9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2022 - Medien

Boris Johnson attackiert die BBC, berichtet Steffen Grimberg in der taz. Auch in Deutschland sollen die Anstalten reformiert werden, Bürger durften sich mit Vorschlägen beteiligen, zeigten allerdings kein besonderes Interesse: "Zwar kann von einer wirklich breiten gesellschaftlichen Debatte über Sinn, Zweck und künftigem Zuschnitt der öffentlich-rechtlichen Medien leider keine Rede sein. Doch Johnsons Frontalangriff auf die BBC wird bei den medienpolitischen Entscheidungsträger*innen eher dafür sorgen, dass sie den Anstalten den Rücken stärken. Wohl keinE Politiker*in möchte in diesen Tagen in einem Atemzug mit Boris Johnson genannt werden."

Die BBC ist auch in der FAZ Thema. "Im Jahr 2027 läuft die dem deutschen Rundfunkvertrag vergleichbare Royal Charter aus, die seit 1927, fünf Jahre nach der Gründung des traditionsreichen Senders, alle zehn Jahre neu verhandelt wird", erläutert Gina Thomas im Feuilletonaufmacher. Es scheint darauf hinauszulaufen, dass das Gebührenmodell ganz abgeschafft wird und sich die BBC danach anders finanzieren soll.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2022 - Medien

Der Entwurf für einen neuen Medienstaatsvertrag ist online einzusehen und bis gestern konnte er auch kommentiert werden. Auf artechock macht Rüdiger Suchsland davon weidlich Gebrauch, vor allem zur Verantwortung der Fernsehsender für den Film hat er einiges zu sagen: "Der Jetztstand ist aber tatsächlich traurig. Es werden kaum noch Filme im Fernsehen gespielt. Wenn dann zu beschämenden Zeiten. Und was für Filme!... Befreit werden müssen auch die Mediatheken der Sender. Auch viele Urheber haben es längst begriffen: Mediatheken sind heute ein eigenständiges Medium, das eigenständigen Gebrauchsregeln unterliegt. Da sie in direkter Konkurrenz zu den Streaming-Portalen und anderen Angeboten internationaler Medien-Konzerne stehen, sollten alle Beschränkungen, die für die öffentlich-rechtlichen Sender eine konkrete Behinderung bedeuten, abgebaut werden. Selbstverständlich bedeutet dies im Gegenzug eine angemessene (!!!) Vergütung für die Produzenten und Urheber. Hinzu kommt ein zweiter wichtiger Punkt: Was für die Mediathek produziert bzw. eingekauft wird, darf nicht nur der Fernsehlogik entsprechen. Daher geht es darum, den Sendern möglichst umfassende Freiheit für die Gestaltung ihrer Mediatheken und Online-Angebote an die Hand zu geben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2022 - Medien

In Amerika gibt es eine immer größere Tendenz zu teuren paywall-getriebenen Online-Medien, die sich an die Eliten wenden - das jüngste Beispiel ist das geplante neue Medium von Ben und Justin Smith (unser Resümee). Sara Fische stellt bei Axios Studien vor, die eine Spaltung des Publikums befürchten und zitiert den Medienforscher Rodney Benson von der NYU: Das neue Modell verweise "alle anderen auf lokale Fernsehnachrichten (die immer noch zu den meistgesehenen News-Kanälen gehören) und die sensationellsten und oft extrem parteiischen Nachrichten, die weiterhin kostenlos im Internet und in den sozialen Medien kursieren." Als einzige Alternative sieht Benson das europäische Modell mit starken öffentlich-rechtlichen Sendern und einer mehr oder weniger ausgedünnten Online-Sphäre.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2022 - Medien

Nina Rehfeld schildert in der FAZ das fatale Wirken des Hedgefonds Alden Global Capital, der reihenweise ehemals renommierte Zeitungen Amerikas wie etwa die Chicago Tribune kauft und zu Tode saniert: "Wenige Tage nachdem die East Bay Times aus Oakland für ihre Berichterstattung über die Hintergründe eines Feuers in einer Lagerhalle mit sechsunddreißig Todesopfern im Jahr 2017 einen Pulitzerpreis erhielt, entließ Alden zwanzig Mitarbeiter. Bei der Denver Post wurden zwei Drittel der Belegschaft entlassen, die Redaktion und die Druckerei zogen in ein Industriegebiet am Stadtrand um."
Stichwörter: Pulitzerpreis

