9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2021 - Medien

"Welp*innenschutz" findet taz-Autor Jan Feddersen bei den beiden Nachwuchsjournalistinnen Nemi El-Hassan und Feyza-Yasmin Ayhan, deren Engagement bei öffentlich-rechtlichen Sendern wegen ihrer israelfeindlichen Äußerungen umstritten ist, nicht nötig. "El-Hassan wie Ayhan waren erwachsen, als sie sich im modischen Plappersound des Postcolonial Style äußerten. Und wollen nun doch Karriere machen. Sollen sie, und zwar hochwillkommen. Aber vorher möchten wir erkennen, dass sie sich politisch zu mäßigen wissen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2021 - Medien

Die taz kann immer noch nicht fassen, wie schlimm es bei Springer zugeht. Eine Autorengruppe resümiert die Ereignisse und stellt nochmal den neuen Bild-Chefredakteur Johannes Boie vor, der eigentlich bei der SZ begonnen hatte (Journalisten stellen sich diese Zeitung als Paradies ihrer Branche vor), als Chefredakteur der Welt aber die für Springer richtigen "rechten" Einstellungen vorgewiesen habe. Der Katalog liest sich bei den taz-Autoren so: "Dort arbeitete er sich zuletzt an den Grünen und an Annalena Baerbock ab ('grüne Verbote!'), wetterte gegen Identitätspolitik ('radikale Ideologie'). Politische Bündnisse mit der Linkspartei sind für ihn 'geschichtsvergessen', eine Meldeplattform für Steuersünder 'Denunziantentum'. Inhaltlich passt das. Aber passt er als Typ zur Bild?" Für einen zweiten Artikel haben die Autoren mit dem Verleger Dirk Ippen korrespondiert, der seine Entscheidung, die Recherchen seiner Medien zu kippen, inzwischen bedauert.

Springer-Chef Mathias Döpfner kommt in der taz noch in anderem Kontext vor. Steffen Grimberg berichtet über mögliche neue Anläufe für eine Presseförderung nach einer komplett versemmelten Initiative des Bundeswirtschaftministeriums, das den Zeitungen 220 Millionen Euro hatte zustecken wollen (unsere Resümees): "Wie es in Deutschland mit der Presseförderung weitergeht, wird eine neue Bundesregierung entscheiden. BDZV-Präsident Döpfner hatte auf dem Verbandskongress vor vier Wochen bereits angekündigt, sofort nach deren Bildung umgehend wieder auf der Matte zu stehen. Grüne und FDP sind hier zum Glück auch etwas sachkundiger als viele der bisherigen Großkoalitionäre."

Mit viel Innovationspathos und Wolkigkeit im einzelnen äußert sich nun auch Holger Friedrich, der Verleger der Berliner Zeitung zur Springer-Affäre. In einigen Punkten erlaubt er es sich als Außenseiter der Szene auch, ein bisschen konkreter zu werden, zum Beispiel: "Die letzte Wahl des BDZV-Präsidenten Döpfner erfolgte mit einer hundertprozentigen Befürwortung der anwesenden deutschen Zeitungsverleger." Die Unternehmenskultur bei Springer sei nicht angesprochen worden, als sich die Branche um ihren mächtigen Lobbyisten scharte. Oder: "Der Versuch, in den Hinterzimmern der Politik Subventionen für eine Presseförderung zu akquirieren, konnte erst durch das energische Eingreifen des digitalen Verlegers Sebastian Esser von Steady/Krautreporter mit der öffentlichen Androhung einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gestoppt werden. Herr Döpfner hatte sich mehrfach und deutlich im Widerspruch zur Mehrheit der BDZV-Mitglieder aus Gründen notwendiger Staatsferne dagegen positioniert. Daran sollte erinnert werden." Und an die Adresse der Kollegenschaft in den Medien sagt Friedrich, es wirke nicht sehr souverän, "erst nach dem Erscheinen eines Artikels in der New York Times mutig zu werden".

