9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2294 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 230

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2025 - Medien

Wo bleibt der Aufschrei über die menschenverachtenden Inszenierungen, die die Hamas bei der Befreiung der Geiseln veranstaltet? Claudia Schwartz ist in der NZZ empört über die Reaktion vieler Medien, die die Praktiken der Hamas nicht ausreichend benennen: "Die Geiseln werden bis zur letzten Minute der Übergabe terrorisiert. Diese Beeinträchtigung der persönlichen Würde und Erniedrigung verstösst gegen die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen. Dabei reden wir hier noch nicht einmal von Kriegsgefangenen, sondern von Menschen, die bei einem Überfall in ihren Pyjamas gekidnappt wurden und vor ihrer Verschleppung erleben mussten, wie Partner, Kollegen, Familie niedergemetzelt wurden. Es folgte das zweite Martyrium einer 15-monatigen Haftzeit unter ständiger Gewaltandrohung und Todesangst."
Stichwörter: 7. Oktober, Hamas, Geiselbefreiung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2025 - Medien

Michael Hanfeld kommt in der FAZ auf die neueste Krise des RBB zurück: 22 Millionen Euro will die neue Intendantin Ulrike Demmer sparen, 254 Stellen streichen. Sie versucht so, mit dem Erbe der Skandalintendantin Patricia Schlesinger zurechtzukommen, die Prozesse gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber führt - es geht ums üppige "Ruhegeld", auf das sie Anspruch zu haben meint: "Man wolle sich mit Schlesinger gütlich einigen, teilte der Verwaltungsrat des RBB mit. Das heißt nichts anderes, als dass der Sender am Ende zahlt - 18.300 Euro pro Monat fürs exintendantische Nichtstun sind gefordert. Weil solche Altlasten drücken, muss an anderer Stelle gespart werden - das aktuelle Personal kann gehen, aber die Renten der Ex-Chefs sind sicher."

Auf der Rundfunkratssitzung, in der die Streichungen verkündet wurden, ging es auch um die Affäre Stefan Gelbhaar, berichtet Jan Heidtmann in der SZ. Der Grünen-Politiker musste von seiner Bundestagskandidatur zurücktreten, weil er sich offenbar falschen Missbrauchsvorwürfen von Parteigenossinnen ausgesetzt sah, die der Sender genüsslich kolportiert hatte (unsere Resümees). "Etwaige personelle Konsequenzen innerhalb des RBB würden nach dem Bericht der Kommission gezogen. Namen der Experten in dieser Kommission wollte Demmer noch nicht öffentlich nennen, nur, dass ein Budget von 60.000 Euro für deren Arbeit zur Verfügung stehe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2025 - Medien

Was unter einer Regierungsbeteiligung von Rechtsextremen blühen kann, zeichnet die österreichische Regisseurin Ruth Beckermann, deren Dokumentarfilm "Favoriten" über Kinder mit Migrationsgeschichte vergangenes Jahr in den Kinos anlief, mit Blick auf Österreich nach, wo sich "erste Wendehälse" bereits mit der FPÖ arrangieren: "Die FPÖ will als Erstes dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk an den Kragen und den ORF-Beitrag streichen. Dabei rückt der Sender in vorauseilendem Gehorsam schon seit Jahren immer mehr nach rechts und passt sich an." Zudem führe Kickl "Listen von Menschen, die ihm nicht genehm sind. Und er hat die Presseförderung im Visier, in Österreich werden Medien wie Der Standard oder das Wochenmagazin Falter subventioniert. Der Standard veröffentlichte Mitte Januar Gespräche, die drei französische Journalisten heimlich an einem Stammtisch in Simmering gefilmt haben. Da schwärmen FPÖ-Abgeordnete vom EU-Austritt, bezeichnen Geflüchtete als 'Gesindel' und sympathisieren mit den Taliban. Die Journalisten waren genial, sie hockten sich einfach mit an den Stammtisch. Jetzt nennt der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp den Standard ein 'Scheißblatt', die Partei will die Zeitung loswerden. Ohne Presseförderung werden die liberalen Medien bei uns kaum überleben."

