9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2020 - Wissenschaft

In der NZZ bedauert der Philosoph Peter Strasser die Uniformierung der akademischen Sprache: Heidegger oder Wittgenstein hätten heute allein wegen ihrer originellen Sprache keine Aussicht mehr auf eine Professur. "Länderübergreifende Durchlässigkeit, wie sie für den universitären Lern-, Lehr- und Forschungsbetrieb gefordert wird, ist ohne intellektuelle Uniformierung nicht zu haben. Die jungen Menschen im Westen sind es gewohnt, dass ihnen mit Bezug auf die örtliche Mobilität in Bildungsangelegenheiten wenig an Hindernissen in den Weg gelegt wird. Aber wie steht es um die geistige Mobilität, um die Anerkennung eines sprachlichen Sensoriums, das von der Originalität seines Schöpfers zeugte? Die Vielfalt geisteswissenschaftlicher Forschungsthemen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade überall dort, wo die Durchlässigkeit am größten ist, zusehends durch den Druck der Organisationsnotwendigkeiten (Vergleichung des Niveaus, Evaluierungen und Punktevergaben) ein sprachkulturelles Esperanto erzwungen wird - und die damit einhergehende 'Monotonisierung' der Projekte und ihrer Ausführung: Aus dem Haus des Seins ist ein übernormiertes Reihenhaus geworden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2020 - Wissenschaft

In der NZZ stellt Adrian Lobe den amerikanischen Evolutionsbiologen Peter Turchin vor, der Geschichte als Naturwissenschaft betrachtet und überzeugt ist, dass man aus gewissen Regelmäßigkeiten historischer Abläufe Prognosen für die Zukunft stellen kann. "Der Biologe argumentiert, dass sich mit mathematischen Modellen der allgemeine Verlauf und 'Aggregatszustand' der Gesellschaft prognostizieren lasse: soziale, konjunkturelle und politische Krisen, Kriege, Konflikte, Katastrophen. ... Den Einwand, soziale Systeme seien zu komplex, als dass sie mit mathematischen Modellen beschrieben werden könnten, entkräftet Turchin mit dem Gegenargument, gerade die Komplexität mache mathematische Modelle notwendig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2020 - Wissenschaft

Man kann den zunehmenden englischen Sprachgebrauch an deutschen Universitäten kritisieren, ohne sich dabei mit der AfD gemein zu machen, schreiben in der SZ die Romanistinnen Lidia Becker und Elvira Narvaja de Arnoux, beide keine deutschen Muttersprachlerinnen. Die Bevorzugung des Englischen sei dem Ideal einer Mehrsprachigkeit der Wissenschaften nicht förderlich, sondern eher einem neoliberalen Wissenschaftsbild: "Die Wissenschaftslandschaft braucht eine gleichberechtigte Förderung mehrerer Sprachen. Nur so können innovative Ansätze jenseits des Mainstreams gedeihen. Nur eine mehrsprachige Wissenschaft mit vielen Zentren ist wirklich international. Damit die Weltwissenschaft plural bleibt, muss das Deutsche als eine der größten, traditionsreichsten Wissenschaftssprachen an deutschen Hochschulen eine zentrale Rolle spielen und auch im Ausland gefördert werden. Chauvinistische Argumente im Sinne der AfD ... müssen dabei entschieden zurückgewiesen werden."
Stichwörter: Wissenschaftssprache, AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2020 - Wissenschaft

Im Interview mit Zeit online plädiert der Schweizer Forscher Urs Niggli für einen Ausbau der biologischen Landwirtschaft, ohne ideologische Scheuklappen. Denn das Dilemma dabei sieht er auch: "Wenn wir weltweit gleich viele Menschen ernähren wollen, braucht der Biolandbau mehr Flächen, es müssen Wälder abgeholzt oder Naturschutzgebiete entwässert werden, also zusätzliche Flächen unter den Pflug genommen werden. Angesichts der Klimakrise wäre das der helle Wahnsinn, weil dadurch gigantische Mengen an CO₂ freigesetzt würden. Es ist die große Leistung der konventionellen Landwirtschaft, dass in den vergangenen hundert Jahren die Ackerfläche nur marginal vergrößert werden musste, um statt zwei fast acht Milliarden Menschen ernähren zu können." Niggli plädiert deshalb für "so viel Bio wie immer möglich, aber daneben eine Kombination von Biolandbau und Hightech", was auch den Einsatz von Gentechnologie bedeutet.

