9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2014 - Religion

Der Politologe Asiem El Difraoui legt auf Rue89 einen kleinen Essay über Dschihad als Pop vor. Bei der programmatischen Übernahme von Pop- und Netz-Codes in den Terror der Bilder haben übrigens zwei deutsche Islamisten eine wichtige Rolle gespielt, der Veteran Reda Seyam, der den Geheimdiensten nach Syrien entwich, und der Rapper Denis Cuspert. Ein Beispiel für das Spiel mit dem Pop: "Der erhobene Zeigefinger auf den "Selfies" vor Panzern kommt aus dem Repertoire des Web 2.0. Als Symbol der Identifikation mit der dschihadistischen Cummunity erscheint diese Geste auf Hunderten von Selfies und Videos der IS-Miliz. Er symbolisiert den Begriff des "tawhid", der den Salfisten so teuer ist - also die Einheit von Gott und der Gemeinschaft der Gläubigen, der Umma. Zugleich aber ist der ausgestreckte Zeigefinger die Dschihad-Version des Facebook-Likes, des erhobenen Daumens. Ein Zeichen, das auch im Westen, von Berlin bis in die Banlieues von Paris, einschüchtern soll: Achtung, ich bin ein Krieger Gottes.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2014 - Religion

Eric Leser von Le Monde versucht in einem längeren Essay auf Slate.fr die Ideologie des "Islamischen Staats" (Daech) zu entschlüsseln: "Daech behauptet schlicht, unbesiegbar zu sein. "Getötet werden ist ein Sieg", sagt der Sprecher der Grupee, Abo Muhammad al-Adni, "ihr kämpft gegen ein Volk, das keine Niederlage kennt. Den Sieg erringt es im Tod." Die Kämpfer der Organisation opfern sich nicht nur aus religiöser Überzeugung, sie treiben einen Kultur des Märtyrer-Todes, denn sie werden direkt ins Paradies eingehen. Und das glauben sie wirklich." (Vielleicht sollte man sie einfach mal informieren, dass das Käse ist!)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2014 - Religion

Neulich wertete die Islamwissenschaftlerin und Theologin Katajun Amirpur einen Brief konservativer Islam-Gelehrter an den Islamischen Staat als Beweis, dass der Islam sich sehr wohl von der Gewalt zu distanzieren wisse. Peter Mathews wendet sich in einer Erwiderung im Perlentaucher allerdings gegen ihre rein theologische Lesart der Sache: "Nichts gegen die Idee, den Koran und die Schriften im Sinn der Menschlichkeit und der Gleichberechtigung zu interpretieren. Anders - mit Ignoranz der Moderne und der Orientierung auf das Alte (salaf) - würde der Islam auf Dauer zu einer dumpfen Religion von Verlierern werden. Nur kann man den sogenannten fortschrittlichen Muslimen nicht ersparen, dass sie sich an den philosophischen, rechtlichen und politischen Fortschritten der Menschheit orientieren."

Chris Ip wundert sich in der Columbia Journalism Review über das dezidiert progressive Bild, das Medien von dem neuen Papst zeichnen: "Der Papst ist progressiv, gewiss, aber in seinem Gebaren, nicht in seiner katholischen Lehre. Er küsst und wäscht die Füße von einem Dutzend Gefängnisinsassen - zwei davon Muslime - er tauscht den Apostolischen Palast gegen eine Zweizimmerwohnung und setzt sich damit gegenüber seinen Vorgänger ab. Die Kirche, so seine Idee, soll zum Volk gehen, sich nicht in die moralische Festung zurückziehen und warten, dass das Volk kommt. Keine dieser Refomen ist "links" im politischen Sinn und tiefe gesellschaftliche Fragen wie etwa die Homoehe werden in einer Kirche, die strukturkonservativ ist, schlicht nicht gestellt. Franziskus hat darauf bestanden, dass nur Mann und Frau heiraten können und ist gegen ein Adoptionsrecht schwuler Paare."

In Frankreich hat sich eine Initiative von Eltern und Angehörigen gebildet, die versuchen, ihre nach Syrien und Irak abgewanderten Kinder wiederzufinden und zurückzuholen. Geholfen wird ihnen von der Anthropologin Dounia Bouzar, die eine Hilfsorganisation gegründet hat. Julie Hamaïde erzählt in Slate.fr etwa die Geschichte Foads, der seine rückkehrwillige Schwester nach Frankreich holen wollte. "Foad begibt sich auf die Suche, findet den Emir seiner Schwester und reist alleine zu ihnen. Er wird seine Schwester innerhalb von sieben Tagen nur zweimal sehen und muss ohne Nora heimkehren. "Sie haben mich nicht ermordet, angeblich, weil sie ihren Ruf nicht beschädigen wollten" sagt er mit olympischer Ruhe. "Die Jungs sind ihnen egal, sie wollen die Mädchen behalten, um sie zu heiraten.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2014 - Religion

Julia Gerlach meldet, dass Saudi-Arabien die Eröffnung des ersten Kinos im Land erlaubt hat. Das heißt aber nicht, dass hier Geschäftsinteressen die Oberhand über die wahabitische Moral gewonnen haben: "Viele junge Saudis haben sich IS angeschlossen. Möglicherweise soll die Eröffnung von Kinos die Jugend ablenken."