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2022 - Medien

Der erfundene Angriff auf den afroamerikanischen Schauspieler Jussie Smollett (er hatte behauptet, von weißen Trump-Anhängern verprügelt worden zu sein, obwohl es wohl zwei nigeranischstämmige Männer waren, die er dafür bezahlt hatte) gilt heute als Beispiel für ein Hate Crime Hoax, also eine erfundenen Hasstat. Solche Geschichten nehmen zu in den USA, behauptet der amerikanische Politikwissenschafter Wilfred Reilly im Interview mit der NZZ, ohne allerdings Zahlen zu nennen. Die Medien machten da gerne mit: "Es gibt auch in seriösen Medien einen starken Trend zum Sensationalismus, damit die Werbekunden Trucks und Penispillen verkaufen können. Lange Interviews mit Yasir Arafat sind da weniger gefragt, sexuelle Dinge und rassistische Konflikte dagegen sehr attraktiv, um Aufmerksamkeit zu erregen. Zweitens kann man die Tatsache nicht ignorieren, dass die Medien in den USA von der politischen Linken dominiert sind. Das zeigen auch Umfragen. Zusammen ergibt das, dass man auf Sensationsgeschichten fokussiert, welche die eigene Ideologie bestätigen. Sensationalismus und Linksdrall eröffnen ein großes Feld für diese Race-Storys." Bei der Rechten gibt es solche Fälle allerdings auch, erzählt Reilly.
Stichwörter: Hate Crime Hoax, Race

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2022 - Medien

Der Spiegel feierte sich in diesen Tage zu seinem 75. Geburtstag selbst und die meisten anderen feierten brav mit, immer Augsteins Landser-Metapher vom "Sturmgeschütz der Demokratie" auf den Lippen. Urlich Gutmair verdirbt das Spiel in der taz ein bisschen: Einerseits habe der Spiegel in den frühen Jahren zwar tatsächlich über die Nazizeit recherchiert, "auch wenn er dies zuweilen im schnoddrig-ironischen Casino-Ton alter Nazis tat. Zum anderen aber strickte er an der Legende mit, welche die Deutschen über sich selbst erzählen wollten: Letztendlich waren ein paar hochrangige Nazis für die Verbrechen verantwortlich - wenn nicht Hitler allein: Die von den Alliierten verurteilten NS-Kriegsverbrecher durften darauf zählen, dass sich der Spiegel für sie, die er als 'Kriegsverurteilte' bezeichnete, einsetzte."

Jeder, der Sport liebt, muss sich vehement für einen Boykott der Fußball-WM in Katar und der Olympischen Winterspiele in Peking einsetzen, meint Jens Uthoff in der taz. Problematische Veranstaltungen gab es zwar schon vorher, doch diese beiden Ereignisse haben eine andere Qualität, so Uthoff: "Für die WM von Katar sind die Veranstalter buchstäblich über Leichen gegangen, es gibt einen direkten Zusammenhang der vielen Toten und Geschundenen mit dem Sportereignis, es geht im Emirat nicht 'nur' um die Repräsentation eines missliebigen Herrschaftsapparats. Bei China ist es etwas anders. Es geht genau darum, diesem Staat keine Bühne zu bieten, zu viele rote Linien scheinen überschritten. Events wie Olympia wirken systemstabilisierend, vor allem innerhalb des Landes. Sollten es also im Februar für China glänzende, prächtige, erfolgreiche Spiele werden, so wären wir keinen Schritt weiter als 1936."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2022 - Medien

Marc Walden, CEO des Schweizer Ringier Verlags, hatte bei einer Konferenz der Schweizerischen Management Gesellschaft mit der Bitte um Stillschweigen vor einem Jahr gesagt: "...wir wollen die Regierung unterstützen durch unsere mediale Berichterstattung, damit wir gut durch die Krise kommen." Die Kritik blieb nicht aus, unter anderem wurde der Vorwurf laut, "dass sich Verlage durch wohlwollende Berichterstattung zusätzliche Subventionsmillionen vom Staat erhoffen", berichtet Lucien Scherrer in der NZZ. Die Entschuldigung von Verleger Michael Ringier machte es nicht besser: "'Als Verleger von über hundert Redaktionen in 18 Ländern und Tausenden Journalisten', so erklärte er im Stil eines k. u. k. Monarchen, könne er versichern, dass es in seinem Reich keine Weisungen gebe, sondern nur 'Einordnungen nach bestem Wissen und Gewissen'. Um die 'böswillige Diffamierung' seiner Redaktionen zu entkräften, erinnert Ringier 'mit Entsetzen' an den Ringier-Mitarbeiter Jan Kuciak, der 2018 in der Slowakei erschossen wurde, 'weil er mit seinen Recherchen einem Mächtigen zu nahe gekommen war'." Sprich, ein vor drei Jahren getöteter Journalist, der über kriminelle Verbindungen von slowakischen Politikern recherchierte, wird als Beweis dafür herangezogen, dass die Ringier-Publikationen auch in Sachen Corona über jeden Zweifel erhaben sind, in der Schweiz und überall auf der Welt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2022 - Medien