Der RBB, der gerade durch den Gelbhaar-Skandal von sich reden machte, muss sparen, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ, und zwar recht drastisch: "254 Vollzeitstellen will der RBB in diesem Jahr abbauen und bei Personal- und Honorarkosten 22 Millionen Euro sparen. Zurzeit gibt der Sender für sein Personal 215  Millionen Euro aus. Den Personalabbau wolle man 'sozialverträglich' gestalten, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen gebe, könne man nicht versprechen, hieß es." Insgesamt hat der RBB 2900 Mitarbeiter - 1600 Festangestellte und 1300 Freie und ein Budget von 475 Millionen Euro.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2025 - Medien

Gordian Troeller: San Salvador aus der Stern-Reportage: Zwischen Kennedy und Castro (Mittelamerika), 1960/1961 © Ingrid Becker-Ross-Troeller, Nachlass Troeller/Deffarge, Museum Folkwang, Essen


Die Reportage als Werkzeug der Aufklärung - das gibt es auch, lernt FAZ-Kritiker Hubert Spiegel in der Ausstellung "Deffarge & Troeller", die das Museum Folkwang den beiden Fotoreportern des Stern Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge widmet. "Als Journalisten, die der Reportage den Rang eines Werkzeugs der Aufklärung zuschrieben, stießen sie in der jungen Bundesrepublik auf ein neugieriges, welthungriges Publikum, im Stern auf eine Redaktion, die ihnen zumindest einige Jahre lang weitgehend freie Hand bei der Auswahl ihrer Themen ließ, und in Radio Bremen auf einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, der seinen Zuschauern zur Hauptsendezeit gesellschafts- und kapitalismuskritische Dokumentationen aus aller Welt zuzumuten wagte und Erfolg damit hatte. ... Früher und hartnäckiger als andere stellten Deffarge und Troeller die Frage nach den ökonomischen und ökologischen Lasten, die eine westliche Lebensweise den Ländern der damals sogenannten Dritten Welt aufbürdete. Sie behandelten viele Themen ihrer Zeit, die auch Themen unserer Zeit sind. Ihr journalistisches Ethos, das Anteilnahme voraussetzte und Stellungnahme verlangte, widersprach dem damals üblichen Streben nach Objektivität, war aber gleichwohl weit entfernt vom sich moralisch überlegen dünkenden Aktivismus jüngerer Zeit."

In der Welt hat Christian Meier bei dem Medienanwalt Markus Hennig noch einmal nachgefragt, welche Fehler vor allem der RBB in der Berichterstattung im Fall Gelbhaar (unsere Resümees) gemacht hat: "Die Redaktion des RBB hätte sich mit der Person unterhalten müssen, sagt Hennig, 'hätte sich mit der Motivation der Person beschäftigen müssen, hätte sich einen Eindruck verschaffen müssen. Auch das Justiziariat des RBB hätte die persönlichen Angaben überprüfen können, ebenso die Glaubhaftigkeit der Vorwürfe. Die Sorgfaltspflichten im Fall Gelbhaar scheinen vom RBB außergewöhnlich massiv verletzt.' In der RBB-Stellungnahme heißt es lediglich: 'Die hinter der eidesstattlichen Versicherung liegende Identität ist von der Redaktion nicht ausreichend überprüft worden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2025 - Medien

Der Skandal bei den Grünen um Belästigungsvorürfe gegen den Abgeordneten Stefan Gelbhaar ist nicht nur ein Skandal der Grünen, sondern auch des RBB, haben die Zeit-Reporter Robert Pausch und Holger Stark herausgefunden, die auch mit Gelbhaar und seinem Anwalt Markus Goldbach gesprochen haben. Die Vorwürfe gegen Gelbhaar erscheinen in den Artikeln als intrigengesteuert, die Ombudssstelle der Grünen scheint nicht seriös nachgeprüft zu haben. Und der RBB, so scheint es, hat die erfundenen Vorwürfe einer "Anna K." gegen Gelbhaar erst überprüft, nachdem Gelbhaar juristische Schritte gegen den Sender eingeleitet hatte: "Die Sache fliegt erst auf, als Gelbhaar gegen den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) klagt. Der hatte kurz nach Weihnachten über die Vorwürfe berichtet, gestützt unter anderem auf die eidesstattliche Versicherung von 'Anne K.'. Den Reportern des Senders liegt allerdings nur eine Kopie vor, in der zudem das Geburtsdatum von 'Anne K.' fehlt. Als sie nach Veröffentlichung des Berichts um das ergänzte Original bitten, ist 'Anne K.' plötzlich nicht mehr erreichbar - obwohl es eine E-Mail-Adresse, eine Telefonnummer und sogar einen Telegram-Account von ihr gibt. Hat da jemand erst akribisch an einer Legende gebastelt - und plötzlich, als es ernst wurde, den Stecker gezogen?"