Weiteres: In der NZZ warnt Gunnar Heinsohn davor, das Europa immer weiter zurückfällt - besonders, weil mit dem Brexit das Land austritt, das sechs Universitäten unter den dreißig besten weltweit hat, der Rest Europas keine einzige. Und Wolfgang Kessler warnt vor den digitalen Technologien als Klimakiller.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2020 - Wissenschaft

Der international renommierte Hirnforscher Nikos Logothetis verlässt entnervt das Max-Planck-Institut in Tübingen, weil Tierversuchsgegner ihm mit einem heimlich gedrehten Video zusetzten, das die Realität verzerrt, schreibt Marco Wehr, Physiker und Philosoph in Tübingen, in der FAZ. Logothetis wurde mit Morddrohungen traktiert, das Max-Planck-Institut ließ ihn im Stich, jetzt geht Logothetis nach Schanghai in ein eigens für ihn geschaffenes Institut. Wehr kritisiert besonders die Max-Planck-Gesellschaft: "Diese Ängstlichkeit hat fatale Konsequenzen für die Forschung und die Gesellschaft, da sich die ausgebildeten Spezialisten die Deutungshoheit über komplexe wissenschaftliche Sachverhalte aus den Händen nehmen lassen. Statt ihrer melden sich dann aufgebrachte Tierversuchsgegner zu Wort oder etwa die Ärzte gegen Tierversuche. Dass Vertreter dieser Vereinigung auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als 'Experten' zu Worte kommen, ist zumindest bedenklich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2020 - Wissenschaft

In der NZZ macht die Soziologin Sandra Kostner "politisch links stehende Wissenschaftler" der 68er Generation verantwortlich für das oft diskussionsfeindliche Klima an heutigen Universitäten, denn sie erst hätten die Wissenschaften mit einer Agenda besetzt: "Wo Agendawissenschaftler das Feld beherrschen, ist intellektuelle Schonkost das Gebot der Stunde - ein Gebot, das sie an ihre Studenten weitergeben. Letztlich entsteht so bei Studenten der verheerende Eindruck, dass Wissenschaft vor allem Vermeidung kontroverser Themen sowie Sprechen in moralisch vorgestanzten Schablonen bedeutet. Sollte sich dieses Verständnis dereinst durchsetzen, wäre es das Ende ernstzunehmender Wissenschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2019 - Wissenschaft

In der NZZ berichtet der in Bern arbeitende Literaturwissenschaftler Elias Bounatirou von seinen Schwierigkeiten, am Beispiel des Romans "Giga Barićeva" die Geschichte des Kroatischen im Faschismus zu erforschen. An kroatischen Forschungseinrichtungen wurde ihm schon die Tür vor der Nase zugeschlagen. Dabei wären die Materialien zu dem in den Dreißigern als Fortsetzungsroman erschienen Buch von Milan Begović, das in den Vierzigern umgearbeitet wurde, sicher besonders aufschlussreich: "Die älteren Editionen von 'Giga Barićeva' lassen sich entweder über die Fernleihe aus ausländischen Bibliotheken bestellen oder über das Internet antiquarisch kaufen. Diejenigen von 1943 und 1944 weisen offensichtlich gegenüber den früheren Ausgaben erhebliche Änderungen auf, und zwar neben inhaltlichen ganz besondere sprachliche. So sind Fremdwörter und namentlich typisch serbische Ausdrücke durch kroatische Wörter ersetzt worden. Der Autor oder die Zensur - diese Frage wäre genauer zu klären - hat den Text 'gesäubert', um ihn 'kroatischer' zu machen. 'Giga Barićeva' in der Version von 1943 und 1944 lässt sich also als Produkt der faschistischen Sprachpolitik lesen und als Spiegel der Suche nach der 'wahren' kroatischen Identität."

