inhalte sind entsprechend."

Außerdem: Der Schweizer Autor Martin R. Dean macht sich in der NZZ Sorgen über Journalismus per Virtual-Reality-Brille, der ein komplettes eintauchen in den Berichtsgegenstand (so genannten "immersiven Journalismus") suggeriert.