Wie hätte man Trumps Drohungen gegenüber dem Iran einschätzen sollen, jetzt, wo es scheinbar wieder vorbei ist, fragt sich Charlotte Walser in der
SZ. "Der Faschismusforscher
Timothy Snyder schrieb ein paar Stunden vor Ablauf des Ultimatums: 'Wie jeder Historiker, der sich mit Gräueltaten befasst, weiß, gibt es so etwas wie 'bloß Worte' nicht.' Der Gedanke, eine ganze Zivilisation auszulöschen, bleibe bestehen, sobald er einmal ausgesprochen sei. Der US-Präsident habe
die Welt bereits zum Schlechten verändert. 'Wenn wir nichts zu diesem Grauen sagen, lassen wir zu, dass es uns verändert.'"
Innenpolitisch scheint der Irankrieg Donald Trump geschadet zu haben: In der
FAZ verzeichnet Nina Rehfeld seit dem Beginn des Krieges
Absetzbewegungen von Donald Trump im MAGA-Lager: "Der konservative Denker Christopher Caldwell mutmaßt, dass 'das Ende des Trumpismus' anstehen könnte. Der Krieg habe das Projekt
MAGA untergraben, das meinte, es habe die 'Bürokratenklasse' entmachtet und die Demokratie zurückerobert. Das Vertrauen in einen selbst erklärten Volkspräsidenten, der den Wählerwillen mit 'untadeligem Charakter und Respekt vor der Verfassung' durchsetzt, versiege angesichts eines Krieges, in dem 'keines von beidem wirksam ist'. 'Wo ist der Trump, den MAGA gewählt hat?', fragt das Onlineblatt
The Hill, die
New York Times zitiert eine republikanische Strategin mit der Einschätzung, 'MAGA liegt
im Sterben'."
In der
Zeit erzählen iranische Ärzte von ihrer Arbeit als "Patriotic Doctors of Iran", ein
Netzwerk von etwa 100 iranischen Ärzten weltweit, "an die Patienten sich anonym wenden können, etwa über Telegram. Dazu muss man wissen: Iranische Krankenhäuser gehören für Oppositionelle zu den
gefährlichsten Orten. Seit Beginn der jüngsten Proteste wurden Verletzte
auf Klinikfluren hingerichtet, und das medizinische Personal, das ihnen geholfen hatte, wurde direkt verhaftet. Wir Ärzte im Ausland arbeiten eng mit Kollegen im Iran zusammen, denen wir vertrauen. Meist geht es um Schusswunden: Wenn etwa eine Kugel in der Rückenmuskulatur festsitzt, sagen wir, ob die rausmuss - und wie man sich allein zu Hause hilft. Seit Kriegsausbruch haben wir weniger Patienten, weil kaum Widerständler auf der Straße sind, mit Kriegswunden hat man in den Kliniken nichts zu befürchten. Doch die Regierung nutzt den Krieg, um immer brutaler gegen die Bevölkerung vorzugehen: Es wird gefoltert, vergewaltigt, erschossen. Inhaftierte Demonstranten, auch Minderjährige, werden massenhaft hingerichtet'", schreibt beispielsweise Siroos Mirzaei, ein in Wien lebender Nuklearmediziner und Experte für Folterdiagnostik.
"
Rapper sind seit langem ein aktiver Teil der
iranischen Protestbewegung",
sagt Behrad Ali Konari im
taz-Gespräch. Vor kurzem konnte er seine Heimat verlassen, nachdem er wegen seiner regimekritischen Tracks mehr als zwei Jahre in Haft saß. Dort sah er auch, wie seine
Freunde ermordet wurden: "Man zwang mich immer wieder, ihre Leichen anzusehen. Sie sollten ein falsches Geständnis unterschreiben, haben sich aber bis zuletzt standhaft geweigert. Ihre Furchtlosigkeit bewundere ich. Auch ich war in der Haft
Psychoterror ausgesetzt. ... Bei den Verhören, zu denen man mich zerrte, war es Standard, dass man mich und die anderen Häftlinge auf den Boden zwang, Hände auf dem Rücken gefesselt. Die Füße waren in Ketten gelegt und dann zogen sie uns die Decke hoch,
wie Schlachtvieh. Nur unser Gesicht hatte noch Kontakt zum Boden."
Zwei Tage vor dem Angriff der USA und Israel auf den Iran brach zwischen
Afghanistan und Pakistan ein Krieg aus, der seitdem in den Hintergrund geraten ist,
schreibt die
Islamwissenschaftlerin Almut Wieland-Karimi in der
NZZ. "Vor allem für Afghanistan wächst die Gefahr, wiederum zu einem
Austragungsort eines Stellvertreterkriegs zwischen den 'großen drei' zu werden: China, Russland und den Vereinigten Staaten. Die ersten beiden wünschen sich Ruhe und Stabilität in ihrer Nachbarschaft, um nicht zuletzt bei der Ausbeutung afghanischer Ressourcen und der Nutzung von verbindender Infrastruktur voranzukommen. Bei den USA ist die Interessenlage zumindest unklar, wenn nicht unberechenbar."
Neben dem Ukrainekrieg und dem Irankrieg ist der
Bürgerkrieg im Sudan fast völlig aus der Berichterstattung verschwunden, obwohl dort die schlimmsten Kriegsverbrechen stattgefunden haben. Im Dossier der
Zeit erinnern Wolfgang Bauer und Johanna-Maria Fritz an das
Massaker in der Stadt Al-Faschir, die im Oktober 2025 "zum Schauplatz des
größten Kriegsverbrechens der Gegenwart" wurde, so die beiden Reporter. "Anderthalb Millionen Menschen haben hier vor zwei Jahren gelebt. Jetzt sollen es noch 27.000 sein. ... Im Vielvölkerstaat Sudan passierte das Schlimmste: Ethnie begann gegen Ethnie zu kämpfen, Stamm gegen Stamm, Hautfarbe gegen Hautfarbe. Hell gegen Dunkel. ... Was diesen Konflikt besonders blutig macht: Es geht nicht um Geld allein, es geht auch um die Verteilung von Land, um Lebensraum. Die Reste der regulären sudanesischen Armee kämpfen gegen die Rapid Support Forces (RSF), geführt von Mohammed Hamdan Daglo, bekannt als Hemedti. Die RSF sind ein Zusammenschluss von Kämpfern Dutzender arabischer Darfur-Milizen, die angetrieben werden vom
Hass auf Angehörige nichtarabischer Völker, der Zaghawa, der Fur, der Masalit, und von der Aussicht auf reiche Beute. Dieser Konflikt scheint so fremd zu sein, so weit weg, und doch hat er sehr viel mit Europa und den USA zu tun. Denn es geht auch um
deutsche Arbeitsplätze, deren Erhalt Politiker ihren Wählern versprochen haben, ohne sich zu fragen, zu welchem Preis."