9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2025 - Medien

Auf einer ganzen Seite in der FAZ kommt die Autorin Anne Rabe nochmal auf den Casus Thilo Mischke zurück, der bekanntlich das ARD-Kulturmagazin "ttt" moderieren sollte, nach Protesten aber von der ARD zurückgezogen wurde. Rabe gehörte zu den Unterzeichnerinnen das Aufrufs gegen Mischke. Zufrieden ist sie dennoch nicht. "Ende gut, alles gut? Leider nein, denn die ARD hat hier eine Chance vergeben, eine Diskussion über den Umgang mit Sexismus in unserer Gesellschaft zu führen und die eigene Relevanz unter Beweis zu stellen."
Stichwörter: Rabe, Anne, Mischke, Thilo, ARD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2025 - Medien

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Über das X-Gespräch zwischen Elon Musk und Alice Weidel muss man vielleicht nicht mehr sagen, als dass es "Diskurs-Karaoke mit sehr schiefen Tönen" blieb, meint Andrian Kreye in der SZ. Was wir aber erleben durften, war eine Lehrstunde des "Cyberlibertarismus", so Kreye: "Der Cyberlibertarismus … verkauft die Automatisierung der kognitiven und intellektuellen Prozesse und damit einhergehenden Gleichschaltung einer Gesellschaft als Demokratisierung." Kreye empfiehlt das Grundlagenwerk "The Hyper Machine" von Sinan Aral, Professor am Massachusetts Institute of Technology, aus dem Jahr 2020: "Da stehen so erstaunliche Forschungsergebnisse drin wie die Tatsache, dass sich Falschnachrichten sechsmal so schnell und an 100-mal so viele Menschen verbreiten wie Wahrheiten. Den Effekt lokalisierte er eindeutig in der rechten Hirnhälfte. Eine Lüge liefert genau die drei Reize, die in den sozialen Medien so viele Reflexe auslösen: Überraschung, Unterhaltung und Emotionen. Dazu kommt die einlullende Wirkung dessen, was Aral als 'soziales Hirn' beschreibt. Demnach ist der Herdentrieb als Vorläufer der Primatenintelligenz immer noch ein prägender Faktor der Gesellschafts- und Konsensbildung."

Europa kann etwas gegen den "rücksichtslosen Plattformdarwinismus" von Musk und Zuckerberg tun, schreiben auf den Medienseiten der FAZ Eva Flecken, Marc Jan Eumann und Tobias Schmid, Direktoren der Medienanstalten in Berlin-Brandenburg, Rheinland-Pfalz und NRW: "Der Gesetzgeber sollte überprüfen, ob er nicht doch entschiedenere Regeln treffen muss, nachdem die Plattformen nun zugeben, dass sie es jedenfalls nicht mehr aus sich heraus machen. Und die Exekutive sollte diesen demokratischen Auftrag ohne weiteres Zögern umsetzen. Die gute Nachricht ist, dass der Gesetzgeber den ersten Teil bereits erledigt hat. Die EU hat neben dem beispielgebenden Medienstaatsvertrag der Bundesrepublik mit dem Digital Services Act das gesetzliche Instrumentarium, das erforderlich ist, um die demokratischen Gesellschaften Europas zu schützen. Die zweite gute Nachricht ist, dass auch die Exekutiven der Mitgliedstaaten der EU ihren Job machen. So melden die Medienaufsichtsbehörden der EU, koordiniert über die deutschen Medienanstalten, regelmäßig Rechtsverstöße auf den großen Plattformen nach Brüssel. Jetzt ist es an der Europäischen Kommission, ihr Versprechen einzulösen und unabhängig von politischen Unwuchten und taktischen Überlegungen das Recht durchzusetzen."

In seiner Spiegel-Kolumne fordert Thomas Fischer die Medien zu sauberem Sprachgebrauch auf, der Alltagssprache, juristische und politische Begriffe nicht vermischt. Warum beispielsweise muss man vor die Hamas das Wort "radikalislamisch" setzen? Und auch die AfD als "in Teilen gesichert rechtsextrem" zu bezeichnen, sei nicht korrekt: "Solche Begriffe ohne Weiteres in die Alltagssprache zu übernehmen, führt zu Fehlvorstellungen, weil ihre rechtliche Bedeutung vielfach gar nicht (mehr) erkannt wird. An die Stelle von vertieftem Verständnis tritt dann eine Fetischisierung von Begriffen. Die Begriffsverwendung in öffentlichen Medien dient auch zu einem gehörigen Teil gar nicht einer inhaltlichen Aufklärung, sondern der Absicherung gegen mögliche Klagen."

