9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2017 - Medien

Der Film "Auserwählt und ausgegrenzt", der nun doch in der ARD gezeigt wird (unser Resümee), hat den modernen Antisemitismus alles in allem gut umrissen, schreibt Ulrich Gutmair in der taz, der allerdings auch Einschränkungen macht: "Wenn man nach Gaza reist, sollte man fairerweise auch den anderen Teil der Geschichte erwähnen: Natürlich gibt es auch in Israel Interessen, die es wünschenswert erscheinen lassen, dass alles so bleibt, wie es ist. Darauf hinzuweisen, haben die Autoren leider verzichtet. Sie hätten zumindest erklären müssen: Es gibt nicht nur Gaza, sondern auch das Westjordanland. Es gibt gute Gründe, ein Ende der israelischen Besatzung zu fordern. Das Phänomen des Antisemitismus aber wird nicht mit der Besatzung verschwinden, weil es mit ihr ursächlich nichts zu tun hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2017 - Medien

Nun wird die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" doch bei den Öffentlichen-Rechtlichen gezeigt - am Mittwoch, den 21.  um 22.15 Uhr in der ARD. Anschließend soll bei Sandra Maischberger diskutiert werden, berichtet unter anderem der Tagesspiegel. Der WDR bleibt aber laut einer Presseerklärung bei der Kritik an handwerklichen Mängeln des Films: "So enthält der Film Tatsachenbehauptungen, für die es nach jetzigem Kenntnisstand des WDR keine ausreichenden Belege gibt. Auch sind Betroffene mit den im Film gegen sie erhobenen Vorwürfen nicht konfrontiert worden. Das aber gehört zu den Standards der journalistischen Arbeit. Darüber hinaus sind offenbar Persönlichkeitsrechte verletzt worden."

Der Ringier-Chef Marc Walder erklärt im Interview mit Rainer Stadler von der NZZ, wie die polnische Regierung Druck auf ausländische Medienkonzerne macht, die polnische Zeitungen besitzen: "Staatsnahe Unternehmen placieren ihre Inserate nicht mehr in unseren Medien. Das kostet uns schnell Millionen Euro." Und weiter "Ich schließe kategorisch aus - und dies gilt auch für Axel Springer -,  dass wir uns in Polen von unseren Zeitungen, Zeitschriften oder  Internetportalen trennen wollen, weder von einzelnen noch von allen. Wir wollen auch in Polen wachsen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2017 - Medien

Gerade vor dem Hintergrund des Mordfalls Sarah Halimi (unsere Resümees) hätte Arte den Film "Auserwählt und Ausgegrenzt" zeigen sollen, meint Thierry Chervel im Perlentaucher: "Arte hat hier eine Riesenchance verspielt: Der Film zeigt antisemitische Umtriebe in Frankreich und in Deutschland. Arte hätte den Film zeigen und danach eine Debatte unter deutschen und französischen Intellektuellen lancieren können, warum nicht mit Götz Aly, Bernard-Henri Lévy und als Gegenposition der Korrespondentin Gemma Pörzgen, die den Film im Deutschlandfunk unter anderem mit dem Argument kritisierte, dass er die Besatzung nicht zeigt. Wozu haben wir eigentlich einen deutsch-französischen Sender?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2017 - Medien

Ahmad Mansour, der ursprünglich bei der Antisemitismus-Dokumentation Film "Auserwählt und ausgegrenzt" mitmachen sollte (und dann aus privaten Gründen absagen musste)  vermutet im Gespräch mit Ayala Goldmann von der Jüdischen Allgemeinen politische Hintergründe hinter der Absage an den Film durch Arte und WDR: "Es ist nicht das erste Mal, dass es Schwierigkeiten gibt, wenn wir Islamismus und Antisemitismus im Fernsehen zeigen wollen. Dann kommen immer die Relativierer und Verharmloser und sagen, das sollte man nicht zeigen, weil es ein gefundenes Fressen für die Rechten sei, und weil es den gesellschaftlichen Frieden gefährde. Aber man muss über Probleme berichten, das ist Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks."

Nicht jeder in den öffentlich-rechtlichen Anstalten findet gut, dass nun jeder jenen Film sehen durfte, den die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht senden wollten, zum Beispiel Anja Reschke von der NDR-Mediensendung "Zapp":


Spätestens als auch die Jüdische Gemeinde sich für die Ausstrahlung der ursprünglich für Arte gedrehten Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" einsetzte, schreibt Richard Volkmann bei den Salonkolumnisten, hätte irgendjemandem bei den Sendern "diesseits oder jenseits des Rheins auffallen müssen, dass eine derart wichtige Debatte sich nicht einfach würde aussitzen lassen und man sich darüberhinaus durch eine fortgesetzte, schwindelerregend schlecht begründete Verweigerungshaltung in der Öffentlichkeit dem Verdacht aussetzte, den Film aus politischen Gründen zurückzuhalten. Ob dies der Wahrheit entsprach oder nicht, war dabei irrelevant, zur Rufschädigung genügte es völlig, dass die Annahme glaubhaft im Raum stand (und noch immer steht)."

