9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2014 - Religion

Die Studentin Cigdem Toprak antwortet in der Welt auf Artikel Hamed Abdel-Samads (unser Resümee) und des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, und findet, das beide in Fragen der Integration unrecht haben. Ihre Position: "Die Tatsache, dass in muslimischen Gemeinden die Freitagsgebete auch auf Deutsch gehalten werden, wie Mazyek schreibt, ist bedeutungslos, solange Muslime sich nicht aktiv für unsere demokratischen Werte einsetzen. Die da wären: Gleichberechtigung der Geschlechter, das Recht auf sexuelle Orientierung, das Recht, aus der Religion auszutreten, sich nicht zum Tragen des Kopftuches zwingen zu lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2014 - Religion

Wie steht die katholische Kirche in den USA eigentlich zur Todesstrafe, fragt William Saletan in Slate und verweist auf den Erzbischof Charles Chaput, der republikanische Politiker unterstützt und offizielle Lehren der Kirche gegen die Todesstrafe recht großzügig auslegt: "Er unterschied Todesstrafe von Abtreibung und sagte, dass diese beiden Themen "ganz klar nicht das gleiche Gewicht haben". Im Jahr 2004 führte Chaput eine Bewegung von Bischöfen an, die Katholiken aufforderte, gemäß ihrem Glauben abzustimmen. Die Ablehnung von Abtreibung und Homoehe war für sie nicht verhandelbar, Todesstrafe erwähnten sie meist nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2014 - Religion

Caroline Fourest ist eine der stärksten Stimmen des Feminismus und eines linken Laizismus in Frankreich. Für die huffpo.fr berichtet sie über einen (von der PKK mitorganisierten) Kongress für die Stadt Kobane. Aber auch über die westlichen Länder wurde diskutiert, etwa über Großbritannien mit der privilegierten Stellung der anglikanischen Kirche: "Diese Privilegierung wird kompensiert mit Sonderrechten für religiöse Gemeinschaften. Zum Beispiel damit, dass man das Familienrecht Scharia-Gerichten überlässt. Eine muslimische Frau, die ihre Rechte nicht kennt, hängt unter Umständen von einem fundamentalistischen Imam ab, um sich scheiden zu lassen oder Fällen häuslicher Gealt zu begegnen. Gegen diese Segregation im Namen der Religion wendet sich eine Gruppe britischer Säkularer, häufig iranischen Ursprungs, "One Law for All"."

In der SZ empört sich Rudolf Neumaier über die Halsstarrigkeit der katholischen Kirche, die auch vor ihrer Sondersynode Homosexualität nicht anerkennen will: "In dem Dokument, mit der sich die Erzbischöfe und Kardinäle auf ihr Treffen in Rom vorbereiten sollten, steht dieser Satz: "Die große Herausforderung wird darin bestehen, eine Pastoral zu entwickeln, der es gelingt, das rechte Gleichgewicht zwischen der barmherzigen Annahme der Menschen und ihrer schrittweisen Begleitung hin zur authentischen menschlichen und christlichen Reife zu wahren." Eine glatte Diskriminierung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2014 - Religion

Die französische Forscherin Dounia Bouzar erläutert im Gespräch mit Marc Zitzmann (NZZ) die Methoden, mit denen islamische Extremisten Jugendliche für den Jihad rekrutieren und indoktrinieren: "Die Stärke der Radikalen ist es, glauben zu machen, sie seien "wahre" Muslime, die die Gesetze rigoroser befolgten als die anderen. Eine Lüge: Sie sind Gurus, Mafiosi und Massenmörder, die die Schriften zynisch missbrauchen. Textstellen und Traditionen, die ihnen ins Zeug passen, picken sie heraus, abstrahieren aber den Kontext und entleeren den Sinn. Der Buchstabe treibt den Geist aus - mit Religion hat das wenig zu tun."
Stichwörter: Gurus, Isis, Jihad

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2014 - Religion

In der Liberation spricht Edwy Plenel, der Gründer von Médiapart, über sein neues Buch "Pour les musulmans", in dem er sich dagegen sperrt, für soziale Probleme religiöse Ursachen zu suchen: "Seit dreißig Jahren will man uns glauben machen, dass die Muslime - durch die Bank, egal wie sehr sie sich in Herkunft, Kultur und Glauben unterschieden - der Grund all unserer Übel sind: der Arbeitslosigkeit, der Wirtschaftskrise und der Unsicherheit in den Problemvierteln. Dieses Buch ist ein Plädoyer für Frankreich, für die Minderheiten, um zu sagen, dass wir das nicht akzeptieren. Unsere muslimischen Mitbürger sind nicht verantwortlich für die Verbrechen, die von totalitären Bewegungen begangen werden, die den Islam für sich missbrauchen."

