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Efeu - Die Kulturrundschau

Ich bin Mensch Igor

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.09.2018. Die Absage des Dau-Projekts in Berlin versetzt die Feuilletons in Aufruhr: Innerdeutschen Postkolonialismus wirft in der FAZ Intendant Thomas Oberender den Kritikern vor. Wer Diktatur erleben will, soll nach Hohenschönhausen fahren, meint Lea Rosh im Dlf-Kultur. In der taz spricht Igor Levit darüber, wie ihn aktuelle deutsche Debatten plötzlich zum Migranten machen. Ebenfalls in der taz spricht die Schriftstellerin Dima Wannous über Frauen in Syrien. Der Standard ärgert sich über Selbstgefälligkeit im Theaterbetrieb.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2018 finden Sie hier

Kunst

Gestern wurde bekannt, dass das umstrittene Mauerspektakel DAU des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky (unser Resümee) aufgrund von Sicherheitsbedenken doch nicht stattfinden darf. Heute streiten die Feuilletons über die Entscheidung. Im FAZ-Feuilletonaufmacher erklärt Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele, er habe noch keine Absage bekommen und meint: "Es geht im Fall der Mauer um die Autorschaft der Geschichte und letztlich um einen innerdeutschen Fall von Postkolonialismus, wenn auch in einer unerwarteten Variante: So wie die Geschichte der Schwarzen und People of Color nach den Regeln der Political Correctness nur von den Schwarzen und People of Color geschrieben werden soll, wehren sich hier die Ostdeutschen gegen eine gefühlte Enteignung von ihrer Geschichte. (…) Und auch die westdeutschen Erbeverwalter wehren sich: Nehmt uns unser Land nicht weg! Diese Generation ist groß geworden in der heroischen Zeit des alten Westens, im heroischen Anything goes, einem Klima unbeschränkter Möglichkeiten. Und da kommt nun dieser Russe und baut die Mauer wieder auf. Bezahlt von einem russischen Mäzen, verteilt er Visa, gibt keine Interviews und fragt nach unseren Daten."

Den Berlinern entgeht eines "der aufregendsten Realexperimente", meint auch Ijoma Mangold auf Zeitonline, der bereits Ausschnitte aus dem Filmprojekt gesehen hat: "Was zwischen den Teilnehmern passiert (zu denen auch notorische russische Neonazis gehörten), welche menschlichen Abgründe sich auftun, welche Mischung aus Gewalt und Apathie sich in diesem geschlossenen System einstellt, das ist nur schwer zu glauben. Die Sexorgien gehören zum Harmlosesten."

Auf Spon erinnert indes Hannah Pilarczyk: "Sicherheit geht immer vor Kunstgenuss und Massenbespaßung. Wer da Zweifel hat, kann gern mit den Angehörigen der 21 Toten der Duisburger Loveparade sprechen, die durch Planungsfehler und fehlgeleitete Besucherströme zerquetscht und zertrampelt wurden." Und im Dlf-Kultur-Interview zeigt sich Lea Rosh, Dau-Gegnerin der ersten Stunde, erleichtert: "Wir hatten zweimal eine Diktatur hier, also man braucht uns doch nicht vorzuspielen, wie es ist, wenn man in Unfreiheit lebt." Und weiter: "wissen Sie, das Argument, junge Leute, die da reingegangen wären - was ja noch offen ist, ob sie reingegangen wären -, die würden dann lernen, was Diktatur ist, weil sie das nicht mehr erfahren haben. Da kann ich nur sagen, sollen sie doch nach Hohenschönhausen gehen." Der Tagesspiegel bietet einen Überblick zu Stimmen und aktuellen Entwicklungen.

Weitere Artikel: In der FR hat Sylvia Staude schon mal ein wenig georgische Luft im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst geschnuppert, wo aktuell in der Ausstellung "Lara protects me" Werke von jungen Künstlern und Modedesignern aus Georgien vorgestellt werden. Klein ist die Ausstellung, meint sie: "Man hat aber den Eindruck, sie sucht allemal den Anschluss an das, was im Rest der Welt an Neuem und Hippem passiert." In der NZZ berichtet Annegret Erhard von den Messen für Gegenwartskunst und Design in Beirut. Ernüchtert kehrt Sabine B. Vogel ebenfalls in der NZZ von der 13. Contemporary Istanbul zurück. Im Standard schreibt Anne Katrin Fessler zur Eröffnung des Steirischen Herbstes.
 
