9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2014 - Religion

In der NZZ erzählt Klaus Bartels, wie zwei Weihnachtslegenden lange nach der Geburt Jesu höchst erfinderisch die augusteische und die christliche Friedensordnung verknüpften.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2014 - Religion

In sieben Staaten der Vereinigten Staaten kann man ganz offiziell keinen Posten in staatlichen Institutionen oder Gerichten bekleiden, wenn man Atheist ist, schreibt Eric Leser in Slate.fr: "Wie Rob Boston, der Sprecher von Americans United for Separation of Church and State in Vice erklärt, wären solche Gesetze "längst abgeschafft, wenn sie Juden, Katholiken oder Mormonen" beträfen. Diese Gesetze, die eines theokratischen Staats würdig wären, widersprechen der Verfassung der Vereinigten Staaten und einem Spruch des Supreme Court von... 1961."

Kleiner Trost: Bei The New Humanist gibt es "Christmas: an atheist survival guide".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2014 - Religion

Dass vermeintlich christliche Symbole wie der Weihnachtsbaum in nichtchristlichen Kontexten eingesetzt werden, findet der Liturgiewissenschaftler Clemens Leonhard im Gespräch mit Joachim Frank (FR) "so natürlich wie legitim": "Was passiert, wenn es Muslimen Spaß macht, einen schön geschmückten Baum aufzustellen? Es ist für sie dann sicher kein Christbaum, sondern ihre Winter-Deko. Aber das macht nichts. Auf Weihnachten gibt es kein Copyright - weder auf das Brauchtum noch auf die religiöse Deutung. Was Nichtchristen von einem christlichen Fest an Stimmungen übernehmen, das ist - um einen anderen Begriff aus säkularem Kontext zu benutzen - public domain. Als Christen könnten wir uns ruhig darüber freuen, dass ein von uns selbst übernommenes und adaptiertes Fest, nämlich die römische Wintersonnenwende - so erfolgreich ist, dass sogar Andersgläubige ihm etwas abgewinnen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2014 - Religion

Mona Sarkis stellt in der NZZ fest, dass sich immer mehr junge Menschen in der islamischen Welt von der Religion abwenden, selbst in Saudi-Arabien sind ein Viertel der Menschen religionsmüde. Sarkis schreibt dies zum einen dem Internet zu, das Wissen und andere Weltsichten zugänglich macht, und dem Islamismus, dessen Auswüchse immer mehr Muslime abstießen: "Noch wenn man vom pervertierten Glaubens- und Gesellschaftsverständnis solcher Extremisten absieht, bleibt die Frage, was der politische Islam eigentlich je geleistet hat... Die Einsicht, dass der bisher praktizierte politische Islam in die Irre, aber nicht aus dem Abseits führt, beginnt auch dort Fuß zu fassen, wo man es zuletzt erwartet hätte. So sorgte der saudische Scharia-Gelehrte und ehemalige Salafist Abdullah al-Maliki 2011 mit einem Buch für Aufsehen, in dem er den Schlachtruf "Der Islam ist die Lösung" in "Die Souveränität der Umma ist die Lösung" abwandelte."

Angesichts des australischen Anschlags will es der Wiener Religionspädagoge Ednan Aslan im Gespräch mit Evelyn Finger in der Zeit nicht mit der Ausflucht bewenden lassen, der Terror habe nichts mit dem Islam zu tun: "Nicht wenige Imame bringen unser Glaubensbekenntnis bewusst oder unbewusst mit Aggression in Verbindung, mit Folter, Vergewaltigung, Auspeitschen, Töten. Seit dem 15. Jahrhundert hat sich eine Theologie der Gewalt durchgesetzt, und seit dem 17. Jahrhundert ist sie zur Norm erstarrt." In der FAZ bleibt die in Mekka lebende Schriftstellerin Raja Alem im Gespräch mit Sandra Kegel allerdings dabei: Der Islamische Staat habe nichts mit dem Islam zu tun.

Im Freitag empfiehlt Christian Welzbacher das Kompendium "Islamic Movements of Europe", das mit seiner Sachlichkeit gut geeignet ist, "jene klaffende intellektuelle Wunde, die durch Panikmache, Unwissen und Sarrazinaden aufgerissen wurde", zu schließen.

Jens Jessen lässt in der Zeit einige lebensweltliche Debatten des Jahres 2014 Revue passieren, Stichwort Social Freezing, Leihmutterschaft, Gendertheorie. Mit der grimmig-ohnmächtigen Geste eines Superintendenten, dem das letzte Wort abgeschnitten wurde, bezieht er auch zum Thema Sterbehilfe einen erzkonservativen Standpunkt: "Der aufgeklärte Westler mag vielleicht schon lange nicht mehr geneigt gewesen sein, sein Leben als Geschenk Gottes zu betrachten. Aber neueren Datums ist doch die Neigung, das Leben als eigenes Geschenk an sich selbst zu betrachten, mit dem dann, konsequenterweise, auch nach Belieben verfahren werden kann, einschließlich der Vernichtung nach Gutdünken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2014 - Religion