Auf Zeit online findet Mirna Funk den Film "propagandistisch und manipulativ", auch wenn er in vielem Recht habe: "Er lässt dem Zuschauer keinen Raum, sich ein Bild von Antisemitismus zu machen. Er will die Deutschen belehren. Er will ihnen sagen, Leute, wenn es um Israel und das Leid der Palästinenser geht, dann habt ihr völlig einen an der Waffel. Das ist das Ziel des Films. Und ohne Frage hat der Deutsche einen an der Waffel, wenn diese Themen diskutiert werden. ... Aber man kann in einem Film zu Antisemitismus in Europa nicht ununterbrochen den Vorwurf der Besatzung delegitimieren, indem man keinen einzigen Israeli zu Wort kommen lässt, der diese für beide Seiten furchtbare Situation anspricht, sondern lediglich rechtsorientierte Stimmen. Eine Situation, die im Übrigen von einem Großteil der Israelis auch als furchtbarer Zustand wahrgenommen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2017 - Medien

Das Interesse war groß: 200.000 Menschen sollen laut turi2 Sophie Hafners und Joachim Schröders Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf die Juden in Europa" bei Bild.de angesehen haben. Dennoch meint Arno Frank bei Spiegel online, es sei kein Skandal, dass Arte den Film nicht gebracht habe, denn er habe gravierende handwerkliche Mängel: "So tadellos manche Aspekte recherchiert sind, so leichtfertig werden andere Aspekte abgehandelt. So hat Joachim Schroeder die NGOs vermutlich zurecht angeklagt, sie zu seinen Vorwürfen aber keine Stellung beziehen lassen. Er habe nicht erwartet, 'dass diese Organisationen mir etwas Originelles dazu sagen können'. Wenn das kein handwerklicher Fehler ist, gibt es kein Handwerk."

Im Interview mit der Zeit wehrt sich Filmemacher Joachim Schröder gegen den Vorwurf, die Dokumentation sei nicht ausgewogen: "Wie kann man einen Film über europäischen Anti­semi­tis­mus machen, der nicht vom Verstand, von der Haltung und vom Herzen her pro­jüdisch ist? Wenn das ein Problem darstellt in diesem Land, ist das tatsächlich riesengroß."

Rechtlich vorgehen will Arte gegen die Veröffentlichung des Films nicht, wie aus einer Pressemitteilung des Senders hervorgeht, der zugleich begrüßt, dass  das Publikum den Film, den es ihm vorenthalten hat, nun sehen durfte: "Arte hat zur Kenntnis genommen, dass Bild.de die Dokumentation 'Auserwählt und Ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa' in eigener Verantwortung online gestellt hat. Auch wenn diese Vorgehensweise befremdlich ist, hat Arte keinen Einwand, dass die Öffentlichkeit sich ein eigenes Urteil über den Film bilden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2017 - Medien

Bild.de zeigt die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" von Sophie Hafner und Joachim Schröder, die eigentlich von Arte in Auftrag gegeben war und dort aus formalen Gründen storniert wurde, berichtet  Timo Niemeier bei dwdl.de: "Unklar ist, inwiefern Axel Springer nun rechtliche Konsequenzen fürchten muss, die Rechte an dem Film liegen nämlich eigentlich bei Arte. Der WDR wies zuletzt Forderungen zurück, man solle die Doku doch einfach im eigenen Programm zeigen und verwies auf die Rechtelage. Dass Bild.de den Film nun zeigt, ist wohl eher nicht im Sinne der öffentlich-rechtlichen Anstalt." Die Doku ist bis heute Abend bis Mitternacht hier zu sehen. Auch auf Youtube kursiert der Film.

Sozusagen aus Notwehr startet der Humanistische Pressedienst eine "Themenwoche Nicht-Glauben" und reagiert damit auf die gerade laufende Themenwoche "Woran glaubst Du" der ARD. Geradezu grotesk liest sich in der Tat der von hpd.de zitierte Trailer der ARD zur Themenwoche: "Glauben. Ein Wort, unzählige Auslegungen. Viele Menschen glauben an Gott, einige an die Wissenschaft, andere an sich selbst. Manche haben ihren Glauben verloren. Andere haben ihn gefunden. Und selbst, wer an nichts glaubt, glaubt zumindest daran. Glauben hat viele Gesichter."

