9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2019 - Wissenschaft

Thomas Thiel wirft der Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch in der FAZ vor, einige Passagen ihres auch in der FAZ höchst positiv besprochenen Buchs "Die Gesellschaft des Zorns" quasi wörtlich von Autoren wie Frank Biess "Republik der Angst" und Andreas Reckwitz "Die Gesellschaft der Singularitäten" übernommen zu haben, ohne sie im Text selbst kenntlich zu machen (erst im Anhang des Buchs werden die zitierten Autoren offenbar genannt). Der Verlag hat das Buch zurückgezogen, die Autorin hat sich entschuldigt. Und als Journalist einer so seriösen Zeitung wie der FAZ hat Thiel natürlich das Cachet zu mahnen: "Ein wissenschaftliches Sachbuch steht auf vielen Schultern und muss sie benennen."

Der Bayerische Rundfunk zeigt im Video auf Twitter, wie FAZ-Literaturchefin und Jury-Vorsitzende Sandra Kegel das Buch noch während der Verleihung für den Bayerischen Buchpreis öffentlich aus der Shortlist zurückzog. Und das obwohl laut Gustav Seibt in der SZ die Vorwürfe gegen die Autorin schon seit 24. Oktober bekannt gewesen seien und der federführende Juror Knut Cordsen  seit einer Woche zu der Sache recherchierte. "So wurde die Szene zu einem öffentlichen Scherbengericht über die anwesende Autorin. Diese war über die Vorwürfe informiert, hatte ihr Buch aber nicht zurückziehen wollen. Ein Austausch auf der Liste der Nominierten wäre, so Cordsen, auch nicht möglich gewesen. Koppetsch habe darauf vorbereitet sein müssen, dass über ihr Buch und die Vorwürfe geredet würde. Koppetsch versichert, sie sei zur Veranstaltung im Glauben gegangen, dass über ihr Buch dort nicht mehr diskutiert würde." Seibt verteidigt die Autorin: "Koppetschs Buch ist eine Synthese, Übernahmen fremder Argumente und Formulierungen werden dort generell nicht mit Seitenangaben in Fußnoten ausgewiesen, sondern durch summarische Verweise auf die Bibliografie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2019 - Wissenschaft

Der emeritierte Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht beklagt in der NZZ den Niedergang der Geisteswissenschaften, die, statt selbst zu denken, vor den "Regeln interner Professionalisierung in die Knie" gingen. "Unter ihnen dominiert die zur bedingungslosen Verpflichtung geratende Empfehlung, 'Netzwerke' von Beziehungen zu entwickeln - mit prominenten Fachvertretern, Vorsitzenden akademischer Verbände und natürlich Herausgebern von Fachzeitschriften. Am Ende muss diese besessene Arbeit an Lobbystrukturen die Geisteswissenschafter einander immer ähnlicher machen - und in der Tat erklärt sie, warum mittlerweile intellektuell herausragende, provozierende Protagonisten kaum mehr in Erscheinung treten, die die Isolierung ihrer Welt wenigstens gelegentlich aufheben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2019 - Wissenschaft

In Zeiten von Fake News hat die Wissenschaft einen schweren Stand, schreibt der Philosoph Markus Gabriel in der SZ und beklagt nicht nur Wissenschaftsskepsis, sondern auch Wissenschaftsaberglauben. Vor allem betont Gabriel die Bedeutung der Geisteswissenschaften. Es  bleibe sonst "all dasjenige auf der Strecke, was die anderen Wissenschaften erforschen, wozu unter anderem die Einsicht gehört, dass das wissenschaftliche Weltbild eine Form des modernen Aberglaubens ist, die bisher nicht gehörig durchschaut wurde. Wer nur minimal theologisch informiert ist, sollte über die Ausmaße religiösen Aberwitzes schockiert sein, die etwa in der Technikhörigkeit des Silicon Valley mit seinen transhumanistischen Visionen und der animistischen Vorstellung zum Ausdruck kommen, dass die siliziumbasierten Produkte unserer neuen Technologien bald schon zum Träger von Bewusstsein werden könnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2019 - Wissenschaft

Nach dem Eklat, den der Antritt des AfD-Gründers Bernd Lucke  als neuer Ökonomie-Professor an der Uni Hamburg auslöste, beklagt der Historiker Andreas Rödder im Welt-Gespräch mit einer sehr empörten Susanne Gaschke die akademische Debattenkultur: "Die Feigheit vieler Professoren ist erbärmlich', befindet Rödder und attackiert die Kultur der Antidiskriminierung, die dem Opfer automatisch eine Machtposition zuweise: "Dieser Anspruch, das Sagbare zu definieren, widerspricht dem Ideal des herrschaftsfreien Diskurses, des Austauschs von Argumenten als Grundlage der Demokratie. Sie baut auf 'robuste Zivilität', wie es Timothy Garton Ash genannt hat. Der Anspruch, das Sagbare zu definieren, führt hingegen in die Meinungsdiktatur. Und auf der anderen Seite erzeugt er ein immer stärkeres Ressentiment. In den USA ist genau diese Konstellation bereits etabliert, in Deutschland können wir die Entwicklung dorthin beobachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2019 - Wissenschaft

