9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2021 - Medien

Mitarbeiter des Springer-Verlages dürfen wohl künftig interne Liebesbeziehungen nicht mehr geheim halten, meldet der Tagesspiegel. Nach der Affäre umd Julian Reichelt und Attacken der New York Times, die Springer auf das Einhalten amerikanischer Compliance-Regeln überprüfte (unsere Resümees), räumte "Konzernchef und Großaktionär Mathias Döpfner ein, dass die Regeln für Beziehungen am Arbeitsplatz in den USA strenger seien. 'Wir können keine doppelten Standards akzeptieren', sagte Döpfner der Financial Times. Man werde eine globale Regel anwenden, die auf den angelsächsischen Standards basiere, weniger auf den 'lockeren, niedrigeren europäischen Vorgaben'." In einem  ausführlichen FAZ-Gespräch geht Döpfner nur nebenbei auf diesen Plan ein und beteuert, er habe in der Affäre nicht auf amerikanischen Druck hin gehandelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2021 - Medien

Jan Fleischhauer schreibt in seiner Focus-Kolumne noch einen Nachruf auf Bettina Gaus und schildert sie als eine Linke, die noch universelle Werte verfocht. Die taz, schreibt er, hat sie nach dem Streit um eine notorische Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah verlassen, in der diese Polizisten in den Müll stecken wollte. Darauf hatte Gaus geantwortet und habe sich im darauf einsetzenden Shitstorm nicht genug geschützt gefühlt: "Man unterschätzt leicht, wie verletzlich auch Frauen sein können, die beim Wettbewerb, wer am meisten Hass aushalten muss, nicht die Hautfarbe oder Gesinnung der Saison haben. Fortan schrieb sie beim Spiegel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2021 - Medien

Der afghanische Reporter Samidullah Mahdi, der mittlerweile im türkischen Exil lebt, beschreibt im taz-Interview mit Lisa Schneider, wie Journalismus unter den Taliban aussieht: "Die Taliban sind nur zu denen freundlich, die ihre Meinung teilen. Sie wollen eine Gesellschaft, die nur ein Gesicht, eine Stimme, eine Farbe hat. Sie waren schon immer gegen jegliche Vielfalt. In den 1990ern gab es nur einen TV-Sender in Afghanistan, der vom Staat betrieben wurde, den haben die Taliban sofort dichtgemacht. Denn jede Art von Bild war in ihrer Interpretation des Islam verboten. Heute nutzen sie selbst diese Medien, aber: Seit der Machtübernahme gibt es im staatlichen Fernsehen keine Reporterinnen oder Moderatorinnen mehr. Noch treten bei den privaten Sendern Frauen auf, aber deutlich weniger. Die verbliebenen Journalisten und Journalistinnen arbeiten unter extremer Zensur und schwierigen Bedingungen. Viele wurden von den Taliban verhaftet, gefoltert, entführt und getötet. Die Erfahrensten haben das Land bereits verlassen."
Stichwörter: Afghanistan, Taliban

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2021 - Medien

Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird und das laut eigener Auskunft "die regionale Vielfalt gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland in den Blick nimmt", hat ein Impulspapier mit dem Titel "Zusammenhaltssensibler Journalismus" veröffentlicht. Dass ein Ministerium dafür Geld ausgibt, findet Frederic Schwilden in der Welt "obszön": "Laut Reporter ohne Grenzen wurden dieses Jahr 30 Journalisten und vier Medienmitarbeiter getötet, 339 Journalisten, 13 Medienmitarbeiter und 96 Blogger und Bürgerjournalisten sitzen wegen ihrer Arbeit in Gefängnissen. Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) hat im letzten Jahr 69 Angriffe auf Pressevertreter in Deutschland registriert. Das ist die höchste Zahl seit Beginn der Erhebung vor sechs Jahren. Wenn jetzt also gemütlich, von einem Ministerium finanziert, fast 200 Wissenschaftler*innen aus vielen verschiedenen Disziplinen mit empirischen Untersuchungen und großangelegten Vergleichen praxisrelevante Vorschläge' erarbeiten, damit Journalismus den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördert, ist das eine Verhöhnung all dieser Menschen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2021 - Medien

Ausgerechnet Mathias Döpfner darf sich nicht beschweren, dass eine private E-Mail von ihm veröffentlicht wurde, schreibt Sandra Kegel in der FAZ: "Erst im vorigen Jahr hatte Bild aus dem privaten Whatsapp-Chat eines elfjährigen Jungen zitiert, der gerade seine gesamte Familie verloren hatte. Rücksichtslos beutete das Blatt das Leid eines traumatisierten Kindes aus." Kegel erinnert daran, das auch auf die von Springer orchestrierte (und von einem gewissen Frank Schirrmacher, wer war das noch, leidenschaftlich begleitete) Jagd auf Christian Wulff durch die Veröffentlichung einer SMS eröffnet wurde.

