Die
taz kann immer noch nicht fassen, wie schlimm es bei Springer zugeht. Eine Autorengruppe
resümiert die Ereignisse und stellt nochmal den neuen
Bild-Chefredakteur
Johannes Boie vor, der eigentlich bei der
SZ begonnen hatte (Journalisten stellen sich diese Zeitung als Paradies ihrer Branche vor), als Chefredakteur der
Welt aber die für Springer richtigen "rechten" Einstellungen vorgewiesen habe. Der Katalog liest sich bei den
taz-Autoren so: "Dort arbeitete er sich zuletzt an den
Grünen und an Annalena Baerbock ab ('grüne Verbote!'), wetterte gegen
Identitätspolitik ('radikale Ideologie'). Politische Bündnisse mit der
Linkspartei sind für ihn 'geschichtsvergessen', eine Meldeplattform für
Steuersünder 'Denunziantentum'. Inhaltlich passt das. Aber passt er als Typ zur
Bild?" Für einen
zweiten Artikel haben die Autoren mit dem Verleger
Dirk Ippen korrespondiert, der seine Entscheidung, die Recherchen seiner Medien zu kippen, inzwischen bedauert.
Springer-Chef
Mathias Döpfner kommt in der
taz noch in anderem Kontext vor. Steffen Grimberg
berichtet über mögliche neue Anläufe für eine Presseförderung nach einer komplett versemmelten Initiative des Bundeswirtschaftministeriums, das den Zeitungen 220 Millionen Euro hatte zustecken wollen (unsere
Resümees): "Wie es in Deutschland mit der Presseförderung weitergeht, wird eine
neue Bundesregierung entscheiden. BDZV-Präsident Döpfner hatte auf dem Verbandskongress vor vier Wochen bereits angekündigt, sofort nach deren Bildung umgehend wieder
auf der Matte zu stehen.
Grüne und FDP sind hier zum Glück auch etwas sachkundiger als viele der bisherigen Großkoalitionäre."
Mit viel Innovationspathos und Wolkigkeit im einzelnen
äußert sich nun auch
Holger Friedrich, der Verleger der
Berliner Zeitung zur Springer-Affäre. In einigen Punkten erlaubt er es sich als Außenseiter der Szene auch,
ein bisschen konkreter zu werden, zum Beispiel: "Die letzte Wahl des BDZV-Präsidenten Döpfner erfolgte mit einer
hundertprozentigen Befürwortung der anwesenden deutschen Zeitungsverleger." Die
Unternehmenskultur bei Springer sei nicht angesprochen worden, als sich die Branche um ihren mächtigen Lobbyisten scharte. Oder: "Der Versuch, in den Hinterzimmern der Politik
Subventionen für eine Presseförderung zu akquirieren, konnte erst durch das energische Eingreifen des digitalen Verlegers Sebastian Esser von Steady/
Krautreporter mit der öffentlichen Androhung einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gestoppt werden. Herr Döpfner hatte sich mehrfach und
deutlich im Widerspruch zur Mehrheit der BDZV-Mitglieder aus Gründen notwendiger Staatsferne dagegen positioniert. Daran sollte erinnert werden." Und an die Adresse der Kollegenschaft in den Medien sagt Friedrich, es wirke nicht sehr souverän, "erst nach dem Erscheinen eines Artikels in der
New York Times mutig zu werden".
In der
SZ erklärt Nils Minkmar in einem ausführlichen Artikel, warum er sich an der Spitze des Zeitungsverlegerverbandes statt Mathias Döpfner, der sich doch als ziemlich effizienter Lobbyist erwiesen hat, lieber einen Menschen wünscht, "an dessen Liebe zur
Wahrheit, zur
Fairness und zur
Aufklärung kein Zweifel besteht". Hubert Wetzel findet es ebenfalls in der
SZ immerhin eine eher gute Nachricht, dass Springer in Amerika in Qualitätsjournalismus - nämlich
Politico - investiert.
Zeit online (
hier) und
FAZ (
hier) berichten über das einschüchternde
juristische Verhalten des Springer Verlags in der Affäre.
Amerikanische
Compliance-Regeln tabuisieren inzwischen jede erotische Beziehung am Arbeitsplatz. Ihre Durchsetzung in Europa
wäre für "abhs", der häufig im
Perlentaucher kommentiert, ein Horror. Natürlich müsse Machtmissbrauch verfolgt werden. Aber "Beziehungen zwischen erwachsenen Menschen im beruflichen Kontext zu kriminalisieren ist inhuman.
Bigott dazu. Vetternwirtschaft und destruktives sexuelles Jagdverhalten sind ein Problem. Personalrotation, Vier-Augen-Prinzip, regelmäßiges Prüfen von Hierarchiebeziehungen - das sind nur ein paar Beispiele für Maßnahmen, die je nach beruflichem Kontext helfen können. Jede sexuelle Beziehung zu einer unverzeihlichen Verfehlung zu erklären, zählt mit Sicherheit nicht dazu. Es ist
ein Atavismus, die Rückkehr einer zutiefst verlogenen Sexualmoral unter dem
Label des Fortschritts."