In der FAZ berichtet Hannah Bethke empört über die Kampagne einiger Studenten der Humboldt Universität gegen den Historiker Jörg Baberowski, dem bereits ein geplantes Forschungszentrum zum Opfer fiel. Sie sieht darin auch Symptome eines Verfalls des Wissenschaftsbetriebs: "Unbemerkt bleibt in diesem lauten Getöse die enorme Machtverschiebung, die durch die Omnipräsenz der sozialen Medien stattfindet. Einfluss nimmt, wer am lautesten brüllt - und nicht die schweigende Mehrheit. Denn die Mehrheit der Studenten beteiligt sich an der Debatte überhaupt nicht. Gerade einmal acht Prozent von ihnen haben an der letzten Wahl des RefRats [der Asta der HU, die Red.] teilgenommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2019 - Wissenschaft

Daniela Wakonigg resümiert bei hpd.de die "Jenaer Erklärung", die vergangene Woche anlässlich der 112. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in Jena von Zoologen, Evolutionsforschern und Genetikern vorgestellt wurde (hier als pdf-Dokument). Deren wichtigster Satz ist: "Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung". Äußere Merkmale, an denen Rassisten ihre Abwertung von bestimmten Menschengruppen festmachen, so erläutert Wakonigg weiter, "seien oberflächliche und biologisch leicht wandelbare Anpassungen an geografische Gegebenheiten. Bis vor 8.000 Jahren seien die Menschen in Europa noch 'stark pigmentiert' gewesen. Erst durch die Einwanderung von Menschen mit hellerer Hautfarbe aus Anatolien und dem damit einsetzenden Beginn der Landwirtschaft habe sich dies geändert, da es sich bei einer stark pflanzenbasierten Kost im dunklen Winter Europas als evolutionärer Vorteil erwies, hellere Haut zu haben und damit genügend Vitamin D produzieren zu können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2019 - Wissenschaft

Elizabeth Lopatto fasst in The Verge noch mal (mit vielen nützlichen Links) die amerikanische Debatte um Jeffrey Epsteins Einfluss in Spitzeninstituten der Wissenschaft zusammen. Einer der Wissenschaftler, die Geld von Epstein bekam, hielt sich  den "Tunnelblick des Nerds" zugute. Aber Lopatto will das nicht gelten lassen: "Seien wir ehrlich: Leute, die auch nach seiner Verurteilung noch Geld von Epstein annahmen, kümmerte sein Missbrauch der Mädchen nicht. Nie dachte jemand mit 'nerd tunnel vision' über die demoralisierende Wirkung dieses Geldes auf Frauen in der Wissenschaft nach und keiner machte sich Gedanken über die Frauen, deren Arbeit keine Unterstützung bekam."
Stichwörter: Epstein, Jeffrey

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2019 - Wissenschaft

Ein Artikel in Nature letzten Monat ließ Guardian-Autor John Naughton sofort an Douglas Adams' "Hitchhiker's Guide to the Galaxy" denken: "Der Artikel handelt von der zeitgenössischen Suche nach dem Geheimnis des Lebens und der Rolle eines Supercomputers bei der Beantwortung dieses Problems. Die Frage ist, wie man die dreidimensionalen Strukturen von Proteinen aus ihren Aminosäuresequenzen vorhersagen kann. Der Computer ist eine Maschine namens AlphaFold. Und die Firma, die ihn geschaffen hat? Sie haben es erraten - DeepMind." Werden wir also bald wissen, was das Geheimnis des Lebens ist? So einfach ist das nicht, trotz Supercomputer, glaubt Naughton. "Es ist denkbar, dass ein maschinell lernender Ansatz es uns bald ermöglichen wird, genaue Vorhersagen darüber zu treffen, wie sich ein Protein falten wird, und das kann sehr nützlich sein zu wissen. Aber es wird kein wissenschaftliches Wissen sein. Schließlich weiß AlphaFold nichts über Biochemie. Wir begeben uns auf unbekanntes Terrain."

Ein schöner Anlass, diesen BBC-Film über das "Verborgene Leben unserer Zellen" einzubetten:

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2019 - Wissenschaft

Jörg Baberowski, ein bei einigen linken Studenten an der Humboldt-Uni nicht so beliebter Historiker, wollte an der Uni ein Interdisziplinäres Zentrum für Diktaturforschung schaffen. Hannah Bethke schildert in der FAZ die komplizierten Intrigen, die bisher zur Verhinderung führten. Und die maue Reaktion der Universitätsleitung unter Sabine Kunst auf Anfragen der FAZ: "An keiner Stelle erwähnt die Universitätsleitung, welche inhaltlichen Erwägungen aus ihrer Sicht für oder gegen die Etablierung eines solchen Forschungszentrums sprechen - und nur darum sollte es eigentlich gehen. Von wissenschaftlichen Kriterien wie Erkenntnisinteresse, Forschungsstand, Thesen, Machbarkeit ist in den Verlautbarungen der Universität sehr wenig zu hören."

Stichwörter: Baberowski, Jörg

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2019 - Wissenschaft

Alarmiert berichtet der Historiker Martin Schulze Wessel in der FAZ über die Gleichschaltung der ungarischen Akademie der Wissenschaften durch das Orban-Regime: "Hunderte Wissenschaftler der Ungarischen Akademie aus allen Fachrichtungen haben sich nun an den Fraktionsvorsitzenden der EVP im Europäischen Parlament, Manfred Weber, gewandt, um das Gesetz zur Zerschlagung der Akademie noch zu verhindern. Sie richten ihren 'Ruf um Hilfe' an eine europäische Instanz, nachdem sie alle Möglichkeiten, die ihnen innerhalb Ungarns zur Verfügung stehen, vergeblich erprobt haben. "