Vor einiger Zeit kaufte der Springer Verlag das globale Nachrichtenmedium Politico. Dann brachte Ben Smith in der New York Times einen Artikel zur Frage, ob der Springerkonzern denn die Compliance-Regeln amerikanischer Medien einhalte, woraufhin sich Springer sofort diesen Regeln unterwarf (unsere Resümees). Nun bringt die New York Times die Meldung, dass Ben Smith die New York Times verlässt, um ein, äh, internationales Nachrichtenmedium aufzubauen: "Ben Smith sagte in einem Interview, dass man eine globale Nachrichtenredaktion aufbauen wolle, die Nachrichten verbreitet und mit neuen Formaten des Storytelling experimentiert. Er machte keine Angaben dazu, welche Themen oder Regionen abgedeckt werden sollten, wie viel Geld man aufbringen wolle oder wann die neue Organisation starten würde." Das Medium soll sich an ein internationales englischsprachiges Publikum wenden, das Smith auf 200 Millionen akademisch gebildete Menschen beschreibt. Chef des neuen Mediums wird der ehemalige Bloomberg-CEO Justin Smith (nicht verwandt), meldet Reuters. Peter Kafka vermutet bei Vox.com, dass die Smiths wohl schon eine Menge Geld aufgetrieben haben, unter anderem investiert der ehemalige Atlantic-Besitzer David Bradley.

Mathias Döpfner, auch als Chef des Zeitungsverlegerverbands arg gerupft durch die von der New York Times lancierte Affäre um den Bild-Chef Julian Reichelt, kämpft unterdessen an vielen Fronten. Die letzte Bundesregierung wollte der Presse ja kurz vor der Wahl Subventionen in Höhe von 200 Millionen Euro zukommen lassen, ließ das großzügige Vorhaben dann aber ängstlich fallen. Nun ist Döpfner laut Gregory Lipinski bei Meedia wieder unterwegs, um von der neuen Bundesregierung Förderung für die Zustellung von Zeitungen zu bekommen: "Die einst im Haushalt 2020 eingestellte Summe von 40 Millionen Euro wird nicht reichen, um die wachsenden Kostenprobleme in den Griff zu bekommen. Schafft es Döpfner bis zur nächsten Delegiertenversammlung des BDZV im Februar, mit dem Bund erste Eckpfeiler einer Zustellförderung festzuzurren, wäre das nicht nur ein Gewinn für die Branche, sondern auch für Döpfner persönlich. Er könnte hierdurch seine Position als BDZV-Präsident stärken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2022 - Medien

In Hongkong haben die regierungskritischen Online-Medien Stand News und Citizen News aufgegeben, berichtet Christina Braun in netzpolitik. "Vor nicht einmal einer Woche, am 29. Dezember, hatten Hongkonger Behörden mit mehr als 200 Polizist:innen die Büros des Online-Mediums Stand News durchsucht und laut Berichten sechs ehemalige und aktuelle Mitarbeitende festgenommen. Daraufhin hatte das Online-Medium angekündigt, seine Arbeit einzustellen. Noch am selben Tag ging die Webseite des Medienunternehmens offline. Das Schicksal von Stand News habe letztlich den Ausschlag dafür gegeben, dass auch Citizen News ihre Arbeit einstellen, so der Chefredakteur und ehemalige Präsident der Hongkonger Journalistenvereinigung Chris Yeung. Gegenüber Hong Kong Free Press erklärte der Leiter des Ostasienbüros von Reporter ohne Grenzen, Cédric Alviani, dass die Pressefreiheit in Hongkong einmal mehr unter Beschuss stehe: 'Nach Apple Daily und Stand News ist Citizen News das dritte unabhängige Medienunternehmen, das der Einschüchterungs- und Polizeischikanen-Kampagne von Hongkongs Chief Executive Carrie Lam zum Opfer gefallen ist, deren Ziel die totale Unterdrückung der Pressefreiheit in dem Gebiet zu sein scheint."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2021 - Medien

Die ARD hat demnächst drei Sprecherinnen und drei PressesprecherInnen, zählt Michael Hanfeld in der FAZ auf und nennt die Namen Andrea Barthélémy, Sabine Müller und Anna-Mareike Krause und Justus Demmer, Ulrike Simon und Pia Stein. Nun hat Krause allerdings ihren Rückzug angekündigt, weil ihr Mann stellvertretender Sprecher des Berlines Senats wird. Aus "Staatsferne" wolle sie sich nun weiter mit ihrer Aufgabe als Leiterin des Social-Media-Teams der ARD-Presse begnügen. Hanfeld kommentiert: "das ist auch der Job mit wesentlich mehr Einfluss, von dem wir im Augenblick allerdings nicht wissen, warum sich hier die Frage der Staatsferne nicht stellt."

Stefan Niggermeier thematisiert in seinen Übermedien die bestürzende Ritualisierung deutscher Medien - nicht nur der öffentlich-rechtlichen -, die unbeirrt die "aktuellen Coronazahlen" melden, obwohl alle wissen und auch erwähnen, dass diese Zahlen wegen Weihnachten und schlechter Datenlage schlicht falsch sind: "Auch die 20-Uhr-'Tagesschau' brachte den Hinweis, dass die Zahlen gerade einigermaßen unbrauchbar sind, ebenso wie die Zahlen selbst, unbeirrt anmoderiert mit: 'Hier die aktuellen Infektionszahlen.' Warum? Wären das nicht knapp 30 Sekunden Sendezeit, die man stattdessen mit, sagen wir: Nachrichten füllen könnte?"