Zu dem Satz "Viele Menschen glauben an Gott, einige an die Wissenschaft" heißt es bei hpd.de: "Das Glauben an die Existenz eines Gottes unterscheidet sich fundamental von der Annahme, dass die Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien zum Gewinnen neuer Erkenntnisse beiträgt. Während es für die Existenz eines behaupteten Gottes keinerlei objektiven Beweis gibt und an dessen Existenz mithin nur geglaubt werden kann, legen Wissenschaftler empirische Beweise für ihre Behauptungen vor. Wer diesen Unterschied nicht versteht, sollte auf jeden Fall die Finger von der Gestaltung einer ARD-Themenwoche zum Thema lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2017 - Medien

Die Diskussion um den Dokumentarfilm "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" von Sophie Hafner und Joachim Schröder, der auf Arte laufen sollte und von Arte und WDR gestoppt wurde, reißt nicht ab. Die Jüdische Gemeinde setzt sich für eine Ausstrahlung des Films, der den Antisemitismus nicht nur "rechts" verortet, ein. Auch René Martens plädiert in der taz für den Film: "Die taz hatte mittlerweile die Möglichkeit, den zurückgehaltenen Film zu sehen. Das inhaltliche Spektrum reicht von einer Analyse der Sprache der Antisemiten, die es verstehen, ihrer Ideologie freien Lauf zu lassen, ohne konkret von Juden zu reden, bis zur detaillierten Beschreibung massiver europäischer Finanzhilfen für israelfeindliche NGOs. Diese wiederum fachen mit Falschdarstellungen über israelische Politik den europäischen Antisemitismus an, der bis weit in die Mitte der Gesellschaft - und auch in den Qualitätsjournalismus - hineinreicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2017 - Medien

Die Affäre um einen vom WDR für Arte finanzierten Dokumentarfilm über Antisemitismus in Europa, den Arte nun doch nicht ausstrahlen will, zieht weite Kreise, nachdem der Zentralrat der Juden und Experten wie die Historiker Götz Aly und Michael Wolffsohn zur Freigabe des Films aufgefordert haben. In der Welt rekapituliert Christian Meier nocheinmal die Geschichte von der Entstehung bis zur Absetzung des Films.

Ebenfalls in der Welt nimmt Richard Herzinger Artes Argumente für die Absage unter die Lupe und befindet sie als wenig stichhaltig. So sieht er etwa für die Entscheidung der Autoren Sophie Hafner und Joachim Schröder, sich nicht ausschließlich mit Europa, sondern auch mit den Zuständen in Israel selbst zu befassen, zwingende Gründe: "Denn der Judenhass von heute, der sich etwa im Sommer 2014 bei Protestdemonstrationen in Deutschland gegen die israelischen Luftangriffe auf Stellungen der Hamas in Gaza in Parolen wie 'Hamas, Hamas, Juden ins Gas' auf schockierende Weise äußerte, stützt sich weitestgehend auf Propagandalügen über Israel. Diese zu widerlegen, sahen die Autoren Hafner und Schröder daher als wichtige Aufgabe an. Dies umso mehr, als sich manche böswillige Legende über die Entstehung des jüdischen Staates und sein Verhältnis zu den Palästinensern längst zu einer auch im gesellschaftlichen Mainstream tief verwurzelten Vorurteilsstruktur verfestigt hat. Das gilt etwa für die Behauptung, der Staat Israel gründe auf der systematischen Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung, wenn nicht gar einem 'Völkermord', oder Israel betreibe gegenüber seinen arabischen Bürgern und den Palästinensern im Westjordanland eine Politik der 'Apartheid'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2017 - Medien

In einer ganzseitigen Anzeige in der Zeit fordern die Geschäftsführer des Holtzbrinck Verlags und des Zeitverlags Gerd Bucerius die "geehrten Mitglieder des Deutschen Bundestages" auf, dem neuen Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz nicht zuzustimmen, weil es eine "Teilenteignung der freien Presse" bedeute.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2017 - Medien

In der NZZ beschreibt Ivo Mijnssen Propaganda und Einfluss von Russlands staatlichen Auslandmedien Sputnik und RT: "Auch wenn RT und Sputnik nicht überschätzt werden sollten, verfügen sie in gewissen Regionen dennoch über Einfluss. So ist Sputnik etwa der wichtigste News-Produzent auf dem Balkan. Auch der Multiplikationseffekt, der über soziale Netzwerke und Bots erreicht wird, ist beträchtlich. Der wohl wichtigste Effekt ist jedoch, dass die russischen Auslandkanäle durch ihre systematische Verwischung von Desinformation, Propaganda und News das Vertrauen in die Medien unterminieren: Robert Pszczel, der frühere Leiter des Nato-Informationsbüros in Moskau, brachte dies vor drei Monaten gegenüber der New York Times auf den Punkt: 'Dem Kreml ist es egal, ob Sie einverstanden sind mit Russlands Politik, es geht darum, Zweifel zu säen. Etwas bleibt immer hängen.'"