In der ARD ist gerade "Faktenwoche", merkt Michael Hanfeld in der FAZ süffisant in diesem Kontext an. Der Senderverbund will sich damit als seriöse Quelle bei Jugendlichen profilieren. "Zum Abschluss der ARD-Faktenwoche geht es am Freitag in einer Diskussionsrunde übrigens um 'Fakten statt Fiktion - Gemeinsam gegen Desinformation'. Wo findet die wohl statt? Beim RBB selbstverständlich."

Außerdem: Ziemlich entgeistert blättert Frauke Steffen für die FAZ im New York Times Magazine, wo der Neofaschist Curtis Yarvin, Vordenker von Plutokraten wie Peter Thiel, plötzlich als seriöser Gesprächspartner präsentiert wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2025 - Medien

Schon wieder ein Super-GAU für den RBB, schreibt Anne Fromm in der taz mit Blick auf den Fall Gelbhaar (unsere Resümees). Nachdem der Sender durch die Extravaganzen der ehemaligen Intendantin Patricia Schlesinger auffiel, die in seinen Strukturen offenbar jahrelang möglich waren, wollte er durch journalistische Qualität punkten. "Auch, um seine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Doch nun wird genau diese Glaubwürdigkeit erschüttert. Wochenlang hat der RBB zu angeblichen Belästigungsvorwürfen um den Berliner Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar recherchiert. Spätestens seit Freitag ist klar: Die schwerwiegendsten Vorwürfe sind wohl frei erfunden. ... Der vermeintliche MeToo-Skandal ist ein RBB-Skandal - und zwar einer, der die MeToo-Berichterstattung nachhaltig verändern kann." Fromm erklärt auch, was es mit den eidesstattlichen Versicherungen auf sich hat, die ja eigentlich nur vor Gericht gelten: "Auch wir in der taz nutzen sie, denn sie haben Gewicht: Wer in einer eidesstattlichen Versicherung lügt, macht sich strafbar - nicht vor einer Redaktion, aber dann, wenn diese Versicherung vor einem Gericht vorgelegt wird. Und MeToo-Berichterstattung landet häufig vor Gericht."

In diesem Fall stammte die "eidesstattliche Versicherung" allerdings von "Anne K.", einer Person, die gar nicht existiert, erläutert Michael Hanfeld in der FAZ und erklärt einige Grundsätze der "Verdachtsberichterstattung". Unter anderem hätten die RBB-Rechercheure, die tagelang und intensiv über die Vorwürfe berichteten, wissen müssen, "dass eine 'eidesstattliche Versicherung' auch dann nichts wert ist, wenn eine echte Person sie einem Journalisten gegenüber ausspricht. Da braucht es, um den Anforderungen an die Verdachtsberichterstattung zu genügen, einen Gegencheck, und mit dem von den Vorwürfen Betroffenen muss man auch reden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2025 - Medien

Der RBB scheint einen gravierenden Recherchefehler gemacht zu haben. Seine Journalisten glaubten der schriftlichen Versicherung einer Frau, die seine Journalisten offenbar nicht mal zu Gesicht bekommen haben, und die "eidesstattlich" beteuerte, der Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar habe sie sexuell belästigt. Bei der Frau, die diese Beschuldigungen erhob, handelt es sich um die Grünen-Politikerin Shirin Kreße, die auch noch angab, im Namen einer anderen Frau zu sprechen und die inzwischen aus der Partei ausgetreten ist. Gelbhaar hatte auf Druck der Parteioberen von der erneuten Kandidatur auf ein Bundestagsmandat zurücktreten müssen. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung wirft der Anwalt Carsten Brennecke dem RRB gravierende Fehler vor: "So, wie es scheint, hat der RBB mit der Person, auf deren angebliche Versicherung er vertraut hat, gar nicht persönlich gesprochen. Das hätte der RBB aber machen müssen: Er hätte in einem Gespräch mit der unmittelbaren Quelle, also mit der Person, die die Versicherung angeblich abgegeben hat, prüfen müssen, wie glaubhaft und belastbar die Anschuldigungen sind, auch durch kritische Rückfragen und anschließende Nachrecherchen." Eine ausführliche Recherche zu dem Fall, in dem die Grünen nicht gerade gut aussehen, bringt der Tagesspiegel.
Stichwörter: RBB, Die Grünen, Gelbhaar, Stefan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2025 - Medien