Vielleicht nutzt die ARD die Debatte um Thilo Mischke (unsere Resümees) mal, um grundsätzlich über die Kulturberichterstattung im Fernsehen nachzudenken, empfiehlt Dirk Knipphals in der taz: "Wer sich in der Mediathek die letzten Sendungen von 'titel, thesen temperamente' anschaut, wird feststellen, dass sie jetzt schon nicht eben einen reflektierten, die Rolle von Kunst und Kultur immer auch mitbedenkenden Kulturbegriff pflegten. Kultur wird nicht befragt. Stattdessen wird affirmativ das jeweilige Thema als bedeutend gesetzt und mit Interviewschnipseln illustriert. Das sollte mit einem Moderator Mischke offenbar auf einen für soziale Medien kompatiblen Stand gebracht werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2025 - Medien

Auch deutsche Kooperationspartner von Meta müssen sich nach Mark Zuckerbergs Ankündigung, auf Faktenchecks verzichten zu wollen, auf Änderungen einstellen, schreibt Christian Meier in der Welt: "Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) ist für Meta einer der wichtigsten Faktenchecker. Im Jahr 2019 wurde die größte deutsche Nachrichtenagentur Mitglied des Fact-Checking-Programms von Facebook. (…) Auf Welt-Nachfrage heißt es bei dpa: 'dpa ist weiterhin Faktencheck-Partner von Meta. Wir haben einen laufenden Vertrag, zu dessen Details wir uns allerdings nicht äußern können.' Nach eigener Auskunft arbeiten rund dreißig Personen im Team, seit 2019 habe man für den Auftraggeber mehr als 8.000 Faktenchecks erstellt. In einer gerade erschienenen Geschichte der dpa (Hans-Ulrich Wagner, 'Im Dienst der Nachricht', Societäts-Verlag) werden die Fact-Checking-Aktivitäten der dpa als 'lukratives Geschäftsmodell' bezeichnet, neben Deutschland biete die dpa auch Überprüfungen in den Niederlanden, in Belgien, in Luxemburg, Österreich und der Schweiz an. Neben der dpa ist Correctiv der wichtigste Kooperationspartner von Meta in Deutschland, und das bereits seit 2017."

Viele Journalisten sind im Gaza-Krieg von den Israelis getötet werden. Die Frage ist allerdings, wer ein Journalist ist, schreibt Nicholas Potter in der taz, der auch mit dem amerikanisch-palästinensischen Experten Ahmed Fouad Alkhatib gesprochen hat. Die israelische Armee schreibt zum Beispiel, dass die sechs Personen, die sie am 26. Dezember in einem Pressebus getötet hat, dem Islamischen Dschihad (PIJ), also einer Terrororganisation angehörten. Terroristen wird überdies in Hamas-nahen Medien ein Alias gegeben: "Ob Al-Quds Today überhaupt als journalistischer Sender gilt, bleibt fraglich. Er bietet regelmäßig Funktionären des PIJ eine Plattform, verbreitet die Ideologie der Terrororganisation. ... Reporter ohne Grenzen hat den Fall deshalb nicht in seine Statistik aufgenommen, heißt es. 'Doch es gibt auch eine große Grauzone', sagt Alkhatib. Kämpfer der Hamas und des PIJ würden auch Doppelleben führen, als Bauarbeiter, Lehrer oder eben Journalisten. 'So kann man nicht einfach und endgültig sagen, ob jeder dieser fast 200 Getöteten Journalisten oder Terroristen gewesen seien.' Alkhatib fragt sich, wo man die Grenze zieht."