In der NZZ informiert Joseph Croitoru über den innerhalb der israelischen Armee tobenden Kulturkampf zwischen Säkularen und Nationalreligiösen, die die gegenwärtigen Konflikte mit dem Überlebenskampf des jüdischen Volkes in biblischer Zeit verquicken und eine "Sakralisierung" der Armee vorantreiben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2014 - Religion

Mit dem ihm eigenen Furor erklärt Hamed Abdel-Samad in der Welt die Friedfertigkeit der Mehrheit der Muslime zu einer reinen Mär und sieht die Islamverbände als Teil des Problems, nicht der Lösung: "Genau diese Verbände bieten sich als Partner des Staates für Integration und Kampf gegen die Radikalisierung an. Dabei sind sie die letzten, die daran Interesse haben, dass Muslime sich in die deutsche Gesellschaft integrieren. Denn sie leben von der Kluft, die zwischen Muslimen und Andersgläubigen bzw. Nichtgläubigen immer größer wird. Genau in dieser Kluft liegt ihre Existenzberechtigung und ihr Angebot an die Muslime - vom Halal-Fleisch bis hin zum Islamic Banking."

Neulich porträtierte die SZ einen deutschen Kämpfer der IS-Bande (unser Resümee), heute ein ähnliches Porträt eines Franzosen aus Toulouse mit dem Kampfnamen Abu Mariam, in Slate.fr: "Für ihn ist der syrischer Konflikt kein Krieg, sondern ein Mittel, seinen Glauben und seine islamische Ergebenheit zu erproben. Der Dschihad ist der äußerste und reinigende Ausdruck des Glaubens, seine Apotheose sind das Martyrium und die himmlische Belohnung. "Ich bin nur ein Glied in der Kette der islamischen Eroberung, erklärt Abu Mariam, "und ich kann es kaum erwarten, um Allahs willen das Paradies zu erreichen. Wir Muslime sind dem Paradies versprochen, denn wir haben das Wort Allahs gehört. Der Islam ist wirklich eine außergewöhnliche Religion."

Die deutschen Kirchen haben zwar immer weniger Mitglieder, aber sie wissen bald nicht mehr, wohin mit ihrem Geld, berichtet Markus Günther im gestrigen Aufmacher der Sonntags-FAZ. Grund ist, dass die Kirchensteuer prozentual an Aufkommen der Lohn-, Einkommen- und Kapitalertragsteuern gebunden ist, die im Moment sprudeln. Besonders stark profitiert etwa das Bistum Münster: "In Münster werden vor allem Rückstellungen für die Ruhestandsbezüge der Priester und kirchlichen Mitarbeiter gebildet. In vielen anderen Bistümern wird auch massiv in Immobilien investiert. Damit Mieteinnahmen eines Tages ausgleichen können, was an Steuereinnahmen fehlen wird." Schön ist, dass das Geld nicht mehr für überflüssiges Gepränge eingesetzt werden muss: "Die stark steigenden Kirchensteuereinnahmen stehen schon jetzt in einem krassen Missverhältnis zum kirchlichen Leben. Auf katholischer Seite sind praktisch alle Sakramente rückläufig: Eucharistiefeier, Taufe, Firmung, Beichte und Ehe sind immer weniger gefragt."

Weiteres: In der heutigen FAZ widerspricht Wolfgang Huber, ehemaliger Ratsvorsitzender der EKD, einem Artikel Friedrich Wilhelm Grafs (unser Resümee), der den Ursprung der religiösen Gewalt in der Religion vermutete.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2014 - Religion

Ein junger, in Deutschland aufgewachsener Islamist, der sich im SZ-Magazin über seine Vorliebe für die IS-Terrorbande ausgesprochen hat, sitzt nun wegen dieses Interviews in Bayern in Abschiebehaft, meldet die SZ. "Erhan A. ist 22 Jahre alt. Er kam in der Türkei auf die Welt. Interssanter als der erwartbare Blödsinnn, den er quatscht, ist sein Werdegang: "Als er zwei Jahre alt war, kam er mit seinen Eltern nach Deutschland, ins Allgäu. Hier besuchte er die Fachoberschule, macht das Abitur, fing ein Wirtschaftsinformatik-Studium an. Seine Eltern sind Muslime; sie würden sagen, ihr Sohn auch. Doch Erhan erzählt immer wieder davon, wie er vor einigen Jahren "konvertiert" sei."
Stichwörter: Islamischer Staat, Islamismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2014 - Religion