Hoffentlich hat sich Nemi El-Hassan nicht nur vom WDR, sondern ganz vom Journalismus verabschiedet, meint Laura Hertreiter in der SZ, denn in ihrem Gastbeitrag in der Berliner Zeitung (Unser Resümee) habe El-Hassan gezeigt, dass sie nicht verstanden hat, was Journalismus ist: "Während der Privatmensch ganz Standpunkt sein kann und der Aktivist es sogar sein soll, ist es Aufgabe des Journalisten zu sehen, dass der eigene eben nicht der einzige Standpunkt ist. Das tut El-Hassan in keiner Zeile. Sie unterschlägt, dass es überhaupt Gegenpositionen gibt. Falls sie sich der Komplexität der Situation bewusst ist, lässt sie das nicht durchblitzen, flüchtet in die Eindeutigkeit der Halbwahrheiten." In der taz resümiert Volkan Agar die Affäre.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2021 - Medien

Seit August dürfen in China keine "negativen Prognose zur chinesischen Wirtschaft" mehr verbreitet werden. Das ist ein Drama zum Beispiel für die Menschen, die sich eine Wohnung kaufen wollen, jedoch über den maroden Zustand des mit 300 Milliarden US-Dollar verschuldeten, zweitgrößten Immobilienentwicklers Chinas, Evergrande, nichts erfahren und so völlig überteuerte Preise bezahlen, schreibt Franka Lu auf Zeit online. "Anfang Oktober hat die Partei einen Gesetzesentwurf vorgestellt, dem zufolge privatwirtschaftliche Beteiligungen an Medienhäusern in China künftig untersagt werden sollen; das bedeutet faktisch, dass alle Nachrichtenmedien, die nicht von der Partei finanziert sind, verboten werden sollen. Auch welche ausländischen Nachrichtenquellen wie von chinesischen zitiert werden dürfen, soll neu geregelt werden, so lautet ein zuletzt vorgestellter Plan der Regierung. Das alles hätte noch sehr viel stärkere negative Auswirkungen auf die Presse- und Meinungsfreiheit in China als die bisherige staatliche Gängelung, auch wenn die Öffentlichkeit die ganze Tragweite der geplanten Maßnahmen offenbar bislang noch gar nicht erfasst hat."

Die Journalistin und Ärztin Nemi El-Hassan sollte die WDR-Sendung "Quarks" moderieren, das Engagement wurde nach Bild-Veröffentlichungen zunächst ausgesetzt. Nicht, dass sie als Jugendliche antisemitisch agierte und solche Positionen noch vor kurzem unterstützte, indem sie Herzchen unter Twitter-Posts anklickte, ist das Problem, sondern dass die Bild-Zeitung eine rassistische Kampagne gegen sie führte, schreibt El-Hassan nun in einem Gastbeitrag für die Berliner Zeitung. Die Kampagne sei zunächst von Rechtsextremen gegen sie lanciert worden, die Bild-Zeitung habe sie dann aufgegriffen. Sie aber stehe zu ihrer Herkunft und Position: "Ich bin und bleibe Palästinenserin, ob das der deutschen Öffentlichkeit nun genehm ist oder nicht. Und ich verwehre mich dagegen, diesen Teil meiner Identität zu verleugnen. Die letzten Wochen zeigten, dass ich im Land der Täter qua Geburt zur Antisemitin erklärt werden sollte. Wie kommt man dazu? Welche psychologischen Prozesse arbeiten im kollektiven Gedächtnis der Deutschen, die ermöglichen, die eigene Geschichte derart umzudeuten, dass Antisemitismus immer nur bei 'den anderen' - beziehungsweise den zu 'den anderen' gemachten - verortet wird?"

Der WDR hat sich nach ihrem Artikel endgültig entschlossen, sie nicht zu engagieren, meldet Zeit online in dieser Staatsaffäre (mehr zu den Gründen hier). Twitter wimmelt von Kommentaren zur Angelegenheit. Die Dirk-Moses-Fraktion lobt die Tiefgründigkeit ihres Beitrags: "Wer gemeint hat, @dirkmoses habe in der #CatechismDebate übertrieben, lese diesen Text", ruft etwa Philip Sarasin. Der kritische Muslim Murat Kayman arbeitet sich in einem langen Thread an El-Hassan ab. "Sie sagt zusammengefasst: Alles nur antimuslimische Hetze, alle Kritiker Rassisten! Ich habe aktuell nichts falsch gemacht! Einige meiner besten Unterstützer sind Juden!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2021 - Medien