In einem gestern von uns Zeit-Artikel kommen Anne Hähnig und Marc Widmann auf die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen vor einem Jahr zurück (unsere Resümees), der im Nachhinein unsauberes Arbeiten vorgeworfen wurde. Die Zeit hat mit Correctiv-Redakteuren sowie mit Teilnehmern des Treffens gesprochen. Die Kritik drehte sich vor allem darum, ob in Potsdam tatsächlich die Vertreibung von Millionen Menschen, auch mit deutschem Pass, aus Deutschland geplant worden sei. "Fragt man Jean Peters, den Haupt-Rechercheur des Artikels, ob das Wort 'Vertreibung' bei dem Treffen jemals gefallen sei, zögert er kurz. Und sagt dann: Nein. 'Aber natürlich war es gemeint.' Was aus Correctivs Sicht in Potsdam gemeint gewesen sei, nimmt in dem Text viel Raum ein. Was tatsächlich gesagt wurde, wird dafür an den entscheidenden Stellen nur sehr knapp wiedergeben. Dass die Journalisten den Text so aufgeschrieben haben, lässt sich vielleicht damit erklären, welchen Anspruch Correctiv an sich selbst stellt: Das als gemeinnützig eingestufte Medienhaus legt großen Wert darauf, dass seine Recherchen eine Wirkung entfalten." Proftiert hat letztlich Martin Sellner, mit dem die Zeit für ihre Recherche ebenfalls gesprochen hat: "Seine Bücher hätten sich zuletzt richtig gut verkauft, sagt er. Und über 'Remigration' werde nun ständig diskutiert. Viel spricht dafür, dass sich Sellner in Potsdam für seine Verhältnisse noch zurückgehalten hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2025 - Medien

Mark Zuckerbergs Ankündigung, das teure Fact-Checking-Programm seines Konzerns nicht mehr weiterzuführen (unser Resümee), ist weniger als Kniefall vor Donald Trump zu sehen, sondern eher als Rückbesinnung auf Zuckerbergs eigene Vorstellung von freier Rede zu verstehen, meint Andrian Kreye in der SZ. Diese Vorstellung war nämlich noch nie weit von der Musks' oder Trumps entfernt. "Für Donald Trump ist das alles ein weiterer Sieg in seinem Kampf um die Beherrschung der Öffentlichkeit. Dabei geht es ihm weniger um Deutungshoheit als um eine Abschaffung von Wahrheitsbegriffen. Die beiden Behörden, die Medien in den USA regulieren, hat er schon mit Männern besetzt, die ähnlich wie er denken." Zum Beispiel Trumps Kandidat für die Federal Trade Commission Andrew Ferguson. "Ferguson sprach Anfang Dezember schon eine erste Drohung aus, die man auch als Versprechen interpretieren kann: 'Wir müssen mit aller Kraft die Kartellgesetze gegen Plattformen durchsetzen, die die Möglichkeiten der Amerikaner, Ideen frei und offen auszutauschen, unrechtmäßig einschränken.' Was im Umkehrschluss hieße, dass Plattformen, die alle Inhalte zulassen, auch keine Angst vor dem Kartellrecht haben müssen."

Im Tagesspiegel blickt Adrian Lobe auf die Auswirkungen von Zuckerbergs Schritt für die EU. "Für Europa, das nicht nur in der äußeren Sicherheit, sondern auch in der digitalen Infrastruktur von den USA abhängig ist, verheißen die laxeren Community-Standards nichts Gutes. Zwar wird das Faktencheckprogramm vorerst nur in den USA abgeschafft. Zuckerbergs Aussagen ('starting in the US') lassen jedoch darauf schließen, dass die USA nur der Anfang sein und weitere Kontinente folgen werden. Die Free-Speech-Ideologen werden sich wohl auch nicht von Geldstrafen der EU-Kommission, die jetzt in der Diskussion stehen, aufhalten lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2025 - Medien

Perlentaucher Thierry Chervel hat sich noch mal die deutschen Zeitungen zum zehnten Jahrestag des Attentats auf Charlie Hebdo angesehen und festgestellt: Moralisch sind die Artikel wirklich spitze und verteidigen das Recht auf Karikatur, aber keine Zeitung hat ihre Artikel auch nur mit einer der harmloseren der Mohammed-Karikaturen Charlie Hebdo illustriert. Die Zeitungen folgen damit einer alten Tradition. Schon wer sich dänischen Mohammed-Karikaturen vor zwanzig Jahren ansehen wollte, war bei den Zeitungen fehl am Platz. 2015, nach dem Attentat auf Charlie Hebdo war es kaum besser.