Eine äußerst seltsame Geschichte erzählt der RBB auf seiner Website über sich selbst. Es geht um Vorwürfe sexueller Belästigung, die dem Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar gemacht wurden - der Politiker ist nach diesen Vorwürfen von einer erneuten Kandidatur für den Bundestag zurückgetreten, stattdessen wurde Julia Schneider zur Direktkandidatin für die Bundestagswahl gewählt. die Berichterstattung des RBB über die Vorwürfe gegen Gelbhaar beruhten auf eidesstaatlichen Erklärungen von betroffenen Frauen. "Doch an der Identität einer der Frauen, Anne K., kamen jetzt Zweifel auf - nachdem diese seit einigen Tagen für den RBB nicht mehr zu erreichen war. Mittlerweile steht fest: Anne K. war nicht diejenige, für die sie sich ausgab. Mit hoher Wahrscheinlichkeit existiert diese Frau gar nicht." Auch die "Abendschau" des RBB berichtete gestern über die Geschichte.
Stichwörter: Gelbhaar, Stefan, RBB

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2025 - Medien

Die Enthüllung der "Panama Papers" im Jahr 2016 war ein ganz großes Ding (unsere Resümees). Unter anderem wurde hier zum Teil offengelegt, wie sich Putin und sein Oligarchennetzwerk organisieren. Hinter der Enthüllung stand damals das Netzwerk "Organized Crime and Corruption Reporting Project" (OCCRP). Die SZ gehörte zu den deutschen Medien, die die Enthüllung Panama Papers prominent mit inszenierten. Eine NDR-Recherche brachte ans Licht, dass das Journalistennetzwerk OCCRP kräftig von der US-Regierung mitfinanziert wird. Hanno Hauenstein unterhält sich darüber in der FR mit dem Journalisten Ryan Grim: OCCRP habe die "US-Finanzierung offengelegt, nicht aber deren Umfang (...) USAID-Beamte erklärten uns etwa, dass OCCRP als Zuschussempfänger der US-Regierung vertraglichen Bestimmungen unterliegt, die OCCRPs Schlüsselpersonal betreffen. Das bedeutet, dass OCCRP für den Wechsel von Positionen wie Chefredakteur, leitender Redakteurin oder Herausgeber die aktive Zustimmung der US-Regierung einholen muss (...). Ich denke, die meisten würden zustimmen, dass das nicht Aufgabe einer Regierung ist." Das OCCRP weist die Berichte auf seiner Website als tendenziös zurück.
Stichwörter: Occrp, Us-Regierung, Panama Papers, NDR

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2025 - Medien

"Free expression" bleibt auch unter Musk und einem Meta ohne Faktencheck "ein Märchen", schreibt in der taz die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout: "Die Vorstellung, dass Plattformen uneingeschränkte Meinungsfreiheit ermöglichen, verkennt ihre Architektur: Algorithmen, Monetarisierung und Marktlogiken schaffen Bedingungen, unter denen jede Rede zur Ware wird: verpackt, kuratiert, verkauft - aber nicht frei. Sie verkennt aber auch, dass soziales Verhalten in einem Umfeld, das Feedback und Reaktionen nicht nur ermöglicht, sondern permanent forciert, nicht reguliert werden kann. Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob es freie Rede im Netz geben kann. Die Frage ist, wer uns diese Märchen erzählt - und warum ausgerechnet jetzt. Während Zuckerberg und Musk von digitaler Befreiung reden, verwandeln sie im Hintergrund weiterhin jede Äußerung in verwertbare Daten. Je wilder die Debatten toben, desto höher die Engagement-Raten. Je polarisierter die User, desto präziser die Algorithmen."

Der Journalismus habe stark an Vertrauen eingebüßt, weshalb der Springer-Konzern jetzt noch mehr anderen Meinungen Platz einräumen möchte, schreibt der Springer-Chef Mathias Döpfner in der Welt. "In diesem Sinne werden wir in Zukunft weiterhin entschieden die Räume des Sagbaren öffnen. Wir werden auch diejenigen befragen und zu Wort kommen lassen, deren Meinungen und Weltbilder uns nicht gefallen."