Wenn heute an der Münchner Uni der neue Sonderforschungsbereich zu Vigilanzkulturen eröffnet wird, dann weiß nur der Historiker Arndt Brendecke, was damit genau gemeint ist. Im Interview mit der SZ wird es nicht ganz klar. Es geht um Wachsamkeit - ein Phänomen, das positiv oder negativ besetzt sein kann, je nach den Umständen, erklärt Brendecke: "Vigilanz bringt zunächst eine gewisse Irritation, man weiß nicht genau, wie man das einzuordnen hat - und eben das, glauben wir, ist produktiv. Denn unsere Grundannahme ist, dass diese Irritation signifikant für das Phänomen ist. Wir haben es zum Beispiel bei disruptiven Ereignissen wie Terroranschlägen erlebt: Was man gestern noch für eine Zumutung hielt, hält man heute für notwendig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Wissenschaft

Die Historiker Christian Geulen und Michael Sommer wenden sich im Tagesspiegel gegen ein Papier (hier als pdf-Dokument) der Bildungsministerin Anja Karliczek, die von Wissenschaftlern mehr Einsatz als "öffentliche Intellektuelle" fordert. Das tun sie doch längst, meinen sie: "Vergessen wird, dass zumindest die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften ihre Wissensproduktion immer schon in direkter Weise an die Gesellschaft richten. Sie müssen nicht mathematisch Modelle und Wahrscheinlichkeitsrelationen erst popularisierend in Grafiken und verstehbare Prognosen verwandeln, sondern präsentieren ihre Forschung in den allermeisten Fällen in einer narrativen Prosa, die (eine gewisse Bildung vorausgesetzt - siehe oben) von jedem gelesen werden können. Ihre Veröffentlichungen, nicht selten in Publikumsverlagen, richten sich an eine lesende Öffentlichkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2019 - Wissenschaft

Inwiefern die Überschwemmung von Venedig von Venedigs Bürgermeister auch hausgemacht ist, dazu sagt der Klimaforscher Anders Levermann im Interview mit  Zeit online nichts. Aber dass auch der Klimawandel dabei eine Rolle spielt, ist für ihn klar: "Für jedes Grad, den sich die Erde erwärmt, werden wir nach unseren Berechnungen, die der Weltklimarat IPCC in seiner Einschätzung übernommen hat, einen Anstieg des Meeresspiegels um etwa zweieinhalb Meter erleben. Das passiert zwar sehr langsam - möglicherweise innerhalb Hunderter von Jahren -, es heißt aber auch: Langfristig wird Venedig unter dem Spiegel der Weltmeere liegen. Hielten wir das 2-Grad-Ziel vom Pariser Klimaabkommen ein, müssten wir auf lange Sicht mit etwa fünf Metern Meeresspiegelanstieg rechnen. Venedig wird definitiv untergehen. Große Küstenstädte wie Hamburg, Shanghai, Hongkong oder auch New York müssten sich ebenfalls darauf einstellen, dass dann weite Teile meterweit unterhalb des Meerespiegels liegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2019 - Wissenschaft

"Frauen sind nicht für die Monogamie gemacht", erklärt die New Yorker Anthropologin Wednesday Martin, die auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, im Interview mit der Welt. Sie glaube ja gar nicht, dass Forscher wie Freud oder Darwin, die  einen "verzerrten Blick auf weibliche Sexualität produziert haben, schlechte Wissenschaftler waren. Sie waren einfach Forscher, die in ihrer Zeit, mit ihrem Blick auf die Dinge und ihrem kulturellen Hintergrund geforscht haben. So wie Angus Bateman. Er hat Experimente an Fruchtfliegen durchgeführt und damit "bewiesen", dass Männer natürlicherweise promisk sind, während Frauen von Promiskuität nicht profitieren. Das hat sich als falsch rausgestellt. Natürlich profitieren Frauen von Promiskuität. Schimpansinnen zum Beispiel versuchen in ihrer fruchbaren Phase mit möglichst vielen Männchen Sex zu haben. So weiß nachher im Rudel niemand, wer der Vater des Kindes ist, und alle kümmern sich darum. Es brauchte eine Frau in der Forschung, um das herauszufinden, die Primatologin Zanna Clay. Frauen haben einfach einen anderen Blick auf Sexualität und eben auch auf die Forschung als Männer."