In der NZZ betrachtet die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, wie innerhalb des Islams und mit Berufung auf den Koran gegen den Islamischen Staat argumentiert wird. Den Brief von hundertzwanzig Gelehrten an den Möchtegernkalifen Abu Bakr al-Baghdadi findet sie wichtig, aber noch viel zu konservativ: "Andere Denker und Denkerinnen haben Farbe bekannt. Iranische Frauenrechtlerinnen beispielsweise fordern Gleichberechtigung und argumentieren mit dem Geist des Korans. Der Koran habe historisch zunächst die Situation von Frauen verbessert, jedoch nicht zur vollständigen Gleichberechtigung geführt, die der damaligen Gesellschaft nicht vermittelbar gewesen wäre. Dennoch sei aber Gerechtigkeit als Ziel der Prophetie klar zu erkennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2014 - Religion

In aller Detailliertheit schreibt Eckart Roloff in der FR über die Leiden und Gebrechen des Martin Luther, der etwa "harten Stuhlgang" mit der im christlichen Milieu berüchtigten Duldsamkeit hingenommen hatte: "Damit sucht der Herr mich heim, dass ich nicht ohne Kreuz lebe."
Stichwörter: Luther, Martin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2014 - Religion

Jean-Pierre Perrin erzählt in Libération die Geschichten der Iranerin Reyhaneh Jabbari, die am Samstag gehenkt wurde (mehr bei Spiegel Online) und der Pakistanerin Asia Bibi, der die gleiche Strafe droht: "Der Leidensweg Asia Bibis, eine einfachen Bäuerin und Mutter von fünf Kindern, beginnt am 2. Juni 2009, als sich zwei Schwestern, die mit ihr zusammenarbeiten, weigern Wasser aus einem Glas zu trinken, das sie ihnen anbietet und das sie zuvor genutzt hat. Sie sagen, das Glas sei durch die Lippen der Christin beschmutzt worden. Asia Bibi verwahrt sich dagegen und soll sich einen Vergleich zwischen Jesus und dem Propheten Mohammed erlaubt haben. Einige Tage später werden ihre Nachbarinnen sie beim Imam denunzieren."

Außerdem: Besprochen wird die Ausstellung "Haut ab!" des Jüdischen Museums Berlin über die Beschneidung im Judentum (FR). Und für die Welt liest Matthias Kamann ein Buch des Theologen Thomas Kaufmann über Luther und die Juden (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2014 - Religion

In der FR erkundigt sich Arno Widmann bei Peter van Ham, der 20 Jahre lang für ein Buch über das Tabo-Kloster recherchiert hat, über den Buddhismus. Frauen, lernen wir, dürfen allerdings auch hier nicht so schnell auf Erlösung hoffen: "Der Buddha selbst hat die volle Ordination sowohl für Mönche wie auch für Nonnen eingeführt. Davon erzählt auch ein Bildfries in Tabo, in dem ein Pilger von einer Gruppe Nonnen in Erleuchtungsstufen unterwiesen wird. Jedoch ist diese volle Ordination von Nonnen und damit deren Gleichstellung mit den Mönchen nie in den tibetischen Raum überliefert worden, so dass Nonnen immer noch ein beklagenswertes Dasein im Schatten ihrer männlichen Kollegen führen - oft an ihre Familien angeschlossen, wo sie die niedrigsten Arbeiten übernehmen müssen und so indoktriniert, dass sie diese Tätigkeiten gewissenhaft und demütig in der Vorstellung übernehmen, in ihrem nächsten Leben ein Mann zu werden."

Religion und Wahrheit haben sich ausnahmsweise versöhnt! Brady McCombs berichtet in einem AP-Artikel bei der Huffington Post, dass die Mormonen erstmals zugegegeben haben, dass ihr Gründervater Joseph Smith (unter anderem) mit einer 14-Jährigen verheiratet war. Mehr dazu auch bei slate.fr.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2014 - Religion

Der Kabarettist Dieter Nuhr ist von einem Salafisten wegen Beleidigung des Islam verklagt worden. Im Gespräch mit Michael Hanfeld in der FAZ sagt er dazu: "Da erstattet ein Provinzradikaler Anzeige, und die Medien springen sofort drauf an. Die Taktik der Salafisten ist ja, Muslime und Nichtmuslime gegeneinander aufzubringen. Da können sie sich auf unsere Presse immer verlassen. Ich treibe keine Hetze gegen den Islam, ich mache mich lustig über Radikale und Attentäter." Im Kommentar erklärt Jürgen Kaube, warum Niklas Luhmann die Klage des Islamisten für einen Kategorienfehler gehalten hätte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2014 - Religion

Der Psychoanalytiker und Friedensforscher Vamik Volkan beschreibt im Gespräch mit Klaus Englert (taz) die Psychologie, die dem radikalen Islam zugrundeliegt: "Wenn sich Religion mit Politik vermischt, ist der Ausgang tödlich, und zwar überall. Daraus entsteht ein äußerst regressiver Prozess, weil sich die Menschen zugleich als omnipotent und als Opfer empfinden. Der Selbstmordattentäter fühlt sich als Opfer, doch zugleich als allmächtig, weil er Gott auf seiner Seite weiß. Dann ist er fähig, eine Psychologie zu entwickeln, die ihm erlaubt, die meisten sadistischen und masochistischen Handlungen zu begehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2014 - Religion

Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons stellt der CDU-Politiker Rüdiger Kruse die Frage: "Feuer, Pfeife, Stanwell: Drei Dinge brauchte der Mann früher. Fehlte da nicht etwas?" Antwort: "Es sind Gott und Kultur." Unser Gebet: Lieber Gott, lass Frank Schirrmacher wieder auferstehen, denn er hätte solche Artikel nicht zu Aufmachern gemacht.

Weiteres: Im Interview mit Lucas Wiegelmann in der Welt verspricht der von der Bischofssynode zurückkehrende Kardinal Walter Kasper: "Wir werden einen Schritt auf Schwule zu machen."