Unterdessen kündigt Mark Zuckerberg an, unter Ägide seines geliebten Führers die Höllenhunde loszulassen und die Welt in einen Abgrund der Desinformation versinken zu lassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2025 - Medien

Richard Herzinger kommt in seiner Perlentaucher-Kolumne auf Elon Musks Wahlaufruf für die AfD zurück: "Deutsche Apologeten Trumps und Musks sind nun eifrig bemüht, die Intervention des Tech-Milliardärs als bloße harmlose 'Meinungsäußerung' hinzustellen - und die Kritik daran als Versuch, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Damit aber machen sie sich zu Komplizen des von Trump und Musk betriebenen Neoautoritarismus. Denn dessen strategische Methode besteht darin, ihre autokratischen Bestrebungen als Kampf für das Recht auf freie Rede auszugeben. In Wahrheit zielen sie darauf, die Unterscheidungsfähigkeit zwischen überprüfbaren Tatsachen und propagandistischer Fiktion auszulöschen, um einen rationalen demokratischen Diskurs unmöglich zu machen."

Am Samstag wurde bekannt, dass Thilo Mischke doch nicht Moderator der ARD-Sendung "Titel Thesen Temperamente" werden wird (unsere Resümees). Sara Peschke bringt in der SZ Mitleid mit Mischke auf und klagt die ARD an. "Ein Journalist, dessen Verfehlungen überschaubar sind, bleibt nun persönlich und beruflich beschädigt zurück." In der Welt spricht Hannah Lühmann über eine "Kampagne" gegen Mischke. Mischke habe "ebenso unser Mitleid verdient wie die ARD-Verantwortlichen unseren Zorn".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2025 - Medien

Der Journalist Thilo Mischke wird nun doch nicht Moderator der ARD-Sendung "Titel Thesen Temperamente", meldete als erste die SZ. Der Moderator war wegen sexistischer Positionen umstritten, am Ende zirkulierte gar ein von Dutzenden Autorinnen und Autoren unterzeichneter Aufruf (unser Resümee). Mitunterzeichnerin Sophie Sumburane erklärt in der taz, warum sie trotz ihres Erfolgs nicht zufrieden ist: "Es ist ein trauriges Armutszeugnis und irgendwie auch ein Beleg für einen gesellschaftlichen Backlash. Auch, wie die ARD kommunizierte (quasi gar nicht), wie die Entscheidung für Mischke als Moderator einzusetzen vollkommen intransparent blieb und wir uns nun wundern und fragen können, welche Seilschaft ihn in diese Position gezogen haben könnte."

Auf Zeit online ist Laura Hertreiter zwar einerseits froh, dass Mischke nicht moderieren wird, aber wie die Entscheidung jetzt gegen ihn zustande kam, findet sie genauso unangenehm wie die für ihn: "Man muss das schon wirklich wollen, jemanden als Moderator einer Kultursendung zu verpflichten, der sich ohne jedes Fachwissen und ohne die Bereitschaft, sich welches anzueignen, über den männlichen Hang zu Vergewaltigungen und angebliche weibliche Gendefekte auslässt. Und genau deshalb muss es ja Gründe gegeben haben für die ursprüngliche Entscheidung der ARD. Die hätte man hervorragend mit der Community und darüber hinaus diskutieren können. Womöglich hat Mischke bei seinem Casting so überzeugt vor der Kamera, dass man bereit war, seine Ausfälle zu kompensieren oder gar nachzuschulen? ... Die Verantwortlichen bei der ARD haben ihn erst auf nicht nachvollziehbare Weise besetzt und nun ohne einen Hauch von Selbstkritik und Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen, fallen gelassen. Will man mit so jemandem arbeiten?"
Stichwörter: Mischke, Thilo, ARD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2025 - Medien

