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Efeu - Die Kulturrundschau

Nichtganzpornos und digitale Filmgedichte

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.07.2019. Thomas Ostermeiers Adaption des Ödön-von-Horváth-Romans "Jugend ohne Gott" von 1937 lässt die Theaterkritiker gähnen: Eine hochstilisierte Schultheateraufführung sah die FAZ. Wo sind die wilden Assoziationen, fragt die SZ. Die FR dagegen meint, egal wie, "Jugend ohne Gott" ist eine dringend nötige Warnung für die Gesellschaft. Neo Rauchs Karikatur über Wolfgang Ullrich wurde für 750.000 Euro versteigert: Siegerkunst, antwortet Ullrich in seinem Blog. Die FAZ meldet fröhlich von einer Mailänder Tagung: Eine Klassikkrise gibt es gar nicht.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2019 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Jugend ohne Gott" in Salzburg. Foto: Arno Declair


Salzburg zum Zweiten: Thomas Ostermeier hat für die Festspiele Ödön von Horváths Roman "Jugend ohne Gott" von 1937 adaptiert. Hauptfigur ist ein vage kritischer Lehrer, der seinen von den Nazis indoktrinierten Schülern nicht Paroli bieten kann und im Grunde auch nicht will. Ostermaier hat das Stück "ganz brav und pädagogisch wertvoll an der epischen Textvorlage entlang" erzählt, kritisiert eine ob der "drögen Zeigefingerhaftigkeit" recht entnervte Christine Dössel in der SZ: "Statt assoziativ abzuheben und sich Freiheiten und Wildheiten zu gestatten - wenn nicht dafür, wofür sonst nimmt man sich Romane statt Dramen vor? -, stattdessen also inszeniert er streng und linear am Geschehen entlang, bebildert dieses weitgehend nur, in lahmer, fader Choreografie. Das ist alles so statisch, didaktisch, nachgestellt realistisch, so ausgestellt bedeutungsvoll und traurig-tranig, dass man sich in einem Lehrstück wähnt. So leise die Ton- und Gangart an diesem textlastigen Abend ist, so überlaut ist die Botschaft: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch!"

"Im Grunde zeigt Ostermeier eine hochstilisierte Schultheateraufführung", meint Simon Strauß in der FAZ. "Ihre technische und dramaturgische Professionalität kann und will nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier vor allem um Didaktik geht." FR-Kritikerin Judith von Sternburg sieht das auch, mag sich aber daran nicht stören: "Die Frage, ob das Theater bei dieser Gelegenheit dem Roman gegenüber hätte Boden gutmachen können, bleibt offen. Nicht offen bleibt, dass das Geschichteerzählen über das Theatermachen obsiegt, und man das im Allgemeinen beklagen kann, im Konkreten aber nicht. Eine Gesellschaft ist nicht besser, aber gewarnter und sogar gewappneter, wenn alle 'Jugend ohne Gott' kennen." Weitere Besprechungen in der nachtkritik, im Standard und in der Berliner Zeitung.

Im Tagesspiegel denkt Christine Wahl über das Theater in #metoo-Zeiten nach. Was hat es Frauen zu bieten? Die jüngsten Versuche männlicher Regisseure, kritisch auf die klassischen Frauenrollen im Theater zu blicken, möchte sie nicht überbewerten. Zumal die Frage interessanter sei, wie "Frauen in neuen Theatertexten" vorkommen: Und das sieht auch nicht gut aus, obwohl viele der neuen Stücke aus der letzten Saison von Frauen geschrieben wurden: "Sie arbeiten sich häufig daran ab, was Frauen alles nicht (mehr) sein wollen, statt nach eigener Lust und Laune zu zeigen, wie sie ihrer Meinung nach sind oder gern wären. Der Lebenswirklichkeit, in der ja bekanntermaßen auch eine Bundeskanzlerin, eine Verteidigungsministerin und eine EU-Kommissionspräsidentin existieren, hinkt die Bühnen-Realität oft hinterher.

Besprochen werden außerdem die konzertante Version von Cileas "Adriana Lecouvreur" im Großen Festspielhaus mit einer überragenden Anna Netrebko (Standard), die Wiederaufnahme von Yuval Sharons Inszenierung des "Lohengrin" in Bayreuth (FAZ), Peter Sellars Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo" in Salzburg (FR, taz) und Barrie Koskys Inszenierung von Händels "Agrippina" bei den Münchner Opernfestspielen (FR).
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Architektur

In der taz verteidigt Wolfgang Ruppert den Bauhaus-Architekten Walter Gropius gegen Vorwürfe, dass Gropius als Architekt nicht viel taugte und nicht mal zeichnen konnte. Im Freitag denkt Klaus Englert darüber nach, wie wir für das "Extremklima der Zukunft" bauen können.