In der SZ erklärt Nils Minkmar in einem ausführlichen Artikel, warum er sich an der Spitze des Zeitungsverlegerverbandes statt Mathias Döpfner, der sich doch als ziemlich effizienter Lobbyist erwiesen hat, lieber einen Menschen wünscht, "an dessen Liebe zur Wahrheit, zur Fairness und zur Aufklärung kein Zweifel besteht". Hubert Wetzel findet es ebenfalls in der SZ immerhin eine eher gute Nachricht, dass Springer in Amerika in Qualitätsjournalismus - nämlich Politico - investiert. Zeit online (hier) und FAZ (hier) berichten über das einschüchternde juristische Verhalten des Springer Verlags in der Affäre.

Amerikanische Compliance-Regeln tabuisieren inzwischen jede erotische Beziehung am Arbeitsplatz. Ihre Durchsetzung in Europa wäre für "abhs", der häufig im Perlentaucher kommentiert, ein Horror. Natürlich müsse Machtmissbrauch verfolgt werden. Aber "Beziehungen zwischen erwachsenen Menschen im beruflichen Kontext zu kriminalisieren ist inhuman. Bigott dazu. Vetternwirtschaft und destruktives sexuelles Jagdverhalten sind ein Problem. Personalrotation, Vier-Augen-Prinzip, regelmäßiges Prüfen von Hierarchiebeziehungen - das sind nur ein paar Beispiele für Maßnahmen, die je nach beruflichem Kontext helfen können. Jede sexuelle Beziehung zu einer unverzeihlichen Verfehlung zu erklären, zählt mit Sicherheit nicht dazu. Es ist ein Atavismus, die Rückkehr einer zutiefst verlogenen Sexualmoral unter dem Label des Fortschritts."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2021 - Medien

Die Affäre um Springer, die erst von der New York Times überhaupt lanciert werden musste, beweist unter anderem eines, findet Marcel Weiß in seinem Blog Neunetz: dass deutsche Medien provinziell sind. "Die Reaktion von Verleger Dirk Ippen, die Reportage kurz vor Veröffentlichung zu kippen, war ungeschickt, aber eher nur im Zeitpunkt ungewöhnlich für den deutschen Medienbetrieb. Der 81-jährige Ippen dürfte sich verhalten haben, wie man sich als gestandener Verleger in Deutschland eben verhält. Dachte er zumindest. Im Zweifel nicht gegen einen anderen Presseverlag. Erst recht nicht gegen Axel Springer. Ippen dürfte ebenfalls mit der massenmedialen Brille des 20. Jahrhunderts auf die Recherche seines Investigativ-Teams geschaut haben. Wenn er es kippt, ist es gekippt, was könnte ernsthaft passieren, außer dass ein paar Journalist/innen unzufrieden sind?"

Der neue Chefredakteur der Bild-Zeitung heißt bekanntlich Johannes Boie. Ein ganzes Autorenteam des Spiegels kann es gar nicht fassen, dass Wege von der Süddeutschen zur Bild führen können: "Erstaunlich für einen Mann, der sich in der Feuilleton-Redaktion der Süddeutschen Zeitung als Autor von klugen Essays und Denkstücken über die Digitalisierung und ihre Folgen für die Gesellschaft einen Namen gemacht hatte. Doch schon früh beschlichen Kolleginnen und Kollegen Zweifel, ob er auch meinte, was er schrieb. 'Johannes hatte diese leise, fuchshafte Art, mit der er auf sich aufmerksam machte', sagt ein Ex-Kollege." An dem stimmte was nicht!

Welche Auswirkungen wird Reichelts Abgang auf die Bild haben, fragen derweil Mat Schönauer und Moritz Tschernak, Autoren des Buches "Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie Bild mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet" in der SZ: "Mit Reichelt wurde es düsterer, politischer, spalterischer. Die Schmuddelgeschichten des Boulevards rückten in den Hintergrund. Stattdessen auf Seite eins: Angst, Wut, Chaos. Kombiniert mit wiederkehrenden Motiven wie dem Islam oder Wladimir Putin oder den Kriegen in Syrien und Afghanistan und dem diesbezüglichen Versagen, das Reichelt der deutschen Politik attestierte. (…) Die Außenpolitik dürfte künftig seltener in Bild stattfinden, und auf keinen Fall mehr so obsessiv und radikal wie unter Julian Reichelt. Einige der Themen, die ihm sehr am Herzen lagen, sollen beim Rest der Redaktion auf deutlich weniger Begeisterung gestoßen sein, konnte man intern immer wieder hören. Und den Leserschwund der gedruckten Bild hielt Reichelt damit auch nicht auf."