In zwei Texten verteidigt die Welt heute nochmal die Veröffentlichung des Musk-Artikels. "Es lebe das Recht auf Einmischung in die Wahlkämpfe und andere innere Angelegenheiten befreundeter Staaten!", ruft Henryk M. Broder, der das Recht auf Informations- und Meinungsfreiheit über alle Grenzen hinweg als fünfte Säule des europäischen Binnenmarktes verstanden wissen will. Zudem habe Musk "Milliarden von Dollar in Deutschland investiert, er zahlt Millionen Euro an Steuern und hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass Brandenburg heute zu den blühenden Landschaften innerhalb der Bundesrepublik gehört. Er wäre ein schlechter Unternehmer, wenn er sich nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischen würde, in dem er als Entrepreneur aktiv ist." Ebenfalls in der Welt klärt die Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimm vom "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" Musk zwar erstmal über die Wirtschaftspolitik der AfD auf, die dem Unternehmer ganz und gar nicht zugute käme. Dennoch verteidigt sie die freie Rede: "Die Aufregung um die Veröffentlichung des Gastbeitrags zeigt eine gewisse Orientierungslosigkeit in Politik und Gesellschaft." Derweil hat sich Martin Varsavsky, Mitglied im Aufsichtsrat von Axel Springer, auf X bekannt, die Sache eingefädelt zu haben.

Die Wirkungsmacht von Musk in Deutschland hält der Meinungsforscher Roland Abold im Tagesspiegel indes für überschaubar: "Ich schließe nicht aus, dass sich manche davon beeindrucken lassen. Insgesamt hat die AfD aber bisher in puncto Wirtschaftskompetenz die größten Probleme, gerade in Abgrenzung zur FDP und zur Union. Im Dezember haben nur neun Prozent der Deutschen der AfD am ehesten zugetraut, dass sie Deutschlands ökonomische Probleme lösen kann. In dieser möglicherweise wahlentscheidenden Frage wird die Unterstützung von Musk allein nicht reichen, um diese Einschätzung zur Wirtschaftskompetenz der AfD grundlegend zu verändern."

Bisher haben wir die Kontroverse um den von ARD benannten "Titel Thesen Temperamente"-Moderator Thilo Mischke ignoriert: Viel Kritik gibt es, weil Mischke, der Bücher mit Titeln wie "In 80 Frauen um die Welt" und "Die Frau fürs Leben braucht keinen großen Busen" veröffentlicht hat, Sexismus und Rassismus vorgeworfen wird. Mischke hat sich laut ARD zwar von seinen früheren Büchern distanziert, trotzdem kündigen mehr als hundert Autorinnen, Autoren und Kulturschaffende, darunter Anne Rabe, Ilko-Sascha Kowalczuk, Wolfgang Ullrich oder Daniela Dröscher in einem offenen Brief, den der Tagesspiegel publiziert, an, die Zusammenarbeit mit Mischke auszuschließen. Sie seien "bestürzt über diese Personalentscheidung der ARD, mit der die Kultursendung 'ttt - titel thesen temperamente' nachhaltig beschädigt wird. Wir wünschen uns für das Kulturfernsehen enthusiastische und an Kultur interessierte Moderator*innen, die sensibel und empathisch in der Lage sind, auf Gegenwartsdiskurse zu antworten und der Komplexität aktueller Kulturdebatten gerecht zu werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2025 - Medien

Im Interview mit der FAZ wehrt sich Jan Philipp Burgard, neuer Chefredakteur der Welt, gegen die Vorwürfe wegen des Kommentars von Elon Musk. Als wäre die Welt die einzige, die einflussreichen Privatpersonen und Politikern je ein Forum geboten hätte: "Als der Milliardär George Soros im Europawahlkampf 2019 eine Wahlempfehlung für die Grünen veröffentlicht hat, sah Robert Habeck darin kein Problem. Und wenn jetzt der Generalsekretär der SPD, Matthias Miersch, sagt, der Gastbeitrag von Musk sei 'gefährlich und beschämend', dann kann ich nur warnen: Gefährlich wird es, wenn ein Spitzenpolitiker definieren will, welche Meinung eine Zeitung drucken darf und welche nicht. Wo war der Aufschrei des SPD-Generalsekretärs, als die Zeit im Jahr 2021, also bereits nach der Annektierung der Krim, einen Gastbeitrag von Wladimir Putin gedruckt hat - übrigens ohne jede kritische Erwiderung? Und hat Matthias Miersch schon vergessen, dass Bundeskanzler Scholz 2022 in einem Gastbeitrag in Le Monde unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl den Franzosen empfohlen hat, für Emmanuel Macron zu votieren? Diese Doppelmoral empfinde ich als unerträglich", so Burghard, der behauptet, er habe mit dem Musk-Beitrag nur eine Debatte anstoßen wollen.