Besprochen wird die Ausstellung "Künstlerhaus, Meisterhaus, Meisterbau" im Ernst-Ludwig-Haus in der Mathildenhöhe Darmstadt (FAZ).
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Stichwörter: Gropius, Walter, Bauhaus

Film

(Er-)kennt man: Politikerin Dorothee Bär. (Bild: missingFILMs)

Gerd Conradts Dokumentarfilm "Face_It! Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus" über den Stand der Dinge und die Risiken automatisierter Gesichtserkennungsverfahren nimmt sich zweifellos eines der wichtigsten Themen unserer Zeit an, meint Freitag-Kritiker Benjamin Knödler, der sich schlussendlich allerdings auch ein kleines bisschen alleine gelassen fühlt: "So groß die Ausgangsfrage ist, so vielfältig die Ansätze der Gesprächspartner sind, so viele Fragen tun sich auf. Nach der Individualität und ihrer Auflösung in Algorithmen; nach der Möglichkeit, Emotionen messbar zu machen; danach, wie die zunehmende Vermessung des Menschen die Gesellschaft beeinflusst und wie die Kunst darauf reagieren kann. All das wird angerissen, wirklich ausdiskutiert wird es nicht. Es mag ehrenwert sein, nicht mit der einen abschließenden Antwort um die Ecke zu kommen, doch am Ende entsteht so vor allem ein gerüttelt Maß an Konfusion. Und es bleiben viele offene Fragen, etwa nach der Rolle großer Tech-Konzerne."

Weiteres: Mit einem kleinen Überblickstext eröffnet Lukas Foerster eine Textreihe von critic.de über das Schaffen des Filmemachers Eckhart Schmidt, das sich zwischen "Schwabinger Slacker- und Spinnerfilmen, Achtziger-Jahre-Starkino und frühem Mumblecore, Nichtganzpornos und digitalen Filmgedichten" bewegt. Anlässlich des Kinostarts des neuen Films von Quentin Tarantino blickt Georgina Guthrie für The Quietus auf das Kinojahr 1969 zurück, in dem Tarantinos Film spielt. Andreas Busche (Tagesspiegel), Dietmar Dath (FAZ) und Fritz Göttler (SZ) gratulieren Peter Bogdanovich zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Kaylie Millikens auf DVD veröffentlichter Dokumentarfilm "Billion Dollar Bully" über Online-Bewertungsportale (leider "geht der Film sehr sparsam mit harten Fakten um", meint Susan Vahabzadeh in der SZ) und die Amazon-Serie "The Boys" (Presse).
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Literatur

Im FR-Interview blickt der kanadische Comicautor Guy Delisle, bekannt für seine augenzwinkernden Reportage-Reise-Comics, auf die Episode zurück als nach dem nordkoreanischen Sony-Hack eine an sich geplante Verfilmung seines Comics über Nordkorea mit einem Mal und bis heute auf Eis gelegt wurde: "Es war irre. Sogar Obama als Präsident hat Hollywood für das Einknicken kritisiert. Leider war nichts mehr zu machen, das Studio kann frei entscheiden und hat das Projekt beerdigt. Und das alles zwei Wochen, bevor ich den endgültigen Vertrag unterschrieben hätte und das Geld geflossen wäre! Ich schätze, das war wohl Nordkoreas Rache für mein freches kleines Buch (lacht). Diese Bastarde!"

Besprochen werden unter anderem Isabel Allendes "Dieser weite Weg" (Dlf Kultur), Damir Ovčinas "Zwei Jahre Nacht" (NZZ), der von Dominik Erdmann und Oliver Lubrich herausgegebene Band "Alexander von Humboldt: Das zeichnerische Werk" (Welt), die Neuauflage von Hugo Balls "Flucht aus der Zeit" (Freitag), Anselm Nefts "Die bessere Geschichte" (online nachgereicht von der FAZ), Marie Darrieussecqs "Unser Leben in den Wäldern" (SZ) und Sorj Chalandons "Am Tag davor" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Kunst

Paula Rego: Untitled No. 5, from the Abortion Pastels, 1998


Die Malerin Paula Rego, die in den sechziger Jahren in einem Dorf in Portugal lebte, hat schon damals gesehen, wie schwierig es für die Fischerfrauen war, eine Abtreibung zu bekommen. Selbst 1998 fiel ein Referendum zur Legalisierung der Abtreibung durch. Rego hat den betroffenen Frauen mit ihrem "Triptych" und den "Abortion Pastels" ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt, erzählt Lucy Scholes, die die Rego-Ausstellung in der MK Gallery in Milton Keynes, England besucht hat, im Blog der NYRB: "Sowohl im Triptychon als auch in den dazugehörigen 'Abortion Pastels' (1998-1999) sind Regos Probanden körperlich verwundbar, aber es ist klar, dass sie keine Opfer malt. Rego hat Frauen dargestellt, die die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen, Frauen, die eine Wahl getroffen haben. Tatsächlich ist die Offenheit sowohl der Beine als auch des klaren Blicks seltsam einladend und färbt diese Porträts mit einer beunruhigenden Erotik. Das Thema durchdringt Regos Werk: Sex und Gewalt, gesehen durch das Prisma der weiblichen Erfahrung. Vielleicht, weil wir uns zunehmend bewusst werden, wie prekär Abtreibungsrechte eigentlich sind, dominieren diese besonders fesselnden Pastelle die Ausstellung."

