9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2017 - Religion

Die Zeit veröffentlicht die 40 Thesen für einen reformierten Islam, die der deutsch-algerische Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi an die Tür der Berliner Dar-as-Salam-Moschee genagelt hatte.
Stichwörter: Ourghi, Abdel-Hakim

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2017 - Religion

Religionsfreiheit hat Grenzen, die ihr vom Staat gesetzt werden, schreibt der ehemalige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm in der FAZ (Artikel bei Qantara.de online gestellt): "Der Absolutheitsanspruch der Religionsgemeinschaften kann ..  nicht gegenüber der Allgemeinheit, sondern nur gegenüber den eigenen Gläubigen, also im Innenbereich der Religionsgemeinschaften, Geltung beanspruchen; aber auch dort nur, soweit er freiwillig befolgt wird. Der säkulare Staat darf seine Zwangsgewalt nicht für die Durchsetzung religiöser Normen zur Verfügung stellen. Aber selbst die freiwillige Unterwerfung unter religiöse Normen kann nur in Grenzen hingenommen werden. Diese Grenzen werden durch die unaufgebbaren Grundprinzipien des Grundgesetzes gezogen, allen voran die Menschenwürde."

Ebenfalls in der FAZ unterhalten sich Christian Geyer und Hannes Hintermeier eine ganze Seite lang mit Kardinal Walter Brandmüller über den liberalen Papst Franziskus und den Streit, den dessen Schreiben "Amoris laetitia"  in der Katholischen Kirche auslöste.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2017 - Religion

In der Welt schüttelt die Soziologin Necla Kelek den Kopf über Martin Germer, Pastor der evangelischen Berliner Gedächtniskirche und Johannes Eisenberg, Anwalt und taz-Gründer, die ihr, dem evangelischen Pressedienst und der Welt per Strafandrohung verbieten wollen, zu behaupten, die Dar-es-Salam-Moschee in Berlin Kreuzberg sei salafistisch. Neclek hatte den Pastor für seine Unterstützung der Moschee kritisiert (unser Resümee): "Mithilfe von juristischen Dienstleistern soll nun verhindert werden, dass der innerislamische Diskurs stattfindet. Ob die IGMG, die Muslimbrüder, die Salafisten oder ein geheimnisvoller Sponsor aus dem Orient - egal, wer die Moschee betreibt, es gilt der oft kolportierte Spruch eines türkischen Imams: 'Mit euren Gesetzen werden wir euch besiegen.' Hinzuzufügen wäre: und mit der Hilfe eines deutschen Anwalts und Unterstützung eines Pfarrers. Deshalb ist die Dar-es-Salam-Moschee nicht salafistisch. Und die Erde ist eine Scheibe. Allahu akbar, Herr Anwalt!"

Kulturprotestantisch war das Reformationsjubiläum ein voller Erfolg, meldet Matthias Kamann in der Welt. Eine "Wiedererweckung evangelischer Massenbegeisterung", wie sie sich die evangelische Kirche erhoffte, kann indes nicht festgestellt werden, so Kamann: "sie machten den grundlegenden Fehler, die Reformation als Gegenstand nicht der Verstörung und Irritation, sondern der Identifikation feiern zu wollen. Deshalb mussten sie zunächst aussortieren, womit sich tatsächlich nichts anfangen lässt: zumal Luthers Judenhass und die aggressive Frontstellung zwischen den Konfessionen. Sie wollten dann aber umso heller strahlen lassen, womit die Gegenwart sich wohlfühlen kann. Also wurden vermeintliche Errungenschaften der Reformation behauptet, als welche sie in geschichtswissenschaftlicher Verkürzung - wenn nicht Ignoranz - ausgegeben wurden: die Demokratie und der Sozialstaat, die Aufklärung und die Wissensgesellschaft sowie die Gleichberechtigung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2017 - Religion

Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi hat vierzig Thesen für einen Reformislam an der Tür der salafistischen Dar-as-Salam-Moschee in Berlin angeschlagen und wurde dafür vom Pastor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Martin Germer, kritisiert. Necla Kelek solidarisiert sich in der Allgemeinen Zeitung mit Ourghi, der nur fordere, dass "hiesige Moscheen unabhängig von der Finanzierung und dem Einfluss aus dem Ausland agieren müssen. Diese Forderungen sind nicht neu, der ägyptisch-deutsche Publizist Hamed Abdel-Samad oder ich fordern dies seit Jahren. Neu ist nur, dass sie jetzt von einem praktizierenden Muslim ausgehen. Ourghi nährt damit die Hoffnung, dass die notwendige Diskussion um die Stellung und Reform des Islam nicht mehr nur eine Angelegenheit von Dissidenten in Europa bleibt, sondern einen innerislamischen Diskurs auslöst."