Besprochen werden "Otto. Die Ausstellung" im Museum für Kunst und Gewerbe (Zeitonline), Fotografien von Berghain-Türsteher Sven Marquardt in der Galerie Deschler in Berlin (taz) und die Ausstellung "Im Zweifel für den Zweifel: Die große Weltverschwörung" im Düsseldorfer NRW-Forum ("Wird dem Thema in seiner weltpolitischen Wucht und gefährlichen Brisanz nicht wirklich gerecht", meint Alex Rühle in der SZ)
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Musik

Ein sehr episches taz-Gespräch haben Luise Strothmann und Felix Zimmermann mit Igor Levit geführt, in dessen Verlauf es um so ziemlich alles geht, was man Igor Levit in diesen Tagen fragen kann. Es geht um Aspekte des Klassikbetriebs ("Ich könnte die Wände hoch rennen, wenn ich sehe, wie wenig sich Veranstalter und Künstler um die Menschen kümmern, die genau in dem Moment im Saal sind"), seine Twitter-Präsenz, seine Freundschaften mit Maxim Biller und Christopher Lauer, seine Pläne, eine neue linke Partei auf die Beine zu stellen und natürlich um Levits kritische Wortmeldungen - eher eine Ausnahme im Klassikbereich -, die ihm schon aus biografischen Gründen Herzenssache sind: "Ich bin jetzt etwas über 24 Jahre hier in Deutschland. Davon habe ich circa 20 Jahre nie das Gefühl gehabt, dass mich irgendwer daran erinnert, ich sei Migrant. Das gab es für mich nicht. Das hier ist meine Heimat. Ich bin Mensch Igor, ich bin nicht Migrant Igor. Durch das, was gerade passiert, werde ich wieder dran erinnert: Ich bin eigentlich Migrant. ... Das Schlimme ist, dass Freunde versuchen, mir zu erklären: Du bist ja nicht gemeint. Ich bin gemeint! Jeder ist gemeint. Greifst du einen Menschen rassistisch an, greifst du alle rassistisch an. Ich bin nicht angesprochen, also interessiert mich das nicht? Es geht um die Idee von Menschen zweiter Klasse. Nenn es Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, was auch immer. Seehofers Satz, 'Migration ist die Mutter aller Probleme', ist für mich wie ein Stich ins Herz. Ich muss nicht drauf warten, bis er sagt: Ihr Juden seid doof."

Weitere Artikel: Auch in Deutschland geteilte, von der antisemitischen BDS-Kampagne lancierte Aufrufe für #DJsForPalestine sorgen in der deutschen Clubszene für hitzige Kontroversen, berichtet Natalie Mayroth in der taz. Für die SZ hat sich Jakob Biazza zum ausgedehnten Plausch mit Chilly Gonzales getroffen. Wolfgang Praxmarer resümiert in der FAZ das Klangspuren-Festival im Tiroler Schwaz besucht.

Besprochen werden Teodor Currentzis' Einstand als Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters ("beflügelnd", schreibt Ekaterina Kel in der SZ), Prince' postum veröffentlichtes Klavieralbum "Piano & A Microphone 1983" (Zeit), eine Riehm-Aufnahme des Ensembles Modern unter Hermann Bäumer (FR),  ein Auftritt von Oneohtrix Point Never (Tagesspiegel), ein Konzert des Pianisten Stefano Bollani (taz), ein Konzert von Anne-Sophie Mutter und Daniel Barenboim (Tagesspiegel) und das Album "The Room" der Berliner Band Fenster, das einen laut taz-Kritikerin Diviam Hoffmann "auf einem sanften Rhythmus zwischen Psychedelia und Softrock" und "angeschoben durch groovy Discobeats" gut durch "Krautrock-Gefilde" surfen lässt.