"Die spektakuläre Offenlegung (der) charakterlichen Deformation von Julian Reichelt verdeckt (…) in ihrer öffentlichen Wirkung den Elefanten im Raum: Mathias Döpfner", schreibt, ebenfalls in der SZ, Georg Streiter, der bis 2009 das Politik-Ressort der Bild leitete. Er wirft beiden, "dem Intellektuellen Döpfner und dem Intellektuellen-Darsteller Reichelt" vor, "in den Nebel der Macht geraten" zu sein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2021 - Medien

Ippen prüft "nach dem Davonlaufen seines Autorenteams, großem öffentlichen Protest und lauter Kritik - darunter auch vom Deutschen Journalistenverband, der die Einmischung des Verlags in redaktionelle Entscheidungen rügt - doch noch eine Veröffentlichung" seiner Recherchen zum sexuellen Gebaren des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt, weiß Aurelie von Blazekovich in der SZ: "Nur zerbröselt in der Zwischenzeit offenbar die ursprüngliche Recherche: Auf Anfrage der SZ sagt Ippen-Sprecher Johannes Lenz, man müsse derzeit herausfinden, welche Ergebnisse überhaupt noch veröffentlicht werden können, 'da sich in der Dynamik des Geschehens Betroffene und Informanten zurückgezogen haben'."

Im FR-Gespräch mit Valerie Eiseler und Viktor Funk konkretisiert Juliane Löffler von Ippen Investigativ: "Ich musste am Freitag Quellen anrufen und ihnen sagen, dass die Veröffentlichung abgesagt ist. Das hat natürlich bei den Quellen massiv zu Verunsicherung und Bestürzung geführt. Manche waren extrem emotional. Die haben sich - nicht von mir persönlich, aber von dem Verlag - im Stich gelassen gefühlt und natürlich hat es dazu geführt, dass ich aktuell nicht mehr von allen Quellen den Rückhalt habe, in diesem Verlag zu veröffentlichen." Auf die Frage, ob das Problem "größer als 'nur' Julian Reichelt" sei, antwortet sie: "Missbrauch geht nicht von einer einzelnen Person aus. Es gibt immer drumherum ein System, das den Missbrauch verdeckt oder stützt."

Wohl deshalb entschuldigt sich Markus Knall, Chefredakteur von Ippen Digital in der FR bei den "zahlreichen Frauen", die sich im Zuge der Reichelt-Recherchen an die Redaktion wandten, dafür, dass die Zusage, ihre Geschichten zu erzählen, nicht eingehalten wurde.

Die New York Times agiert als Konkurrent und maß Springer schlicht an Compliance-Regeln, die dort inzwischen gelten, kommentiert Daniel Bouhs bei tagesschau.de: "Dort nahm die 'Metoo'-Affäre ihren Lauf. Dort werden Liebesbeziehungen in Unternehmen oft nicht toleriert. Und dort kann es mitunter für Konzerne und ihre Verantwortlichen teuer werden, wenn sie Machtmissbrauch dulden. Die New York Times interessierte sich deshalb besonders für die Kultur bei Bild." Nun wäre noch zu fragen, warum sie auf Murdochs Imperium nicht so eine Wirkung zu haben scheint.

SZ-Autorin Tanja Rest sinniert derweil über die "männliche Lust auf Unterwerfung": "Es muss sich gut anfühlen am oberen Ende der Nahrungskette - als Mann. All die Kriecher, die winseln, wo vor ein paar Jahren noch du gewinselt hast. All die Prätorianer, die den Stiefel lecken, den gerade noch du geleckt hast. Die Frauen erst, die jetzt endlich tun müssen, was du taufrisches Ex-Würstchen sagst, wie geil ist bitte das?! Es gibt ein Foto, das all dies ausdrückt, da stehen der Buberlkanzler Sebastian Kurz und der Bild-Krieger und Gott des Gemetzels Julian Reichelt nebeneinander, und sie sehen wirklich wie siamesische Zwillinge aus. Hüben wie drüben dieselbe rotbackige Buberlentzückung darüber, dass es ihnen tatsächlich gelingt, die Welt zu verarschen, ein Bild des kerngesunden Glücks."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2021 - Medien

"Compliance" war das Instrument, das die New York Times nutzte, um einen neuen Konkurrenten anzugreifen. Die Affäre um Bild-Chefredakteur Julian Reichelt (unsere Resümees) zeigt Michael Hanfeld in der FAZ, "dass ein Unternehmen mit großen Aspirationen (zuletzt unterstrichen durch den Kauf von Politico) auf den amerikanischen Markt dort keine Chance hat, wenn es von einer Missbrauchs-Führungskultur geprägt ist. Doch das sollte auch hier gelten."

