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07.03.2026. In der FAS macht sich die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev Sorgen um Israel, das nicht nur von außen, sondern auch von innen bedroht wird. Morgen ist Internationaler Frauentag: Die taz macht sich Gedanken über weibliche Solidarität. Sie hofft außerdem, dass die iranischen Frauen nach dem Sturz des Regimes die politische Zukunft des Landes mitgestalten. Die NZZ blickt auf den Kampf der VAE gegen Islamismus. Europa ist out, meint im FR-Gespräch der Historiker Peter Frankopan.
Rakete um Rakete wird auf Israel abgefeuert - aber nicht nur über die äußere Bedrohung macht sich die israelische SchriftstellerinZeruya Shalev sorgen, wie sie in der FAS schreibt. Im Land selbst versucht Netanjahu, Stück für Stück die Demokratie auszuhöhlen: "Was für ein zynisches Paradox erleben wir, während Raketen und Drohnen über uns fliegen: Während Netanjahu die Piloten der Luftwaffe losschickt, um für ein demokratisches Iran zu kämpfen, tut er zusammen mit seiner rechtsextremen Regierung alles dafür, um die israelische Demokratie Schritt für Schritt in ein Iran zu verwandeln. Es ist alles schon angelegt und keineswegs zufällig: die religiöse Radikalisierung, die Ausweitung der Zuständigkeiten rabbinischer Gerichte, die Diskriminierung von Frauen, die Einschränkung des Demonstrationsrechts, eine politische Polizei, politisch motivierte Berufungen in Spitzenämter auf allen Gebieten. Auch der Braindrain ist bereits in vollem Gange, genau wie es in Iran passiert ist. Ärzte, Hightech-Leute, Wissenschaftler und Ingenieure verlassen in Massen das Land. Doch Israel wird nicht bestehen, wenn es keine Demokratie mehr ist (...)."
Oft wird in diesen Tagen mit Blick auf die amerikanischen Bomben auf Iran das Völkerrecht angemahnt, schreibt Ronya Othmann in ihrer FAS-Kolumne. Die Besorgnis scheint aber nicht so richtig für alle zu gelten. Blicke sie "als Kurdin und Jesidin auf die Welt", scheint ihr "das Völkerrecht wird sehr selektiv angemahnt. Wo waren die Rufe nach dem Völkerrecht, als die Türkei in Afrin einmarschierte, Iran bombardierte oder Saddam Hussein 150.000 Kurden ermordete? Natürlich glaubt niemand, den ich kenne, ernsthaft, dass es jetzt wirklich darum geht, die Menschen in Iran von der Tyrannei zu befreien und ihnen zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu verhelfen. Israel und die USA verfolgen eigene Interessen, etwa den Iran daran zu hindern, Atomwaffen zu bauen. Trotzdem hoffen viele, sowohl in Iran als auch außerhalb, dass die Militärschläge dem Terror der Islamischen Republik ein Ende bereiten. Wie verzweifelt müssen die Menschen sein, wenn sie, wie auf einem Video aus Teheran zu sehen, jubeln, als die ersten Bomben einschlagen."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Frauen waren in der Geschichte häufig treibende Kräfte hinter revolutionären Umbrüchen, erinnert Shila Behjat, die auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, in der taz. Bei der Gestaltung der politischen Zukunft eines Landes werden sie dann aber häufig verdrängt. Wie wird es im Iran sein? "Iran gehört zu den Ländern mit der höchsten Bildungsbeteiligung von Frauen im Nahen Osten, während sie rechtlich und politisch weiterhin stark eingeschränkt sind. Forschende wie Valentine Moghadam und Homa Hoodfar argumentieren, dass genau diese Kombination aus hoher Bildung, struktureller Diskriminierung und jahrzehntelanger politischer Erfahrung eine besonders mobilisierte Generation hervorgebracht hat. Deshalb fungiert der Kampf iranischer Frauen heute nicht nur als feministischer Protest, sondern als gesellschaftlicher Katalysator für breitere Forderungen nach Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Teilhabe."
Wer sind die iranischen Revolutionsgarden? In der SZ berichtet Raphael Geiger vom Gespräch mit einem ehemaligen Mitglied. Sadiq Shams musste schließlich vor den Wächtern in die Türkei fliehen: "Seine Vorgesetzten lobten ihn, er mache einen guten Job, er gehöre zur Elite des Landes. Wann sich das geändert hat? In dem Moment, sagt er, als in seiner Einheit eine Demonstrantin vergewaltigt wurde, und sich die Frau in der Zelle das Leben nahm. Shams sagt, dass ihm Zweifel kamen, als die Garde den Tod zu vertuschen versuchte. Wahrscheinlich war es die persönliche Nähe, der Suizid passierte in seiner Abteilung, er kannte die Vergewaltiger. Er habe dann angefangen, die Vernehmungsprotokolle zu lesen, zu denen er als Offizier Zugang hatte. Er las in den Akten von Menschen, die zum Tode verurteilt werden sollten, so beantragte es die Garde bei Gericht. 'Wem diene ich da?' Das sei ihm auf einmal durch den Kopf gegangen."