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Literatur

Hat Vladimir Nabokov in "Lolita" den echten Missbrauchsfall der Sally Horner ästhetisiert und dem Opfer damit nochmals Gewalt angetan? Dass behauptet zumindest Sarah Weinman in ihrem Buch "The Real Lolita", das in den USA gerade eine Kontroverse entfacht hat (hier zum Beispiel der New Yorker dazu). Hannes Stein will sich Weinmans Behauptungen in der Welt nicht anschließen: Nicht nur, weil einige Indizien dafür sprechen, dass Nabokov den Fall zwar kannte - im Roman findet er kurz Erwähnung -, das Motiv der Pädophilie sich aber schon zuvor durch sein Werk zog. Sondern auch, weil Nabokov seinen Humbert Humbert zwar sprechen lässt, daraus aber keine Haltung der Emphase bezieht: "'Lolita' ist ziemlich genau das Gegenteil eines erotischen Romans. Es ist ein komischer, grotesker Schauerroman - und die Komik nimmt dem Horror nichts von seinem Schrecken. ... Nein, Nabokov war kein Freund von Humbert Humbert, den er einen 'eitlen, grausamen Schuft' und eine 'hassenswerte Person' nannte. Nabokov war nur sein Fürsprecher - in dem Sinn, dass er Humbert Humbert für sich sprechen ließ. Es hat nie einen zeitgemäßeren Roman gegeben als diesen."

In Syrien spielt sich kein Bürgerkrieg ab, erklärt die Schriftstellerin Dima Wannous im großen taz-Gespräch: Sie sieht das Land von Russland und Iran besetzt, was sich in dem Land abspielt, sei vielmehr eine "Revolution". Dass ihr Roman "Die Verängstigten" vor allem von Frauen handelt, erklärt sie damit, dass "während der Revolution Frauen oft viel mehr Courage gezeigt haben als Männer, gerade zu Beginn der Revolution, bei den vielen zivilen Demonstrationen. Später stellten sich die Frauen immer vorne an die Fenster, wenn die Polizei kam und die Männer suchte, die sich drinnen versteckten. Ich habe das selbst so erlebt. Ich schreibe von der syrischen Realität. Und: Ich bin eine Frau, eine Autorin. Die Arbeit an diesem Roman war wie eine Art Therapie für mich."

Weitere Artikel: Gunnar Leue spricht in der taz ausführlich mit Schriftsteller Torsten Schulz über dessen neuen, in Prenzlauer Berg spielenden Roman "Skandinavisches Viertel" über den Ost-Berliner Bezirk, dessen alteingesessene Bevölkerung, Wohnpolitik und Mietspekulationen. Für die FR hat Cornelia Geißler den Berliner Schriftsteller Klaus Kordon besucht, der am 21. September 75 wurde. Alexander Košenina berichtet in der FAZ von seiner Reise zur kaiserlichen Uhrensammlung in China, die in Christoph Ransmayrs "Cox oder Der Lauf der Zeit" eine besondere Rolle einnimmt: "Die Pekinger Ausstellung schafft einen Pfad in die phantastische Zauberwelt dieses Romans, in dem Uhren wie "helle, funkelnde Gleichnisse und Vorahnungen der Ewigkeit" wirken."

Besprochen werden unter anderem Dmitrij Kapitelmans "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" (Jungle World), Sebastian Barrys "Tage ohne Ende" (taz), Dirk Knipphals' Romandebüt "Der Wellenreiter" (Tagesspiegel), Dan Chaons Krimi "Der Wille zum Bösen" (taz), die von Anita Djafari und Juergen Boos herausgegebene Anthologie "Vollmond hinter fahlgelben Wolken: Autorinnen aus vier Kontinenten" (Freitag), Patrizia Bachs "Passagen-Arbeit" (taz), Elias Canettis "Ich erwarte von ihnen viel - Briefe 1932-1994" (Welt), Honoré de Balzacs "Ein Abglanz meines Begehrens. Bericht einer Reise nach Russland 1847" (SZ) und Ursula Krechels "Geisterbahn" (FAZ).