Für Cornelius Pollmer (SZ) stellt sich die Frage: "Warum hat Döpfner so lange an Reichelt festgehalten? Seine Rolle in der Affäre Reichelt wie auch als Präsident des Bundesverbandes der Zeitungsverleger wird sehr genau zu prüfen sein. ... Ein betriebliches Umfeld, in dem sich etwa Frauen unwohl fühlen und Machtmissbrauch erleben, wird in aller Regel durch mehr geprägt als nur einen einzigen Mann an der Spitze. Reichelt ist jetzt weg - wie viel von der durch ihn geprägten Kultur im Haus bleiben wird oder nicht, ist lange nicht klar."

(Via dwdl.de.) Viel diskutiert wurde auf Twitter diese Frage des einstigen Zeit-online-Chefredakteurs Wolfgang Blau:

Der Axel Springer Verlag beeilt sich mitzuteilen, dass er die Übernahme des Politmagazins Politico abgeschlossen hat: "Politico ergänzt das Portfolio von Axel Springer als zukünftig zentraler Bestandteil der bereits heute starken Präsenz des Unternehmens auf dem dynamischen und zunehmend vielfältigen US-Medienmarkt."

Dass außerdem herausgekommen ist, dass Springer-Chef Mathias Döpfner in einem privaten Tweet die Bundesrepublik mit der DDR verglichen hat, offenbart SZ-Redakteur Nils Minkmar "beunruhigende Einsichten in die Kultur der Führungsetage bei Springer. Wie ist es da an der Spitze?" Am Ende ärgert ihn aber doch mehr die politische Einstellung des Verlags, die er in dem Springer-Film "Auf der Suche nach der verlorenen Auflage" verkörpert sieht, etwa wenn eine Managerin die Bedeutung der Unternehmenskultur betont: "Da wird nun aus Gründen gelacht werden, die gar nicht der Intention der Macher entsprechen dürften, denn wenn man sich die Zahl und die Qualität der Frauen besieht, die das Haus in der letzten Zeit verlassen haben, regt sich der Verdacht, solche Begriffe würden bei Springer nur satirisch gebraucht. All die Artikel in Bild und Welt gegen political correctness, gegen Genderwahn wirken nun wie Rechtfertigungsversuche für eine aus der Zeit gefallene Firmenkultur." Über die "Qualität der Frauen" in einer Konkurrenzzeitung zu schwadronieren, klingt allerdings auch nicht grad nach 21. Jahrhundert.

Außerdem zum Thema: Jochen Wegner unterhält sich für Zeit online über den Fall Springer mit dem New-York-Times-Journalisten Ben Smith, der ihm versichert: "Schon wegen fünf Prozent der bekannten Vorwürfe wäre ein amerikanischer Manager sofort gefeuert worden". In der SZ porträtiert Caspar Busse den Verleger Dirk Ippen, der die Geschichte seines eigenen Investigativteams über Reichelt und Springer abgewürgt hatte. Und Aurelie von Blazekovic stellt den Nachfolger Reichelts bei Bild vor, Welt-Redakteur Johannes Boie, der einst bei der SZ anfing.