Der Kritiker und Perlentaucher-Autor Wolfgang Ullrich hat in der Zeit vor einigen Wochen beschrieben, wie der Begriff der Autnomie der Kunst nach rechts gewandert ist und in aggressiv machistischer und exkludierender Geste sauer wird (unsere Resümees). Der Künstler Neo Rauch hat hierauf mit einer großformatigen Karikatur unter dem Titel "Der Anbräuner" reagiert.  Der Kritiker wird dort in deutscher Tradition als einer dargestellt, der mangels tieferer Anlagen mit seiner eigenen Scheiße malt. Die Karikatur ist jetzt für 750.000 Euro bei einer Wohltätigkeitsgala versteigert worden. Käufer ist ein Immobilieninvestor namens Christoph Gröner. Wolfgang Ullrich reagiert in einem Blogbeitrag: "So ist 'Der Anbräuner' seit der Auktion ein Stück dessen, was ich als Siegerkunst bezeichne.  (...) Ein Künstler, der zu den Reichsten und Erfolgreichsten der Gesellschaft gehört, und ein Käufer, für den dasselbe gilt, feiern gemeinsam ihre Charity. Allerdings schießen sie dabei über das offizielle Ziel einer Spenden-Gala hinaus, da die exorbitant hohe Summe noch mehr als ihre Wohltätigkeit vor allem ihren Reichtum demonstriert."

Besprochen werden eine Ausstellung des Videokünstler Clemens von Wedemeyer in der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst (taz), zwei Ausstellungen in der Kunsthalle Kiel: "Geometrie und Gestik: Abstrakte Kunst aus der Sammlung" sowie eine dem Maler Rudolf Jahns gewidmete Ausstellung (taz), die Berliner Ausstellung "Seeds for Future Memories" (taz) und die Ausstellung "Unter fremden Menschen. Werner Tübke. Von Petersburg bis Samarkand" im Panorama Museum in Bad Frankenhausen (FAZ).
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Musik

Mit überraschenden und guten Nachrichten kommt FAZ-Autor Max Nyffeler von der Tagung "Re-Imagining Opera for the Digital Age" aus Mailand nach Hause: Eine Klassikkrise gibt es im Grunde genommen gar nicht, insbesondere auch ein beträchtlicher Teil der jungen Generation schätzt Klassik- und Orchestermusik, überhaupt sei die Zahl derjenigen, die Klassik hören, heute um ein Vielfaches höher als vor 150 Jahren, und obendrein gibt es daneben noch ein potenziell großes Publikum, das mit digitalen Mitteln erschlossen und an die Klassik herangeführt werden könnte. Doch das bleibt nicht ohne Folgen: Das intellektuell gebildete Expertenpublikum bekommt nun "Konkurrenz durch die von außen hereindrängenden Neulinge. Diese hegen andere Erwartungen an die Musik und hören oft an der Oberfläche entlang, doch sie pochen auf ihr Recht, ernst genommen zu werden. ... Die Vermittlungsformen, von der Wahl der Aufführungsorte über die Inhalte und die Art der Kommunikationskanäle bis zur Kritik - all das wird sich ändern müssen. Das Live-Ereignis im Saal wird damit nicht abgeschafft, doch es schrumpft zum Auslöser eines viel umfassenderen kulturellen Prozesses."

Weiteres: Für The Quietus holt David Bennun das 1994 erschienene Album "6 Feet Deep" der Gravediggaz wieder aus dem Plattenschrank. Im Endlos-Streit zwischen Moses Pelham und Kraftwerk um ein Zwei-Sekunden-Snippet hat nun der Europäische Gerichtshof ein Urteil tendenziell pro Sampling gefällt - alles dazu in unserer Debattenrundschau.

Besprochen werden ein Konzert des María Grand Trios (SZ), der Abschluss des Kremser Weltmusikfestivals mit Auftritten der Sängerin Lucibela und des Jazzers Rolf Kühn (Presse), neue Wiederveröffentlichungen, darunter Brian Enos "Apollo: Atmospheres & Soundtracks" (SZ), und das Debütalbum der in den 80ern gegründeten Band Jetzt!, die wichtige Grundlagenarbeit für die spätere so genannte "Hamburger Schule" schuf, nach ein paar Tape-Aufnahmen allerdings in der Versenkung verschwand ("eine der bemerkenswerten Platten dieses Sommers", schreibt Christian Schröder im Tagesspiegel). Auf Soundcloud gibt es Hörproben:

Archiv: Musik