Außerdem bringt die taz drei bislang unveröffentlichte Gedichte von Wolfgang Herrndorf, darunter "An A., auf einem runden, grauen Papier":

"Die stille Nacht umschweigt mich heimlichgern,
Nichts, was die Stille, nichts, was mich erschüttert.
..."
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Film

Im Filmdienst macht Reinhard Kleber auf einen in Sachen Kinokultur wenig problematisierten Umstand aufmerksam: Zahlreiche Gründer von Programmkinos stehen mittlerweile an der Schwelle zum Rentenalter, ohne dass die Nachfolge auf einer vernünftigen Basis stehe. Schon jetzt sei "ein deutlicher Fachkräftemangel zu spüren. Wenn sich aber keine geeigneten Nachfolger finden, droht das Aus und damit ein erheblicher filmkultureller Flurschaden. ... Es gibt ein eklatantes Ausbildungsdefizit."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel besucht Andreas Busche den Filmemacher, Filmverleger und Filmproduzenten Frieder Schlaich. Der Horrorfilm hat sich mit dem Autorenkino verbrüdert, schreibt Sascha Westphal im epdFilm-Essay. Sonja Hartl (kinozeit) und hier auch der Filmdienst empfehlen aktuelle Filmbücher. Im Kracauer-Stipendiums-Blog des Filmdienst befasst sich Lukas Foerster mit Otto Premingers "Der Mann mit dem goldenen Arm". Zum morgigen 80. Geburtstag von Romy Schneider bringt die Welt Alice Schwarzers zuvor im Arte Magazin veröffentlichte Erinnerungen an einen Abend mit der Schauspielerin im Jahr 1976 (hier eine Kurzversion des Texts). Der Arte-Dokumentarfilm über diese Begegnung ist heute noch in der Mediathek abrufbar. In der NZZ erinnert Christina Tilmann an Schneider, der Standard würdigt sie mit einer großen Videoschau. Besprochen wird Erik Poppes "Utøya 22. Juli" (Freitag, unsere Kritik hier).
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Architektur

Nächste Woche wird die Frankfurter Altstadt eröffnet. In der Welt erinnert Dankwart Guratzsch an Königs- und Kaiserwahlen und -krönungen der vergangenen Jahrhunderte.  Und in der FAZ streift Hannes Hintermeier in der Ausstellung "Die immer neue Altstadt. Bauen zwischen Dom und Römer seit 1900" im Deutschen Architekturmuseum zumindest durch das vergangene Jahrhundert.
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Bühne

Am Wiener Burgtheater wird ab kommender Woche Bernard-Marie Koltès' Stück "Kampf des Negers und der Hunde" unter der Regie von Miloš Lolić aufgeführt. Vor "aggressiven" Protesten nimmt Ronald Pohl im Standard das Stück in Schutz. Koltes ging es um Kritik an dem Mechanismus, den der Begriff "Neger" ausdrückte, so Pohl: "Der Rassismusvorwurf zeigt eine Gereiztheit an, deren wutzitternde Ausläufer längst den deutschsprachigen Theaterbetrieb erreicht haben. Immer öfter stürzt die 'theatrale Repräsentation' des 'vermeintlich Anderen' die Vertreter des landläufig Guten, Wahren und Schönen in Verlegenheit. Gerade Menschen mit migrantischem Hintergrund beklagen die Selbstgefälligkeit eines Theatersystems, das Personen of colour ausschließlich dann heranzieht, wenn es Flüchtlinge und Versprengte darstellen will. (...) Es fällt schwer zu glauben, ein Weltdramatiker wie Koltès hätte vor 30, 40 Jahren von diesen Zusammenhängen - zumal als minoritär Sprechender - nicht wenigstens einen kursorischen Begriff gehabt. Vor dieser Einsicht verblassen auch die allzu alarmistischen Einwände."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel porträtiert Sandra Luzina den Tänzer Daniil Simkin, der nun als Erster Solist am Staatsballett Berlin tätig ist. Besprochen werden Stücke zur #MeToo-Debatte, darunter Yael Ronens "Yes but no" am Maxim Gorki Theater (Freitag).
Archiv: Bühne