Jean-Manuel Escarnot und Sylvain Mouillard berichten für Libération aus Lunel, einer kleinen Stadt zwischen Montpellier und Nîmes, aus der über dreißig junge Männer und wenige Frauen in den "Dschihad" gezogen sind. Jüngst sind zwei von ihnen ums Leben gekommen. Kurz davor starben vier bei einem Bombenangriff syrischer Regierungstruppen. Einer von ihnen war "Raphaël, ein brillanter Schüler im fünften Jahr in der Epitech, einer Technikhochschule in Montpellier, ein schöner Bursche, sportlich, Musiker in einer Rockband. Er war im Jahr seines Abiturs zum Islam konvertiert und hatte sogleich mit der Musik aufgehört. Die drei anderen kamen aus muslimischen Familien und hatten sich einem immer fundamentalistischeren Verständnis des Islam angeschlossen."
Stichwörter: Dschihad, Islamischer Staat

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2014 - Religion

Deutsche spielen bei der IS-Miliz eine wichtige Rolle (mehr hier). Zu den wichtigsten gehört Denis Cuspert alias Deso Dogg, der zur Leitungsebene der Miliz gehören soll. Mehmet Ata porträtiert für faz.net Cusperts Freund Inan, der ihm erzählt, wie Cuspert abdriftete: "Als Inan bei Youtube ein Video sah, klingelten bei ihm die Alarmglocken. Der bekannte Salafist Pierre Vogel interviewte darin Denis. Es ging um Hiphop und den Islam. "Normalerweise war Denis bei Interviews angespannt", sagt Inan. Doch nicht so bei Vogel. "Während des Interviews sind Leute ins Zimmer rein- und rausgelaufen, das hat ihn nicht gestört. Er hat sich wie zu Hause gefühlt.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2014 - Religion

Jan-Heiner Tück stellt in der NZZ klar, dass auch aus theologischer Sicht Selbstmordattentäter keine Märtyrer sind: "Vielmehr sind gerade die Opfer des Jihadismus häufig Märtyrer, da sie ihre religiösen Überzeugungen auch unter Todesandrohung nicht zur Disposition stellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2014 - Religion

Joshua Keating fragt sich in Slate, warum Wladimir Putin ausgerechnet die orthodoxen und minoritären Lubawitscher Juden zu offiziellen Repräsentanten des Judentums in Russland machte (während seit der Wende über zwei Millionen säkulare Juden die ehemalige Sowjetunion verlassen haben). Die Antwort gibt ihm Yury Kanner vom säkularen Russian Jewish Congress: Erstens habe diese Gruppe gewichtige Unterstützer unter jüdischen Oligarchen. Und zweitens sind "die Lubawitscher anders als die meisten anderen jüdischen Gruppen hierarchisch organisiert, das ist dem Kreml vertraut. Die Lubawitscher "bilden in gewisser Weise die Struktur der orthodoxen Kirche nach", sagt Kanner. "Es gibt ein Zentrum, das seine Botschafter in die Gemeinden schickt.""

Islamforscher Olivier Roy erkennt im Gespräch mit Susan Vahbzadeh in der SZ mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen Islamismus einerseits und den Populismen in Europa andererseits. "Die Leute, die heute die Homo-Ehe kritisieren, führen selbst keinen christlichen Lebensstil, sie heiraten mehrmals, hatten Abtreibungen. Viele Dinge, mit denen der Islam ein Problem hat, sind auch für jede andere Religion eigentlich ein Problem."

Weiteres: Vom Christentum kann man einiges lernen über religiös motivierte Gewalt, man kann auch auch etwas über die Eindämmung dieser Gewalt lernen, meint der Freiburger Kirchenhistoriker Mariano Delgado in der NZZ. Ebenfalls in der NZZ (noch nicht online): Theologe Jan-Heiner Tück erklärt, warum Selbstmordattentäter nicht als Märtyrer gelten können. Die SZ bringt eine lange Reportage von Arne Perras über Hexenglauben in Papua-Neuguinea, der bis zu Hexenverbrennnungen führen kann (mehr dazu hier).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2014 - Religion

Armin Langer von der Salaam-Schalom-Initiative in Neukölln plädiert in der taz dafür, die muslimischen Gemeinden über eine Art Kirchensteuer staatlich zu finanzieren: "Eine Milliarde Euro, die Unabhängigkeit von den Regierungen in Ankara, Riad und Rabat bedeuten würden. Solange Muslime keine Kirchensteuer zahlen und einnehmen dürfen, müssen ihre Gemeinden auf das Ehrenamt und auf im Ausland ausgebildete Imame bauen. Diese "importierten" Geistlichen sprechen dann oftmals kein Deutsch und kennen die Lebensumstände der Muslime in Deutschland wenn überhaupt, dann nur aus Erzählungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2014 - Religion

Lange Zeit waren nationalistische Separatisten für die meisten Gewalttaten weltweit verantwortlich, nun sind es religiöse Terroristen, berichtet Samira Shackle im Blog des New Humanist und präsentiert resümierende Zahlen: "Das Institute for Economics and Peace verzeichnete in diesem Jahr 10.000 terroristische Attacken mit 18.000 Toten, eine Steigerung um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zuzuschreiben ist diese Steigerung dem Bürgerkrieg in Syrien und dem Irak. Die große Mehrheit dieser Attacken - 66 Prozent - wurde von nur vier Gruppen verübt: ISIS, Boko Haram, die Taliban und Al Qaida. Alle vier Gruppen folgen einer wahhabitischen Ideologie."

Weiteres: Kirchenhistoriker Hubert Wolf wundert sich in der FAZ doch sehr, dass Papst a.D. Joseph Ratzinger in der Ausgabe seiner Schriften Passagen zu möglichen neuen Ehen von katholischen Geschiedenen in einem Text von 1972 schlicht und einfach und ohne Kommentar geändert hat.