In der taz behauptet Daniel Bax im Gespräch mit Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, "Scharfmacher" wollten die "Kooperation mit den Islam-Verbänden beenden, weil diese 'aus dem Ausland gesteuert' würden. Was sagen Sie dazu?" Darauf antwortet Mayzek: "Wir als Zentralrat waren noch nie vom Ausland gesteuert und propagieren einen Islam in Deutschland. Aber es gibt andere Religionsgemeinschaften, ob nun spanische Katholiken oder die griechisch-orthodoxe Kirche, die ihren Bezug zum Ausland beibehalten wollen. Und dagegen ist verfassungsrechtlich grundsätzlich nichts einzuwenden. Ob das integrationsfördernd ist, ist eine ganz andere Frage."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2017 - Religion

In seiner FAZ-Kolumne schreibt Bülent Mumay über das deutsche Wahlergebnis, die Barzani-Krise, krude AKP-Warnungen vor westlicher Zahnpasta, die Muslime angeblich betäuben solle und eine Ermahnung des Theologen Ihsan Şenocak, Damenhosen zu verbieten: "'Zerspringt dir nicht das Herz, wenn deine Tochter in Hosen zur Schule geht? Du freust dich, wenn deine Tochter die Zulassungsprüfung für die Universität besteht. Sie soll Ärztin oder Ingenieurin werden. Da geht dann deine Tochter in Hosen unter den Blicken der Männer, junge Männer laufen ihr hinterher. So führst du deine Tochter in die Hölle!' Fanatiker, die schweigen, wenn kleine Kinder in Heimen einer religiösen Sekte vergewaltigt werden, wenn Kinder bei lebendigem Leib verbrennen, weil bei einem Korankurs Feuer ausbricht, erklären es nun zur Höllenschuld, Hosen zu tragen. Und unser Staat schaut schweigend zu."

"Freiheit: Das war für Luther die Freiheit von der Depression", die ihn befallen hatte, als er gegen den Willen seiner Eltern das Gelübde ablegte, erklärt der Philosoph Christoph Türcke in der NZZ. "Er konnte sie gar nicht darstellen, ohne sich selber darzustellen. Warum teilt er 'die ganze heilige Schrift' so holzschnitthaft 'in zweierlei Worte', nämlich in 'Gebote oder Gesetze Gottes und Verheißungen oder Zusagungen'? Und warum wird 'der Mensch' erst einmal durch die Gesetze 'recht gedemütigt und zunichte' gemacht, 'sintemal das Gebot muss erfüllt sein oder er muss verdammt sein', ehe 'das andere Wort, die göttliche Verheißung und Zusagung' ihn aus dem Sumpf der Verzweiflung zieht? Weil Luther es so erlebt hat. 'Der Mensch': Das ist er. Ecce homo. In seine Fußstapfen muss treten, wer Rettung will. Jeder muss erst einmal völlig am Ende sein, ehe ihm der Glaube zuteilwird."

Auch der Theologe Jan-Heiner Tück denkt in der NZZ über den Freiheitsbegriff Luthers nach: "Eine Freiheit, die sich von theologischen Vorgaben emanzipiert und das Projekt der Selbstverwirklichung ohne Gott in Angriff nimmt, ist seine Sache nicht. Wenn überhaupt, ist Luther darin modern, dass er auf die fragilen Konstitutionsbedingungen menschlicher Freiheit verweist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2017 - Religion

In seiner FAZ-Kolumne trauert Bülent Mumay um den vorige Woche verstorbenen türkischen Soziologen Şerif Mardin, der bereits 2007 vor dem community pressure warnte, mit dem Erdogans AKP dem säkularen Leben in der Türkei den Garaus machen wollte: "Mardins Voraussage, 'wenn sich der Konservatismus durchsetzt', ist eingetroffen. Es werden nicht nur Menschen ohne religiösen Lebenswandel diskriminiert. Es begann die Umsetzung einer Politik, die das Leben Andersdenkender beschneidet und ausgrenzt."

