Tausende
Bolsonaro-Anhänger stürmten Regierungspaläste in Brasilia, von der Polizei zunächst nur halbherzig aufgehalten. Der Sturm fand fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Sturm auf den Kongress in Washington statt. Bolsonaro ist für diese Entfesselung verantwortlich, er hat die brasilianische Demokratie untergraben, meint Benedikt Peters in der
SZ: "Er verzichtete sogar darauf, seinem Nachfolger Lula die Präsidentenschärpe zu übergeben. Das macht ihn nicht nur zu einem schlechten Verlierer. Im Versuch, sich von den Randalierern zu distanzieren, gleicht er einem Mann, der ein paar Kindern
eine Flasche Benzin und ein Feuerzeug gibt - und dann mit dem Brand nichts zu tun haben will."
Ähnlich
sieht es auch Niklas Franzen in der
taz: Bolsonaro habe nie anerkannt, dass er die
Wahl verloren hat: "Während seiner Amtszeit attackierte er immer wieder die
demokratischen Institutionen, beschimpfte Journalist*innen und verherrlichte die Verbrechen der Militärdiktatur. Seine
Wahlniederlage hat er bisher nicht ausdrücklich eingeräumt, er sprach von 'Gefühlen der Ungerechtigkeit' über den Ausgang der Wahl. Und er rief zum
Widerstand gegen die neue Regierung auf. Bolsonaro befindet sich derzeit in den USA und nahm - entgegen den Gepflogenheiten - nicht an der Amtsübernahme Lulas teil. Vor seinem Abflug gab er sich jedoch zurückhaltender, kritisierte zaghaft die Proteste seiner Fans und erklärte: 'Niemand will ein Abenteuer.' Doch seine Fans ignorierten ihn. Der Bolsonarismus scheint größer als Bolsonaro zu sein." Die brasilianische Demokratie wird nur weiter funktionieren, wenn sich
das Militär zu Lula bekennt,
schreibt Werner J. Marti in der
NZZ. Es sei "ein offenes Geheimnis, dass Teile der
Armee und der
Polizei mit den radikalen Bolsonaristen sympathisieren oder diese sogar direkt unterstützen."
Die
sozialen Medien haben bei der Randale in Brasilien eine wichtige Rolle gespielt,
erklärt Tomas Rudl in
netzpolitik: "Wochenlang wurden die Netzwerke mit
aufstachelnden Botschaften geflutet, berichten brasilianische Forscher:innen der
Washington Post zufolge. Auf dem Messenger-Dienst
Telegram wurde zu Mord aufgerufen und Demo-Transporte organisiert, auf dem Video-Dienst TikTok über Wahlfälschung spekuliert, während die Suchfunktionen von Facebook und Instagram Nutzer:innen zu Gruppen lotsten, die das
Wahlergebnis infrage stellten."
Nils Markwardt
meditiert auf
Zeit online über den "
Volksfestfaschismus", der die Stürmungen des Reichstags in Berlin, des Kongresses in Washington und jetzt der brasilianischen Regierungsgebäude eint: "In der johlenden Meute, die endlich alles rauslassen kann, entsteht so stundenweise das
Gefühl einer souveränen Gemeinschaft, die den Ausnahmezustand verhängt."