Ein historischer Montag. Der
Ayatollah Khamenei ist durch einen israelisch-amerikanischen Schlag getötet worden, viele Iraner jubeln, andere werden zu den Trauerdemonstrationen des Regimes abgeordnet. In der Nacht hielten die Angriffe auf den Iran an.
Zumindest in Teheran war die Begeisterung über den Tod Khameneis groß, berichtet Raphael Geiger in der
SZ: "In der Nacht auf Sonntag wirkte es in Iran, als wäre für einen Moment
die ganze Angst verflogen. Zwar hat das Regime am Wochenende wieder das Internet gesperrt, wie schon während der Proteste im Januar, aber manchen Menschen gelang es dennoch, ihre Videos in den sozialen Medien zu posten. Einzelne, kurze Aufnahmen aus der Nacht, als das Land erfuhr, dass Ali Khamenei tot ist. Da
jubelten sie aus ihren Wohnungen heraus, so laut, dass ganze Stadtviertel von Teheran sich anhörten, als fände gerade eine Demo statt. Da zündeten sie kleine Feuerwerke. Da
tanzten sie auf offener Straße und feierten. Für die meisten Iranerinnen und Iraner ist es beinahe surreal: Sie erleben ihr Land zum ersten Mal ohne den Ayatollah an der Spitze. Seit 1989 war Khamenei an der Macht gewesen. Er bildete nicht nur das Machtzentrum dieses Staates, er war auch das Gesicht der Islamischen Republik. Sie war ohne ihn kaum denkbar."
Das Editorial der
New York Times klingt dagegen leicht säuerlich: "Das Regime, das Trump stürzen will, hat seine Wurzeln in der
amerikanischen Intervention im Iran. Es kam
1979 dank der weit verbreiteten Wut über einen Staatsstreich von 1953 an die Macht, den die CIA mit dem korrupten, von den USA unterstützten Schah organisiert hatte, der anschließend seine Macht festigte. Nun hat Trump in Zusammenarbeit mit Israel, dem erbittertsten Feind des Iran, die Ermordung des iranischen Staatschefs veranlasst. Er hat dies getan, ohne seine
Strategie für die Zukunft zu erläutern und ohne die Unterstützung fast aller anderen Verbündeten. Und es gibt Gründe, sich Sorgen darüber zu machen, was als Nächstes kommt."
Karim El-Gawhary
fürchtet nun in der
taz entweder eine
Militärdiktatur der Revolutiongarden oder ein Szenario "von
Chaos und Bürgerkrieg. Denn die Protestbewegung ist stark und laut, aber das Regime hat trotzdem noch genug Unterstützer und Profiteure. Zweiteres ist die große Angst der arabischen Nachbarschaft und der Golfstaaten, die keine Freunde des iranischen Regimes sind. Sie haben vor diesem Angriff auf den Iran gewarnt, genau mit dem Argument, dass
eine ohnehin fragile Region in noch mehr Instabilität gestürzt wird."
Ali Sadrzadeh
zeichnet in der
taz immerhin kein sehr freundliches Porträt Khameneis: "Seine Illusion, er könne mit seiner sogenannten strategischen Tiefe Israel vernichten, zeigte ... seine Selbstüberschätzung. Sein
krankhafter Israel-Hass resultierte sicherlich aus seiner islamistischen Ideologie, der er zeit seines Lebens treu blieb. Seine Ideologie und ein großer Teil der Institutionen, die er dafür geschaffen hat, werden auch nach seinem Tod zumindest für eine gewisse Zeit bestehen bleiben."
Aber werden
Luftangriffe wirklich ausreichen, das Mullah-Regime zu zerschlagen? Der französische Politologe
Olivier Roy "hält das für eine gefährliche Illusion",
schreibt Michael Hesse, der mit Roy gesprochen hat, in der
FR. "Der Iran sei kein fragiler Staat, der nur durch Ideologie zusammengehalten werde. Sein Kern liege vielmehr in einem hochgradig
institutionell verankerten Sicherheitskomplex: den Islamischen Revolutionsgarden, den ihnen unterstellten Wirtschaftsimperien und dem Netz der Basidsch-Milizen. Diese Strukturen seien nicht bloß Repressionsinstrumente, sondern soziale Milieus mit materiellen Interessen, Karrieren und Patronageketten. Wer von 'Staatszerfall' spreche, unterschätze die Tiefe dieser Verankerung fundamental. Roy verweist dabei auf eine allgemeine Gesetzmäßigkeit: Autoritäre Systeme implodieren selten, solange ihre
bewaffneten Organe geschlossen bleiben." Die iranische Diktatur "ist, im Gegensatz zum gestürzten Assad-Regime in Syrien, kein Einmannprojekt, sondern ein Organismus mit vielen nachwachsenden Köpfen",
warnt Teseo La Marca in der
taz.
Aber trotz allem, hält Nikolas Busse in der
FAZ fest: "Eine Befreiung Irans von der islamistischen Führung, die so viel Leid über das eigene Volk und die Region gebracht hat, wäre
im Interesse des gesamten Westens. Nicht ohne Grund hat auch die EU zahlreiche Sanktionen gegen Iran erlassen und jüngst die Revolutionsgarden auf die Liste der Terrororganisationen gesetzt."