(Via turi2) Leicht modifiziet hat die Süddeutsche Zeitung ihre Lokalberichterstattung laut eigener Meldung. Das Lokalradio Lora sieht das anders: "Der Teil 'Stadtviertel' bestand bis letzte Woche in der Regel aus vier Seiten, die nun wegfallen. Der Teil 'München' wurde seit gestern um zwei Seiten erweitert, wobei eine Seite unter dem Titel 'SZ Extra' die bisherige Donnerstags-Beilage ersetzen soll. Unterm Strich wird die Lokalberichterstattung um täglich rund drei Seiten reduziert. 'Leicht modifiziert' ist also ein ziemlich dreister Euphemismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2021 - Medien

Deutsche Medien vermochten nichts gegen Springer oder wurden zurückgepfiffen, aber die New York Times muss nur diskret hüsteln (unser Resümee), da entlässt der Springer Verlag den ehemaligen Chefredakteur der Bild, Julian Reichelt, dem vorgeworfen wird, die Abhängigkeit untergebener Mitarbeiterinnen auch sexuell ausgebeutet zu haben. Spiegel online bringt als Aufmacher eine von gleich zehn Autoren (und Autorinnen!) gezeichnete investigative Meisterleistung zur Entschlüsselung der ungeheuren Vorgänge: "Nach Spiegel-Informationen soll es tatsächlich eine weitere sexuelle Beziehung zwischen Reichelt und einer ihm unterstellten Mitarbeiterin gegeben haben. Bei Springer heißt es, es habe klare Hinweise und Beweise gegeben, dass Reichelt bereits in dem Verfahren die Unwahrheit über die Beziehung gesagt habe." Hier die Pressemitteilung von Springer. Johannes Boie, der seine Sporen bei der SZ verdiente, wird neuer Chefredakteur der Bild.

Die New York Times hatte offenbar das Material übernommen, das vom Investigativteam der Ippen-Verlagsgruppe, zu der unter anderem Frankfurter Rundschau und Münchner Merkur gehören, zusammengetragen worden war. Verleger Dirk Ippen hat die Veröffentlichung in deren Zeitungen aber persönlich verhindert, erzählt Erica Zingher in der taz: "In einem Brief des gesamten Rechercheteams (Chefredakteur Daniel Drepper, Stellvertreter Marcus Engert sowie die Senior-Reporterinnen Juliane Löffler und Katrin Langhans), der mittlerweile öffentlich und an Verlag und Geschäftsführung adressiert ist, zeigen sich die Journalist:innen schockiert, denn die Recherche sei 'redaktionell und juristisch über Monate abgestimmt' gewesen. 'Die Entscheidung ist eine absolute Verletzung des Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag', heißt es in dem Brief. Man fühle sich in der Arbeit als Investigativteam beschnitten." Marcus Engert, Katrin Langhans, Juliane Löffler und Daniel Drepper gehören übrigens zu den Autoren des Spiegel-Artikels. Auch in der FR gibt es eine Erklärung zur Affäre. In der New York Times äußern sich Ben Smith und Melissa Eddy zufrieden über die Wirkung ihrer Berichterstattung.

Das Aus für Reichelt sei "achtkantig" erfolgt, schreiben Axel Weidemann und Michael Hanfeld in der FAZ. Die Autoren benennen einen Aspekt, der in den Medien selbst sonst anderweitig thematisiert wird: "In Deutschland tun sich die Medien mitunter schwer, über Bild-Interna zu berichten. Das liegt an der regen Rechtsabteilung von Springer, doch gibt es offenbar auch eine generelle Angst, sich mit dem Berliner Medienhaus anzulegen." Hier zeigt sich, dass auch Medien selbst mit sogenannten SLAPP-Verfahren arbeiten, die Gegner einschüchtern sollen - Medien stellen sich sonst gern als Opfer solcher Klagen dar.

Setzt sich im Fall Nemi El-Hassan (unsere Resümees) die Ansicht durch, dass Israelfeindlichkeit "nicht per se" antisemitisch sei, wie es die "Jerusalem Declaration" (unsere Resümees) fordert und die wichtigsten Kulturinstitutionen Deutschlands (unsere Resümees) vertreten? Offenbar ist man nicht bereit zu akzeptieren, dass eine Institution wie der WDR eine Personalentscheidung getroffen hat und übt weiter Druck aus. Michael Hanfeld berichtet in der FAZ, dass sich eine Initiative dafür einsetzt Nemi El-Hassan, die in ihrer Jugend an antiisraelischen Demos teilnahm und später antiisraelische Posts likete, doch als Moderatorin des WDR einzustellen. Die Initiative hat Avi Primor und Moshe Zimmermann als Fürsprecher gewonnen. Sie schreiben laut Hanfeld: Es zeuge "nicht von Antisemitismus, wenn man den Boykott israelischer Waren aus den besetzten Gebieten gutheiße. Die 'internationale Gemeinschaft' und die EU hielten es ebenso. Die Parole 'Antizionism is a Duty' gelte auch in der jüdischen Ultraorthodoxie, sei also 'nicht ipso facto antisemitisch'. Der Aufruf 'From the River to the Sea' wiederum drücke den Kampf für die Rechte der Palästinenser aus und sei auch 'nicht per se ein Aufruf zur Zerstörung des Judenstaates und schon gar nicht ein antisemitischer Aufruf'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2021 - Medien