Bettina Gaus, zuletzt als Publizistin und politische Kommentatorin bekannt, ist im Alter von nur 64 Jahren gestorben. Angefangen hatte sie in Afrika, für die Deutsche Welle und die taz. Hier schreiben Dominic Johnson, Lukas Wallraff und Jan Feddersen den Nachruf: "Sie war dabei, als Somalia implodierte, als Äthiopiens Militärdiktatur stürzte, als Eritrea unabhängig wurde, als Ruanda im Völkermord versank. Die frühen 1990er Jahre waren eine Zeit ohne Mobiltelefon und ohne Internet. Arbeitsmittel waren Aufnahmegerät, Schreibmaschine, Fax - oder auch das Satellitentelefon der UN, um für 20 US-Dollar pro Minute Texte durchzutelefonieren, wie an jenem Tag im Dezember 1992, als im Morgengrauen US-Marines am Strand von Mogadischu landeten und am nächsten Tag eine Reportagenseite in der taz stand, bei der jedes kleinste Detail stimmte." Zuletzt war sie Kolumnistin bei Spiegel online, wo Stefan Kuzmany sie würdigt. In der FAZ schreibt Ralph Bollmann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2021 - Medien

Presse ist meist zu sehr damit beschäftigt, ihre essenzielle Rolle für die Demokratie zu betonen, um auch ab und zu mal ihre kompliziertes Spiel mit der Realität zu erklären, die sie ja nicht nur widerspiegelt. Thematisiert wird der Einfluss von Berichterstattung auf die übrige Realität meist nur von publizistischen Gegnern, wie jetzt von Batya Ungar-Sargon im Spectator, die nochmal auf die Symbiose der New York Times und anderer Organe mit Donald Trump zurückkommt. "Der Hass auf Trump führte zu einem massiven Anstieg der Mediennutzung bei zuvor strauchelnden Publikationen, Kanälen und Sendungen. Und einzelne Journalisten brauchten von ihren Chefs nicht angewiesen zu werden, Trumps Namen zu propagieren: Sie konnten aus erster Hand sehen, wie ihre Gegnerschaft zu Trump Likes, Retweets und explodierende Seitenaufrufe erzeugte. Da die Anreize so aufeinander abgestimmt waren, war es nicht nötig, die Reste der Mauer zwischen Werbung und Redaktion niederzureißen. Das geschah ganz von selbst. Die New York Times spielte eine wichtige Rolle bei der Rechtfertigung der liberalen Medien für ihre Trump-Strategie, indem sie immer wieder darauf hinwies, dass er kein 'normaler' Präsident sei." Ungar-Sargon zählt die Geschichten über russische Einflussnahme auf Trump zu Verschwörungstheorien, von denen die Times und andere profitiert hätten.  Trump hatte der Times höhere Wachstumsraten beschert als Google.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2021 - Medien

Im SZ-Gespräch mit Stefan Fischer ärgert sich Richard Rebmann vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger und ehemaliger Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medienholding über Mathias Döpfners SMS, in der er das gegenwärtige Deutschland mit der DDR verglich, aber auch über den BDZV, der gegenüber seinem Präsidenten noch keine Stellung bezogen hat: "Letzten Endes muss sowohl das Präsidium als auch Herr Döpfner persönlich für sich entscheiden, ob er noch in der Lage ist, die Aufgabe des BDZV zu erfüllen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2021 - Medien

Die SZ räumt ihre Medienseite frei, um ihren ehemaligen Mitarbeiter und neuen Bild-Chef Johannes Boie zur Zukunft der Bild zu befragen. Das Interview führen Caspar Busse und Claudia Tieschky. Die Chefredaktion teilt sich Boie mit Alexandra Würzbach und Claus Strunz, das letzte Wort hat aber er, wie er betont. Dass die Reichelt-Affäre Schaden angerichtet hat, schließt er nicht aus, die Angriffe würden allerdings "extrem hart und zum Teil auch inakkurat geführt", meint er: "Wenn ich immer höre, die Schlagzeilen bei Bild machen alte weiße Männer - nee, die macht auch eine junge Frau. (…) Gleichwohl gibt es bei Bild in manchen Bereichen ernsthafte Kulturprobleme. Das ist überhaupt nicht kleinzureden. Und das werde ich verändern. Eine Kultur des Respekts muss gestärkt werden. Das bedeutet einerseits, wir werden ein empathisches Miteinander prägen, ohne die für Bild typische Härte - auch in der politischen Linie - nach außen zu verlieren. Wir werden keinen Millimeter Machtmissbrauch und Drangsalierung, Einschüchterung oder Schlimmeres dulden."