Der Kampf des IS richtet sich nicht nur gegen den Westen, sondern vor allem gegen schiitische Muslime. Im Gespräch mit Christian Schröder (Tagesspiegel) weist der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze darauf hin, wie jung dieser konfessionelle Konflikt eigentlich ist: "Erst seit 30, 40 Jahren hat sich die Trennlinie zwischen Sunna und Schia vertieft. Früher handelte es sich eher um Traditionstrennungen. So wie Katholiken und Protestanten miteinander klarkamen, hatten sich auch Sunniten und Schiiten miteinander arrangiert. Man ging in dieselbe Moschee, wusste aber auch, wen man heiraten oder nicht heiraten durfte. Es waren soziale und rituelle, eben keine politischen Differenzen. Heute wird hingegen betont, dass Sunniten und Schiiten völlig unterschiedliche Traditionen darstellten. Das geht so weit, dass in arabischen Zeitungen von einer "schiitischen Religion" die Rede ist."

Der Islamwissenschafter Ulrich Rudolph antwortet in der NZZ auf einen Artikel Necla Keleks (unser Resümee) und weist die Behauptung zurück, im Islam habe es seit dem Mittelalter einen intellektuellen Stillstand gegeben: "Wir wissen mittlerweile, dass die Philosophie im Islam vom 13. Jahrhundert bis zur Gegenwart andauerte. Sie ist sogar zu einem Schwerpunkt islamwissenschaftlicher Forschung geworden. Dabei hat sich gezeigt, dass der philosophische Diskurs nach 1200 nicht nur fortgesetzt wurde, sondern auch auf die Theologie und bestimmte mystische Strömungen, die für die gelebte Religion sehr wichtig waren, ausstrahlte."

Weiteres: Angesichts immer häufigerer Kircheneinbrüche beklagt Andreas Rossmann in der FAZ einen schwindenden Respekt vor sakralen Räumen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2014 - Religion

In Frankreich haben sich Muslime deutlich gegen den Terror der IS-Bande gestellt - und dafür prompt Kritik von einigen Leitartiklern bekommen, die finden, sie hätten sich einem Druck der Political Correctness unterworfen. Bernard-Henri Lévy begrüßt die muslimischen Stimmen in seiner Kolumne dagegen sehr deutlich. Für einen Jugendlichen sei es "von kapitaler Bedeutung, wahre, wahrhaft belesene Imame zu hören, die ihm sagen, dass dies nicht der Koran ist. Es ist entscheidend, dass er das Bild anderer Gruppen hat, die - wie jüngst vor der Großen Moschee von Paris - bekennen, dass der Islam eine Religion der Brüderlichkeit ist. Es ist wesentlich, dass sich dem Islam der neuen Assassinen-Sekte, dem soviele Adepten zulaufen, eine andere Idee entgegenstellt, die von stärkeren Stimmen getragen wird, Stimmen, die es schaffen, erstere der Missbilligung preiszugeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2014 - Religion

In Frankreich werden die Fahnen heute auf Halbmast gesetzt - der Mord an Hervé Gourdel erinnert an die Zeit der islamistischen Attentate in Paris in den neunziger Jahren. Unter der Überschrift "Auch wir sind dreckige Franzosen" bekennt eine Gruppe prominenter muslimischer Franzosen im Figaro ihren Abscheu vor dem Mord an dem Bergführer, der von algerischen IS-Sympathisanten für ein Snuff Video geköpft wurde: "Wir bestreiten diesen Bestien das Recht, sich auf den Islam zu berufen und in unserem Namen zu sprechen. Die Qualen und der Tod, den sie unseren christlichen, jesidischen und muslimischen Brüdern in Syrien, Irak, Nigeria und anderswo auferlegt haben, stoßen uns ab. Zu unserem Unglück können wir hier nur unsere Solidarität und unser immenses Mitgefühl bekennen."

Matthias Heine mokiert sich in der Welt über die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi, die sich dagegen ausgesprochen hat, den "Islamischen Staat" als "islamisch oder radikal-islamisch" zu bezeichnen. Man rücke ja auch "strenggläubige Katholiken" nicht in die Nähe des Terrorismus: "Man könnte ihr antworten, dass es eben zurzeit auch relativ wenig katholische Terroristen gibt, die Andersgläubige und Abweichler ermorden, und dass man, als es noch welche gab - beispielsweise in Nordirland -, eigentlich nie Probleme damit hatte, sie als "katholische Terroristen" zu bezeichnen. Die meisten Menschen haben damals ganz gut den Unterschied zwischen einem alten Mütterchen, das in einer bayerischen Kirche betet, und einem jungen Mann, der in Belfast Bomben legt, verstanden."