In der
taz ist Leon Holly
entsetzt von dem amerikanisch-israelischen Angriff. Für ihn ist es ganz klar "die nächste Eskalationsstufe" des "
MAGA-
Imperialismus": "Viele Zivilisten wird das ihr Leben kosten. Mehreren Quellen zufolge tötete eine Bombe, die am Samstag in einer Mädchenschule in Teheran einschlug, dutzende Menschen. Nachdem das Regime erst im Januar tausende Demonstrierende erschossen hat, kommt die
Gefahr jetzt von oben."
"Warum zieht die globale Linke einen
lebenden Khamenei einem freien Iran vor?",
fragt Kamel Daoud in
Le Point, und im Text führt er die Frage in einem fast dichterisch klingenden Ton nochmal aus: "Warum stellen jene, die vorgeben, Gerechtigkeit, universelle Werte, 'Fairness' und 'Recht' zu verteidigen, die
Ideologie stets über das Leben? Ein altes Paradoxon, das seit der Erfindung des Totalitarismus oder sogar schon davor besteht. Warum ziehen diese politischen Familien
die '
Idee'
dem Fleisch der Lebenden vor?" Für Daoud ist jedenfalls klar: "Wenn Trump es heute vermochte, dieses Monster zu Fall zu bringen, so täuschen wir uns weder über seine Beweggründe noch über die kommenden Schwierigkeiten. Man kann über seine Motive diskutieren, aber man darf die zuschlagende Hand nicht mit der Freude derer verwechseln, die zum Leiden verdammt waren. In dieser Sackgasse
ist Trump besser als ein Anwalt für 'internationales Recht' in einem Pariser Arrondissement oder ein verlorener Trotzkist, der in Algier im Schatten der Bedeutungslosigkeit vor sich hin vegetiert."
Was ist Trumps Plan, was will er, fragt
Anne Applebaum in
Atlantic. Das bleibt unklar, den Iranern helfen, hat jedoch keine Priorität, fürchtet sie, das war schon unter Obama so: "Es gab
zahlreiche Gelegenheiten, etwas anderes zu versuchen. Im Jahr 2009, zur Zeit der Massenproteste im Iran, hätte die
Obama-
Regierung eine Menschenrechtskampagne in den Mittelpunkt ihrer Iran-Politik stellen und die Menschen, Ideen, Bildung und Medien fördern können, die dazu beigetragen hätten, den Iran von innen heraus zu verändern. Im Jahr 2019, nach der Aufkündigung des Atomabkommens von Barack Obama mit dem Iran, hätte die
erste Trump-
Regierung dasselbe tun können. Aber sie tat es nicht. Die zweite Trump-Regierung ist noch viel weiter in die entgegengesetzte Richtung gegangen und hat tatsächlich
Instrumente abgeschafft, die dazu hätten beitragen können, das bürgerschaftliche Engagement zu fördern und eine geeinte Opposition im Iran aufzubauen. Die Regierung hat iranischen Menschenrechtsorganisationen
Gelder entzogen und Medienprojekte finanziell ausgehungert. Unter der Führung der ehemaligen politischen Kandidatin aus Arizona,
Kari Lake, hat die US-Behörde für globale Medien Radio Farda, den persischsprachigen Sender des US-Senders Radio Free Europe/Radio Liberty, daran gehindert, amerikanische Sendeanlagen zu nutzen." Um Frieden und Wohlstand für seine Bürger zu erreichen, "braucht der Iran keine neue Diktatur, sondern Selbstbestimmung und eine pluralistische Regierung, die die Grundrechte achtet. Derzeit unternimmt die Trump-Regierung keine Anstrengungen, um eine solche Regierung aufzubauen."
Khamenei war nicht gerade ein Charismatiker,
schreibt der ägyptisch-amerikanische Autor
Hussein Aboubakr Mansour in seinem Blog, aber er war der
Architekt des klerikalen Systems, und ein äußerst erfolgreicher, lange Zeit allseits hofierter. "Das System überlebte, weil Khamenei verstanden hatte, dass revolutionäre Legitimität nur durch das glaubwürdige Monopol auf
organisierten Terror und die systematische, gewaltsame Beseitigung von Alternativen aufrechterhalten werden kann. Es war auch der letzte Nachfolgestaat in der ideologischen Linie, die von Nazi-Deutschland über den arabischen Nationalismus hervorgegangen war - das letzte Regime, das die weltweite Verbreitung des Antisemitismus und die
Vernichtung der Juden zur Staatsdoktrin machte."
Und mit
überschießendem Judenhass hatte alles begonnen, dem von Yahya Sinwar im Alleingang inszenierten
Pogrom vom 7. Oktober, das die von Khamenei über Jahrzehnte aufgebaute Umkreisung Israels letztlich zerstörte,
schreibt Ahmad Mansour auf
Twitter: "Das Assad-Regime ist weg. Die Hisbollah ist militärisch weitgehend zerstört, schwer beschädigt und im Libanon politisch isoliert. Die Huthis stehen unter massivem Druck durch direkte Angriffe und strategische Gegenmaßnahmen. Gaza liegt in Trümmern. Viele Spitzenfiguren der Hamas wurden getötet. Sinwar ist tot, ebenso zahlreiche führende Vertreter der Huthis - ebenso wie Hassan Nasrallah. Die militärischen Auseinandersetzungen finden nicht mehr stellvertretend in Gaza oder im Libanon statt - nein, sie finden jetzt
mitten in Teheran statt!"