Mit Gerd Ruge ist einer der Reporter aus der Glanzzeit der öffentlich-rechtlichen Sender gestorben, schreibt Klaus Hillenbrand in der taz zum Tod des langjährigen Russland- und Amerika-Korrespondenten der ARD im Alter von 93 Jahren: "Ruge war das Gegenteil eines Reporters, wie sie heute in aller Regel im Fernsehen auftreten. Der gebürtige Hamburger neigte niemals zur Hektik, er lehnte geistige Schnellschüsse ab, spielte sich nicht auf, sondern blieb seinem Stil treu: mit ruhigen Fragen dem Zuschauer Einsicht in Entwicklungen in der Welt zu geben. Nicht er selbst gab die großen Analysen ab, er überließ es den Menschen vor Ort, ob in Sibirien, Texas oder Peking, zu erklären, wo ihnen der Schuh drückt."

Ben Smith, der Medienkolumnist der New York Times, bringt einen großen Artikel über den Springer-Verlag, der in Amerika - gestützt durch den Hedgefonds KKR - auf große Einkaufstour gegangen ist und unter anderem Politico gekauft hat. In Smith' Artikel geht es über weiter Strecken um sexuelle Verfehlungen des einstigen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt. Smith erzählt, dass es Reichelt oder der Springer-Verlag immer wieder hinbekommen, Berichterstattung in Deutschland über dieses Thema zu verhindern: "In diesem Jahr recherchierte Juliane Löffler, Reporterin beim deutschen Verlag Ippen, zusammen mit drei anderen Mitgliedern des Ippen-Rechercheteams über das Verhalten von Herrn Reichelt in der Hoffnung, einen Artikel mit mehr Details über die Vorgänge bei Bild zu veröffentlichen. Im Zuge der Berichterstattung erhielten Frau Löffler und ihre Kollegen Zugang zu einigen der Dokumente, die ich in den letzten Wochen einsehen konnte, als der Ippen-Artikel kurz vor der Veröffentlichung stand. Dann, am Freitag, teilte Ippen seiner investigativen Abteilung mit, dass die Geschichte gestorben ist." Die Direktive sei von dem Verleger Dirk Ippen selbst gekommen. Smith erzählt auch, dass er Dokumente habe, die beweisen, dass Mathias Döpfner problematische Ansichten zu Covid-Krise habe. Und er erwähnt immerhin, dass der Springer Verlag am liebsten durch eine Fusion von Politico und dessen Konkurrenten Axios den größten Medienfirmen in Amerika Konkurrenz machen wollte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2021 - Medien

Zu einem recht ungewöhnlichen Mittel greift die NGO "Reporters sans frontières" in Frankreich. Die Gruppe hat selbst eine 15-minütige Dokumentation ins Netz gestellt, in der Journalisten die Macht des Medienunternehmers Vincent Bolloré anprangern:



Der CEO des riesigen Mischkonzerns Vivendi ist heute der größte Akteur auf dem französischen Kultur- und Medienmarkt und betreibt eine Übernahme des Konkurrenzkonzerns Lagardère. Bolloré besitzt unter anderem den Infosender Cnews, der zur Plattform des Rechtspopulisten Eric Zemmour wurde. Auf dem Buchmarkt hat Bolloré mit seinen Verlagen in bestimmten Segmenten Marktanteile von über 50 Prozent. Und gegen kritische Berichte kämpft Bolloré mit juristischen Mitteln. Darum appelliert RSF nicht nur - typisch französisch - an die staatliche Medienaufsichtsbehörde CSA (Conseil supérieur de l'audiovisuel), sondern fordert auch Gesetze gegen sogenannte SLAPP-Klagen: "Knebelverfahren, bekannt unter dem Akronym SLAPP (Strategic Lawsuit against Public Participation), sind zu einer Waffe der Abschreckung geworden, um die Medien zum Schweigen zu bringen. RSF fordert, dass im nationalen und im EU-Recht Maßnahmen ergriffen werden, um den Missbrauch von Rechtsmitteln zum Schweigen von Journalisten zu bekämpfen." Hier der Bericht von Le Monde zur Aktion von RSF.