In der NZZ schildert der Islamwissenschaftler Kacem El Ghazzali, wie die Vereinigten Arabischen Emirate innerhalb des Landes gegen Islamismus kämpfen: "Anfang 2026 strich Abu Dhabi sämtliche britischen Universitäten von der Liste der für Staatsstipendien zugelassenen Hochschulen, mit der Begründung, man wolle nicht, dass emiratische Studenten auf britischen Campus islamisch radikalisiert würden." Interessant ist die Reaktion der westlichen Linken: "Die VAE sehen sich dem Vorwurf der 'Islamophobie' ausgesetzt - eine Studie der George Mason University in Virginia beschrieb ihre Politik als 'Langzeitstrategie zur Verbreitung von Islamophobie in Europa'. Jean-Luc Mélenchon, Chef der französischen Linkspartei La France insoumise, warf den Emiraten vor, in Frankreich Diskriminierung und Hass gegen Muslime zu schüren. Dass Saudiarabien jahrzehntelang den Wahhabismus exportierte oder Katar die Muslimbruderschaft finanzierte, löste bei der europäischen Linken nie vergleichbare Empörung aus."
Die taz bringt ein Dossier anlässlich des morgigen Internationalen Frauentages: Die Philosophie-Professorin Sally Scholzwidmet sich dem Begriff der weiblichen "Solidarität": "Feministische Solidarität ist daher nicht einfach Solidarität unter Frauen. Gemeint ist vielmehr eine Solidarität zwischen Feministinnen unterschiedlicher politischer Richtungen und sozialer Hintergründe, die gemeinsam die Verhältnisse untersuchen und verändern wollen, unter denen geschlechterbasierte Ungerechtigkeit entsteht (...) Solidarität bedeutet nicht nur ein gemeinsames Engagement für feministische Ziele, sondern auch eine Verpflichtung gegenüber den Beziehungen von Feministinnen untereinander. Wie in allen Beziehungen erfordert dies Zeit, Aufmerksamkeit und Energie sowie die Bereitschaft, Differenzen und Konflikte auszuhalten."
Die Politikerin und Soziologin Constanza Moreirasieht derweil den Feminismus in Lateinamerika auf dem Vormarsch: "Wenn ich an Lateinamerika in den vergangenen 30 Jahren denke, dann gehört der Feminismus zu den wichtigsten politischen Entwicklungen - gemeinsam mit indigenen und dekolonialen Perspektiven. Was die Welt in Bewegung setzt, was sie aus ihrer konservativ-patriarchalen Achse herausrückt, das sind in der Regel die Linken, die Progressiven. Der Feminismus ist in diesem Sinne eine radikale Neuheit in Lateinamerika. Und das unterscheidet uns von Europa: die Verflechtung von Dekolonisierung und Feminismus."
Im FAS-Interview resümieren Meron Mendel und Saba-Nur Cheema die Debatten um die Berlinale. Die Idee Wolfram Weimers, eine Art "Code of Conduct" für öffentlich geförderte Institutionen zu verabschieden, sieht Cheema erstmal als nicht so tragisch - aber auch nicht als besonders hilfreich an: "Ein Verhaltenskodex klingt erst einmal dramatischer, als er wahrscheinlich ist. Wenn Kunst und Kultur zu großen Teilen aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, ist es nicht ungewöhnlich, dass es bestimmte Leitlinien gibt, das gibt es in vielen Bereichen. Vermutlich wird ein solcher Kodex aber wenig verändern. Denn auf der abstrakten Ebene sind sich ja alle einig: Niemand wird öffentlich sagen, er sei für Antisemitismus, Rassismus oder Sexismus. Der Konflikt entsteht immer im konkreten Einzelfall, und dort entscheidet der Kontext. Gerade beim Thema Antisemitismus sehen wir doch, wie stark die Bewertungen auseinandergehen, je nachdem wie Äußerungen eingeordnet werden. Ein Kodex löst diese Konflikte nicht. Am Ende geht es eher darum, auszuhalten, dass es Streit gibt. In einer pluralen Gesellschaft gehört das dazu, auch und gerade im Kulturbetrieb."
Europa hat "keine Agency" mehr, stellt der Historiker Peter Frankopan im FR-Interview mit Michael Hesse fest. Die großen Entscheidungen werden anderswo getroffen: "Es ist ganz einfach: In der Welt, in der ich arbeite, spielt Europa kaum noch eine gestaltende Rolle. Niemand kann Ihnen den deutschen Wirtschaftsminister nennen - und es interessiert viele auch nicht, wer der Außenminister Belgiens ist. Was Verteidigungsminister in der Schweiz oder in Österreich sagen, hat kaum Auswirkungen. Die Räume, mit denen ich mich beschäftige - Russland, der Iran, Naher Osten, Indien, Pakistan, China, Asean - sind das Maschinenhaus von Wachstum, Volatilität, Verwundbarkeit und Bedrohungen. Viele zentrale Debatten über KI und Disruption finden außerhalb Europas statt (...) Man sieht das daran, wie europäische Regierungschefs in den vergangenen Tagen versuchten, in Washington, Jerusalem oder Teheran Einfluss zu nehmen - und die Hebel greifen nicht."
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