Thomas Ribi huldigt in der NZZ dem Zauber der schwarzen Madonna von Einsiedeln und versichert: "Die Wunder der Einsiedler Madonna sind bestens dokumentiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2017 - Religion

Michael Hesse spricht in der FR mit dem Islam-Forscher Olivier Roy über die Radikalisierung junger Islamisten in Europa - Roy macht eine seltsame Beobachtung: "Viele von den Attentätern oder in Syrien kämpfenden Dschihadisten haben Kinder gezeugt, bevor sie sterben. In London 2005, in Paris im Bataclan hatten alle Attentäter, die den Tod fanden, Kinder. Bevor die Attentäter im Bataclan angriffen, riefen sie ihre Mutter an. Sie sagen ihr, dass sie bereit seien zu sterben und ihr Vater ein schlechter Muslim sei und sie selbst ins Paradies einziehen würden. Sie kehren die generationelle Folge um und machen sich selbst zum Vater ihrer Mutter. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2017 - Religion

Die Berliner Schulverwaltung wehrt sich bislang immer noch tapfer gegen religiöse Ansinnen von Lehrern und Lehrerinnen an Berliner Schulen. Das Kopftuch soll trotz einiger Prozesse von Lehrerinnen, die das Land verloren hat, weiter nicht an Schulen getragen werden, schreibt Martin Klesmann in der Berliner Zeitung. Aber "Konflikte gab es zuletzt auch wegen christlicher Symbole: Der Leiter einer Weddinger Sekundarschule hatte eine Lehrerin aufgefordert, ihr Kreuz abzulegen. Es verstoße ebenfalls gegen das Neutralitätsgesetz. Die Lehrerin erzählte davon einem Pfarrer, der Fall landete auf der Landessynode der evangelischen Kirche. In der Folge gab es sogar eine Debatte, ob es auch verboten werden müsse, ein christlich anmutendes Fisch-Symbol zu tragen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2017 - Religion

Die Autorin Deborah Feldman, die durch ein Buch über ihre Selbstbefreiung aus dem orthodoxen Judentum bekannt wurde, hat inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft und erzählt in der FAZ, wie sehr sie sich freut, hier an einer demokratischen Wahl teilnehmen zu können. Wie der Kommunitarismus in den USA demokratische Prinzipien untergräbt, erzählt sie auch. Eine Gruppe von "Ex-Chassiden" habe einmal den amerikanischen Staat verklagt, weil er es zulasse, dass Mitgliedern der Gemeinde Bildung verweigert wird - ein Verstoß gegen die Menschenrechte: Der Staat "habe über die offenkundige Verweigerung jeglicher Grundausbildung für Kinder, die in chassidische Gemeinschaft hineingeboren waren, hinweggesehen. Obwohl die Zeitungen berichteten, sollte der Fall im Sande verlaufen, weil jene Politiker, die für rechtsstaatliche Prinzipien eintreten würden, in Zukunft die chassidischen Wählerstimmen vergessen könnten - und mit ihnen ihre Karriere. Zugang zu Bildung ist Frauen in meiner ehemaligen Gemeinde noch immer verschlossen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2017 - Religion

Im Gespräch mit Daniel Bax von der taz wiederholt der Islamforscher Olivier Roy seine These, dass die Radikalisierung junger Attentäter wie in Barcelona nicht aus dem Islam kommt. Auf Gilles Kepels Vorwurf angesprochen, dass er den ideologischen Anteil der Radikalisierung  vernachlässige, komplizieren sich die Dinge bei Roy: "Ich unterschätze nicht die Bedeutung der Ideologie. Ich sage nur: Diese Leute haben keinen religiösen Hintergrund. Sie haben nicht Jahre in salafistischen Moscheen verbracht und sich dann radikalisiert. Sie entscheiden sich für den Islam im gleichen Moment, in dem sie sich für die Radikalisierung entscheiden. Ich sage nicht, dass das nur ein Vorwand oder oberflächlich ist. Nein: Sie glauben, dass sie ins Paradies eingehen, wenn sie sterben. In diesem Sinne sind sie Gläubige. Aber der Salafismus ist nicht das Einfallstor für ihre Radikalisierung."