Es häufen sich die Fälle junger ModeratorInnen, meist mit Migrationshintergrund, die im Netz mit eindeutig israelfeindlichen Äußerungen hervorgetreten sind. Die Sender finden es offenbar hipp, sie zu engagieren, wundert sich Gideon Böss bei der Jüdischen Allgemeinen: "Dabei kommt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk doch eine besondere Verantwortung zu, Extremismen wie Antisemitismus zu bekämpfen. Weder das ZDF noch der WDR machen aber aktuell den Eindruck, als ob sie sich dieser Verantwortung stellen würden. Im Gegenteil: Es scheint mittlerweile grundsätzlich möglich, trotz einer - lückenlos dokumentierten - extremistischen Haltung Karriere zu machen." Michael Hanfeld kommentiert in der FAZ zum gleichen Thema.

Im SZ-Gespräch mit Cathrin Kahlweit erklärt der österreichische Medien- und Politikwissenschaftler Andy Kaltenbrunner, wie undurchsichtig Inserate in Österreich vergeben werden: "Es gibt zwei Töpfe. ... Wenn wir diese öffentlichen Mittel zusammenzählen, kommen wir zu der Rechnung, dass Gratiszeitungen inzwischen vor allem aus öffentlichen Inseraten zwischen 20 und 40 Prozent ihres Umsatzes bestreiten, was sicher kein gesunder Ansatz für Unabhängigkeit ist. Aber auch Qualitätszeitungen beziehen zehn bis fünfzehn Prozent ihrer Umsätze aus Inseraten und anteilig etwas mehr Presseförderung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2021 - Medien

Die FAS erscheint seit Frühjahr am Samstag, die WamS neuerdings auch. Jüngst hat auch die taz ihre Samstagsausgabe reformiert. Begründet werden die Veränderungen zwar mit dem geänderten Leseverhalten, aber tatsächlich geht es um die gegenwärtigen "Sparzwänge" der Branche, ist sich Aurelie von Blazekovic in der SZ sicher: "Billiger macht man eine Zeitung zum Beispiel auch, indem man sie nicht mehr am Wochenende produziert, wo Zuschläge in Redaktion, Druck und Vertrieb gezahlt werden müssen. Doch ist eine Sonntagszeitung, die schon am Freitag geschrieben wurde, noch eine Sonntagszeitung? In der Branche findet man verschiedene Wege, um mit dem Wochenende zu sparen. Die neue taz am Samstag ist etwa, daraus macht keiner ein Hehl, auch der Anfang vom Ende der übrigen Printausgaben - ein Aufgalopp für die Einstellung der wochentäglichen Printzeitung in ein paar Jahren. 'Der Samstag wird immer mehr unser Lesetag', sagte Barbara Junge, Chefredakteurin der taz, zur Umstellung: 'Die Wochenendausgabe wird perspektivisch die eine gedruckte taz sein.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2021 - Medien

Auch so eine Meldung, hier in der Jerusalem Post: "Die BBC bezeichnete Alfred Dreyfus - einen französisch-jüdischen Offizier, der im Rahmen der Dreyfus-Affäre des Hochverrats beschuldigt wurde - in ihrer Zusammenfassung der ersten Folge eines historischen Polizeidramas, die am 9. Oktober veröffentlicht wurde, als 'berüchtigten jüdischen Spion': 'Paris, 1899. Die französische Republik ist in Aufruhr, als Gerüchte über die Freilassung von Dreyfus, dem berüchtigten jüdischen Spion, von der Teufelsinsel aufkommen', heißt es in der Zusammenfassung von Folge 1 der BBC-Serie 'Paris Police 1900'. Nach Angaben der BBC wurde die Zusammenfassung später geändert, um Missverständnisse zu vermeiden."
Stichwörter: BBC, Spio, Dreyfus-Affäre