In der Jüdischen Allgemeinen äußert sich Philipp Peyman Engel ebenfalls zur Debatte. Um Meinungsfreiheit geht es hier nicht, meint Mendel. Es ist "nicht Aufgabe von Zeitungen, Wahlwerbungen zu veröffentlichen. Und zum anderen ist die AfD keine Partei wie jede andere: Eine im Kern antidemokratische, rechtsextreme, geschichtsrevisionistische, Russland- und Chinanahe Partei, in der Antisemiten sich zu Hause fühlen und die zu Recht vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall geführt wird, vertritt nicht bloß 'polarisierende Positionen', sondern ist brandgefährlich. Natürlich sind auch hochumstrittene Standpunkte von der Meinungsfreiheit gedeckt. Genau deshalb ist sie so ein hohes Gut. Zur Pressefreiheit gehört aber eben auch, dass nicht jede Meinung zwingend publiziert werden muss. Diese Verantwortung gilt umso mehr, wenn Rechtsextremismus verharmlost wird."

Thore Rausch trifft für die SZ Martin Calsow, der dreizehn Jahre lang die Lokalzeitung Tegernseer Stimme herausgebracht hat. Hier wurde kritisch über die Superreichen berichtet, die am See ihre Villen haben, aber auch über viele andere lokale Themen. Finanziell ging es der Zeitung sehr gut, berichtet Rausch, sie hatte "bis zu 80 000 Leserinnen und Leser am Tag und bis zu 1,5 Millionen Seitenaufrufe im Monat. 2024 war nicht nur ihr letztes, sondern auch ihr bestes Jahr. Umso erstaunlicher, dass jetzt Schluss ist. Der Grund dafür: Der Stimme geht nicht das Geld aus, sondern das Personal. Über zwei Jahre haben sie neue Redakteure gesucht, erst eine Headhunterin engagiert, dann vierzig Bewerbungsgespräche geführt, ohne Erfolg. Das größte Problem: Nur wenige können es sich leisten, am Tegernsee zu wohnen. Die Lebenskosten sind schlicht zu hoch. Die jüngeren Bewerber wollen neben der Arbeit noch 'den Yoga-Kurs und andere Projekte' verfolgen, die älteren Kandidaten seien 'unfassbar satt' gewesen. Calsow kann beide Fallbeispiele kaum fassen. Für ihn gibt es Menschen, die für die Sache 'brennen', oder eben nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2024 - Medien

Der Musk-Text in der Welt am Sonntag (unsere Resümees) sei keineswegs von Mathias Döpfner lanciert worden, versichert der Verlag, aber in der SZ ist Andrian Kreye skeptisch: "Seit Jahren bemüht sich Döpfner um Musk. In vielen Mails und Nachrichten hat er den Superunternehmer umworben. Laut Ulf Poschardt bekam Mathias Döpfner den Text vorab aber nicht vorgelegt. 'Bei uns gibt es das Chefredakteurs-Prinzip. Das gilt absolut uneingeschränkt. Insofern haben Jan Philipp und ich das entschieden.' Eben auch gegen die Proteste aus der eigenen Redaktion. (…) Und nein, auch er war zunächst nicht in die Text-Akquise involviert. 'Ich bin ja nun wirklich ein unerschrockener Verteidiger von allem, was Elon Musk unternehmerisch und auch als Staatsreformer vertritt. Ich hätte mir diesen Orden gerne ans Revers geheftet.' Überzeugt habe ihn Musks Beitrag nicht, deswegen mag Poschardt den Vorwurf der Wahlwerbung nicht gelten lassen. 'Als ich den Text gelesen habe, war ich erst mal enttäuscht. Das ist ein eher abstraktes Verständnis der AfD. Aber die Parteien, die da jetzt antreten, sind alle Status quo.'"